Entwaffnungen
Kopfschmerzen weckten Hermine am frühen Morgen. Einen Moment lang hielt sie alles für einen Traum, doch die Realität holte sie schnell ein - sie und Ron waren nicht länger ein Paar. Mehr noch, sie waren keine Freunde mehr. Langsam strich sie sich die zersausten Strähnen der Nacht aus dem Gesicht. Warum musste alles so kompliziert sein?
Ron war beim Frühstück nicht zu sehen. Ein fieser Gedanke teilte Hermine mit, dass Snape und Ron sich gar nicht so unähnlich waren, beide schienen ihre Anwesenheit zu meiden. Müde setzte sich Hermine zu Harry, von Ginny war auch noch keine Spur.
„Wie geht es dir, Hermine. Was um alles in der Welt ist gestern passiert? Ron war völlig aufgelöst!", begann Harry.
„Hör zu, Harry, auf eine Standpauke habe ich keine Lust, ich will nicht darüber reden", antwortete sie abweisend.
„Hermine, hallo, ich will nur wissen, was los ist. Ich bin dein Freund, also erzähle mir, was geschehen ist", unterbrach Harry betont sachlich und nahm ihr damit den Wind aus den Segeln. Hermine sah Harry an und schüttelte nun etwas freundlicher den Kopf.
„Es tut mir Leid, Harry. Ich vergesse immer, dass es etwas einfacher ist, mit dir zu diskutieren als mit Ron. Trotzdem ist alles noch so frisch, bitte lass mir Zeit, ja?", bat sie.
„Ok, wir sehen uns in Kräuterkunde. Professor Sprout ist heute nicht da, Snape wird die Stunde übernehmen." Harry zögerte einen Augenblick und beobachtete Hermine genau. „Ich dachte, das interessiert dich vielleicht. Bis nachher..."
Damit verließ Harry den Speisesaal. Jetzt gleich Snape im Unterricht und auch noch in Kräuterkunde? Das durfte nicht wahr sein. Die letzten Wochen war sie hinter ihm hergejagt, aber heute Morgen war sie alles andere als in der Lage es mit ihrem schwierigen Tränkeprofessor aufzunehmen. Mit gemischten Gefühlen betrat Hermine den Klassenraum. Immerhin unterrichtete Snape in Professor Sprouts Raum, diese neutrale Atmosphäre verschaffte Hermine etwas mehr Distanz. Ron ignorierte Hermine und setzte sich demonstrativ neben Harry, der nun wie eine Mauer zwischen die beiden geschoben wurde. Hermines Verzweiflung war so groß, dass sie sich am liebsten zu den Slytherins gesetzt hätte. Alles wäre besser gewesen, als Rons beleidigtes Gesicht zu sehen, denn Harry war leider keine Mauer. Was war nur los, wo sie hinsah hatte sie Probleme mit Männern.
„Guten morgen" durchbrachen eine tiefe Stimme und harte Absätze, die auf dem Steinboden aufschlugen, Hermines Gedanken.
„Wir werden heute das Entwaffnen ohne Zauberstäbe trainieren. Sie verstehen, wenn ich mich nicht dazu herablasse, Professor Sprouts Unterricht forzuführen. In bedrohlichen Situationen kommt es immer wieder vor, dass Sie ihren Zauberstab verlieren. Dann sind Sie auf sich selbst gestellt. Es ist eine besondere Herausforderung, ohne Zauberstab zu zaubern. Es wird geschätzt, dass nur etwa 15% der Zauberer darin jemals erfolgreich sind. Viele schaffen es ihr Leben lang nicht. Der Zauberstab ist Ihr Fokus, er bündelt Ihre Energie. Wenn der Zauberstab fehlt, müssen Sie diese Energie mit Ihrer Willenskraft bündeln. Wenn Sie abgelenkt sind, haben Sie keine Chance zu Erfolgen zu gelangen. Hier gelten die gleichen Gesetze wie in der Okklumentik."
Snape konnte es sich nicht verkneifen, Harry einen eindringlichen Blick zuzuwerfen.
„Stellen Sie sich in Zweiergruppen auf. Jeweils einer mit einer ohne Zauberstab. Sie werden mit Ihrem Partner zwanzig Minuten üben, danach wird der Partner gewechselt."
Ron gesellte sich schnell zu Harry, während Hermine mehr als froh war, Ginny neben sich zu erblicken.
Dutzende „Expelliarmus" hallten durch den Raum, doch bei niemandem passierte etwas. Snape appellierte immer wieder an die Konzentration der Schüler. Hermine versuchte mit aller Kraft, Ginnys Zauberstab zu ergattern, ohne Erfolg.
„Miss Granger, von Ihnen hätte ich mehr erwartet. Im Unterschied zu Potter dachte ich immer, Sie seien fähig, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren", fauchte Snape und Hermine wäre ihm beinahe ins Gesicht gesprungen. Das war das Letzte, was sie jetzt brauchte, einen Rüffel von Snape an dem sich Ron ergötze. Rons Schadenfreude war regelrecht greifbar.
„Dann zeigen Sie mir, wie es geht, verflucht", entfuhr es Hermine und alle Schüler sahen Hermine an als sei sie endgültig reif für St. Mungo.
„10 Punkte Abzug wegen eines Fluchwortes, Miss Granger."
Sie würde gleich durchdrehen, konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? Plötzlich flogen zwei Zauberstäbe durch die Luft. Dennis Hull und Jaden Carrington, beide Slytherins, hatten soeben erfolgreich ihre Gegenüber entwaffnet. Hermine fühlte sich an ihrer Ehre gepackt. Es konnte nicht sein, dass kein einziger Gryffindor diesen Zauber ausführen konnte!
„Wechseln Sie nun den Partner", orderte Snape an.
„Harry, darf ich mit dir üben?", flehte Hermine.
„Klar, aber nur, wenn du mit mir heute Abend sprichst und zwar ausführlich und alleine! Das ist ja nicht auszuhalten mit euch zweien", flüsterte Harry.
„Einverstanden. Wir treffen uns um 21 Uhr vor der Bibliothek", antwortete Hermine so leise, dass Ron nichts mitbekam.
Harry hatte eine beruhigende Wirkung auf Hermine und auch Hermines Einfluss auf Harry entpuppte sich als positiv. Zuerst entwaffnete Harry erfolgreich Hermine.
„Potter, wollen Sie mich tatsächlich in diesem Leben noch zum Erstaunen bringen?", kommentierte Snape.
„Miss Granger, das werden Sie doch nicht auf sich sitzen lassen, oder?", provozierte er dann Hermine und wusste genau, dass er sie damit zu 100 Prozent motivieren konnte. Er forderte sie wieder einmal heraus. Die nackte Wut packte Hermine darüber, dass sie heute nichts zustande brachte, nur weil sie die Herren Weasley und Snape mit Problemen bombardierten. So konnte es nicht weiter gehen!
„Expelliarmus!", rief Hermine und durchbohrte dabei Harrys Augen mit ihrem Blick.
Harrys Zauberstab flog durch die Luft und ein genugtuendes Grinsen machte sich auf Hermines Gesicht breit.
„Zwei Slytherins, zwei Gryffindors, besser als nichts. Sie können sich nun wieder setzen", befahl Snape harsch und die Menge setzte sich umgehend in Bewegung.
„Sie können nun gehen."
Hermine wollte aber nicht gehen. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie Snape so schnell nicht wieder zu Gesicht bekommen würde, sie musste diese Gelegenheit nutzen. Im Tempo einer Schnecke packte sie ihre Sachen zusammen und provozierte damit, dass sie als letzte noch im Raum war. Dann näherte sie sich dem Lehrerpult, bereit für den Angriff.
„Professor, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?", fragte sie.
„Ich wüsste nicht, was es zu besprechen gäbe, Miss Granger."
Hermine wusste, dass ihr nicht viele Fragen bleiben würden, bis Snape sie rauswerfen würde, deshalb stieg sie direkt ins Thema ein.
„Sir, haben Sie den Stein benutzt?", fragte sie vorsichtig aber bestimmt.
Snape räumte seine Unterlagen zusammen ohne zu ihr aufzusehen.
„Ich dachte, Sie hätten ihn wohlbehalten zurückbekommen", sagte er beiläufig.
„Das beantwortet meine Frage nicht, Sir. Haben Sie dazu nicht mehr zu sagen, ich meine, wir reden hier nicht davon, ob Sie ein Buch gelesen haben oder nicht."
Snape sah Hermine einen Moment lang nachdenklich an.
„Nein, mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Es gibt allerdings durchaus noch etwas, das zu klären bleibt. Bisher habe ich keine Untersuchungsergebnisse von gestern Abend, Miss Granger. Ich erwarte sie bis heute Nachmittag, ansonsten muss ich Ihre Nachhilfestunden beenden. Noch Fragen?"
Snapes Ton war eisig wie immer. Hermine fragte sich, ob sie sich den ‚anderen Snape' nur eingebildet hatte, es war, als hätte er niemals existiert. Sie kramte in ihrer Tasche und klatschte Snape ihre Mappe mit den schriftlichen Untersuchungsergebnissen auf den Tisch.
„Nein, Sir, ich habe keine Fragen", antwortete Hermine bitter. Sie klemmte ihre Tasche unter den Arm und verließ wütend und traurig zugleich den Raum. Es konnte nur besser werden heute Abend mit Harry, er schien der einzige vernünftige Mann im Umkreis von mehreren Meilen zu sein.
