Bibliothek bei Nacht
„Hi Hermine", begrüßte Harry seine Freundin mit einer Umarmung an der Tür zur Bibliothek. Er warf einen prüfenden Blick hinter sich, um sicher zu stellen, dass ihm niemand gefolgt war. „Ich komme mir vor wie im ersten Jahr, als wir verbotener Weise durch das Schloss gewandert sind. Nur, dass es jetzt keinen Voldemort mehr gibt. Das macht die ganze Sache zu einem vergnüglichen Ausflug."
„Hallo Harry, na ja, private Gespräche sind sonst ja auch kaum möglich, zumindest, wenn man nicht im selben Schlafsaal schläft. Komm lass uns reingehen, hier draußen ist es ungemütlich und außerdem patrouillieren nachher bestimmt die Lehrer."
Hermines Zauberstabspitze drehte eine elegante Pirouette und unter kaum wahrnehmbaren Lippenbewegungen öffnete sich die massive Bibliothekstür mit einem dumpfen Knarren. Die mächtigen Bücherregale aus schwarzem Holz schienen im Dunkeln noch erdrückender als bei Tageslicht und selbst Hermine fand, dass die Atmosphäre etwas Gespenstiges an sich hatte. Beinahe lautlos erreichten die beiden das alte Lesesofa im hinteren Teil der Bibliothek. Der Frühlingssturm peitschte an die großen Fenster und Regen prasselte die großen Scheiben hinunter. Harry schien an alles gedacht zu haben und packte eine Kerze, zwei Tassen und eine große Thermoskanne Tee aus seiner Tasche aus. Zumindest in Sofanähe sorgte das Kerzenlicht nun für etwas Behaglichkeit.
„Das sieht ja aus wie ein romantisches Picknick!", bemerkte Hermine.
Ihre Laune befand sich eindeutig auf dem Höhepunkt, wenn man den gesamten Tag betrachtete. Es stand ihr offensichtlich doch noch ein angenehmer Abend bevor, hoffentlich ohne Streit und Trennung.
„Jetzt setz dich endlich und erzähl, was mit dir und Ron los ist", forderte Harry, der es sich gerade gemütlich machte und mit den Lippen bereits an der Tasse nippte. Hermine atmete tief durch und ließ sich neben Harry nieder.
„Ron und ich haben nie zusammengepasst. Ich habe mir immer eingeredet, dass es irgendwie funktionieren würde, aber wir leben in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Für mich ist Wissen im Moment das Wichtigste überhaupt, ich möchte weiter kommen, Neues lernen und mir eine Basis für den Beruf schaffen. Ich kann nicht in den Tag hinein leben wie er."
„Mmh. Ron lebt nicht in den Tag hinein", verteidigte Harry seinen Freund und füllte gleichzeitig Hermines Tasse mit dampfend heißem Tee. „Aber ich sehe, dass ihr durchaus verschiedene Ziele habt. Ron will bald eine Familie, das passt kaum zu deiner Planung."
Zum ersten Mal seit Wochen fühlte Hermine, wie sich eine angenehme Ruhe in ihr ausbreitete. Endlich kehrte es zurück, das Gefühl, vielleicht doch das Richtige getan zu haben, zumindest in Sachen Ron.
„Es ist nicht, dass ich das nicht auch will, aber nicht jetzt, verstehst du?"
„Ja, ich verstehe dich. Du versuchst, dir selber treu zu bleiben und das ist gewiss kein Fehler. Sonst stellst du irgendwann einmal fest, dass du am Ende von Rons Leben stehst."
Seit Wochen hörte Hermine zum ersten Mal Kommentare, die ihr Handeln unterstützten und sie war unendlich dankbar dafür. Wer hätte geglaubt, dass gerade Harry so viel von ihr verstand?
„Trotzdem müsst ihr sehen, dass ihr euch wieder zusammenrauft. Ich ertrage es auf Dauer nicht euer Puffer zu sein."
„Mir wäre nichts lieber, als dass Ron und ich uns wieder in die Augen sehen könnten, glaube mir. Ron war immer wie ein Bruder für mich und der größte Fehler war, das ändern zu wollen. Es hat alles zerstört."
Der Tee wärmte Hermine von innen und allmählich fühlte sie sich wieder wie ein ganzer Mensch. Sie war wieder fähig zu kommunizieren. Es hörte ihr jemand zu, wie sehr hatte ihr das doch gefehlt.
„Was ist mit dem Rückkehr-Stein? Ron hat erzählt, dass...", Harry hielt inne und sein eindringlicher Blick beendete den Satz auch ungesagt.
„Es tut mir Leid, Harry, ich weiß, du hast das nicht gewollt, aber ich musste es tun!"
„Davon abgesehen, dass ich gar nicht wissen will, wie du ihn wieder beschafft hast - du hast ihn Snape wirklich gegeben?"
Hermine nickte und sah Harry von unten herauf mit einem unschuldigen Dackelblick an.
„Um alles in der Welt, warum?" In Harrys Blick spiegelte sich gleichzeitig Hochachtung und Fassungslosigkeit wider.
„Weil er es verdient hat. Er hat sein ganzes Leben für andere den Kopf hingehalten und die Tatsache, dass er deine Mutter verloren hat, frisst ihn von innen auf."
„Du weißt, dass ich das mit dem „Leben für andere" etwas nüchterner sehe als du. Er war sein Leben lang Egoist und muss bis heute die Konsequenzen dafür tragen."
„Er hatte von Haus aus sicher nicht die besten Möglichkeiten, sich zum Positiven zu entwickeln...", verteidigte Hermine Snape.
„Das ist eine Erklärung, Hermine, aber keine Entschuldigung. Es gibt viele Menschen, die ein schlechtes Elternhaus haben und trotzdem nicht auf die schiefe Bahn geraten. Ich bin vielleicht nicht gerade ein Paradebeispiel, aber immerhin habe ich mich nicht Voldemort an den Hals geworfen!"
„Aber es gab Zeiten, wo du dich gefragt hast, auf welcher Seite du stehst, oder? Findest du nicht, Snape hat trotzdem verdient, dass er mit seiner Vergangenheit abschließen kann? Es ist nie zu spät, sich zu ändern. Und ob du es glaubst oder nicht, er hat eine große Wandlung durchgemacht seit dem Endkampf."
„Mag sein", lenkte Harry ein, „weißt du denn, ob der den Stein überhaupt benutzt hat? Snape ist nicht gerade der Typ, der auf Hilfe von anderen steht."
„Nein, ich weiß überhaupt nichts. Er geht mir aus dem Weg seit ich ihm den Stein überlassen habe. Ich habe keine Ahnung wieso. Er behandelt mich wie Luft."
Hermine wurde gerade bewusst, wie weit Snape in diesem Moment entfernt war, Fortschritte zu machen. Im Gegenteil, seit dem Stein war er nur noch rückwärts marschiert und das in atemberaubendem Tempo.
„Ron sagte, du..., na ja, du würdest auf ihn..." Harry rang mit sich, ob er das Wort in den Mund nehmen sollte, dass Ron ihm am Abend zuvor entgegengefaucht hatte. „...du würdest auf ihn... stehen?"
„Harry! Ron unterhält mit jedem einzelnen meiner Bücher einen persönlichen Kleinkrieg. Er ist auf alles eifersüchtig, was sich mir mehr als einen Meter nähert!"
„Immerhin gehört Snape auch in diesen Kreis und es macht dir viel aus, dass er dich nicht einweiht, über das was passiert ist."
Hermine stellte ihre Tasse auf die Sofalehne.
„Snape bedeutet mir sehr viel und ich mag ihn, Harry. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Alles, was ich ihm bieten will ist Freundschaft."
„Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um Professor Snape handelt schon eine wahre Liebeserklärung...", versuchte Harry nun sogar zu grinsen.
Hermine staunte über sich selbst, als ihr ebenfalls ein kurzes Lachen entfuhr. Wie Recht Harry doch hatte. Sie saßen eine Weile da ohne zu reden, trotzdem fühlte sich Hermine so gut wie schon lange nicht mehr. Harry machte ihr keine Vorwürfe sondern versuchte, sich in sie hinein zu versetzen, eine Fähigkeit, für die weder Ron noch Snape gemacht schienen.
„Harry, ich danke dir, dass ich mit dir reden kann, ohne dass wir gleich streiten. Ich möchte auch mit Ron wieder Frieden schließen. Ich hätte einfach nie mit ihm zusammen kommen dürfen."
„Dann lass uns beide mal lieber Bruder und Schwester bleiben", lachte Harry. „Komm, wir verschwinden, ehe uns Snape noch findet", fügte er sarkastisch hinzu.
„Zu spät, POTTER!", fauchte es aus der Dunkelheit hinter Hermine und Ron und die beiden sprangen wie von der Tarantel gestochen aus ihren Sitzen hoch. Hermines Puls verdoppelte sich binnen Sekunden, als Snape langsam hinter einem Regal hervor in den Schein des Kerzenlichts trat. Mit stolz erhobenem Haupt kam er lautlos näher und musterte die Szene mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Miss Granger, Mister Potter, wären Sie so gütig, mir ihr nächtliches Rendezvous in der Bibliothek zu erläutern?", giftete er in alter Manier.
Harry und Hermine fühlten sich nun tatsächlich in das erste Jahr zurückversetzt. Snape hatte seit jener Zeit keinen Funken an Autorität eingebüßt und in diesem Moment spürten sie mit jedem Haar, das sich ihnen auf ihrer Haut zu Berge stellte, warum nicht nur die Erstklässler bei der puren Anwesenheit dieses schwarzen Mannes zusammenzuckten.
„Professor..., Sir", stammelte Hermine und wurde krebsrot bei dem Gedanken, dass Snape das komplette Gespräch mitgehört haben könnte.
„Ihren Liebeskummer können Sie auch im Gemeinschaftsraum erörtern, Miss Granger. 50 Punkte Abzug für Gryffindor wegen nächtlichem Herumstreunen in zwei Fällen", verkündete er emotionslos das Urteil.
Der Überraschungsmoment war auf Snapes Seite gewesen, doch Hermine fing sich schnell wieder. Während Snape wie eine Salzsäule vor ihr stand und keinerlei Emotionen zeigte, stieg in Hermine unaufhaltsame Wut empor. Es war einfach unglaublich, was Snape sich herausnahm. Keine Minute länger würde sie sich derartig behandeln lassen.
„Harry, bitte lass Professor Snape und mich alleine."
„Hermine, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist", protestierte Harry.
„Oh, doch, das ist es, glaube mir." Hermine bäumte sich selbstbewusst vor ihrem Lehrer auf. „Bitte geh, Harry, ich komme in fünf Minuten nach!"
„Wenn du darauf bestehst", lenkte Harry schließlich skeptisch ein und verschwand sogleich in der Dunkelheit.
Snape und Hermine beäugten sich wie zwei hungrige Raubkatzen, bis sie die Bibliothekstür ins Schloss fallen hörten.
„Ich wüsste nicht, was es zwischen uns beiden zu besprechen gäbe, Miss Granger. Ich fordere Sie auf, auf direktem Weg in den Gryffindorturm zurückzukehren."
„Professor, bitte, ich MUSS mit Ihnen reden! Sie gehen mir ständig aus dem Weg, ich ertrage das nicht länger! Wie war Ihre Begegnung mit Lily? Bitte sagen Sie es mir. Seit diesem Tag sind sie wie ausgewechselt. Wenn es eine Katastrophe war und Sie mir die Schuld geben, dann tun Sie es bitte, schreien Sie mich an, fluchen Sie oder ziehen Sie mir Punkte ab, aber ignorieren Sie mich nicht länger!"
„Habe ich Ihnen nicht eben Punkte abgezogen? Sie scheinen damit noch nicht zufrieden zu sein...", antwortete Snape mit ausdrucksloser Mine.
„Warum tun Sie das?", unterbrach ihn Hermine und ihre durchbluteten Wangen leuchteten im Flackern der Kerze.
Sie wollte ihn weiter angreifen, zur Weißglut bringen, doch sie steckte emotional viel zu tief in dieser Sache drin.
„Sie wissen, dass das unfair ist. Nach all den Dingen, die zwischen uns geschehen sind, wollen Sie mir weis machen, dass ich nicht mehr bin als Ihre Schülerin? Vielleicht überschätze ich mich, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass im Moment kein Mensch mehr über Sie weiß als ich und dass Ihnen auch niemand näher ist als ich. Hören Sie endlich auf zu leugnen, dass es Ihnen gut tut, die Nähe zu wenigstens einem Menschen zuzulassen. Warum akzeptieren Sie mich nicht als Freund?"
Snape hatte die Arme gekreuzt und lauschte mit hoher Nase Hermines Worten.
„Ach ja, ich erinnere mich, Freundschaft war Ihr erklärtes Ziel."
Snapes Stimme triefte vor bitterem Spott. Hermines Worte an Harry hatten ihn getroffen wie einen Dolch in die Brust und so emotionslos er sich anhören wollte, so sehr prägte verletzter Stolz jedes einzelne seiner Worte.
„Miss Granger, hören Sie auf, Ihr unbändiges Gryffindor-Ego zu füttern, indem Sie versuchen anderen Menschen auf Gedeih und Verderb ihre Hilfe aufzuzwingen. Ich brauche Sie nicht!"
„Hören Sie auf mit diesem Fassadenspiel, Professor Snape! Erzählen Sie mir endlich von der Begegnung mit Lily, vielleicht kann ich ihr unmenschliches Verhalten dann endlich begreifen und ich schwöre Ihnen, ich werde Sie in Ruhe lassen. Ich versichere Ihnen, es ist nicht mein erklärtes Lebensziel, mich von Ihnen derartig behandeln zu lassen! Verflucht, ich will doch nur wissen, warum Sie sich so verhalten."
In die letzten Worte mischte sich Verzweiflung, die Aggression musste tiefer Berührtheit weichen. So gerne sie diesen Mann in diesem Moment gehasst hätte, sie wusste, das Gegenteil war der Fall. Erdrückendes Schweigen presste sich zwischen die beiden Streithähne. Hermine rechnete fest mit einem Angriff von Snape, der jedoch aus blieb. Zeit verstrich, ohne dass etwas passierte. Lediglich Snapes Körperhaltung ließ erahnen, dass er seinem Konfrontationskurs kurzfristig den Rücken kehrte. Er löste seine gekreuzten Arme und senkte seinen Kopf. Es war, als sacke er ein Stück weit in sich zusammen. Seine Hand fuhr nachdenklich durch seine Haare, bevor er mit ruhiger Stimme fortfuhr.
„Werden Sie gehen, wenn ich Ihnen von Lily erzähle?"
Die Ernsthaftigkeit in der Stimme ließ Hermine erschaudern. Es war, als wäre Professor Snape soeben appariert und Severus Snape hätte ihn ersetzt. Mit diesem einzigen Satz hatte sich die eisige Kälte in Luft aufgelöst und machte Platz für etwas Neues, Merkwürdiges, etwas, das Hermine nicht einordnen konnte.
„Einverstanden", besiegelte Hermine das Angebot.
Snape sah Hermine unverblümt in die Augen, als wollte er keine Umwege mehr gehen, er hatte seine Maske abgelegt für diesen kostbaren Moment, der folgen würde.
„Ich werde für die Begegnung mit Lily bis an mein Lebensende in Ihrer Schuld stehen."
Hermine verschlug es die Sprache. Dann vermisste er Lily jetzt so sehr, dass er mit der Welt erst Recht im Unreinen war? Und er fühlte sich ihr gegenüber verpflichtet? Warum zum Henker behandelte er sie dann so? Diese unerwartete Antwort warf noch viel mehr Fragen auf.
„Und nun halten Sie sich an Ihre Abmachung und gehen Sie", unterbrach Snape Hermines Gedanken.
Er war wieder da, - Professor Snape. Verflucht, dieser Mann war wie ein Chamäleon, in jeder Sekunde veränderte er sich. Hermine stand eine Armlänge entfernt vor Snape und blickte ihn kopfschüttelnd an. Sie war so nah dran, Snape aus seiner dunklen Höhle zu holen, wo er sich die letzten Wochen erfolgreich verkrochen hatte. Und jetzt schien sie keinen Schritt weiter gekommen zu sein, im Gegenteil, jetzt machte alles noch viel weniger Sinn.
„Sir, ich..., dann... – warum ignorieren Sie mich?"
Hermine stiegen unaufhaltsam Tränen in die Augen. Sie war mit ihrer Kraft am Ende.
„Bitte, sagen Sie es mir! W-A-R-U-M?"
Keine Sekunde später legte sich Snapes Hand mit kräftigem Griff in ihren Nacken und seine heiße Lippen pressten sich mit brachialer Gewalt auf die ihrigen. Ihr Herz hörte auf zu schlagen und sie vergaß zu atmen. Alles was sie spürte war, dass sie schwebte. Ihr schmerzendes Genick war wie in einem Schraubstock fixiert, sie konnte sich nicht bewegen, wollte es aber auch nicht im Geringsten.
„Deshalb!", vertrieb Snape Hermine aus dem Paradies, nachdem er seine Lippen ebenso abrupt von ihr löste, wie er sie zuvor in Besitz genommen hatte.
Die Seifenblase zerplatzte. Hypnotisiert sah Hermine Snape an, ihre Lippen brannten.
„Gehen Sie jetzt!", forderte Snape energisch, als hätte es die Szene eben niemals gegeben.
„Aber Professor, ich...", stammelte Hermine.
„V-e-r-s-c-h-w-i-n-d-e-n S-i-e!", fauchte er nun wie ein angriffslustiges Raubtier.
Mit pochendem Herz griff Hermine zitternd nach ihrer Jacke und rannte aus der Bibliothek.
Snape ließ sich auf das Sofa fallen, stützte sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab und vergrub seinen Kopf in den Händen.
