Date

Snape nahm mit regungsloser Mine an den Feierlichkeiten zur Quidditch-Meisterschaft teil. Doch hinter seiner routinierten Fassade brodelte es. Jede Minute die er hier sinnlos vergeudete, zehrte mehr an seinen Nerven. Das Schlimmste war, dass er sich derartig ungeduldig nicht kannte. Noch nie in 20 Jahren Voldemort hatte er unter Ungeduld gelitten. Abwarten und in Deckung gehen war immer ein Teil seiner perfekten Tarnung gewesen. Der Zeiger der Uhr über der Eingangstür der großen Halle bewegte sich in Zeitlupe vorwärts. Erschwerend hinzu kam, dass Slytherin zu den Verlierern der Quidditch-Meisterschaft zählte und seine Schüler dementsprechend schlecht gelaunt waren. Keine müde Seele fand zu ihm, um mit ihm zu reden. Nicht dass er Lust darauf gehabt hätte. Nein, vielmehr hätte er sich an der Dummheit seines Gegenübers ergötzen können und dabei wäre die Zeit schneller verstrichen. McGonagall vergnügte sich mit zuckersüßem Lächeln mit ihren Gryffindorschäfchen, die allesamt in mächtiger Feierlaune posierten. Jede einzelne fröhliche Mine widerte ihn an, ebenso das Partygegeifere von Potter und Weasley. Den einzigen Anblick, den er ertragen konnte und der ihm gleichzeitig Fausthiebe in den Bauch versetzte, war der von Hermine. Weasley schien derart gut gelaunt, dass er es sogar wagte in Hermines Nähe aufzutauchen. Es schien ihr nichts auszumachen, jedenfalls machte sie keine Anstalten, sich von dem Rotschopf zu entfernen. Hätte er sein Tun frei und ohne Konsequenzen wählen können, er hätte Weasley und all die anderen Gryffindor-Nieten auf der Stelle aus Hermines Umgebung weggehext. Immer wieder fixierte er die Uhr. Acht Uhr. Noch eine Stunde...

Um viertel nach neun fiel die schwere Kerkertür hinter Snape ins Schloss und er lehnte sich von innen dagegen. Die Fakten holten ihn urplötzlich ein und damit auch seine zwiespältigen Gefühle. Es war falsch, Hermine auch nur die Möglichkeit für ein weiteres Treffen gegeben zu haben. Aber er hatte weder der Versuchung durch sie weiter widerstehen können, noch hatte er die Kraft, sie weiterhin von sich zu stoßen. Der Endkampf hatte alles verändert. Es war unmöglich, sein Leben weiterhin höheren gesellschaftlichen Zielen unterzuordnen, denn es gab keine mehr. Auf eine Art und Weise war sein Leben früher immer einfach gewesen. Ein einziges Ziel hatte es gegolten zu erreichen, nämlich Voldemorts Untergang herbeizuführen. Zufälligerweise hatte dieses Ziel auch mit dem von Dumbledore übereingestimmt, denn sonst wäre es nie zu einer Zusammenarbeit mit ihm gekommen. Die persönlichen Beweggründe für dieses Ziel waren jedoch so unterschiedlich gewesen, wie sie nur hätten sein können. Dumbledore hatte es für die gesamte Zauberwelt getan, er dagegen für eine einzige Person, Lily. Langsam legte er seinen Umhang ab und hängte ihn an den Haken an der Tür. Dann holte er sich ein Glas kaltes Wasser und setzte sich abwartend an seinen Schreibtisch. Mit einem Schluck kippte er den halben Glasinhalt seine heiße Kehle hinunter. Hermine hatte von ihm die Möglichkeit zu einem Rendezvous mit klaren Absichten seinerseits erhalten. Er glaubte Hermine gut zu kennen, schon deshalb, weil sie ihm in vielen Dingen sehr ähnlich war. Aber wusste er genug, um voraussagen zu können, ob sie kommen würde? Er zwang seine Gedanken einen Augenblick, inne zu halten und sein geistiges Auge formte ein Bild von Hermine. Sie sah ihn entschlossen an, es war das Gesicht von heute Nachmittag und ihre Worte hallten in seinem Gehirn nach ‚Ich werde kommen, Severus.' Einen Rückzieher traute er ihr nicht zu. Sie war mutig und konsequent, - aber auch intelligent. Allein ihre Intelligenz musste sie davon überzeugen, dass es ein schwerwiegender Fehler wäre, sich mit ihm einzulassen. Würde sie also wirklich kommen? Er stellte sich vor, wie Hermine die Treppe zum Kerker hinabstieg. Er wollte es – nicht für sie sondern für sich selbst. Sein Begehren für sie konnte er nicht länger leugnen. Die Bilder ließen sich nicht länger verdrängen, sie vereinnahmten ihn. Wenn sie käme, würde er Ron aus ihrem Gedächtnis für alle Zeiten verbannen. Gleichzeitig wollte er, dass sie ihn genoss, obwohl er stärkste Zweifel hatte, dass dem so sein würde.

Empfindungen zu haben bereitete ihm immer noch Bauchschmerzen. Alles war neu und Neues löste Unbehagen in ihm aus. Er war ein Held der Routine, der Planung und der Strategie. Aber trotzdem konnte er vor dem, was er fühlte, nicht mehr fliehen wie früher, sein Bewusstsein hatte seit Voldemorts Tod freie Kapazitäten und sein Gehirn war nicht länger überladen mit Theorien und Spionagelügen. War er deshalb so empfänglich für Hermine?

Die zweite Hälfte des Wassers fand ihren Weg in seine Kehle bevor er aufstand. Er ertappte sich, wie er zum ersten Mal seit Jahren überlegte, ob er seine Robe ablegen sollte, um etwas privater auszusehen. Es war zu lange her, seit er sich „privat" gefühlt hatte. Sein Verstand ohrfeigte ihn im selben Moment und trotzdem gingen seine Beine in Richtung Schlafzimmer, wo seine Hände die große Schiebetür des Schrankes öffneten. Er zog einen schwarzen kurzhaarigen Wollpullover aus dem mittleren Regal und klemmte ihn unter den Arm. Sein Weg führte ihn ins Badezimmer, wo er nach einem kurzen zweifelnden Blick in den Spiegel den Wasserhahn aufdrehte und den Pullover auf die Kante der Badewanne warf. Mit beiden Hände schöpfte er eiskaltes Wasser vom Hahn direkt auf sein Gesicht. Er wollte seinen Tagtraum, der ihm nun seit drei Stunden bereits den Verstand raubte, fortschwemmen. Für einige Sekunden ging sein Plan auf. Doch sofort tauchten wieder Bilder von Hermine vor ihm auf. Wie konnte diese intelligente Hexe es nur wagen zu ihm zu kommen? Gerade die Gefahr und das Unbekannte schien auf Hermine eine große Reizwirkung auszuüben. Unglaublicherweise vertraute sie ihm scheinbar bedingungslos. Mit einem weißen Handtuch trocknete er sein Gesicht und prüfte die Wirkung des kalten, reinigenden Wassers im Spiegel. Er schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, um auch seinen Hals vom Wasser zu befreien. Dann ersetzte er seine nun feuchte Robe durch den schwarzen Pullover. Er kam sich eigenartig fremd vor und gleichzeitig war er mehr er selbst als jemals zuvor. Heute Abend würde er in keine Rolle schlüpfen. Diese Freiheit war ungewohnt und verlockend zugleich.

Ein lautes Klopfen an der Tür riss ihn aus den Gedanken. Sein Herz pochte laut. Nach einem Augenblick der Starre ging er entschlossen zur Tür und öffnete.

„Guten Abend, Severus. Ich hoffe ich störe nicht, aber ich muss mit dir reden."

„Minerva, was willst du, hat das nicht Zeit bis morgen?", antwortete er genervt.

„Wie siehst du denn aus, hast du heute noch etwas vor?", fragte sie, sichtlich schockiert über den „privaten" Professor.

„Das geht dich wie immer nichts an, komme bitte zur Sache."

Innerlich krampfhaft um Ruhe bemüht, überlegte Snape, wie spät es nun schon sein musste - er schätzte etwa halb zehn. Es war gut möglich, dass Hermine jede Sekunde um die Ecke kam! Bei Merlin, was musste Minerva auch immer im passendsten Moment auftauchen!

„Ich möchte, dass du dir eine Strafe für Warren und Dennis ausdenkst, sie haben nach der Feier im Gryffindortrakt randaliert und Fünftklässler mit Flüchen zu Tode erschreckt. Es ist nun das fünfte Mal in drei Wochen, dass sie Unruhe stiften. Da Punktabzüge nichts geholfen haben, bitte ich dich, ihnen Manieren beizubringen und zwar gleich morgen früh, ehe ich mir ganz speziell Zeit nehmen werde, um die beiden zur Raison zu bringen. Das ist ihre letzte Chance."

Snape zuckte, ohne äußerlich eine Bewegung zu verursachen, mental zusammen, als er glaubte, im Flur ein Geräusch gehört zu haben.

„Minerva, in Ordnung, ich werde mich darum kümmern, gleich morgen früh."

Seine Stimme klang zustimmend, was McGonagall sichtlich überraschte. Sie schloss ihren Mund, der schon auf eine Konfrontation mit Snape vorbereitet gewesen war und hielt einen Moment inne.

„Gut - wie du meinst, Severus", entgegnete sie dann ebenso friedvoll. Sie blickte noch einmal über Snapes Schulter in dessen Wohnzimmer, als könne sie einen Hinweis darauf entdecken, was Snape in den folgenden Minuten vorhatte. Ihre Nase sagte ihr, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging.

„Guten Abend, Minerva", beendete Snape das Gespräch und forderte sie damit indirekt auf zu gehen.

„Guten Abend, Severus und entschuldige die späte Störung."

Leicht verwirrt verließ McGonagall den Kerker.

Es war morgen, kurz vor acht. Als McGonagall am Abend zuvor verschwunden war, war Snape wie ein Tiger im Käfig in seinem Büro auf und ab geschlichen - eine Stunde lang. Dann hatte er höchst unkonzentriert und mit den unterschiedlichsten Gefühlen im Bauch einen Schlaftrank gebraut und auf Ex hinuntergekippt, denn er wusste, dass er sonst kein Auge zu getan hätte. Der Trank hatte mit seinem Erwachen aber seine Wirkung verloren. Nun kochte eine Wut ihn ihm, die er kaum zu bändigen wusste. Es war Wut über sich selbst, Wut über seine Naivität, die er sich in den letzten 20 Jahren so wunderbar abgewöhnt hatte und die jetzt über Nacht zu ihm zurückgekehrt war. Er hätte sich verhexen können dafür, auch nur den geringsten Funken Hoffnung in die Verabredung mit Hermine gesteckt zu haben. Natürlich war sie nicht gekommen, was hatte er erwartet? Ein gemütliches Rendezvous? War er von allen guten Geistern verlassen? Das Frühstück hatte er ausfallen lassen, er konnte es sich gerade noch ersparen, Hermine womöglich noch zusammen mit Weasley am selben Tisch vorgeführt zu bekommen. Unkoordiniert packte er zwei Stapel korrigierte Aufsätze der Sechstklässler zusammen und steckte sie sorglos in seine Tasche. Er war gerade dabei, die lederne Schnalle zuzumachen, als es energisch an die Tür klopfte. Auf der Stelle schlugen seine Füße Wurzeln. Morgens früh kam nie jemand zu ihm, nicht einmal McGonagall. Gut, er war nicht zum Frühstück erschienen, aber eine Vermisstenanzeige hätte deswegen wohl niemand aufgegeben. Erneut das Klopfen. Er wollte es nicht zugeben, aber seine Gedanken kreisten nur um eine einzige kurze Frage – War es Hermine? Und wenn ja, was wollte sie heute hier? Die kurze Unsicherheit wurde von seiner Aggression überrollt. Egal was sie wollte, es war definitiv zu spät. Diese Aussage gab ihm Kraft sich mit festen Schritten der Tür zu nähern und sie zu öffnen.

"Wo ist Hermine? Sagen Sie mir sofort, was Sie mit ihr gemacht haben, Sie elendes Stück Dreck!", schrie ihm ein vor Zorn kochender Ron Weasley entgegen. Seine Wangen leuchteten krebsrot. Snape hätte mit vielem gerechnet aber nicht damit. Was zum Henker suchte Weasley um diese Zeit hier?

"Warum soll ich wissen, wo sich Ihre Ex-Freundin herumtreibt" erwiderte er gewohnt kühl, „ich wüsste nicht, was es mich anginge. Und nun zügeln Sie Ihre Zunge, Weasley, ehe ich Sie für den Rest des Jahres bei Filch zum Nachsitzen schicke. Verschwinden Sie auf der Stelle, ich bin nicht zuständig für Ihren Liebeskummer!"

Gerade wollte er Ron die Tür vor die Nase knallen, als er rennende Schritte hörte und gleich darauf ein keuchender Harry im Türrahmen stand.

"Guten morgen Professor", atmete Harry schwer, "Ron, hör auf, das bringt nichts, lass mich mit ihm reden."

"Nein das werde ich nicht. Ich bin mir sicher, dass er weiß wo sie ist. Seit sie bei ihm Nachhilfe hat, ist sie völlig verändert. Und ich werde nicht eher gehen, bis ich es aus ihm herausbekomme!", drohte Ron.

"Professor Snape, Hermine, sie ist verschwunden", versuchte es Harry etwas emotionsloser als Ron.

"Das sagte ihr ungezügelter Begleiter bereits. Verschwinden Sie jetzt, ich wüsste nicht, was Sie hier zu suchen hätten."

"Warten Sie, Sir. Hermine ist seit gestern Abend verschwunden. Sie war auch nicht in ihrem Bett und auf der Karte der Rumtreiber ist sie auch nicht auffindbar. Haben Sie eine Ahnung, wo sie sein könnte?", fragte Harry betont sachlich.

Snape musterte die beiden eindringlich.

"Ich habe keine Ahnung, wo Miss Granger gedenkt, ihre Nächte zu verbringen. Also lassen Sie mich damit in Ruhe und heulen Sie sich bei Ihrer Hauslehrerin aus. Ich bin mir sicher, dass sie ein Ohr für Sie haben wird.", kommentierte er mit regungsloser Miene und schlug die Tür zu.

Nachdenklich bewegte er sich zurück zum Schreibtisch. Hermine war nicht im Schlafsaal gewesen? Auch wenn sein Verstand sich weigerte, sich nur einen einzige weitere Minute mit Hermine zu beschäftigen, es war erfolglos. Seine Gedanken fuhren Achterbahn und ließen sich nicht anhalten. Hermine außerhalb Hogwarts und dann noch mehr als eine ganze Nacht lang? Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihr Verschwinden mit ihm zu tun haben könnte. Hatte sie vielleicht doch kommen wollen? Oder war sie geflohen vor der Entscheidung? Brauchte sie Abstand nach all den Ereignissen? Er hasste sich dafür, dass er sich mit Gefühlen so sehr auskannte wie Longbottom mit Zaubertränken. In Gedanken versunken startete er einen neuen Versuch und wollte seine Gemächer samt Tasche verlassen. Ein kurzer Blick vor die Tür verriet ihm, dass Potter und Weasley glücklicherweise das Weite gesucht hatten.

Die folgenden zwei Stunden bekam Snape Gelegenheit, sich in alte Gewohnheiten zu verkriechen. Die Sechstklässler mussten mehr denn je unter Snapes Launen leiden und dazu noch bekamen sie die schlechtesten Noten ihres Lebens zurück. Als die Glocke den Unterricht beendete, ging Snape ins Labor und musste sich wohl oder übel einige Strafen für die beiden Slytherins überlegen, die in letzter Zeit gehäuft Unsinn anstellten. Er hatte keine Lust auf eine weitere nutzlose Konversation mit McGonagall. Der störende Gedanke an die Direktorin hatte sich noch nicht fertig geformt, als eine Taube ans Kellerfenster klopfte. Snape nahm ihre Nachricht in Empfang, ging zurück zum Sessel und entrollte das Pergament.

„Severus, bitte komme unverzüglich in mein Büro – Minerva"