Theorien und Praxis
„Harry und Ron kommen gleich hierher in mein Büro, Severus. Deinen Unterricht heute Nachmittag übernimmt Slughorn", kündigte McGonagall an.
Snape war McGonagall dankbar, dass sie nicht weiter in der Vergangenheit herumstocherte und ihn mit ihrem schlechten Gewissen ihm gegenüber beglückte. Deshalb verzichtete er auch darauf, all das abzustreiten, was sie sich eben in trefflicher Manier über Hermine und ihn zusammengereimt hatte. Jede Silbe davon hatte der Wahrheit entsprochen, Hermine war in der Tat sehr „begabt", wie sie es formuliert hatte, mit ihm umzugehen. Da McGonagall auf weitere Details verzichtete, ließ er das Thema mehr als gerne fallen. In diesem Augenblick stürmten Ron und Harry auch schon herein.
„Ron, halte dich zurück, wir ALLE wollen Hermine finden und das können wir nur, wenn wir zusammen arbeiten, verstanden?", fauchte Harry seinen Freund an und hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
„Ok, ok, ich bemühe mich. Für mich ist ER trotzdem immer noch der Hauptverdächtige!", spie er in Richtung Snape.
Snape drehte sich mit routinierter „Ich-fresse-Schüler-Mine" zu Ron um und antwortete mit aalglatter Stimme.
„Darf ich Sie daran erinnern, dass ich den Wiederkehr-Stein bereits in meinen Händen hielt, persönlich überbracht von ihrer lieben Freundin. Und für was brauche ich den Elder Wand, Weasley, erklären Sie es mir. Das nur als Anmerkung für den Fall, dass ihr hormongesteuertes Gehirn einige Sekunden Luft hat, um rational über die Fakten von Miss Grangers Verschwinden nachzudenken."
Die friedvolle Stimmung von eben mit McGonagall war binnen Sekunden verflogen und machte keine Anstalten, sich in diesem Raum so schnell wieder blicken zu lassen.
„Vielleicht gieren Sie nach Macht und Anerkennung, all das, was Sie die letzten 20 Jahre nicht bekommen haben! Weiter möchte ich mich gar nicht mit ihren kranken Gehirnwindungen auseinandersetzen", fauchte Ron völlig abseits seiner Selbst.
McGonagall tat ihr Möglichstes, das Gespräch in die richtige Richtung zu leiten.
„Wenn ich das richtig verstanden habe, gehören zwei Teile zum Besitz des Elder Wand. Was nützt dem Entführer der Zauberstab, wenn die Macht dafür immer noch bei Harry liegt?"
„Vielleicht soll er ja später noch entmachtet werden", mutmaßte Ron nun etwas weniger aufgebracht.
Snape rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Das wäre alles viel zu auffällig jetzt nach der Entführung. Potter wäre viel vorbereiteter. Dieses Risiko würde der Entführer nicht eingehen."
„Sie sprechen im Brief von „wir", also sind es mehrere. Und Hermine wird als Schlammblut bezeichnet, das spricht eindeutig für Todesser, oder was meint ihr?", fragte McGonagall, die Stirn in Falten geschlagen.
„Warum Hermine? Warum nehmen die nicht Ginny, sie steht mir doch theoretisch näher, oder?" fragte Harry.
„Das ist richtig. Es macht keinen Sinn. Wer könnte den Elder Wand noch wollen?", fragte McGonagall.
„Jeder der machtbesessen ist und vielleicht einen post-Voldemort-Kreis gründen will."
„Ich denke, alle Ex-Todesser und deren Verwandte könnten verwickelt sein. Bleibt die Frage warum Hermine. Sie wurde bestimmt von hinten überfallen und entwaffnet, als sie auf dem Weg nach unten war..."
Snape stockte in seinem Redefluss, als er sich vorstellte, wie nahe Hermine möglicherweise bei ihm gewesen war, als sie entführt wurde. Dann erinnerte er sich an das Knacken, das er gehört hatte in jenem Moment, als McGonagall in seiner Tür gestanden hatte.
„Sie wehrte sich und dabei hat man ihr Haare ausgerissen", beschrieb Snape das Bild, das er in aller Deutlichkeit vor seinem geistigen Auge sah und das grenzenlose Wut gegenüber dem Entführer in ihm entfachte. Er sah die Fratzen der Todesser vor sich, jede einzelne, auch Malfoy. Wer immer diese Tat zu verantworten hatte, würde dafür büßen, sobald er ihn stellte. Nur mit Mühe konzentrierte er sich wieder auf das Wesentliche und ließ die anderen an seinen Gedanken teilhaben.
„Miss Granger wurde in Hogwarts entführt, es muss folglich ein Schüler gewesen sein, der sie überwältigt hat, sonst hätten die Schutzzauber der Schule Alarm geschlagen", sagte Snape.
„Oder ein Lehrer...", ergänzte Ron.
„Wir müssen alle Schüler überprüfen, die ehemalige Todesser oder andere Verdächtige in der Familie haben", folgerte McGonagall, „ich werde sofort eine Liste zusammenstellen."
„Ich werde dir dabei assistieren, ich denke, ich weiß besser über die Familienverhältnisse Bescheid", sagte Snape.
„Einverstanden."
„Harry, Sie sollten den Elder Wand besorgen. Es ist nicht klar, ob wir auf eine Übergabe der geforderten Gegenstände verzichten können, deshalb müssen wir dafür alle Vorbereitungen treffen. Wissen Sie, wo sich der Elder Wand momentan befindet?"
„Ja, er ist direkt neben Dumbledores Sarg vergraben, ich werde ihn besorgen."
„Benutzen Sie den Tarnumhang, damit der Entführer Sie nicht beobachten kann", orderte McGonagall an, ehe Harry schnellen Schrittes den Raum verließ.
Snape verfluchte McGonagall, dass sie Weasley nicht mit Potter zusammen weggeschickt hatte. Keine Minute länger wollte er mit diesem pubertierenden Etwas in einem Raum verbringen. Allmählich wurde ihm bewusst, wie viel reifer und überlegter Potter doch handelte. Sein Ego wollte es sich nicht eingestehen, aber seit der Begegnung in der Bibliothek hatte er Potter mehr und mehr als Erwachsen wahrgenommen. Im Fall Hermine verhielt er sich sogar professionell, ganz im Gegenteil zu seinem triebgesteuerten Kompagnon.
McGonagall faltete vor sich ein Riesenpergament auf dem Schreibtisch aus, auf dem alle aktuellen Schülerdaten in verschiedenen Farben leuchteten. Sie las jeden einzelnen Namen vor und Snape stoppte sie sofort, wenn er etwas Auffälliges hörte. Mit flinker Feder trug er auf einem Stück Pergament alle Verdächtigen Schüler zusammen. Die Liste wurde länger, als zuerst angenommen und es dauerte fast eine Stunde, bis sie alle Daten durchgekämmt und 27 verdächtige Schüler aussortiert hatten.
„Lasst uns zuerst das 6. und 7. Schuljahr angehen, es ist nicht sicher aber doch wahrscheinlicher, dass ein Siebtklässler Hermine entwaffnet hat als ein Erstklässler. Vielleicht ist es auch jemand aus ihrem Jahrgang. Hier haben sich bestimmt gemeinsame Aktivitäten ergeben, bei denen jemand etwas zum Thema Elder Wand hätte aufschnappen können", schlug Snape vor. Er erntete McGonagalls Zustimmung und immerhin Rons zustimmendes Schweigen. Vor McGonagall lag die Liste mit den Schülern der letzten beiden Jahre.
Linda Pettigrew, Hufflepuff, 6. Jahr, Nichte von Peter Pettigrew
Stephen Greyback, Slytherin, 6. Jahr, Neffe von Werwolf FenirGreyback
John Carrow, Slytherin, 6. Jahr, Sohn von AlectoCarrow
Dennis Hull, Ravenclaw, 7. Jahr, Neffe von Evan Rosier
Sophie Macnair, Ravenclaw, 7. Jahr, Tochter von Walden Macnair
Draco Malfoy, Slytherin, 7. Jahr, Sohn von Lucius Malfoy
Die drei überflogen die Liste und jeder schien sich seine eigenen Gedanken dazu zusammen zu reimen.
„Malfoy hasst Hermine! Warum haben wir ihn nicht gleich überprüft?", rief Ron, als wäre die Lösung persönlich über ihn hergefallen.
„Warum sollte Draco das tun? Und woher soll er überhaupt vom Elder Wand wissen ist die nächste Frage!", zweifelte Snape Rons Theorie offen an.
„Hast du mit irgendjemandem über den Stein oder den Elder Wand gesprochen, Severus?", fragte McGonagall.
„Nein. Ich bitte dich, für wen hältst du mich? Miss Granger hat mir alles unter dem Mantel der Verschwiegenheit anvertraut. Ich habe all die Jahre nicht eine Silbe über Lily verloren."
„Entschuldige, Severus, aber wir müssen einfach herausfinden, wie der Entführer an das Wissen gekommen ist. Die undichte Stelle kann bei jedem liegen, auch bei dir!", sagte McGonagall.
In diesem Moment kam Harry ins Büro gestürmt. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Noch außer Stande, etwas zu sagen, reichte er McGonagall den Elder Wand.
„Danke Harry, setzen Sie sich. Wir haben eine Liste mit Verdächtigen Schülern erstellt."
„Ich weiß, dass Draco es war, das passt doch alles so gut zusammen! Lucius will endlich die Macht, die Voldemort ihm immer verwährt hat!", schrie Ron schon wieder siegesbewusst.
Snapes Gedanken ignorierten jede einzelne Silbe aus Rons Mund, stattdessen spann er seine ganz eigene Theorie zusammen.
„Warum will der Entführer den Wiederkehr-Stein nicht? Im Erpresserbrief ist nur die Rede vom Mantel und dem Elder Wand."
Snape nahm noch einmal das Pergament in die Hand, um sicher zu gehen, dass er sich nicht täuschte. Man konnte regelrecht sehen, wie die Zahnrädchen in seinem Gehirn sich drehten.
„Wo ist der Wiederkehr-Stein jetzt? Haben Sie ihn, Potter?", fragte Snape energisch.
Harry schüttelte den Kopf.
„Nein, ich sah keine Notwendigkeit ihn zurückzunehmen, er gehörte mir nie und wollte ihn auch nie. Hermine hatte vor, ihn mit Magie zu neutralisieren. Sie hatte sich einige Bücher zum Thema ausgeliehen und wollte Sie auch noch nach Rat fragen."
Snapes Pupillen weiteten sich.
„Wir müssen zurück in ihr Zimmer!", forderte er. „Wir müssen wissen, ob der Stein noch dort ist."
Die vier durchwühlten Hermines Zimmer erneut, ohne die geringste Spur des Wiederkehr-Steins zu entdecken.
„Die Entführer wollen alle drei Tödlichen Heiligtümer besitzen. Und vielleicht hat er Hermine dazu gebracht noch einmal zurückzugehen und den Stein zu holen. Das würde bedeuten, Hermine war noch einmal in ihrem Zimmer, bevor sie verschleppt wurde. Und weiter heißt das, dass sie den Stein bei sich trägt oder zumindest trug", sagte Snape.
„Und was nützt uns das?", fragte Ron.
„Wenn Sie sich im Umkreis von einer halben Meile von uns befindet können wir sie orten, bzw. nicht sie sondern den Stein. Genauso wie Miss Granger den Stein im Verbotenen Wald aufgespürt hat. Sie mag einige Wochen gebraucht haben, weil die schwarzmagische Suchtechnik ihr fremd war, ich habe Übung darin", erklärte Snape und zum ersten Mal an diesem Tag sah er einen Lichtstreifen am Horizont. Es war ein Ansatz.
„Ich werde Sie nun alle in einem Crashkurs in die Kunst der Schwarzmagie einweisen. In einer Stunde werden Sie mit Ihren Zauberstäben schwarzmagisch behandelte Gegenstände aufspüren können. Haben wir den Stein, haben wir auch Hermine."
McGonagall fiel auf, dass Snape zum aller ersten Mal Hermines Vornamen benutzte. Sie ignorierte nicht nur diese Tatsache, sondern auch die rund ein Dutzend Schulregeln, die in den nun folgenden Stunde gebrochen werden würden.
Eine Stunde später lehnten sich Harry, Ron und McGonagall erschöpft zurück. Sie saßen in Snapes Unterrichtsraum wie Erstklässler, nur dass das Thema der Vorlesung Professorenniveau hatte und ihre Köpfe rauchen ließ. In einem aufwändigen Verfahren hatten alle ihre Zauberstäbe dahingehend präpariert und mit Zaubern versehen, dass sie als Wünschelruten für schwarzmagische Gegenstände benutzt werden konnten.
„Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen uns für die Suche trennen. Je schneller wir die Liste abgearbeitet haben desto besser. Seid ihr alle bereit?", fragte Snape, der inzwischen deutlich die Führungsrolle in der Gruppe übernommen hatte. Nicht einmal Ron hatte der Fachkompetenz von Snapes letzter Stunde etwas entgegenzusetzen. Wäre es nicht um Hermine gegangen, hätte er sogar seinen imaginären Hut vor Snapes didaktischer und fachlicher Kompetenz gezogen. Seine Vernunft vermochte aber nur kurz die Oberhand über seine Gefühle zu halten.
„Ich will zu Malfoy!", rief er wieder höchst irrational aus.
„Das werden Sie nicht tun, Malfoy gehört mir", wies Snape ihn emotionslos in seine Schranken.
„Sie stecken doch bestimmt mit ihm unter einer Decke, geben Sie es zu. Warum müssen ausgerechnet SIE dort hin, er ist der Hauptverdächtige!", schrie Ron.
„Sie überraschen mich, Weasley, ich dachte ICH sei der Hauptverdächtige. Aber zur Sache, wenn Malfoy etwas damit zu tun hat, werde ich es in wenigen Minuten herausfinden, es gibt niemanden, den ich besser kenne als ihn. Dazu brauche ich vermutlich nicht einmal eine Wünschelrute."
Sein Blick schweifte zu McGonagall, die ihn eindringlich musterte, ihm aber schließlich zunickte.
Snape teilte die Namen unter ihnen auf, Malfoy und Macnair reservierte er für sich.
„Gehen wir. Wir treffen uns hier wieder in drei Stunden, bis dahin müssen wir alle überprüft haben", hob Snape die Gesellschaft schließlich auf.
Schweigsam begaben sie sich auf den Weg zur Grenze Hogwarts um in die Nähe der jeweiligen Verdächtigen zu apparieren. Jeder einzelne schien an seiner eigenen Strategie zu feilen. In Snape brodelte es. Zuerst würde er sich Malfoy vorknöpfen. Er war erst vor zwei Wochen freigesprochen worden und hatte dies unter anderem Snapes Aussage zu verdanken, dass er im entscheidenden Moment im Endkampf nicht hinter Voldemort gestanden hatte. Von allen früheren Gräueltaten waren keine zu beweisen gewesen, Malfoy war immer derjenige gewesen, der sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hatte.
Es gab mehrere Möglichkeiten, an die Wahrheit zu kommen. Jedes Mittel zum Zweck war Snape dazu Recht, er würde sich nicht scheuen auch Veritaserum oder Leglimentik gegen Malfoy einzusetzen. Doch irgendetwas sagte ihm, dass er bei Malfoy einen völlig neuen Weg einschlagen konnte. Er wusste nicht warum. Mehr denn je spürte er aber, wie sehr Hermine bereits Einfluss auf sein Dasein genommen hatte, selbst wenn sie in diesem Moment nicht hier sein konnte. Mit einem Knoten in der Brust und dem klaren Ziel vor Augen, Hermine aufzuspüren, machte er sich bereit und apparierte nach Malfoy Manor.
