Lucius
Snape klopfte laut an die große Eichentür von Malfoy Manor. Eine große geschnitzte Schlange rahmte die Tür ein, der Kopf führte zu einem runden goldfarbenen Türknauf, in die die Schlange hineinzubeißen schien. Ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte ihm wieder einmal, wie perfekt und fein herausgeputzt die Malfoys lebten. Der etwa zwei Hektar große Garten sah aus wie geleckt, Dutzende Hauselfen mussten hier noch nicht lange her gewütet haben. Ein Meer aus verschiedensten Kräuterdüften strömte Snape in die Nase, als der Türknauf sich langsam nach links drehte und die Tür langsam aufging.
„Hallo Narzissa", grüßte Snape.
Seit dem Endkampf hatte er Narzissa nicht mehr gesehen. Anders als viele andere hatte sie ihm allerdings einen langen Brief geschrieben und sich für seinen Einsatz um Draco bedankt.
„Oh, Severus, grüße dich!", schmetterte sie überwältigt von Gefühlen und näherte sich ihm noch auf der Türschwelle für eine Umarmung.
„Komm herein, darf ich dir einen Tee anbieten?"
„Eigentlich suche ich Lucius. Ich habe gehört, er hat Freigang solange der Prozess läuft."
„Ja, es ist schrecklich, der Prozess wird in einer Woche beendet sein und wir wissen nicht, wie es ausgehen wird. Stell dir vor er müsste nach..."
Narzissa stoppte und die bloße Vorstellung ihres nicht zu Ende gebrachten Satzes ließen Tränen in ihre Augen steigen.
„Ich will nicht mehr, Severus. Voldemort hätte fast unser ganzes Leben zerstört und es ist noch nicht vorbei, auch nicht jetzt, wo er tot ist."
„Es wird gut werden, Lucius ist hart im Nehmen und clever dazu. Er wird sich den meisten Anklagepunkten entziehen können. – Wo ist er?"
„Warte, ich bringe dich zu ihm in den Salon, er ist auf der Terrasse. Weißt du, er lässt es sich nicht anmerken, aber er leidet wie ein Tier. Alle seine Freunde sind schon verurteilt, er ist der Letzte und das Ministerium hat vieles widergutzumachen, sie können es sich nicht leisten, ihn laufen zu lassen."
Langsam gingen sie die halbkreisförmige Treppe nach oben auf die Empore zum Salon. Als sie die Tür erreichten zog sich Narzissa zurück.
Mit leisen Schritten trat Snape ein und sah Malfoy mit seinem Stock auf der schmalen Terrasse stehen, den Blick auf die weiten Ländereien gerichtet. Erst als Snape knapp hinter ihm stand drehte er sich um.
„Severus – was verschafft mir die Ehre?", grüßte Malfoy und sah Snape sichtlich überrascht an.
Snape fiel auf, dass Malfoy nichts von seiner aristokratischen Haltung eingebüßt hatte, trotz Prozess. Seine Haare fielen seidig auf seine Schultern und seine Augen leuchteten heller als je zuvor. Nur die dunklen Schatten unter seinen Augen ließen erkennen, dass er in den letzten Monaten gelitten hatte.
Snape schlug seine rechte Hand in die von Lucius.
„Wie geht es dir?", fragte er ernst.
„Mir? Mir geht es prächtig, sieht man das nicht?", antwortete er gespielt fröhlich.
„Na ja, sagen wir, mir geht es am besten von allen Todessern – inklusive Voldemort natürlich. Macnair schreibt mir verwirrte Briefe, ich glaube die Dementoren haben ihn schon verspeist und Carrington geht es auch beschissen, sie haben ihn lebenslang eingebuchtet, diese Schweine. Ich bin der letzte, den sie an den Arsch kriegen wollen."
Malfoys Stimme wurde nun ernster.
„Aber ich habe immer vorsichtig agiert. Narzissa konnte ich immer ganz raushalten und von mir werden sie nicht viel finden, ich habe immer pflichtbewusst meine Maske getragen. Ich glaube es macht das Ministerium wild, dass sie noch keinen einzigen Muggel gefunden haben, der mich identifizieren kann für irgendeine Tat. Die Todesser halten alle dicht. Meine Maske habe ich dezent bei Bellatrix in der Wohnung deponiert, es hätte gut sein können, dass sie ihr gehört. Und deine Aussage, dass du im Endkampf keine Gräueltat von mir beobachten konntest, tut ihr Übriges. Ich untertreibe wohl noch, wenn ich sage, dass du über ein sauberes Maß an Talent verfügst, Severus. Du bist der wahre Drahtzieher mit allen Fäden in der Hand, besser als Voldemort und Dumbledore zusammen. Und dazu bist du so herrlich grau, nicht weiß, nicht schwarz, deshalb liebe ich dich."
Snape hatte Mühe diese unerwartete Liebeserklärung zu verdauen.
„Die Verhandlung lässt mir nicht wirklich viel Freiraum, geschweigedenn räumliche Möglichkeiten."
Malfoy krempelte seinen weißen Pullover nach oben und streckte Snape seinen Unterarm hin.
„Du weißt, was früher hier war, heute trage ich diese alberne magische Fessel, die mich an dieses Haus bindet. Ich frage mich wirklich, was besser ist... Nein, ich WEISS, was besser ist...", beendete er seinen Satz mit einem zynischen Lacher.
„Rotwein?", wieder lachte er nicht ohne dicke Portion Bitterkeit.
„Ohne deine Aussage könnte ich dir wohl kaum einen Rotwein anbieten sondern würde bereits in Askaban mit Dementoren turteln", sagte er.
„Ich hätte nicht gedacht, dass sie meiner Aussage einen Wert beimessen", entgegnete Snape.
Malfoy fuchtelte mit seinem Spazierstock und dirigierte Snape auf einen der beiden Sessel vor der riesigen Bücherwand, während er unbeirrt einen scheinbar sehr alten Rotwein zu entkorken begann und in zwei weite Rotweingläser eingoss.
„Weißt du, du bist der eigentliche Held des Endkampfes, das heißt, du warst der tragische Held, bis du beschlossen hast, von den Toten wieder aufzuerstehen. Du hast echte Jesusqualitäten. Vielleicht solltest du dich mal bei den Muggeln bewerben..."
Wieder dieser bittere Unterton, den Snape nicht ohne Besorgnis zur Kenntnis nahm.
„Auf das Leben, wie kurz oder lang es auch noch sein mag. Und nun erzähl mir, was dich zu mir führt. Was macht dein neues Leben denn? Du scheinst zumindest die bessere Startposition zu haben...", prostete er Snape zu.
Snape nippte kurz am Glas nur um es dann sofort wieder hinzustellen. Die Vertrautheit, die zwischen ihm und Malfoy bestand, irritierte ihn in diesem Moment. Sie waren auf der Seite Voldemorts so etwas wie Freunde gewesen. Obwohl Snape auf der sogenannten „Guten Seite" gekämpft hatte war er seiner Meinung nach moralisch nie weit von Malfoy entfernt gestanden. Sie kannten sich seit seiner Einschulung als Malfoy bereits im Abschlussjahr war und er hatte sich immer auf dessen Loyalität verlassen können. Es widerte ihn an, diese ausgerechnet jetzt in Zweifel ziehen zu müssen.
„Ich arrangiere mich...", kommentierte er.
Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, sich nach einem kurzen Gespräch auf die Toilette zurückzuziehen, um dort einige schwarzmagische Tests mit der Umgebung zu machen. Damit wollte er herausfinden, ob Hermine oder zumindest der Wiederkehr-Stein sich auf dem Gelände von Malfoy Manor befand. Doch seine Intuition leitete ihn auf einen anderen Weg, einen eher gryffindorschen.
„In Hogwarts wird ein Schüler vermisst", begann er direkt. Seine innere Uhr tickte und sagte ihm, dass er sich zwar Zeit nehmen musste, mit Malfoy zu reden, Hermine dabei aber nie aus den Augen verlieren durfte.
„Ist das nicht immer wieder vorgekommen, dass einer keine Lust mehr hat? Ich sage nur Weasley-Zwillinge. Und die haben nicht einmal einen Hehl daraus gemacht mit ihrem Feuerwerk", lachte Malfoy amüsiert.
„Es ist kein Chaot, es ist Hermine Granger."
„Wie, unser kleines Besserwisser-Schlammblut? Vielleicht ist ihr langweilig geworden, jetzt wo alle Abenteuer bestritten sind und sie nicht mehr neben dem Jungen-der-lebt prahlen kann. Außerdem, was geht dich das an, ist doch ein anderer Stall, oder? Nein, nein, da muss die alte Gryffindorschachtel McGonagall schon wieder um eines ihrer ach so reinen Schäfchen bangen."
Malfoy schien diese Nachricht zu belustigen, zu gerne erfreute er sich über die gryffindorschen Hogwarts-Probleme.
Snape schluckte einmal schwer, er hatte Lucius in seiner Wortwahl in Sachen „Schlammblut" korrigieren wollen, entschied sich dann aber doch dagegen.
„Sie ist entführt worden und trägt einen schwarzmagischen Gegenstand bei sich."
Malfoy versuchte einen langen Augenblick seine Sprache wiederzufinden.
„Miss Naseweis und Schwarzmagie? Hat Voldemort etwa doch noch was erreicht in Hogwarts? Da muss ich glatt etwas verpasst haben!"
Malfoy musterte Snape von oben bis unten.
„He, Sev, was ist los mit dir? Ich sehe da etwas in deinen Augen, dass ich da schon ziemlich lange nicht mehr gesehen habe... Sag mir nicht, dass es dir was ausmacht, ob die Kleine das Verschwinden übersteht oder nicht. Enttäusche mich nicht. Du bist zwar am Ende auf der guten Seite gestanden, aber wirklich gut warst du doch nie, Severus Snape, gib es zu", hauchte er beinahe zuckersüß und Snape wusste, dass er Recht hatte. Trotzdem ignorierte er Malfoys Frage.
„McGonagall versucht Hermine wiederzufinden. Wir haben nicht viel Zeit, sie bekommt kein Wasser. Ich bin hier um zu erfahren, ob du etwas damit zu tun hast."
Bei diesen Worten bohrten sich Snapes Blicke in die eisblauen Augen von Malfoy. Der legte seinen Kopf schief und zog zweifelnd eine Augenbraue hoch.
„Severus, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dieses Schlammblut von Granger entführt hätte. Bei Merlin, was soll ich mit ihr?", fragte Malfoy sichtlich entsetzt.
„Nenn sie nicht Schlammblut", schnappte Snape nun doch. Seine Stimme klang ernst und Malfoy spürte die Wichtigkeit der ganzen Angelegenheit. Sein Körper erstarrte einen Augenblick, als wolle er die Bedeutung von Snapes Worten einordnen.
„Severus, was ist los mit dir, hast du die kleine Evans damals nicht selbst so genannt? Warum trifft dich das so – hast du was mit Granger?"
Snape antwortete nicht.
„Das ist auch eine Antwort. Sag mal, du bist wahrlich anders heute..."
Snape sah ihm direkt in die Augen.
„Ich war IMMER anders, Lucius, das solltest du inzwischen wissen."
„Ja, in der Tat. Du hast uns alle jahrzehntelang zum Narren gehalten und sogar Voldemort. Du warst wirklich gut, ich habe dir alles abgekauft und dir ausnahmslos vertraut."
„Nie zu unrecht, oder?", antwortete Snape schlicht.
„Das ist wahr, selbst in deiner Doppelspiontätigkeit hast du es noch geschafft Draco aus allem rauszuhalten. Das werde ich dir nie vergessen und Narzissa schon gar nicht. Ich hoffe, das weißt du. - Ging es dir eigentlich jemals um Potter?"
Snape schüttelte den Kopf.
„Evans? Ich habe viel gelesen, im Tagespropheten stand die ganze Schmalzstory von dir und Evans ausgebreitet. - Und jetzt Granger? Mein Freund, mein Freund, du solltest dir mal einen Saft brauen, der dich immun macht gegen Gryffindor-Hexen... Du willst die Kleine, habe ich Recht? Ich kenne dich, Sev, komm, sag es mir, ich schweige wie ein Grab."
Malfoy begann wieder eines seiner Kommunikationsspielchen mit Snape zu treiben. Unter normalen Umständen hätte er dieses göttlich genossen und Lucius verbal zur Schnecke gemacht, doch er besann sich erneut auf das eigentliche Ziel.
„Sag es mir", bettelte Malfoy erneut und rollte dabei allwissend die Augen. „Wenn ich von der unwürdigen Herkunft absehe, muss ich dir auch noch zähneknirschend einen guten Geschmack attestieren. Weder Evans noch Granger sind hässliche Vögel."
„Hör endlich auf mit dieser Eulenkacke von Herkunft. Du weißt so gut wie ich, dass ich nicht reinblütig bin und dass Reinblütler wie Sirius oder Tonks eure ach so heilige Familienehre gründlich befleckt haben. Du bist mein Freund, Lucius, aber das werde ich nicht länger mit anhören. Zwischen Granger und mir ist einiges vorgefallen seit sie mich zurück geholt hat. Ich kann es nicht erklären und will es auch nicht. Aber ich will sie wiederfinden und ich weiß, dass das Kind eines Ex-Todessers oder Todesser-Sympathisanten sie entführt hat, denn sonst hätten die Schutzzauber in Hogwarts Alarm geschlagen."
Malfoys Oberkörper lehnte sich etwas zurück und er verschränkte die Arme vor sich. Die Standpauke von eben zeigte Wirkung. Das provokante Grinsen an Malfoys Mundwinkel war verschwunden.
„Daher weht der Wind, deshalb hast du mich also verdächtigt. Hör zu, Severus, in meinem Kopf spielt sich seit Wochen nur der Prozess ab, ich könnte mir Vieles vorstellen, aber kleine Grangers zu entführen gehört beileibe nicht dazu, tut mir Leid. Und auch von Draco habe ich nichts Derartiges gehört. Du kannst mir glauben oder nicht, meinetwegen mach einen Spaziergang durch meine Gedanken, oder gib mir eine Tasse Veritaserum - ich habe Vieles vor Vielen zu verbergen, aber nichts vor dir, mein Freund."
Stille. Die messerscharfen Worte von Malfoy hatten gesessen. Einen Moment sahen sich die beiden Männer eindringlich an, es war wie ein optisches Abtasten des Gegenübers. Snape musste zugeben, dass Malfoys Ansprache bei ihm angekommen war.
„Severus, hör zu, wenn du Hilfe brauchst, dann sage es mir. Granger steht zwar nicht gerade auf meinen Top 10 für rettungswürdige Zauberer und Hexen, aber wenn es dir hilft, sage mir, was ich tun kann."
Snapes Gesichtszüge entspannten sich und Malfoy löste seine Arme aus seinem Klammergriff.
Snape stand auf und Malfoy folgte ihm.
„Strecke deine Fühler aus in der Szene. Du verfügst bestimmt noch über interessante Kontakte. Es bleibt uns wenig Zeit, ich schätze zwei weitere Tage. Außerdem gibt es noch zwei Gegenstände, die der Entführer von Potter erpressen will und bevor du fragst, ich kann dir keine Details zu den Dingen geben."
„Ich werde einige Briefe nach Askaban zu verschiedenen Leuten schicken", verkündete Malfoy. Leider bin ich an das Haus gebunden, sonst könnte ich vermutlich mehr tun."
„Danke, Lucius."
