Zwei Patienten
„Ruhe, ich will einfach nur Ruhe, bitte Poppy, schaffe sie alle hier weg, sofort", flehte Hermine immer noch mit schwacher Stimme Hogwarts Medihexe an.
„Bitte verlassen Sie alle sofort das Krankenzimmer. Auch wenn momentan keine weiteren Behandlungen anliegen, die beiden brauchen absolute Ruhe. Hier entlang bitte."
Poppy schob Harry, Ron und McGonagall energisch zur Tür.
Endlich herrschte Ruhe. Poppy war ebenfalls verschwunden.
Hermine drehte sich auf die Seite und sah direkt in Snapes Augen. Er lag ebenfalls auf der Seite und ihr zugewandt. Eine Weile lang sahen sie sich einfach nur an, die Stille genießend.
„Ich bin so froh, dass Malfoy aufgetaucht ist. Wie hast du das nur geschafft, Severus?", durchbrach Hermine dann doch das Schweigen. Jedes Wort kostete sie Kraft die sie noch bei weitem nicht besaß und trotzdem dachte sie keine Sekunde daran jetzt in einen Tiefschlaf zu verfallen. Es war das erste mal, dass sie und Snape beide wach und alleine waren seit der Rettung.
„Ich habe Lucius eine Nachricht geschickt, kurz bevor wir zu Trevor appariert sind. Er wusste wo wir sind. Eigentlich dachte ich, er informiert lediglich das Ministerium, schließlich war er magisch an sein Haus gebunden. Aber entweder er hat den Braten gerochen, dass Trevor nur mit schwarzer Magie zu bezwingen war, oder er nutzte die Gelegenheit, um sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen."
„Ich habe ihn jahrelang gehasst. Nie hätte ich gedacht, dass er einmal mein Leben retten würde."
„Ja, er kann ziemlich überzeugend sein in allem was er tut, wenn er will", sagte Snape.
„Ich habe am Schluss nicht mehr daran geglaubt, dass wir gerettet werden, Severus." Hermines Stimme zitterte, als ein ganzer Berg frischer Erinnerungen über sie hereinbrach.
‚Ich auch nicht, aber ich war froh, sie noch lebend gefunden zu haben. Und ich hätte damit leben können in ihren Armen zu sterben', dachte er, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Im selben Augenblick ohrfeigte er sich für seine Gedankengänge. Bei Merlin, hatte Poppy ihm Veritaserum statt Schmerzmittel verpasst? Er stand oder besser lag völlig neben sich. Das letzte was er jetzt wollte, war es, in Hermine neue Sehnsucht zu schüren. Die Entführung hatte alles verändert. Es war nicht der Überfall an sich, der den Unterschied machte, es waren die wenigen Sätze von Trevor gewesen, die alles zerstört hatten. Vielleicht musste er Trevor auch noch dankbar sein. Dieser alte Bastard hatte Hermine definitiv die Augen geöffnet über seine Vergangenheit. Ihm war das nicht ansatzweise gelungen. Es war an der Zeit die lächerliche Romantik zu beenden, die für einige Tage in sein Leben geplatzt war und es beherrscht hatte. Er hatte Hermine nicht verdient, diese Tatsache hatte sich ihm schon die ganze Zeit über ins Bewusstsein gebohrt wie eine giftige Dorne. Doch irgend etwas hatte sich in ihm an den dünnen Strohhalm geklammert, dass er sie trotzdem haben würde. Er konnte es einfach nicht verantworten. Ihre Seele war reiner als alles war ihm bisher begegnet war. Wie hatte er sich überhaupt dazu hinreißen lassen können, sie beschmutzen zu wollen.
„Hermine, das was Trevor gesagt hat...", begann Snape zögerlich. Hermines gefühlvoller Blick erstickte jedes weitere Wort in seiner Kehle.
„...ist die Wahrheit, richtig?", beendete Hermine den Satz tapfer.
„Ja, es ist wahr. Ich werde auf jegliche Versuche verzichten, die Umstände zu erklären oder die Taten entschuldigen zu wollen, denn es gibt keine Entschuldigungen für das, was ich getan habe. Voldemort hat mich oft speziell für Gewalttaten vorgesehen, da er mir jahrelang misstraute. Auf diese perverse Art und Weise versuchte er, mich über die Klinge springen zu lassen. Trotzdem hätte ich jederzeit gehen können."
„Dann hätten sie dich getötet", flüsterte Hermine. Die Vorstellung, dass er auch Frauen Gewalt angetan hatte war für sie immer noch unvorstellbar. Immer wieder hallten die hasserfüllten Worte in Hermine nach ...Hat er dir gesagt, dass er reihenweise Frauen missbraucht und ermordet hat?... Sie schloss die Augen, als könnte sie das Bild von Trevor vor sich ausblenden.
„Ich hatte die Wahl und ich wählte das Weitermachen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich den größten schwarzen Magier aller Zeiten imstande war zu hintergehen. Ich habe es mit Bravour erledigt. Jedes Mal empfand ich Genugtuung, wenn er mir wieder einmal eine meiner Lügen abgekauft hatte. Ich habe meine Seele dafür verkauft, Hermine."
Snapes Stimme klang sachlich, gefühllos, als würde er sein eigenes Leben für eine Reportage kommentieren.
„Ich hatte mein Ziel und ich habe es erreicht. Der Preis dafür ist, dass ich mir nie wieder in den Spiegel sehen kann. Und ich weiß nicht, wie du es schaffen konntest, dass ich DIR in die Augen sehen konnte." Snape sah Hermine so eindringlich und ernst an wie nie zuvor.
„Es ist auch für DICH anders, jetzt da du es gehört hast, habe ich Recht?", fragte Snape und spürte, wie in ihm Stück für Stück eine Welt zusammenbrach. Er hatte es ihr immer gesagt, dass er Gräueltaten begangen hatte, aber sie hatte es immer erfolgreich verdrängt, weil es keine konkreten Beispiele oder Beweise gegeben hatte.
Tränen stiegen in Hermines Augen, die sie noch weiter schwächten.
„Severus, du hast mir nie verheimlicht, dass du Schlimmes getan hast. Trotz Trevors und deiner Worte fällt es mir immer noch schwer, dich in dieser Rolle zu sehen. Deshalb haben sich aber meine Gefühle für dich nicht in Luft aufgelöst."
Snape schloss für einen Moment die Augen um Kraft zu sammeln für das was er nun zu tun gedachte.
„Hermine, wie wird es sein, wenn ich dich das nächste Mal berühre. Wirst du nicht unweigerlich daran denken, dass du dich mit einem Gewalttäter und Mörder eingelassen hast? Wirst du mir jemals wieder vollkommen vertrauen können? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es meilenweit davon entfernt ist richtig zu sein. Du hast mich einige Augenblicke lang glauben lassen, ich sei ein normaler Mensch – ein normaler Mann. Dafür danke ich dir. Aber es gibt keine Zukunft für uns, Hermine."
Snape drehte sich unter höllischen Schmerzen auf den Rücken, um Hermine nicht länger in ihre feuchten warmen Augen sehen zu müssen.
„Severus, bitte sieh mich an, du brichst mir das Herz, wenn du dich jetzt, nach allem was geschehen ist von mir abwendest."
„In deinem Alter heilt ein gebrochenes Herz wieder, Hermine", antwortete er mit schmerzverzerrter Stimme. Er wusste nicht, ob die physischen oder psychischen Schmerzen in diesem Moment unerträglicher waren.
„So wie dein Herz wegen Lily geheilt ist? Du warst damals kaum älter als ich jetzt Severus. Du weißt am besten, was es heißt, zu lieben."
„Gehe deinen Weg, Hermine, und lass mich in Frieden."
Seine eigenen Worte versetzten ihm einen tiefen Stich in die Brust. Er würde niemals wieder in Frieden leben können, wenn sie sich von ihm abwandte.
Hermine schluchzte. Sie spürte, dass er sich nicht wieder zu ihr umdrehen würde.
Als sie am morgen aufwachte stellte sie fest, dass Snape nicht in seinem Bett lag. Ehe sie sich größere Sorgen machen konnte, stand Poppy vor ihr und reichte ihr die morgendliche Dosis an Heiltränken.
„Der alte Sturkopf, er hat darauf bestanden, entlassen zu werden. Dabei konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Ich musste ihn sogar in den Keller begleiten. Aber so ist er, so war er schon immer, auch wenn er von den Todessertreffen zurückgekehrt ist. Sobald er sich auf seine beiden Füße stellen konnte war er weg."
Er hatte sich aus dem Staub gemacht, um ihr nicht länger in die Augen blicken zu müssen. Diese Tatsache verletzte sie auf eine Weise wie sie es noch nie erlebt hatte. Wieder einmal rannte er vor ihr weg. Sie hatte geglaubt, dass er das nie wieder tun würde.
„Und nun bringe ich dir etwas Handfestes zu beißen. Du solltest heute zum ersten Mal wieder feste Nahrung zu dir nehmen können", versuchte Poppy Hermines Stimmung etwas aufzuhellen.
„Ich habe keinen Hunger."
Hermine wachte von Stimmen auf, die aus Poppys Labor herausdrangen.
„Sie schläft, komm nachher wieder", hörte sie Poppy fauchen.
„Ich MUSS aber endlich zu ihr!"
In diesem Moment stürmte Ron herein und Hermine schloss die Augen. Sie wusste, dass dieses Gespräch kommen musste, aber nichts desto trotz hatte sie keine Lust dazu.
„Hallo Hermine, wie geht es dir?"
„Ich bin auf dem Weg der Besserung, danke."
Ron setzte sich voller Elan auf den Bettrand und nahm Hermines Hand in seine.
„Hermine, hör zu. Als du entführt warst und ich nicht wusste, ob ich dich je wiedersehen würde – es war grauenvoll! Du bedeutest mir immer noch sehr viel. Können wir es nicht einfach noch einmal miteinander versuchen? Ich liebe dich immer noch."
Voller Erwartung blickte Ron in Hermines Augen. Er schien tatsächlich zu glauben, dass alles wieder gut werden könnte. Hermine entzog ihm ihre Hand
„Ron, es würde nicht gut gehen. Wenn mir eines klar geworden ist in den letzten Wochen, dann das, dass wir nicht für einander gemacht sind. Wir sind so unterschiedlich wie wir nur sein können. Du interessierst dich für Quidditch, träumst von einer Familie, einem Häuschen hier in der Nähe..."
„Was ist daran so falsch, wenn man sich liebt?", fragte Ron verständnislos.
„Nichts ist daran falsch, aber Ron, ich liebe dich nicht. Ich liebe dich als Freund, aber ich würde dich niemals glücklich machen als Partnerin. Du weißt, dass Wissen für mich alles bedeutet, ich möchte studieren und vielleicht in die Forschung gehen. Es kann sein, dass ich nie eine Familie haben werde."
Rons Mine verfinsterte sich.
„Hat Snape etwas damit zu tun?"
„Ron, mit Professor Snape kann ich fachliche Gespräche führen wie sonst mit niemandem in ganz Hogwarts und das tut mir unendlich gut, verstehe doch."
„Will er nicht mehr von dir als „fachliche Gespräche"?", giftete Ron. Die Eifersucht war wieder einmal in ihm entflammt.
„Bist du immer noch eifersüchtig? Meine Beziehung zu Snape ist rein fachlich, auch wenn wir uns durch die ganzen Erlebnisse der letzten Monate auch privat sehr gut verstehen. Ich durfte ihn auf eine Art und Weise kennen lernen, wie es im Unterricht niemals möglich gewesen wäre. Außerdem haben wir uns gegenseitig das Leben gerettet, das verbindet einfach."
„Ich weiß nicht, ob ich es kann, Hermine – nur Freunde sein."
Damit stand Ron auf und verließ das Zimmer.
Den ganzen Tag hoffte Hermine, Snape würde sie besuchen, doch ihre innere Stimme sagte ihr, dass er wieder einmal die Distanz gewählt hatte und er sich vermutlich auch in 100 Jahren nicht mehr dazu bewegen lassen würde, bei ihr vorbei zu kommen. Sie hätte heulen können, doch ihr fehlte momentan sogar die Kraft für Tränen.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Hermines Gryffindorfreunde gaben sich die Klinke in die Hand, manchmal wäre sie froh gewesen, es hätten sie alle einfach in Ruhe gelassen.
Am Donnerstag Nachmittag stand ohne Ankündigung plötzlich Professor McGonagall im Zimmer. Die Tür zu Poppys Labor stand einen Spalt weit offen und man konnte hören, wie Poppy bei einem schreienden Sechstklässler eine Quidditchverletzung verarztete.
„Professor McGonagall, kommen Sie herein", sagte Hermine und fühlte sich plötzlich ungewohnt geborgen durch die Anwesenheit ihrer Hauslehrerin. Vielleicht lag es daran, dass sie älter war als all ihre Freunde und vermutlich auch weniger Vorurteile gegen Snape hatte als Ron, Harry und Ginny.
„Hallo Hermine. Poppy sagte mir, dass du morgen entlassen wirst und der Albtraum ein Ende hat."
McGonagall setzte sich auf einen Stuhl neben Hermines Bett und sah sie voller Mitgefühl an. Einen Moment lang schwiegen beide und doch sagten diese Blicke mehr als 1000 Worte. Das Verständnis und Wärme in McGonagalls Augen schien sich nicht nur auf Hermines bloße Entführung zu beziehen, das konnte Hermine deutlich spüren.
„Severus hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um dich zu finden, Hermine. Ich habe ihn noch nie so... – so emotional berührt erlebt. War er schon hier, seit er in den Keller geflüchtet ist?", fragte McGonagall.
Hermine schüttelte den Kopf.
„Möchtest du ihn sehen?"
„Ja."
„Ich kenne Severus seit seiner Kindheit, Hermine. Ich kann an seinen Augen ablesen, dass er sehr viel für dich empfindet. Aber er ist ein Sturkopf und würde es sich niemals eingestehen."
Hermine war geschockt über McGonagalls Offenheit, aber gleichzeitig auch gerührt, dass ihre Hauslehrerin ihr keine Szene machte, sondern in diesem Moment einfach nur für sie da war. Sie war die Einzige, die spürte, was zwischen ihr und Snape war und sie darin auch noch unterstützte.
„Er bedeutet mir sehr viel – mehr als viel. Aber er will meine Gefühle nicht zulassen weil er glaubt, dass er mich nicht verdient. Wir waren uns so nah vor der Entführung und jetzt? Trevor hat alles zerstört."
Hermine kämpfte gegen ihre Tränen.
„Ich wünsche mir nichts mehr als dass er mich einfach in die Arme nimmt. Ist das so falsch?", schluchzte sie.
McGonagall stand auf und setzte sich zu Hermine aufs Bett.
„Nein, meine Liebe, das ist mehr als richtig was du empfindest. Auch wenn ich als Schulleiterin nichts von dem hier gutheißen kann, als Mensch erhaltet ihr von mir jede Unterstützung, die ihr euch denken könnt. Severus ist ein Dummkopf, dass er sich nicht längst für dich entschieden hat. Jemanden wie dich wird er nie wieder finden. Aber die Liebe kann manchmal etwas kompliziert sein... Wenn ich Severus sehe, werde ich ihn zu dir schicken. Und auch wenn du entlassen wirst, ruhe dich weiterhin aus, Hermine, versprichst du mir das? Hermine nickte. McGonagall ging ins Labor, wo Poppy gerade Snape eine lange Spritze in den rechten Arm rammte, dass der schmerzverzerrt das Gesicht verzog.
„Oh, hallo Severus", säuselte McGonagall überrascht, als hätte das Schicksal Severus vor ihr heraufbeschworen. Sie trat vor ihn und kreuzte autoritär die Arme.
„Wenn du dich weiterhin weigerst mit Hermine zu sprechen werde ich dir heute Abend beim Essen dermaßen die Leviten lesen, dass du dir wünschst, Voldemort würde noch leben! Das kann ja kein Mensch länger mit ansehen, wie absurd du dich verhältst!"
Mit diesen energischen Worten im Schulleiterton drehte sie Snape schwungvoll den Rücken zu und verließ das Labor. Snape hatte vieles von dem gehört, was McGonagall und Hermine gesprochen hatten. Bis Poppy den Hufflepuff verarztet hatte und ihn mit der Spritze malträtierte, hatte er an die Wand gelehnt gestanden und beiläufig gelauscht. Er vermisste Hermines Stimme und auch, sie einfach nur anzusehen. Seit Tagen hatte er sie nicht gesehen und das hatte er sich ausschließlich sich selbst zuzuschreiben. McGonagall schien Recht zu haben, er war ein Idiot.
„So, das war es wieder für heute. Morgen noch einmal und dann solltest du wieder auf dem Damm sein", unterbrach Poppy Snapes Selbstbeschimpfungen.
Abwesend krempelte er seinen Ärmel hinunter. Dann ging er hinüber zu Hermines Zimmer.
Wissentlich, dass man im Labor alles hören konnte, gab er der Tür einen Tritt bis sie ins Schloss fiel.
„Severus!", stammelte Hermine völlig überrascht.
„Hermine, ich..."
„Bitte komm her."
Snape näherte sich ihrem Bett, behielt aber einen Sicherheitsabstand bei.
„Ich hätte nicht einfach verschwinden dürfen. Trotzdem stehe ich zu dem, was ich gesagt habe, Hermine."
„Du schuldest mir noch eine Verabredung", brachte Hermine nur mit Mühe hervor. Sie ertrug diese körperliche Distanz zu Snape einfach nicht.
„Warum kannst du mich nicht einfach in den Arm nehmen?"
Weil du mit der kleinsten Berührung meine Welt zum einstürzen bringst, dachte er. So irrational es auch war, er konnte ihr die Verabredung nicht verweigern, sie hatten einen Deal gehabt.
„Wann wirst du entlassen?"
„Morgen früh."
„Morgen Abend, 20 Uhr?"
„Erwarte nicht zu viel von mir, Hermine", sagte er mit ernster Mine und verschwand.
