Kapitel 7:
Aurora konnte schon nach wenigen Minuten, die sie auf den Berg zugelaufen war, die alten Nord Bauwerke erkennen. Einige Steinbögen schwangen sich von Fels zu Fels und boten einen imposanten Anblick. Allerdings musste sich der Großteil der Ruine im Berg selber befinden. Sie war schon einmal mit Farkas in einer solchen Ruine gewesen. Damals hatte sie erfahren, dass die Mitglieder des Zirkels Werwölfe waren.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie eine Treppe, die sich auf der linken Seite der Straße den Berg hinauf wand.
„Ich denke über diese Treppe, müssten wir zu einem Eingang gelangen", sagte Onmund, machte aber keine Anstalten die Führung zu übernehmen.
Aurora nickte stumm und begann die Treppe empor zu steigen. Sie schaute nach links, den Berghang nach unten und konnte Falkenring sehen. Trotz der Entfernung zur Stadt, konnten Auroras Vampiraugen die Menschen sehen, die sich durch die Stadt bewegten. Ihre Sinne waren so klar wie noch nie. Sie spürte jeden Windhauch, hörte jedes Blatt in den Bäumen rascheln und sah jede Nadel an den Fichten auf der anderen Seite des Tals. Sie konnte nicht leugnen, dass sie fasziniert war, von ihren neuen Fähigkeiten.
Ein plötzliches Geräusch auf ihrer rechten Seite ließ Aurora aus ihren Gedanken aufschrecken. Ein lauter Aufschlag von Stein auf Stein und dann ein unnatürlich klingendes Gurgeln.
Draugr.
In einer schnellen Bewegung drehte sich Aurora zu dem nun offenen Sarg um und zog ihre Klinge aus der Scheide. Gerade noch rechtzeitig brachte sie ihre Klinge nach oben um den Schlag des Draugr zu blockieren. Das frische Blut, das durch ihren Körper floss, verlieh ihr die Kraft das Schwert des Draugr mit ihrer eigenen Klinge aus seiner Hand zu schlagen und ihn anschließend mit ihrer freien linken Hand zu sich her zu ziehen und ihn über das Geländer der Treppe zu werfen. Mit einem gurgelnden Geräusch stürzte die Kreatur in ihren Tod.
Ohne dem Draugr einen Blick nach zu werfen setzte Aurora ihren Weg fort. Sie spürte, dass Onmund ihr folgte, sie konnte seinen Herzschlag hören und seine Körperwärme spüren.
Eine weitere Treppe führte zu ihrer Rechten den Berg weiter nach oben. Am oberen Ende war eine alte Türe zu erkennen. Die Muster darauf erinnerten Aurora an einen Adler oder einen Drachen. Mit gezogener Waffe, machte sie sich auf den Weg nach oben.
Ein weiterer Draugr stürmte plötzlich von links auf sie zu, dieses Mal hatte sie ihn aber rechtzeitig bemerkt, und konnte ihn direkt mit einem gezielten Stich in den Hals töten.
„Sieht so aus, als kämen wir durch diese Türe hinein", stellte Onmund fest.
„Ihr habt ein wirkliches Talent, das Augenscheinliche festzustellen", antworte Aurora ihm mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
Die schweren Türflügel ließen sich erstaunlich einfach aufschieben, so als würden sie regelmäßig benutzt. Vielleicht hatte der Magier ja Recht und hier lebten Vampire. Vielleicht würde sie endlich erfahren, was sie war.
Ein starker Wind wehte ihnen entgegen. Hinter der Türe erstreckte sich eine kleine Halle, in deren Mitte eine große, dicke Steinsäule stand und das Gewölbe trug. Über die gesamte Breite des Raumen führten Stufen nach unten, die schließlich am Ende der Halle in einen Gang mündeten.
Vorsichtig begann Aurora sich nach unten zu bewegen.
„Seid vorsichtig, diese Ruinen sind voller Fallen und versteckten Mechanismen", flüsterte sie ihm zu.
Als sie sich dem Ende der Halle nährten, befand sich die Türe, durch die sie gekommen waren, etwa zehn Meter über ihnen. Der Gang in den sie eingetreten waren, war schmal und niedrig. Er wirkte mehr wie eine Höhle als eine Ruine. Nach einigen Biegungen tauchte eine Steinwand vor ihnen auf. Onmund trat vor und bewegte sich auf die Wand zu. Er schaute sie sich an und drehte sich enttäuscht zu Aurora um.
„Sieht so aus, als wäre das eine Sackgasse", begann er zu reden.
Was er sonst noch alles sagte, hörte Aurora nicht mehr, sie war nun ebenfalls an die Wand herangetreten und fuhr mit der Hand über das Gestein. Plötzlich bewegte sich die Wand und verschwand in den Boden. Hinter der Wand war eine weitere kleine Halle zu sehen.
Zögerlich trat Aurora durch die Öffnung und schaute sich um, auf der linken Seite öffnete sich ein weiterer Gang. Auf der rechten Seite, erstreckte sich die Halle bis um eine Ecke, dort versperrte einen Türe den Weg.
„Wir gehen nach rechts", sagte Aurora, „Rechts führt nach oben. Außer dem kommt aus dem linken Gang der Geruch von frischem Blut".
„Wie ihr wollt, ich werde euch folgen".
Die Türe war, zu Auroras Erstaunen, nicht verschlossen und ließ sich ohne Probleme öffnen. Eine Treppe führte nach oben und öffnete sich in eine riesige Halle. Der Weg führte auf der linke Seite der runden Halle auf die andere Seite. Auf der rechten Seite des schmalen Steges, ging es etwa hundert Meter in die Tiefe. Andere Stege, waren in der Tiefe zu erkennen, auf ihnen liefen einige Skelete umher und patrouillierten. Offenbar, gab es hier wirklich Vampire, oder zumindest andere Totenbeschwörer.
Als sie auf der anderen Seite der Halle angekommen waren und den dort beginnenden Gang betreten hatten, stellte sie fest, dass der Weg versperrt war. Ein großes eisernes Tor blockierte den Weg. Langsam machte sich Aurora auf den Weg um sich das Tor genauer anzusehen. Vorsichtig legte sie eine Hand an eine der Gitterstreben, aber nichts geschah. Mit beiden Händen umfasste einen Stab und versuchte ihn zu bewegen, nicht tat sich.
„Ich habe ihr einen Schalter, vielleicht öffnet er das Tor", sagte Onmund.
„Nicht anfassen", rief Aurora, doch da war es schon zu spät.
Das Tor öffnete sich, erleichtert drehte sie sich zu Onmund um ihm zu sagen, dass er kommen konnte. Da schossen plötzlich Feuerstrahlen aus dem Boden. Nur mit einem großen Sprung rückwärts, der sie durch das immer noch offene Tor beförderte, konnte sie den Flamen ausweichen. Mit einem harten Schlag, stieß sie sich den Kopf am Torbogen und landete nur wenige Meter hinter dem Tor auf dem Rücken. Der letzte Strahl hatte sie am Arm getroffen, aber dank ihrer Lederjacke keinen Schaden verursacht.
Als sie sich erhob, fasste sie sich an den Hinterkopf und stellte fest, dass sie blutete. Sie konnte sehen, wie Onmund sich vorsichtig zwischen den Flamen hindurch schob und zu ihr kam.
„Macht das nie wieder", fauchte sie ihn an und zeigte ihre Fangzähne.
Onmund schaute verängstig zu Boden und sagte nichts.
„Konzentriert euch, ich kann einen mächtigen Vampir spüren, er ist ganz nah. Und da ich ihn spüren kann, weiß er wahrscheinlich auch, dass wir hier sind", sagte Aurora in sanfterem Ton.
Onmund nickte ihr zu und sammelte Magica in seiner Hand. Aurora zog ihr Schwer aus der Scheide und begann sich auf die Türe zuzubewegen, die den Blick in den nächsten Raum versperrte.
Mit einem gezielten Tritt auf das Schloss, flog die Türe auf und gab den Blick auf eine weitere Halle frei. Ein Podest, war in der Mitte zu sehen. Ein alter Vampir stand dahinter und lächelte sie an.
„Ah, ich sehe, wir haben Besuch", sagte er mit betont freundlicher Stimme, „Sagt, was wollt ihr hier?".
„Ich möchte erfahren, was ich bin", antwortet Aurora ihm.
Sie konnte sehen, wie sein Blick zu einem Buch wanderte, das vor ihm auf dem Podium lag.
„Ah, es tut mir leid, ich fürchte, wir können keine Vampire in unser Reihen aufnehmen, die erst so kürzlich verwandelt wurden wie ihr".
Sie konnte spüren, dass er sich bereit machte um sie anzugreifen. Ohne lange darüber nachzudenken, sprang sie ohne große Mühe die zwanzig Meter, die sie von dem andern Vampir trennten und landete vor ihm sanft auf ihren Füßen. Ein erschrockener Blick zeichnete sich in seinen Augen ab, dann griff er an. Seine Magie war stark, aber konnte Aurora nichts anhaben. Sie spürte, wie er versuchte ihre Lebensenergie zu absorbieren. Sie dachte daran, wie praktisch es wäre ihn auf dieselbe Art und Weise anzugreifen, da begann in ihrer linken Hand ein rötliches Licht zu glühen.
Sie streckte die Hand in seine Richtung aus und stellte sich vor, dass seine Energie auf sie übertragen wurde.
Zu ihrer Überraschung, fühlte sich die Magie an, wie vollkommen normale Zerstörungs-Magie. Es dauerte nicht lange, da war der Vampir-Meister vor ihr so geschwächt, dass es ein leichtes für sie war, in mit einem gezieltem Schlag zu enthaupten. Sein Körper zerfiel vor ihren Augen zu Asche und wurde durch den immer noch starken Wind verweht. Zurück blieb nur die leere Rüstung, die er getragen hatte.
Sie drehte sich zu dem Podest um und schaute sich das Buch, das darauf lag, näher an.
Opusculus Lamae Bal
Lamae Bal, was kam ihr an diesem Namen bekannt vor? Lamae Bal. Mit einem Schlag erinnerte sie sich wieder. Lamae Beoflag der erste Vampir, ihre Mutter hatte ihr einmal von ihr erzählt. Zufrieden etwas gefunden zu haben, was ihr vielleicht etwas Auskunft geben konnte, steckte sie das Buch ein. Den Stab hatte sie noch nicht gefunden, also setzte sich Aurora wieder in Bewegung.
Am Ende der Halle, die ansonsten leer war, erhob sich eine Wendeltreppe aus Holz in einen Schacht, der nach oben führte. Nach mehreren Minuten die sie schweigend nach oben gestiegen waren, erreichten sie eine weiter Halle. Ein breiter Weg führte durch sie hindurch und endete vor einer großen Steinwand, die mit seltsamen Zeichen beschrieben war.
Links und rechts des Weges erhoben sich stilisierte Drachenköpfe und flankierten sie auf dem Weg vor die Wand. Ein steinerner Sarkophag stand vor der Wand und öffnete sich, als sie näher kamen. Ein Draugr stieg daraus hervor und begann sie anzugreifen.
Als Aurora sich der Wand nährte um den Draugr zu attackieren, begann sie ein flüstern in ihrem Kopf zu hören, mit jede Schritt auf die Wand zu wurde es lauter und deutlicher.
GRAH.
Sie spürte, wie sich ihre gesamte Konzentration auf die Wand verlagerte. Eine unbeschreibliche Kraft durchlief sie. Als der Draugr sein Schwer hob, um auf sie einzuschlagen, schnellte ihre Hand vor und brach ihm mit einer schnellen Bewegung das Genick.
GRAH.
Plötzlich begannen blaue Lichtfäden von der Wand auszugehen und zogen sie scheinbar noch weiter an. Aurora legte eine Hand auf das nun leuchtende Wort auf der Wand. Sie konnte es nicht lesen, doch wusste sie, was es bedeutete.
GRAH. Schlacht.
Sie spürte tief in sich, dass sie dieses Wort nie wieder vergessen würde.
„Ich hab ihn gefunden", rief Onmund ihr zu und hielt den Stab in die Luft.
