Kapitel 12:

Nach etwa einer halben Stunde konnte Aurora sehen, dass sie sich einer Ruine nährten. Offensichtlich waren die Bauwerke nicht von menschlicher Hand erbaut worden. Die vollkommen glatte Oberfläche der immer noch stehenden Gewölbebögen war wie nichts, was Aurora je gesehen hatte.
Als sie neben einer großen Säule stand, streckte sie die Hand aus und legte sie auf den Stein. Er war noch glatter, als sie erwartetet hatte. Nur mit Mühe konnte sie die Spalten zwischen den einzelnen Steinen spüren.

„Konzentriert euch", hörte sie Marcus sagen.

Er begann eine Treppe hinunter zu gehen, die sich um eine große runde Säule in den Boden wand. Nach etwa einer Umdrehung standen sie vor einer Türe, die Sauber in den Stein eingelassen war.

Als Marcus seinen Dolch aus der Scheide am Gürtel zog und die Türe langsam aufdrückte, zog Aurora ihr neues Schwert von seinem Platz auf ihrem Rücken und folgte ihm in die Ruine.

Der unterirdische Teil des alten Elfenbauwerks war deutlich besser erhalten als die Bauten an der Oberfläche. Mit Erstaunen sah sie, wie Marcus sich wie ein Schatten durch die Dunkelheit bewegte. Sie hatte Probleme ihm mit den Augen zu folgen. Offenbar war er ein Meister darin sich lautlos zu bewegen.

Sie spürte den ersten Vampir, bevor sie ihn sah. Aber noch bevor sie reagieren und ihn angreifen konnte, hatte Marcus sich von ihrer Seite gelöst und dem Vampir mit den bloßen Händen den Kopf von den Schultern gerissen. Schauernd schaute Aurora zu, wie er den toten Körper langsam zu Boden legte, um keine Geräusche zu verursachen.
Marcus war gefährlicher als sie gedacht hatte. Sie nahm sich vor, ihn niemals zu verärgern.

Die nächsten beiden Vampire, fanden sie in einer großen Halle. An der Decke hingen Kronleuchter die mit Seelensteinen beleuchtet waren. Das bläulich kalte Licht lies die Halle im Halbschatten erscheinen.
In dem Moment, den Aurora genutzt hatte um sich umzusehen, hatte Marcus bereits beide Vampire getötet. Dem einen der beiden steckte ein großer Eisbolzen aus der Brust und der zweite hatte eine aufgeschlitzte Kehle.

„Passt auf und seht mir zu", wurde sie von Marcus ermahnt.

Nach zwei weiteren Hallen, die bis auf einige Skeever leer waren, befanden sie sich nun in der zweiten Ebene des Komplexes. Eine enge Treppe hatte sie nach unten gebracht.

Die Räume in dieser Ebene waren allesamt deutlich kleiner gehalten als die großen Hallen weiter oben.

„Na los, geht vor", sagte Marcus und nickte in die Richtung in die der Gang in der Dunkelheit verschwand.

Aurora umfasste den Griff ihres Schwertes fester mit der Hand und schlich langsam weiter den Gang nach unten. Sie spürte Marcus ein Stück hinter sich und unterdrückte den Drang sich umzudrehen um zu sehen ob ihr folgte.
Sie hatte sich selber nie als ängstlich eingeschätzt, aber die unheimliche Gnadenlosigkeit und Effizienz mit der Marcus getötet hatte, hatte sie verunsichert. Sie war sich sicher, dass Marcus sie nicht ausbildete um ihr zu helfen, sondern dass er seine eigenen Ziele verfolge.
Sie gelangte in einen weiteren Raum, ein kleiner Altar war dort aufgebaut und eine blutige Leiche lag auf ihm.
Schnell schaute Aurora sich um und entdeckte einen den ersten Vampir auf einer abgebrochenen Säule sitzend. Sie zog ihren Dolch aus der Scheide am Oberschenkel und warf ihn mit all ihrer Kraft dem Vampir entgegen.

Sie konnte höheren, wie er flog und sich schließlich mit der Klinge in die Brust des Zieles senkte. Mit einem lauten Schlag traf der Körper auf dem Boden hinter der Säule auf.
Nur einen Moment später sprang ihr der zweite Vampir aus einem Gang über ihr entgegen. Ihr Schwert, was sie noch in ihrer linken Hand hielt, wurde ihr entrissen und viel zu Boden.
Sie konnte einen kurzen Blick in das Gesicht ihres Angreifers werfen, bevor dieser er sie mit einem mächtigen Schwung seiner Klauen attackierte.

Sein Gesicht war eine Maske des Wahnsinns. Aurora wusste nicht was ihn so zugerichtet hatte, aber wenn sie raten müsste war es der Hunger.

Geschickt wich sie ihm aus und zog ihre Malachitklinge. Mit einer geschmeidigen Drehung und einem gezieltem Stich des Schwertes wich sie dem Angriff aus und stach dem anderen Vampir in die Brust. Ihr Gegner taumelte nach hinten, diesen Moment der Schutzlosigkeit nutzte sie aus und schlitzte ihm den Hals auf. Mit einem gurgelndem Geräusch brach er in sich zusammen und blieb tot am Boden liegen.

Aurora schaute sich langsam um. Sie musste sich eingestehen, die Anwesenheit der Vampire nicht hundertprozentig gespürt zu haben, aber jetzt spürte sie, dass nur noch Marcus und sie übrig waren.

"Gar nicht schlecht", sagte Marcus und lächelte sie an, "Wir sollten uns auf den Rückweg machen. Alle Fragen die ihr habt, könnt ihr mir dann stellen".

Die frische Luft außerhalb der Ruine war wunderbar. Inzwischen waren die Wolken aufgerissen und die Sterne schienen hell vom Himmel hinab. Aurora spürte einen schmerzhaften Stich von Heimweh durch sie zucken. Aber sie musste beim Anblick der Sterne auch lächeln. Sie würden die gleichen bleiben, für immer.
Der Gedanke immer noch dieselben Sterne zu sehen, wie damals als kleines Kind von Weißlauf aus gab ihr ein gutes Gefühl.

Der Rückweg war zuerst ruhig, aber Marcus brach das Schweigen schließlich.

"Ihr müsst Fragen haben. Na los, haltet euch nicht zurück".

Nach einem Moment antwortete Aurora ihm.

"Erzählt mir mehr über die Magie, die ich als Vampir wirken kann".

"Vampire haben eine natürliche Begabung für Zerstörungsmagie, insbesondere die kalte Form dieser Schule. Ihr werdet merken, dass es euch deutlich leichter fallen wird, einen Eiszauber zu wirken als einen Feuerzauber. Außerdem gibt es noch den einen Zauber, den nur Vampire beherrschen. Es ist der als Vampir am einfachsten zu wirkende Zauber. Er absorbiert die Lebensenergie eures Zieles. Viele Vampire bauchen ihn nicht zu lernen sondern können ihn instinktiv benutzen".

Er machte eine kurze Pause und sah sie an. Aurora nickte schnell, sie wollte weiter hören, was der zu sagen hatte.

"Was Vampire in der Magischen Schule der Zerstörung voraus haben, fehlt ihnen allerdings bei der Wiederherstellung. Ich weiß nicht, ob ihr es schon versucht habt, aber ihr werdet deutlich mehr Magica benötigen um Wiederherstellungsmagie zu wirken als früher".

Aurora merkte sich alle Informationen, ihr Verstand raste. Alles was sie von Marcus erfuhr war neu für sie. Irgendwann konnte es ihr das Leben retten.

"Habt ihr noch Fragen. Ihr könnt alles fragen, was euch unklar ist", fragte er sie.

Sie begann wieder zu überlegen, da viel ihr sie Nacht in Falkenring ein. Was sie gespürt hatte, als sie mit der jungen Nord zusammen war.

"Was ist mit ...", sie machte eine Pause und spürte wie sie rot wurde. "Mit den Verführungskünsten der Vampire?", fragte sie schließlich.

Marcus musste lächeln.
"Ihr habt sicherlich bemerkt, was für eine Auswirkung ihr auf andere Leute habt, solange sie nicht wissen was ihr seid. Habt ihr schon einmal mit jemandem geschlafen seit ihr ein Vampir seid?", fragte Marcus.

Aurora spürte wie ihr Gesicht noch roter wurde, als ihr weiteren Erinnerungen von Falkenring durch den Kopf zuckten.

Wieder musste Marcus sich ein leichtes Grinsen verkneifen.

"Ihr werdet euch daran gewöhnen, es ist ein Bestandteil von dem was wir sind. Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, dass ihr euch so lange beherrschen konntet. Ihr habt sicherlich bemerkt, dass das trinken von Blut ein stark mit Emotionen verbundenes Ereignis ist. Wenn ihr im Kampf seid und das Adrenalin durch euren Körper fließt verspürt ihr ein genau so großes verlangen euch zu nähren, als wenn ihr mit jemandem intim seid. Ihr müsst nur aufpassen, dass ihr nicht entdeckt werdet. Im Kampf ist es einfach, die Opfer sind auf jeden Fall tot, aber wenn ihr mit jemandem schlaft und ihn oder sie beißt, dann wird das Folgen haben. Ihr müsst euch sicher sein euren Durst unter Kontrolle zu haben".

Aurora schoss eine weitere Frage durch den Kopf.

"Was passiert wenn ein Vampir das Blut eines anderen Vampirs trinkt?"

Wieder musste Marcus lächeln.

"Das ist wahrscheinlich die wichtigste Frage die ihr heute stellen werdet. Erst einmal nichts. Wenn ihr den Vampir aber damit tötet, dann übernehmt ihr einen Teil seiner Macht, vorausgesetzt er ist stärker als ihr", endete Marcus seine Erklärung.

Aurora brauchte erst einmal etwas Zeit um all diese Informationen zu verarbeiten.