Kapitel 8

Andy

Er stürmte durch den langen Flur der Krankenstation des County, nachdem er erfahren hatte, wo er Sharon fand. Brenda versuchte, mit ihm Schritt zu halten.

Andy streifte hier und dar eine Schulter oder stieß jemanden zur Seite. Darauf bekam er bissige Bemerkungen, aber es war ihm egal. Er wollte nur endlich wissen, wie es Sharon ging.

Vor einer Tür blieb er abrupt stehen, was dazu führte, dass Brenda in ihn hineinlief. Sie gab einen überraschten Laut von sich und schrak zurück. Sie murmelte ein paar Worte als Entschuldigung, als sie sich den Rock glatt strich. Als sie keine Antwort bekam, sah sie auf.

Andy hatte sie gar nicht wirklich wahrgenommen, er starrte nur geradeaus. Brenda folgte seinem Blick und erschrak. Durch die Fensterscheibe hindurch konnten sie Sharon erkennen.

Sie saß zwar aufrecht im Bett, aber ihr Gesicht war geschwollen und glich einer Farbpalette. Sie starrte geradeaus auf die kahle Wand. Ihr Gesicht war, soweit Andy das beurteilen konnte, ausdruckslos und ihr Blick gefiel ihm ganz und gar nicht.

Brenda zeigte dem Officer, der vor der verriegelten Tür stand, ihre Dienstmarke. Er öffnete das Schloss.

Für einen kurzen Moment konnte Andy sich nicht rühren, zu geschockt war er von dem Anblick der Frau, die er liebte. Doch plötzlich war da wieder der Drang, bei ihr zu sein und sie in die Arme zu schließen. Auch wenn er das nie tun würde, nachdem sie heute Mittag so auseinander gegangen waren.

Ohne zu klopfen stieß er die Tür auf und betrat das Zimmer.

Sharon erschrak nicht, als er in das Zimmer stürmte. Stattdessen drehte sie den Kopf langsam in seine Richtung, aber ihr Blick bleib starr auf die Wand gerichtet. Sie sah gleichzeitig sowohl unglaublich verletzlich als auch irgendwie unheimlich aus.

Er hatte das Gefühl, seine Kehle wäre zugeschnürt. Er konnte nichts sagen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Umso erleichterter war er, als Brenda, die mittlerweile neben ihm im Raum stand, sich räusperte.

Es dauerte wieder einige Sekunden, bis Sharon eine Reaktion zeigte. Aber schließlich sah sie zu ihnen hinüber.

Ihr Blick fiel direkt auf Andy. Sie sah ihn an und er erkannte sofort die Tränen, die drohten sich einen Weg durch ihre Wimpern zu bahnen.

Es brach ihm erneut das Herz, diese starke Frau so zerbrechlich zu sehen.

Ohne etwas zu sagen, ging er langsam ein paar Schritte auf das Bett zu, bis er schließlich vor ihr stand. Auch sie sagte kein Wort, sondern sah ihn nur mit einem traurigen Blick an.

Jetzt, wo er so nah stand, konnte er jede Blessur, jede Schwellung erkennen. Nicht nur in ihrem Gesicht. Überall, wo ihr Hemd keine Haut bedeckte, waren Verletzungen zu erkennen. Blaue Flecke, kleine Kratzer.

Plötzlich stieg eine ungemeine Wut in ihm auf. Wer konnte es wagen, SIE so zuzurichten?! Sie würden nicht ungestraft davon kommen. Dafür würde er persönlich sorgen.

Aber das war jetzt zweitrangig. Er schluckte die Wut wieder herunter und hob langsam eine Hand an ihre Wange. Ganz vorsichtig, damit er ihr nicht wehtat, streichelte er über die blauen Flecken in ihrem Gesicht. Sie schloss die Augen und neigte ihren Kopf, damit sie seine Berührung besser spürte. Verzweifelt beobachtete er, wie die erste Träne langsam zu ihrem Kinn floss.

Es tat ihm weh, dass es ihr so schlecht ging. Dieser Tag war ein Alptraum und es machte ihn rasend, dass er immer noch nichts dagegen tun konnte.

„Sharon." Seine Stimme war nur ein Flüstern, aber es lag eine Unmenge an Emotionen darin.

Sie öffnete die Augen und er hob vorsichtig ihr Kinn an.

„Es tut mir so unendlich leid."

Verwirrt sah sie ihn an. Langsam schüttelte sie den Kopf und zum ersten Mal sagte sie etwas. Ihre Stimme klang rau und müde.

„Was tut dir leid?"

Er schluckte und zog seine Hände weg, um auf ihr Gesicht zu deuten.

„Das."

Dann sah er sich um und deutete um sich herum.

„Das alles. Alles, was du heute schon durchgemacht hast. Dass ich nichts getan habe, um es zu verhindern."

Eine Sekunde lang sah sie ihn fassungslos an. Dann schüttelte sie plötzlich heftig den Kopf. Sie bereute es schnell, als daraufhin ein scharfer Schmerz hinter ihren Augen pochte.

„Das ist Schwachsinn, Andy. Du kannst nichts dafür. Ich…" Sie zögerte und senkte den Blick. „Ich weiß nicht, wie das alles passiert ist heute. Ich meine es ging alles so schnell. Aber du kannst nichts dafür."

Sie schaute ihn an. Und obwohl ihr Gesicht blau und geschwollen war, war ihr Blick so klar, dass ihn sofort eine gewisse Erleichterung füllte.

Er schluckte, dann nahm er ihre Hand und lächelte sie aufmunternd an.

„Okay."

Auch Sharon lächelte, aber Andy konnte ihr ansehen, dass es nicht echt war. Es war einfach zu viel passiert.

Die beiden hatten schon völlig vergessen, dass Brenda auch im Raum stand, aber jetzt meldete sie sich zu Wort.

„Entschuldigung."

Sie räusperte sich erneut und nach einem Moment sahen die beiden sie an. Sie rechneten es ihr hoch an, dass sie ihnen diesen Moment gegeben hatte. Sie hatten ihn dringend gebraucht.

„Wie…ähm…"

Man konnte Brenda deutlich anmerken, wie unwohl sie sich fühlte. Sie trat von einen Fuß auf den anderen und wich Sharons Blick aus.

„Wie geht es Ihnen, Sharon?"

Sharon versteifte völlig. Andy konnte das verstehen. Das war nicht die Frage, die man unbedingt hören wollte, nachdem, was ihr passiert war.

„Es geht schon."

Brenda nickte. Sie wusste auch nicht recht, was sie sagen sollte. Also konzentrierte sie sich auf den Fall.

„Hören Sie, Sharon. Wir haben Ihre Blutergebnisse."

Sharon sah sie überrascht an. Nicht nur, weil sie neugierig war, was der Test ergeben hatte, sondern auch, weil Brenda eigentlich nicht mit ihr darüber hätte reden dürfen.

Brenda erkannte den Blick und holte tief Luft. Sie hatte sich darauf vorbereitet und trotzdem fiel es ihr schwer.

Was jetzt kam, überraschte Andy.

„Sharon ich stelle Ihnen jetzt eine Frage und ich erwarte eine völlig ehrliche Antwort."

Sie sah Sharon geradeheraus an und sprach dann weiter.

„Haben Sie Jonathan Canson erschossen? Wenn ja, dann sagen Sie mir das jetzt. Wenn nein, dann hole ich Sie hier raus."

Brenda sah sie an und Sharon musste schlucken.

Eigentlich hätte ihr die Antwort doch ganz leicht fallen müssen. Andy trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Sag doch was, sag doch was.

Die Sekunden verstrichen, aber Sharon sagte kein Wort. Stattdessen wich sie Brendas Blick aus und spielte mit ihren Fingern.

Brenda hatte damit gerechnet, ein klares Nein zu bekommen. Doch Sharons Reaktion war alles andere als das.

Sie blinzelte ein paar Mal und gab ihrer ehemaligen Erzfeindin eine letzte Chance.

„Sharon."

Sie machte eine Pause und wartete darauf, dass Sharon sie ansah. Als sie das nicht tat, seufzte sie und sprach dann weiter. Sie betonte jedes Wort ganz besonders, als sie ihre Frage noch einmal stellte.

„Haben Sie Jonathan erschossen?"


Okay, das Kapitel ist nicht ganz so geworden, wie ich es wollte, aber ich hoffe, es hat euch trotzdem gefallen. Ich werde versuchen, das nächste in den nächsten Tagen zu posten. Dann wird es vielleicht etwas klarer.

Aber ich freue mich natürlich über Reviews. ;-)