Kapitel 9
Sharon
Die Stille im Raum war unerträglich.
Sharon starrte auf ihre Füße und spürte auf eine unangenehme Weise die Blicke von Brenda und Andy. Sie fühlte sich unwohl. Was sollte sie denn sagen?
Aus ihrem Augenwinkel sah sie, wie Andy sich bewegte. Er trat einen Schritt näher an sie heran, als wolle er sie beschützen. Seine Nähe machte ihr Mut.
„Was wollen Sie von mir hören, Chief? Nein?! Ja?!"
Sie sah Brenda an und legte all ihr Selbstbewusstsein und ihren Stolz hinein. Die jüngere Frau hielt dem Blick ein paar Sekunden stand, bevor sie ihren senkte.
„Woher soll ich es wissen?" Sharon schüttelte den Kopf. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nicht weiß, was gestern Nacht passiert ist. Ich könnte Ihnen also sagen, dass ich diesen Mann nicht erschossen habe, weil ich so etwas nie tun würde. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, ich habe ihn nicht erschossen, weil ich es WEIß. Denn ich weiß es nicht."
Sie wartete bis Brenda sie schließlich wieder ansah. Sharon konnte ihr ansehen, dass sie über ihre Worte nachdachte.
„Ich…" Sie suchte anscheinend nach einer Möglichkeit, ihr zu entgegnen. Aber sie kam nicht dazu.
„Chief! Ist das Ihr Ernst?"
Andys Gesicht war fassungslos, dann nahm es an Farbe zu und er sah immer wütender aus.
„Sie… Ist das… Sie meinen das Ernst?"
Er fuchtelte mit seinen Händen in der Luft herum und funkelte seine Chefin an.
„Sehen Sie sich das an. Sehen Sie sich diese Frau an."
Er deutete auf Sharon und Schmerz mischte sich in seinen Gesichtsausdruck.
„Die… die blauen Flecke, die Schwellungen. Das… Das ist nicht irgendeine gewalttätige, trinkende Mörderin. Das ist SHARON!"
Mit jedem Wort wurde er lauter bis er schließlich schrie. Sharon war hin und her gerissen. Sie fand es einerseits wirklich bewundernswert, dass er so für sie einstand. Aber andererseits wollte sie nicht, dass irgendjemand für sie einstehen MUSSTE, schon gar nicht Andy. Und was noch viel wichtiger war, sie wollte, dass er aufhörte zu schreien. Sie hatte unglaubliche Kopfschmerzen. Und je lauter er schrie, desto schwarzer wurde ihr vor Augen.
Sharon klammerte sich mit beiden Händen an die Bettkante und schloss die Augen fest. Sie konnte nichts gegen das leise Stöhnen tun, das ihr bei einem weiteren Stich hinter der Stirn entwich.
Andy war sofort an ihrer Seite, einen Arm um sie geschlungen. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und der Schmerz ließ langsam nach.
Nach ein paar Minuten richtete Sharon sich auf und wischte sich verstohlen über die Wangen. Sie hatte heute schon zu viel geweint.
Andy strich ihr gefühlvoll über den Rücken.
„Es tut mir leid, Sharon. Geht es wieder?"
Sie nickte nur und sah dann zu Brenda.
Der Chief sah aus, als wäre ihre Katze gestorben. Sie sah Sharon nur einige Sekunden stumm an. Dann sah sie kurz zu Andy, der immer noch neben seiner Freundin saß, schüttelte den Kopf und seufzte laut.
„Okay…" Sie räusperte sich und wandte sich dann wieder an Sharon.
„Wir haben KO-Tropfen in ihrem Blut gefunden. Können Sie irgendwas dazu sagen?"
Anstatt auf eine Antwort zu warten, hielt sie ihre Hand hoch und kramte in ihrer viel zu großen Handtasche. Schließlich zog sie ein Diktiergerät heraus, schaltete es an und ließ die Hand wieder sinken. Sie nickte Sharon zu.
„KO-Tropfen?" Verwirrt schüttelte Sharon den Kopf. „Ich… ich weiß nicht, ich habe nichts mitbekommen."
Brenda nickte und fuhr fort.
„Sharon, fällt Ihnen jemand ein, der Interesse daran haben könnte, Ihnen den Mord unter zu schieben?"
Völlig unverblümt sah sie Sharon an.
Die ältere Frau war für einen Moment perplex, dann fing sie an trocken zu lachen. Nach ein paar Sekunden klang es eher hysterisch.
Brenda und Andy sahen sie besorgt an.
„Sharon? Was hast du?"
Sie hatte sich langsam wieder beruhigt und ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich in Verständnislosigkeit.
„Sie machen Witze."
Es war keine Frage, es war eine Feststellung.
„Was?" Brenda zog die Augenbrauen zusammen.
„Ob ich jemanden kenne, der mir etwas unterschieben möchte? Meinen Sie, ich sollte Sie dazu zählen?"
Brendas Unterkiefer fiel nach unten und sie starrte Sharon an. Dann sah sie auf ihre Füße.
Sharon merkte, dass sie vielleicht etwas weit gegangen war, denn Brenda und sie waren in letzter Zeit sogar halbwegs freundlich miteinander umgegangen.
„Ich meine nur… Chief, haben Sie vergessen, wer ich bin?"
Ihre Stimme war jetzt wieder dünner und sie senkte ihren Blick. Man konnte ihr anmerken, wie unglücklich sie die Vorstellung machte, dass es viele Menschen gab, die daran interessiert wären, sie im Gefängnis zu sehen.
Andy legte ihr eine Hand auf den Arm.
„Sharon, denk bitte nach. Hattest du in letzter Zeit irgendeinen Fall, der dir besonders auffällt bezüglich dieser ganzen Situation?"
Seine Stimme war einfühlsam und beruhigend.
Sharon schüttelte den Kopf, als ihr plötzlich etwas einfiel. Sie hob den Kopf und sog die Luft scharf ein. Ihr Blick war geschockt.
„Sharon?"
„Ähm… Ich, ich weiß nicht, ob das etwas bedeutet hat, aber…. Als ich in der Zelle war, kam ein Officer vorbei. Er hat mich Captain genannt. Deshalb…" Sie schluckte. „Deshalb ist das hier passiert."
Andys Blick wurde finster.
„Wer war das? Er hat das absichtlich getan, nicht wahr?"
Sharon nickte langsam.
„Ähm… Lieutenant Alex Connor. Ich weiß nicht, bei welcher Einheit er mittlerweile ist. Ich habe vor einigen Jahren gegen seinen Partner ermittelt. Und wir haben ihn verhaftet, weil er sich als korrupt erwiesen hat. Er ist für einige Jahre ins Gefängnis gegangen. Ich weiß nicht, ob er mittlerweile wieder draußen ist."
„Okay, gut. Das ist ein Anfang."
Andy schluckte.
„Chief, meinen Sie das hängt zusammen? Dass dieser Connor vielleicht Sharon betäubt und mit ihrer Waffe den jungen Mann erschossen hat? Und dann hat er dafür gesorgt, dass sie erfährt, wie es einem Officer ergeht, der im Gefängnis landet…"
Andys Wut war wieder deutlich zu spüren. Erschrocken sah Sharon ihn an. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Aber es klang plausibel.
Brenda sah das offensichtlich auch so.
„Keine voreiligen Schlüsse ziehen. Aber wir werden das überprüfen."
Sie schaltete das Diktiergerät aus und sah die beiden an.
„Es klingt nach einem möglichen Motiv. Wie heißt Connors ehemaliger Partner?"
Sharon dachte kurz nach.
„Ich glaube Crownfield. Aber den Vornamen weiß ich wirklich nicht mehr."
Brenda nickte.
„Okay, ich sag schon mal Provenza bescheid."
Mit einem letzten Nicken in Sharons Richtung war sie verschwunden.
Für ein paar Sekunden war es völlig still im Raum.
„Hast du Schmerzen?"
Sharon sah Andy an.
„Es geht schon. Die gebrochene Rippe tut ziemlich weh und mein Kopf fühlt sich an, als würde er gleich explodieren. Aber ich werd's überleben."
Mit einem schiefen Lächeln sah sie auf ihre Hände und spielte mit ihren Fingern.
Andy nahm ihre Hand in seine und lenkte ihren Blick damit auf ihre verschränkten Finger.
„Hey, ich schwöre dir, diese prügelnden Mannsweiber knöpfe ich mir noch vor, nachdem ich mit Connor fertig bin. Ich werde ihnen schon zeigen, dass man sich einem Captain gegenüber respektvoll verhält."
Sharon musste lächeln und es war ein echtes Lächeln, aber eine Spur Traurigkeit lag trotzdem darin. Andy wusste nicht mehr, wie er ihr noch Mut machen sollte.
„Andy, ich…" Ihre Stimme war belegt, sie kämpfte dagegen an, aber der Kloß in ihrem Hals ließ sich nicht vertreiben.
„Ich muss hier raus."
Die Verzweiflung, die sie damit ausdrückte, traf Andy sehr.
„Ich werde dich hier rausholen, Sharon, das verspreche ich dir."
Er nahm auch ihre zweite Hand und drückte beide leicht.
Einige Sekunden war sie still, doch dann sah sie ihn an.
„Ich weiß nicht, was gestern passiert ist, aber ich weiß, dass ich keine Mörderin bin."
„Sharon, das weiß ich auch. Und wir werden die Wahrheit bald herausfinden, ganz bestimmt."
Sie glaubte ihm in dem Moment. Sie konnte gar nicht anders, sie vertraute ihm.
Doch etwas beschattete das Ganze noch.
„Andy, wegen heute Mittag…", setzte sie an. Doch Andy ließ sie nicht ausreden. Er schüttelte energisch den Kopf.
„Vergiss heute Mittag. Das mit Kerry wird nichts."
Überrascht und verwirrt sah Sharon ihn an. Was hatte er gesagt?
„Ich…" Er rang mit sich, das konnte sie deutlich erkennen.
„Ich könnte sie niemals lieben."
Er sah sie an. Und seine Augen waren voller Emotionen, die sie fast überwältigten.
„Dieser Platz in meinem Herzen ist schon belegt." Mit Tränen in den Augen lächelte er sie an.
Sharon konnte nicht fassen, was sie da hörte. Mit großen Augen sah sie ihn an.
Sie war tief berührt von seinen Worten. Doch gleichzeitig machte es ihr Angst, was sie bedeuten würden.
Sie konnte jetzt nichts darauf antworten, und das wusste er.
Andy drückte ein letztes Mal Sharons Hände, dann stand er auf und ging zur Tür.
Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um.
„Pass auf dich auf, Sharon."
Puuh, das war gar nicht so einfach. Ich weiß, es ist ein bisschen kitschig geworden am Ende, aber es musste sein. ;) Ich hoffe, es hat euch gefallen. Lasst es mich bitte wissen.
