Kapitel 10
Andy
Andy saß an seinem Schreibtisch und trank an seinem dringend nötigen Kaffee. Es war schon weit nach 21 Uhr und sie alle waren unglaublich müde. Aber jetzt, da sie endlich eine Spur hatten, konnten sie nicht aufhören.
Er fragte sich, wie Sharon auf der Krankenstation behandelt wurde. Danach hatte er gar nicht gefragt. Er war so wütend gewesen. Und dann hatte er ihr ein weiteres Mal gesagt, dass sie ihm alles bedeutete. Er war ein Feigling, das wusste er. Schließlich war er, anstatt auf eine Antwort oder Reaktion von ihr zu warten, einfach gegangen. Andererseits wusste er auch, wie wichtig es war, Sharon Zeit zum Nachdenken zu geben.
Er verdrehte die Augen, als ihm der Gedanke kam, dass sie jetzt genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Es war ein Desaster.
Er sah auf die Uhr. Jetzt war es viertel vor zehn. Er konnte nichts tun. Sanchez, Tao und Provenza recherchierten im Fall Crownfield. Der Rest des Teams saß untätig herum und das machte Andy wahnsinnig.
Daher hatte auch er genug Zeit zum Nachdenken und das machte ihn nur noch verrückter.
Gedankenverloren spielte er mit der roten Bean Bag, die er immer in seiner Schreibtischschublade aufbewahrte.
Plötzlich flogen die Türen des Murderrooms auf und herein stürmte eine junge, große Frau mit dunkelbraunen Haaren.
Andy sah auf und seine Augen weiteten sich. Verdammt. Langsam und ohne hinzusehen, ließ er seine Trophäe wieder in der Schublade verschwinden.
Die Frau kam auf ihn zu und lächelte vorsichtig.
„Hey."
Andy schluckte.
„Hey."
Er richtete sich auf und versuchte zurück zu lächeln. Die Blicke seiner Kollegen spürte er deutlich, aber ignorierte sie.
„Was machst du denn hier?"
Sie sah ihn einen Moment an, dann sah sie leicht enttäuscht aus.
„Wir waren verabredet. Schon vergessen? Ich hab dich ein paar Mal angerufen, aber du hast dich nicht gemeldet. Da dachte ich, ich sehe mal nach dir. Du arbeitest viel zu viel."
Andys Lächeln war verschwunden und er versuchte, sein Gesicht neutral zu halten. Aber man sah ihm an, dass ihn etwas quälte. Diese junge Frau war so gut, so liebevoll. Er hatte sie gar nicht verdient. Und vor allem hatte sie es nicht verdient, dass er ihr etwas vormachte. Gerade jetzt, als er endlich aufgehört hatte, sich selbst etwas vor zu machen.
Er seufzte und stand dann auf. Sein Blick fiel auf Provenza, der schmunzelte und ihn erwartungsvoll ansah. Normalerweise hätte Andy seinen Kollegen jetzt seine Freundin vorgestellt. Aber angesichts dessen, was ihm und auch ihr jetzt bevorstand, schüttelte er kaum merklich den Kopf und wandte sich wieder an Kerry.
„Es tut mir leid, dass ich dir nicht bescheid gegeben habe, wir hatten so viel zu tun."
Kerry nickte verständnisvoll, was Andy nur noch tiefer seufzen ließ. Er deutete mit einer Hand auf den Ausgang und mit der anderen drehte er Kerry vorsichtig in Richtung Tür.
„Komm mit, ich bring dich raus."
Sie zog die Augenbrauen zusammen und sah ihn verwirrt an, aber sie ließ sich zur Tür bringen. Kurz bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um und winkte Andys Teamkollegen zum Abschied zu. Die Übrigen zogen die Augenbrauen hoch und sahen den beiden nach.
Andy hatte das anders geplant, aber es aufzuschieben, erschien ihm auch nicht richtig.
Er ging mit Kerry die Straße entlang. Sie zitterte leicht in der kühlen Nachtluft und unter einer Laterne blieb Andy schließlich stehen, um das Ganze nicht unnötig länger aufzuschieben. Er seufzte noch einmal und holte tief Luft, dann sah er in die lieben braunen Augen, die erwartungsvoll in seine sahen.
„Hör zu, Kerry. Ich hab das Ganze hier nicht so geplant, aber mir ist heute etwas klar geworden. Du bist wirklich eine tolle Frau, liebevoll und liebenswert. Ich mag dich wirklich. Und ich hätte mir gewünscht, das hier hätte sich weiterentwickeln können, aber…"
Er machte eine Pause und sah beschämt zu Boden. Während er sprach, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt und ihr sonst immer präsentes Lächeln war verschwunden.
„Aber?" Ihre Stimme zitterte, aber ihr Blick hatte seinem Stand gehalten.
„Aber ich kann dich nicht so behandeln, nicht so lieben, wie du es verdient hättest. Ich kann das nicht, weil ich… Ich liebe eine andere Frau."
Er sah sie an und wartete auf ihre Reaktion.
Sie sah so traurig aus. Ihr Blick war jetzt auf ihre Füße gerichtet, aber er konnte eine Träne erkennen, die ihre Wange hinunter lief.
Eine Zeit lang war es still, nur die Geräusche des Verkehrs auf den befahrenen Straßen zeigten den beiden, dass die Welt um sie herum nicht stehen geblieben war.. Angespannt wippte Andy auf seinen Füßen hin und her.
Nach ein paar Minuten schien Kerry sich zu fassen. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und räusperte sich, bevor sie ihn ansah und nickte.
„Es ist Sharon oder?"
Andys Augen weiteten sich und er erstarrte in seiner Bewegung.
Kerry nahm das als Bestätigung.
„Ich hoffe, sie ist es wert, Andy. Das hoffe ich wirklich für dich."
Er konnte sich nicht rühren. Aber welch eine tolle Frau er gerade abgewiesen hatte, zeigte sich, als Kerry sich auf die Zehenspitzen stellte, ihm einen Kuss auf die Wange drückte und ihm flüsternd alles Gute wünschte. Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
Noch einige Sekunden stand Andy perplex da, bis er sich fasste und spürte, wie die Erleichterung ihn erfüllte. Er war jetzt frei. Und er wusste, dass Kerry eine wunderbare Frau gewesen wäre. Perfekt. Nur nicht für ihn. Er wollte Sharon und sie war es wert.
Als er den Murderroom wenige Minuten später wieder betrat, konnte er erneut die Blicke seiner Kollegen spüren.
Als er Provenza ansah, wusste er, dass sein Freund ahnte, was gerade passiert war. Er schüttelte den Kopf und Andy wusste, dass er ihn für einen Idioten hielt. Aber es war ihm egal, ob man ihn verstand, solange Sharon das tat.
Andy wollte sich gerade einen neuen Kaffee holen, als Tao aufsprang und zu Brendas Büro lief.
Kurze Zeit später war das gesamte Team um Mikes Schreibtisch versammelt und starrte auf seinen Bildschirm.
„Oh mein Gott."
Brenda schlug die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf.
„Also entweder ist das alles ein Haufen von Zufällen, oder wir haben gerade den Fall gelöst." Detective Gabriel richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften.
„Ja, falls der Typ redet" , grummelte Provenza auf dem Weg zurück zu seinem Schreibtischstuhl.
Andy zog sich auch an seinen Schreibtisch zurück. Wütend starrte er auf seine Hände, die sich zu Fäusten ballten.
Der Typ würde reden, dafür würde er sorgen.
