So, mir ist aufgefallen, dass Sharon ein bisschen zu kurz gekommen ist in den letzten Kapiteln. Also hier pur Sharon!
Ich hoffe, es gefällt euch. Wie immer, freue ich mich über Reviews! ;)
Kapitel 12
Sharon
Sie schlief unruhig.
Die Bilder wechselten ständig. Wenn sie ruhig in ihrem Bett lag, sah sie Andy vor sich. Sie spürte die Wärme und eine innere Ruhe, die sie nur spürte, wenn er bei ihr war.
Doch in der nächsten Sekunde sah sie Frauen in orangen Overalls, die mit spöttischen, verachtenden Blicken auf sie zukamen. Sie spürte die Tritte und die Schläge noch ein weiteres Mal.
Dann schreckte sie jedes Mal hoch und schrie auf vor Schmerzen. Tränen schossen ihr in die Augen und alles, das sie wollte, war, dass dieser Albtraum aufhörte.
Am Anfang kamen die Schwestern noch jedes Mal herein und sahen wenigstens nach, ob alles in Ordnung war. Doch mittlerweile waren sie nur noch genervt.
Sie verachten dich.
Sharon sah zu dem Fenster, vor dem Gitter ihr die Sicht auf den Nachthimmel versperrten.
„Sie können nicht schlafen."
Überrascht, dass jemand mit ihr redete, wandte Sharon sich um. Geschockt fiel ihr die Kinnlade herunter.
„Oh, Sie kennen mich noch, Raydor?"
Sie hat keinen Respekt mehr vor dir. Natürlich nicht, in ihren Augen bist du eine Mörderin.
Sharon schluckte.
„Maia. Was… was machen Sie denn hier?"
Sharon schüttelte den Kopf, sie konnte nicht fassen, wer da vor ihr stand.
Die junge Frau in Uniform ging hinüber zu dem Fenster, auf das Sharon eben noch gestarrt hatte.
„Ich? Ich arbeite hier."
Sharon schüttelte verwirrt den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Maia sah sie nicht an und ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Ich hab die Prüfung zum Detective nicht geschafft. Also… bin ich eine kleine Wärterin hier im County geworden."
Die Frau drehte sich um und schaute auf Sharon herab, die sie nur noch fassungsloser ansah.
„Ich weiß, das klingt unglaublich erbärmlich. Aber wissen Sie, was noch viel erbärmlicher ist als ich?"
Wieder ließ sie keine Zeit für eine Antwort. Aber Sharon war ohnehin sprachlos.
„Noch erbärmlicher sind Police Officer, die mal einen Eid abgelegt haben, die Bürger dieser Stadt zu beschützen und dann nachts um sich schießen und Unschuldige töten."
Sharon stiegen erneut Tränen in die Augen.
„Aber SIE!"
Maias Gesicht war plötzlich so voller Wut und Abscheu, dass Sharon unwillkürlich zusammenzuckte und versuchte, weiter unter ihre Bettdecke zu rutschen.
„SIE, Raydor, sind am erbärmlichsten. Sie lieben doch ihre Regeln, Sie haben mir das beigebracht, dass Regeln immer das Wichtigste überhaupt sind. Weil sonst nichts funktionieren könnte. Weil sonst alle machen würden, was sie wollten."
Maia stieß ein bitteres Lachen aus und zeigte mit einem zitternden Finger auf Sharon, die in dem Moment wirklich eingeschüchtert war. Sie kannte Maia schon so lange, aber so hatte sie sie noch nie erlebt.
„Ich hab zu Ihnen aufgesehen. Sie waren mein Vorbild!"
Maia schrie sie an und konnte die wütenden Tränen nicht mehr verbergen. Sharon war völlig überwältigt von dem Ausbruch der jungen Frau. Maia sackte gegen die Wand und sank am Boden zusammen. Sie zitterte am ganzen Körper und wischte verzweifelt ihre Tränen aus dem Gesicht.
Als sie weitersprach, war ihre Stimme nur noch ganz dünn und zittrig.
„Und jetzt? Ich komme zu diesem erbärmlichen Job und erfahre, dass die Frau, die ich immer bewundert habe, die Frau, die mir auch heute noch immer zeigt, dass ich alles schaffen kann, wenn ich mich anstrenge. Dass diese Frau einen Mann erschossen hat!"
Sie weinte nun bitterlich.
Sharon schaute auf Maia herab und fühlte nichts als tiefste Traurigkeit. Die junge Frau hatte mal für sie gearbeitet als Sergeant vor einigen Jahren. Sie hatte sie immer sehr gemocht. Das Mädchen war immer voller Tatendrang und bereit, etwas zu lernen.
Sie jetzt so zu sehen und zu wissen, dass sie sich so fühlte, weil sie Sharon selbst für eine Mörderin hielt, schnürte ihr die Luft ab und brachte den Schwindel zurück.
Doch plötzlich wurde Sharon etwas klar.
Es war ihr wichtig, was Maia von ihr dachte. Es war ihr wichtig, was alle von ihr dachten. Sie wollte nicht nur hier raus, weil sie geschlagen wurde oder weil sie selbst wusste, dass sie unschuldig war. Sie wollte auch hier raus, weil sie ALLEN beweisen wollte, dass sie unschuldig war. Und dabei ging es ihr nicht so sehr um Captain Raydor. Es ging ihr um Sharon.
Sharon war keine Mörderin.
„Maia, sehen Sie mich an. Ich bitte Sie, wenn Sie mich jemals respektiert haben, dann sehen Sie mich jetzt an und hören mir noch ein letztes Mal zu."
Einige Sekunden dachte Sharon, es sei schon zu spät. Doch dann wurde das Schluchzen leiser und Maia hob schließlich den Kopf. Sie schaute erst geradeaus in Richtung Tür. Doch dann traf sie letztlich Sharons Blick. Ihr Ausdruck war nicht freundlich, aber es würde genügen.
„Sie haben gesagt, Sie haben zu mir aufgesehen. Das heißt, Sie hatten Respekt vor mir, richtig? Haben Sie sich überlegt, warum das so war? Maia, Sie haben eine gute Menschenkenntnis. Glauben Sie wirklich, ich habe diesen Mann getötet?"
„Wie es scheint, kann man sich sehr in einem Menschen täuschen."
Sharon seufzte und sprach dann ruhig weiter.
„Ja, das stimmt. Manchmal täuscht man sich in einem Menschen. Und manchmal nimmt man sich nicht einmal die Zeit dafür. Manchmal trifft man einen Menschen und bildet sich sofort ein Urteil. Und das aufgrund von Momentaufnahmen, von Momenten, in denen dieser Mensch vielleicht nur seinen Beruf ausübte."
Sharon machte eine Pause und wartete ab, wie Maia auf ihre Worte reagieren würde. Als die junge Frau nur auf ihre Füße schaute, fuhr Sharon fort.
„Sie haben mit mir gearbeitet, Maia. Sie haben miterlebt, wie sich Kollegen mir und meiner Abteilung gegenüber verhalten. Ich weiß nicht, was für ein krankes Spiel hier gespielt wird, aber eins versichere ich Ihnen, Maia."
Ihre Stimme war inzwischen belegt und sie hatte Mühe, ihre Verzweiflung zurückzuhalten. Maia richtete den Blick wieder auf Sharon, sie sah ihr in die Augen und Sharon wusste, das war ihre Chance.
„Ich bin keine Mörderin. Ich habe diesen Mann nicht umgebracht. Und entgegen der Meinung vieler Kollegen, stehe ich zu dem Eid, den ich abgelegt habe und tue alles dafür, ihn einzuhalten. Jeden Tag aufs Neue."
Sie sprach dies alles in einem Atemzug aus und am Ende brach ihre Stimme schließlich, als eine einzelne Träne ihre Wange hinunter lief.
Maia sah sie an. Ja, sie hatte Tränen in den Augen, aber die konnten nicht die Aufrichtigkeit und Verzweiflung dahinter verbergen. Und auch wenn Sharon Raydor äußerlich in dem Moment nichts mit dem selbstbewussten Vorbild zu tun hatte, das Maia einmal kannte, fand sie die altbekannte Stärke in ihrem Blick wieder.
Die junge Frau hatte aufgehört zu weinen. Sie wischte sich ein letztes Mal über die Wangen und stand dann langsam auf.
Sie machte einige tiefe Atemzüge, bevor sie seufzte.
„Ich… Ich denke, ich glaube Ihnen."
Sharon seufzte erleichtert und nickte dann langsam. Es nutzte ihr zwar nicht fiel, aber trotzdem fühlte sie sich jetzt weitaus besser. In irgendeiner Weise machte es ihr Mut, dass nach Maia auch andere ihr glauben würden.
„Danke."
„Ich denke, ich gehe jetzt besser. Sonst verliere ich diesen Job auch noch."
Sharon sah auf. Anstatt das zu tun, was sie angekündigt hatte, rührte Maia sich keinen Zentimeter. Sie trat von einem Fuß auf den anderen. Und Sharon wusste, dass sie noch etwas sagen wollte, also wartete sie geduldig.
Sie deutete auf Sharons Verletzungen.
"Ich werde dafür sorgen, dass die, die Ihnen das angetan haben, dafür büßen werden."
„Wenigstens das kann ich als Wärterin tun."
Jetzt lächelte sie sogar schief und Sharon versuchte, auch ein kleines Lächeln für Maia aufzubringen.
„Ach, und das wird nicht nochmal passieren, das kann ich Ihnen versichern."
Sharon nickte, als Maia schließlich doch zur Tür ging.
Mit der Hand schon auf der Klinke drehte sie sich noch einmal um und sah Sharon in die Augen.
„Ich glaube Ihnen, Captain."
