Kapitel 20

Sharon

Ihr Kopf brummte und alles um sie herum drehte sich. Aber am schlimmsten waren diese Blumen, diese verdammt kitschigen Blumen. Jedes Mal, wenn sie versuchte, die Augen zu öffnen, sah sie diese hässlichen Blumen und ihr wurde noch übler.

„Captain? Captain, können Sie mich hören?"

Die Stimme passte zu den Blumen. Beides nervte und sie wünschte, beides würde einfach verschwinden. Aber irgendetwas sagte ihr, dass es gar nicht so schlimm war. Es war nur…

Es war nur Brenda. Warum war Brenda in ihrem Schlafzimmer? Das alles verwirrte sie so unglaublich.

„Sharon? Na kommen Sie schon, machen Sie die Augen auf. Ich hab Neuigkeiten für sie."

Die Stimme klang freundlich, fröhlich. Was war los? Sharon versuchte krampfhaft, die Augen zu öffnen. Aber es wollte einfach nicht klappen.

„Sharon! Andy hat schon nach Ihnen gefragt. Wie lange wollen Sie ihn denn noch warten lassen?"

Andy?

Plötzlich kam alles wieder hoch. Die Verhaftung, Andys Suspendierung, der Einsatz bei Connor, der Schuss…

Andy!

Sharon riss die Augen auf und starrte unwillkürlich gegen das grässliche Blumenmuster auf Brendas Rock an. Schnell lies sie ihren Blick zu Brendas Gesicht wandern. Sie hatte Angst, was sie da sehen würde. War Andy schwer verletzt? War er…

Aber alles, was sie in Brendas Gesicht sah, war ein strahlendes Lächeln, das sogar ihre Augen erreichte.

„Was, was ist mit… mit Andy?"

Ihr Hals tat weh und es fiel ihr schwer zu sprechen, aber sie wollte einfach wissen, was mit Andy los war.

„Ganz ruhig, es geht ihm gut. Er ist ein ziemlicher Idiot und das hat ihm auch eine ordentliche Gehirnerschütterung eingebracht, aber abgesehen davon geht es ihm gut. Aber Sie hatten eine Panikattacke."

Sharon hatte noch nie eine solche Erleichterung gespürt wie in diesem Moment. Den letzten Satz überging sie einfach, das war jetzt egal. Es ging Andy gut, sie würde ihn wiedersehen.

„Und Captain, da ist noch etwas. Sie dürfen ihn jetzt, schätze ich, offiziell ihren Helden nennen. Auch wenn er das anscheinend schon vorher war, hm?"

Brenda zwinkerte sie an. Sharon stutzte, das hatte sie noch nie getan. Dann wurde ihr bewusst, worauf Brenda anspielte und Sharon merkte, wie ihr das Blut in Gesicht schoss.

„Na na, Captain, Sie müssen nicht rot werden. Wissen Sie, ich konnte Sie nie gut leiden. Ich schätze, das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber im letzten Jahr, vor allem in den letzten Tagen hab ich meine Meinung geändert. Also…" Sie räusperte sich, es war ihr sichtlich unangenehm. „Also wünsche ich Ihnen beiden nur das Beste."

Sharon musste zugeben, sie war gerührt. Das hatte sie nicht erwartet. Aber auch sie hatte im letzten Jahr nicht nur die nervige, vorlaute Brenda, die Blumenröcke trägt und am liebsten gegen die Regeln verstößt, kennengelernt. Sie hatte auch eine Frau kennengelernt, die sie vielleicht eines Tages eine Freundin nennen konnte.

„Danke, Chief. Ich…"

„Nein nein, Captain, das klären wir ein anderes Mal, ja? Es gibt Wichtigeres. Andy hat nämlich den Täter gefunden. Ich werde dieses Gefängnis also nicht mehr ohne Sie verlassen."

Sharon wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war alles so viel auf einmal, und sie konnte es gar nicht fassen. Der Alptraum hatte ein Ende genommen. Sie kam frei und Andy lebte. Und er liebte sie. Und sie liebte ihn. Es würde alles gut werden. Endlich.

„Aber… wer?"

„Captain, ich verspreche, ich werde Ihnen alles erzählen. Aber erstmal bring ich Sie hier raus und dann machen wir uns auf den Weg zu Andy, ja? Ich meinte es ernst, als ich sagte, er habe schon nach Ihnen gefragt. Das hat er. Laut Provenza redet er von nichts anderem. Der ist schon richtig genervt."

Brenda lachte kurz, aber als sie beobachtete, wie Sharon erneut errötete, verdrehte sie die Augen.

„Mein Gott, Captain. Jetzt hören Sie schon auf. Kommen Sie, meinen Sie, Sie können aufstehen?"

Was war das für eine Frage. Sie würde endlich hier raus kommen und sie würde Andy sehen, wenn sie aufstand. Und ob sie das konnte. Sie war sofort auf den Beinen, nur um dann wieder zurück auf das Bett zu fallen, weil ihr so schwindelig war.

„Woah, langsam, langsam. So meinte ich das nun auch wieder nicht."

Amüsiert schüttelte Brenda den Kopf. Wie hatte sie es nur so lange übersehen können, wie viel die beiden sich bedeuteten?

Sie ging um das Bett herum, sodass sie vor Sharon stand. Dann hielt sie ihr beide Hände hin.

„Na kommen Sie, ich bringe Sie zu Andy. Und auf dem Weg dorthin erzähle ich Ihnen, was passiert ist."


Andy

„Mein Gott, du bist so eine Nervensäge, wirklich. Sie werden doch gleich hier sein. Also echt…"

Provenza schüttelte genervt den Kopf und ließ sich mit einem großen Seufzer auf dem Stuhl neben dem Krankenhausbett nieder.

„Aber warum kann ich sie nicht abholen? Mir geht es gut!"

Doch sein Partner schüttelte nur weiterhin den Kopf. Es machte Andy rasend. Er wollte doch nur zu Sharon.

„Was denn? Antwortest du mir jetzt nicht einmal mehr?!"

Verärgert starrte er Louie an. Der sah ihn einen Moment ungläubig an.

„Ich antworte dir seit du Idiot wieder zu dir gekommen bist. Du hast eine Gehirnerschütterung! Will das nicht in deinen Kopf?! Du kannst nicht herum spazieren. Außerdem ist sie doch gleich hier. Du kannst dich anstellen! Fürchterlich!"

„Aber…"

Weiter kam Andy nicht, denn es klopfte an der Tür und einen Moment später wurde sie geöffnet. Als er sie sah, war aller Ärger und alle Ungeduld verflogen. Er sah in ihr wunderschönes Gesicht, die blauen Flecke waren etwas verblasst und sie war schöner denn je. Sie lächelte ihn an und kam etwas zögerlich auf ihn zu. Er nahm nur am Rand wahr, dass Provenza „Na, Gott sei Dank" murmelte und dann zusammen mit Brenda das Zimmer verließ. Sie waren allein und endlich zusammen.

„Hey."

„Hey."

„Du hast mich ganz schön erschreckt."

„Ich weiß, es tut mir leid. Aber irgendwer musste dich doch daraus holen."

Er lächelte sie schief an und sie musste lachen.

„Ja, ich schätze, dafür muss ich mich bedanken."

„Es ist schön, dich zu sehen."

Sharon nickte und nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem Provenza eben noch gesessen hatte. Zögernd legte sie ganz vorsichtig ihre Hand auf seine. Andys Augen leuchteten auf und er drehte seine Hand, damit er seine Finger um ihre schließen konnte. Er konnte ihr ansehen, dass sie etwas sagen wollte, aber noch einen Moment brauchte. Also ließ er ihr die Zeit.

„Andy, ich… Als ich den Schuss im Hintergrund gehört habe, da… da hab ich gedacht…"

Ihre Stimme brach und Andy drückte ihre Hand. Er wollte sie nicht unterbrechen, aber trotzdem unterstützen. Nach einem kurzen Moment räusperte sie sich und fuhr dann fort.

„In dem Moment ist mein Herz stehen geblieben und das war ein schreckliches Gefühl. Das… Das kann und möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Verstehst du? Ich, ich kann dich nicht verlieren. Ich kann nicht mehr ohne dich leben. Und ich will es auch nicht."

Sie hatte die ganze Zeit auf ihre verschränkten Hände geschaut, aber jetzt wandte sie ihren Blick nach oben und schaute ihm direkt in die Augen. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen, aber sie lächelte, wenn auch etwas unsicher. Wenn er ehrlich war, hatte auch er Tränen in den Augen.

„Meinst du, meinst du das Ernst?"

Er konnte es gar nicht glauben. Sollte sein Traum wirklich wahr werden?

Sie nickte nur und dann flossen die ersten Tränen. Er musste vor Freude und Erleichterung lachen und als sie daraufhin richtig anfing, zu weinen, zog er sie mit seiner Hand zu sich und legte seine Arme um sie. Sharon vergrub ihr Gesicht in die Grube zwischen seiner Schulter und seinem Hals. Andy streichelte vorsichtig und liebevoll über ihr Haar, während sie weinte aus Erleichterung und Freude, aber auch Unsicherheit und Erschöpfung.

Sie saßen einige Minuten so da, bis Sharon letztendlich den Kopf langsam hob und ihm in die Augen sah. Ihr Gesicht war nur einige Zentimeter von seinem entfernt und Andy konnte nicht anders als sie für noch schöner zu halten. Seine Sharon.

Sie schluckte und atmete tief ein und aus. Dann sagte sie drei Worte, die er sich so von ihr erträumt hatte. Seit fast einem Jahr hatte er darauf gewartet.

„Ich liebe dich."

Er sah sie an und konnte nichts gegen das dämliche Grinsen tun, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete. Er musste aussehen wie ein Idiot, denn Sharon musste ein Lachen unterdrücken.

„Hey, lachst du mich aus?"

Andy lachte auch und schloss seine Arme fester um sie. Plötzlich spürte er ihre Lippen auf seinen und es überraschte ihn. Doch er brauchte nicht lange, um zu reagieren. Schließlich hatte er sich das Gefühl ihres ersten Kusses seit Monaten ausgemalt. Aber es war noch viel besser als er es sich hätte ausmalen können. Er spürte die Schmetterlinge in seinem Bauch förmlich.

Als sie sich atemlos voneinander lösten, spürte Andy Sharons Lächeln und erwiderte es. Sie legte ihre Stirn gegen seine und seufzte zufrieden.

„Das hat aber ganz schön gedauert, Captain."

Sie kicherte kurz und dann sah sie ihn an.

„Ich weiß, es tut mir leid, Lieutenant. Aber ich musste mir einfach genau überlegen, ob ich so einen Chaoten wie Sie gebrauchen kann."

Jetzt war es an Andy zu kichern. Aber einen Moment später wurde er ernst und sah ihr tief in die Augen.

„Und zu welchem Schluss bist du gekommen, Sharon?"

„Das hab ich dir doch schon gesagt, Andy. Ich. Liebe. Dich. Und nicht zuletzt, weil du ein solcher Chaot bist. Mein Chaot."

Er lächelte und war einfach unglaublich froh. Sie, diese unglaubliche, wundervolle und wunderschöne Frau, liebte IHN. Er konnte sein Glück kaum fassen.

„Du siehst müde aus, Sharon. Komm her."

Er rutschte zur rechten Seite des Bettes und ließ ihr genug Platz. Sharon legte sich bereitwillig neben ihn, schloss ihre Arme um seine Taille und bettete ihren Kopf auf seiner Brust, um seinen kräftigen Herzschlag zu hören. Auch Andy umarmte sie und verschränkte seine Beine mit ihren.

„Sharon, ich liebe dich auch. So unglaublich, das kannst du dir gar nicht vorstellen."

Sie schloss ihre Arme fester um ihn und sog seinen unwiderstehlichen Duft ein.

„Doch, Andy. Ich kann mir das vorstellen. Denn ich liebe dich genauso und ich bin glücklich damit. Sehr, sehr glücklich."

Andy presste einen Kuss neben ihren Scheitel und schloss seine Augen.

Die Welt war ein wundervoller Ort. Sharon war alles, was er brauchte und er hatte sie bekommen. Sie lag in seinen Armen und er würde sie nicht mehr loslassen. Nie mehr. Auch nicht in schweren Zeiten.


Sooo, das war es. Ich möchte mich nochmal bei Euch allen bedanken. Es ist wirklich toll, hier etwas zu schreiben, wenn man Euch als Leserschaft hat.

Sagt mir bitte, wie Euch das Ende gefallen hat. Und ich würde gern noch etwas wissen: Ich hätte noch eine Idee für noch ein weiteres (und letztes) Sequel für diese Reihe. Was haltet Ihr davon? Oder soll ich lieber etwas ganz neues anfangen? Lasst es mich wissen!

So oder so, werdet Ihr wohl bis nach Weihnachten warten müssen. Bis dahin wünsche ich allen eine schöne Adventszeit und ein frohes Fest!