„ Was denkt der Junge sich nur dabei?", keifte Bellatrix.
Wütend starrte sie auf Lucius und Narcissa herab, die mit gesenkten Köpfen am Tisch saßen. Aus ihren Augen schienen förmlich Blitze zu sprühen. Außer den dreien war keiner im Raum, weshalb Lucius sich dazu durchrang, den Kopf mit den geröteten Augen und der blassen Haut ein Stück anzuheben. Seit Wochen waren sie Gefangene in ihrem eigenen Haus und es setzte allen drei sehr zu. Lucius war am Ende seiner Kräfte, wurde halb verrückt vor Angst und Sorge und widmete sich fast ausschließlich dem Alkoholkonsum. Bellatrix hatte keine Chance ihr Temperament an jemand anderem auszulassen als an ihrer Schwester und deren Mann und Narcissas Gedanken waren ununterbrochen bei Draco. Es waren keine einfachen Tage.
„Bellatrix, bitte beruhige dich", murmelte Lucius.
Bellatrix kreischte auf. „Mich beruhigen?" Sie fuchtelte wütend mit einem Zauberstab durch die Luft, den sie einem Greifer abgenommen hatte, nachdem Harry Potter ihren mit sich genommen hatte. Augenblicklich senkte Lucius seinen Kopf wieder.
„Bella, bitte", sagte Narcissa leise. „Bitte."
„Sag du mir nicht, was ich tun und lassen soll", erwiderte Bellatrix giftig, doch sie kreischte nicht mehr so. Sie begann, unruhig hin und her zu laufen. „Der Dunkle Lord kommt heute. Zissy, du weißt, dass er euch für die Vergehen von Draco bestrafen wird."
Narcissa nickte. Es wäre schließlich nicht das erste Mal. Ja, Lord Voldemort war noch immer unglaublich zornig. Lucius wurde nur noch mit Häme und Spott behandelt, Narcissa fast komplett ignoriert. Doch ihren Mann so leiden zu sehen, war qualvoll genug. Wie so oft in letzter Zeit war sie den Tränen nahe, doch sie hielt sie zurück. Sie würde nicht weinen. Nicht hier in diesem Haus, nicht zu diesem Zeitpunkt. Nicht aus Verzweiflung.
Sie erhob sich von ihrem Stuhl und legte Lucius eine Hand auf die Schulter. „Lucius, möchtest du dich nicht langsam umziehen?"
Ihr Mann brummte zur Antwort etwas Unverständliches, stand aber mit zittrigen Gliedmaßen auf. Narcissa geleitete ihn die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer, wobei sie die ganze Zeit über Bellatrix' missbilligenden Blick im Rücken spürte.
Sie musste stark sein. Für Draco und ihren Mann. Und irgendwie auch für Bellatrix. Wie verrückt ihre Schwester auch sein mochte. Narcissa liebte sie. Aber dennoch gab es im Moment Wichtigeres, um das man sich kümmern musste. Irgendwie bugsierte sie Lucius aufs Bett. Er beobachtete sie aus trüben Augen und sie war sich nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt wahrnahm. Sie unterdrückte einen tiefen Seufzer, dann begann sie, ihm die Kleider auszuziehen, die voller Weinflecken und anderem Schmutz war. Dann zog sie ihm frische und saubere, natürlich schwarze, Kleidung an, was sie nur mit einiger Mühe schaffte.
„Ich brauche neuen Wein", grummelte Lucius.
„Nein, Liebster", erwiderte sie sanft. „Den brauchst du nicht."
Sie kniete sich vor ihm auf den Boden und schaute mit festem Blick zu ihm auf. „Du musst durchhalten, Lucius. Für Draco."
In seinen Augen erschien ein kleines Funkeln und Narcissa musste unwillkürlich lächeln.
„Für Draco", erwiderte er leise, seine Stimme rau und gebrochen.
Sie saßen eine Weile so da, bis Bellatrix durch die Tür kreischte: „Er verlangt nach euch. Sofort!"
Narcissa straffte die Schultern und hakte sich bei Lucius unter, um ihn aber auch sich selbst zu stützen.
Für Draco, sagte sie sich. Für Draco.
