Lord Voldemort saß am Kopf der langen Tafel im Speisesaal des Manors. Rechts von ihm saß Bellatrix. Narzissa war sich bewusst, was für ein jämmerliches Bild sie und ihr Mann abgeben mussten. Doch sie versuchte noch immer, das Beste aus der Situation zu machen. Sofern man aus so einer Situation so etwas wie ‚das Beste' machen konnte. Schon während sie zu ihren angestammten Plätzen neben Bellatrix liefen, konnte sie den Hohn und die Belustigung, aber gleichzeitig auch den Zorn des Dunklen Lords spüren und auf seinem Gesicht ablesen.
Sie setzten sich und der Dunkle Lord begann in seiner kalten Stimme zu sprechen. „Lucius, was ist nur mit dir passiert?"
„Mit m-mir?", stotterte Lucius.
Lord Voldemort zischte höhnisch. „Mit m-mir?"
Es gehörte zu den neuen Lieblingsbeschäftigungen des Dunklen Lords, sich über Lucius lustig zu machen. Immer, wenn er ihn sah wurde er zum Opfer gemacht. Narzissa empfand jedes Mal Abscheu gegenüber ihrem Herrn. Ihrem Herrn…
Unter dem Tisch legte sie Lucius beruhigend eine Hand auf den Oberschenkel.
Der Dunkle Lord hatte währenddessen weiter gesprochen. „… nur aus dir geworden? Du lässt dich gehen, Lucius. Du warst einmal mein treuester, bester Gefolgsmann."
Ihr Mann senkte den Blick, nachdem Lord Voldemort das war besonders betont hatte. Hämisch lachte er auf, und dann als das Gelächter langsam abebbte, sagte er ernst und mit einem höchst gefährlichen Unterton in der Stimme: „Ihr fragt euch sicher, warum ich euch überhaupt noch mit meiner Anwesenheit beehre, nicht wahr?"
Nein, dachte Narzissa.
„Ja", sagte Narzissa.
Bellatrix hing förmlich an den Lippen ihres Herrn und Meisters.
„Dein Sohn, Lucius", zischte der Dunkle Lord. „Was hast du mit ihm gemacht? Dachtest du, mir bleibt alles verborgen? Er ist verdorben, Lucius! VERDORBEN!" Das letzte Wort kreischte er fast. „Er ist nicht nur mit Harry Potter davon, man hat mir zugetragen, er hätte eine Beziehung mit dem Granger-Mädchen. Einer Muggelgeborenen, ein wertloses Schlammblut."
Lucius sagte nichts, hielt den Kopf gesenkt. Narzissa überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Da sagte Bellatrix: „Aber Herr, Ihr wisst, dass wir Euch treu sind und immer treu sein werden."
Das mag ja für dich gelten, Bella. Aber nicht für mich, dachte Narzissa. Doch sie schwieg, versuchte ihr Gesicht ausdruckslos zu lassen. Doch der Dunkle Lord beachtete sie nicht. Wie immer. Sie war für ihn schon immer nur die Schwester seiner loyalsten Todesserin und die Frau seines besten Mannes gewesen. Ein Anhängsel. Sie hatte sich immer darüber geärgert. Doch wenn sie darüber nachdachte, konnte genau das ein Vorteil für sie werden.
„Ja, Bellatrix", erwiderte Lord Voldemort und seine kalten, roten Augen bohrten sich in Lucius Gesicht. „Ich weiß." Dann erhob er sich. „Ich habe Besseres zu tun, als mich mit dir herumzuschlagen, Lucius. Kümmert euch um euren Sohn. Damit meine ich, ihr bekommt ihn unter Kontrolle… oder der Junge muss sterben."
Narzissa holte zitternd Luft. Lucius antwortete nicht, deshalb antwortete sie: „Ja, Herr. Wir haben verstanden."
Bellatrix begleitete den Dunklen Lord hinaus, begleitet von Nagini. „Draco", raunte Lucius.
„Er muss überleben", sagte Narzissa, den Tränen nahe. „Er muss überleben. Und wenn alle anderen sterben. Und wenn ich persönlich gegen den Dunklen Lord antrete. Ich werde dafür sorgen, dass Draco überlebt." Leise fügte hinzu: „Und dass er nichts bereut und glücklich wird. Ich will ihn doch nur in Sicherheit wissen."
Ihr Mann hob den Kopf. „Er wird überleben."
Narzissa würde alles dafür geben. Auch ihr eigenes Leben.
