Hey hey :) Hier ist das zweite Kapitel. Viel Spaß :)


Biep, biep, biep, biep…

„Beeil' Dich!"

„Ich versuch's ja, aber die Blutung hört nicht auf!"

„Wir müssen die Blutung stoppen!"

„Der Zauber wirkt nicht."

„Er muss wirken!"

Accio Verband."

„Wir verlieren ihn!"

Keine zehn Minuten war es her, dass sie Harry mit einer klaffenden Fleischwunde am Boden des Korridors gefunden, ihn gepackt und ins St. Mungo's Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen appariert hatte. Keine zwei Minuten nachdem sie ihn gefunden hatte, wurde er ihr aus den Armen gerissen und unter der Aufsicht von fünf Heilern in die Notaufnahme transportiert. Zehn Minuten war es her, dass sie ihn das letzte Mal in den Armen hatte und die Heilerin von sich weggeschoben hatte, die vergebens versucht hatte, sie zum Gehen zu überreden, doch sie blieb stur auf den Boden sitzen, die Hände rot und glänzend von seinem Blut und zitternd vor Erschöpfung. Immer wieder liefen Heiler aus der Notaufnahme und kamen mit anderen Sekunden später zurück. Mit jedem Mal, dass die Tür aufging und ein Heiler herauskam, wurden die Gesichtsausdrücke angespannter. Sie konnte regelrecht ihre Panik aus den zahlreichen Falten auf der Stirn und der Haltung der Lippen ablesen. Zahllose Verletzte kamen in der Empfangshalle an, manche mit einer Kopfwunde, manche humpelnd, manche bewusstlos und mit Begleitung. Doch keiner sah so schrecklich aus wie Harry. Sie konnte den Anblick nicht aus ihrem Gedächtnis löschen. Sie konnte nicht vergessen, wie er in ihren Armen gelegen hatte, bleich, regungslos und kaum noch am atmen.

Zitternd sog sie die nach Desinfektionsmittel riechende Luft des Krankenhauses ein. Ihr war schlecht. Sie konnte nicht glauben, dass es so weit kommen konnte. Sie hatte immer geglaubt, sie würden es schaffen – gemeinsam. Sie würden durch Dick und Dünn gehen, alle Schwierigkeiten zusammen durchstehen und überleben und doch – jetzt saß sie frierend, zitternd und blutüberströmt auf dem Boden der Eingangshalle des magischen Krankenhauses und konnte vor Angst kaum einen klaren Gedanken fassen. Auf dem Schlachtfeld mitten im Getümmel hatte sie keine Probleme mit der Konzentration gehabt. Ihr Leben und das aller, die ihr etwas bedeuteten, hatte auf dem Spiel gestanden, doch sie hatte es geschafft, klar zu denken, zu planen und danach zu handeln. Doch jetzt, obwohl sie eigentlich erleichtert sein musste, dass sie es überstanden hatte und am Leben war, konnte sie nicht klar denken. Ihr bester Freund lag wohlmöglich im Sterben und sie konnte nicht mehr tun, als die Heiler anzustarren, die den Raum, wo wohl die einfühlsamste und netteste Person lag, die ihr je begegnet war, lag, verließen und immer panischer wurden. Sie konnte Fetzen von gebrüllten Kommandos hören, ihr Gehirn konnte sie jedoch in keinen logischen Zusammenhang bringen. Es konnte einfach nicht sein! Es durfte einfach nicht sein! Harry durfte nicht sterben! Er war ‚der Junge, der lebte'! Nicht ‚der Junge, der starb'!

Sie bemerkte gar nicht, wie jemand wankend auf sie zu kam und über ihre ausgestreckten Beine fiel. Sie merkte nicht, wie dieser Jemand einen Schwall von Schimpfwörtern in ihre Richtung losließ. Sie merkte nicht, wie eine weitere Heilerin auf sie zu kam, dem Gestürzten aufhalf und ihr einen finsteren Blick zuwarf. Es war ihr egal, was die anderen Leute von ihr dachten. Es war ihr egal, wie lange sie hier auf dem eiskalten Marmorfußboden hockte. Sie wollte nur, dass es Harry besser ging, dass er überlebte. Sie wollte, dass sein Herz weiter schlug! Mit einem trockenen Schluchzen zog sie die Knie an ihre Brust und umschlang ihr Beine. Sie wippte sachte vor und zurück, ohne jemals den Blick von der Tür zur Notaufnahme abzuwenden.

*~*HP*~*

„Wie geht es ihm?"

Hermine wirbelte auf ihrem Platz neben Harrys Bett herum und starrte Ginny Weasley entgegen.

„Den Umständen entsprechend", murmelte sie und drehte sich wieder ihrem besten Freund zu, der leichenblass vor ihr im Bett lag. „Wenn er die heutige Nacht übersteht, sollte er durchkommen."

„Das ist schön zu hören", Ginny schniefte und ging langsam um das Krankenbett herum, um sich an Harrys rechte Seite zu setzen, gegenüber von Hermine. „Weißt du, ich habe nie aufgehört an ihn zu glauben", flüsterte sie, als ihr eine Träne über die Wange lief.

Hermine blickte sie verdutzt an.

„Ich weiß, er hat Schluss gemacht, aber das war nur wegen dem Krieg", Ginny starrte Hermine trotzig in die Augen. „Ich hab auf ihn gewartet. Das ganze Jahr lang. Ich hatte keine Ahnung, wie es ihm – euch – ging, aber in den Nachrichten kamen keine Meldungen, dass ihr gefasst und getötet worden wäret, also dachte ich, es wird euch schon gut gehen. Ich mein, Harry hat Ahnung von Flüchen, du bist brillant mit Zaubern und Ron… naja, er ist halt Ron. Ich wusste, ihr würdet es schaffen. Und ich hoffe, dass sobald Harry aufwacht, wir wieder dort anfangen können, wo wir vor dem Krieg aufgehört haben", sie lächelte den totaussehenden Teenager im Krankenhausbett zwischen ihnen liebevoll an. „Das müssen wir einfach."

Hermine schluckte. Ginny und Harry? Zusammen? Sie blickte auf ihren besten Freund hinab, der beinahe klein und zerbrechlich in dem übergroßen Bett wirkte. Seine Haut sah ungesund gräulich aus im Gegensatz zu dem weißen Bettbezug. Konnte sie sich vorstellen, dass Harry wieder mit Rons Schwester zusammen kam? Wenn sie ehrlich zu sich war, nein. Es hatte immer so gewirkt, als ob Harry die Beziehung zu Ginny als eine Art Flucht vor der Realität gesehen hatte – eine Art, sich vor seiner Verantwortung und Aufgabe zu drücken, selbst, wenn dies nur für einige Stunden am Stück gelang. Im sechsten Jahr, nachdem Harry und Ginny einige Wochen zusammen waren, hatte sie mit ihm darüber gesprochen. Sie wollte wissen, ob er glücklich war, denn wenn einer es verdient hatte, glücklich zu sein, dann war es Harry James Potter. Sie hatten bis tief in die Nacht am Kaminfeuer gesessen und erzählt. Ron war, kaum war das Thema zur Sprache gekommen, grummelnd in den Schlafsaal verschwunden und hatte irgendetwas von Zaubererschach gemurmelt. An dem Abend hatte Harry ihr erzählt, dass er nicht wusste, was er von der Beziehung mit der temperamentvollen Rothaarigen halten sollte. Er hatte ihr erzählt, dass er sich am Anfang sicher gewesen war, dass Ginny die Richtige für ihn wäre. Immerhin hatte er sie in seinem Amortentia gerochen, das sollte ja etwas bedeuten, doch andererseits fühlte er sich nicht mehr ganz wohl in der Beziehung. Sie hatte mehr von ihm verlangt, als er ihr geben wollte. ‚So weit bin ich noch nicht! Ich möchte das nicht einfach irgendeinem Mädchen', er hatte mit den Fingern Anführungszeichen angedeutet, ‚geben, sondern jemandem Besonderes. Jemandem, mit dem ich mich komplett wohl fühle. Verstehe mich nicht falsch, ich mag Ginny, sehr sogar, aber ich weiß nicht, ob das auf Dauer für sie reicht. Ich möchte sie nicht verletzen. Das hat sie nicht verdient.'

Hermine seufzte. Harry war ein herzensguter Mensch, einer, der es jedem Recht machen wollte. Er hatte so ein Leben nicht verdient und wenn sie tief in sich hineinhorchte, wollte sie nicht, dass er wieder mit Ginny zusammen kam. Klar, Ginny hatte noch immer Hoffnung und Harry hatte ab und zu, wenn er dachte, sie würde schlafen, eine ganze Weile lang auf die Stelle auf der Karte des Rumtreibers gestarrt, wovon sie mit sicherem Gewissen sagen konnte, dass es sich um den Gryffindor Mädchenschlafsaal handelte. Doch diese Momente waren gehäuft in der Zeit geschehen, nachdem Ron ihm vorgeworfen hätte, ihm sei es egal, wer wann starb und wieso. Sie nahm an, dass es Schuldgefühle gewesen waren, die Harry dazu getrieben hatten so zu handeln. Was den Amortentia anging… als sie diesen gewissen Zaubertrank im Unterricht durchgenommen hatten, hatte sie Nachforschungen angestellt. Solch kraftvolle Zaubertränke faszinierten sie und sie wollte herausfinden, wie genau dieser Trank funktionierte. Bei ihren Recherchen hatte sie nebenbei gelesen, dass es möglich war, dass sich der Duft des Trankes im Leben eines Zauberers änderte. Es kam nicht allzu oft vor, aber dennoch war es möglich. Sie hoffte, dies war bei Harry der Fall.

„Das musst du ihn schon selbst fragen, wenn er aufwacht", sagte Hermine, ungewollt giftig. Sie mochte Ginny, jedoch mochte sie nicht, wie sie mit ihrem Harry umging! Moment mal, ihrem Harry?

Ginny blickte auf und blinzelte. Sie wirkte so, als ob sie vergessen hätte, dass sie nicht mit Harry alleine im Raum war. Gott sei Dank, denn so hatte sie nicht den Ärger in Hermines Stimme gehört. „Oh, ja, das werde ich wohl auch tun."

Hermine beobachtete die jüngste Weasley mit zusammengekniffenen Augen, als diese sich zu Harry hinunter beugte und ihm einen Kuss auf die zerkratzte Wange drückte. „Er wird ja sagen", murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Hermine. „Das wirst du doch, Liebling, oder?" Sie lächelte ihn an, fuhr ein letztes Mal mit ihrer Hand durch sein zerzaustes Haar und stand seufzend auf.

„Ich muss wieder nach Hause. Mum war nicht gerade begeistert, als ich gesagt habe, ich würde Harry einen Besuch abstatten. Sie ist im Moment ein bisschen durcheinander, wegen Fred und all dem." Sie schniefte und fuhr sich mit einer Hand über die roten Augen. „Naja, sie ist der Meinung, dass wir ihn in Ruhe lassen sollten, damit er gesund werden kann", der verdrehte die Augen. „Als ob das funktionieren würde." Sie küsste Harry auf die Stirn, winkte Hermine zu und verschwand leise aus der Intensivstation.

Hermine schnaufte verächtlich. Was für eine Freundin! Guckt, ob er noch lebt, erzählt was von großer Liebe und verschwindet im nächsten Moment wieder, weil sie Wichtigeres zu tun hat, als am Bett eines Kranken zu sitzen. Sie lächelte Harry traurig zu und drückte sanft seine Hand, die sie in den ihren hielt. „Ich bleib hier, Harry. Ich werde hier sein, wenn du aufwachst. Das verspreche ich dir."

*~*HP*~*

Im Laufe der Woche kamen viele Leute, die sehen wollten, wie es dem ‚Jungen, der lebte und siegte' ging. Scharen von Reportern tummelten sich vor dem Krankenzimmer, in das Harry nach zwei Nächten auf der Intensivstation gebracht wurde. Kingsley Shacklebolt hatte dafür gesorgt, dass zwei Auroren sich vor die Tür postierten, die dafür sorgten, dass keine ungebetenen Gäste zu dem immer noch im Koma liegenden Retter der Zaubererwelt gelangten. Die einzigen, die zu ihm durften waren die Weasleys, Schulfreunde, wie Neville Longbottom oder Seamus Finnigan, und Ordensleute, sowie Lehrer von Hogwarts. Alle brachten sie bei ihrem ersten Besuch Blumen und Schokolade mit, in der naiven Hoffnung, Harry könnte jeden Moment aufwachen, was zur Folge hatte, dass die Heiler dazu gezwungen waren, sämtliche Blumengestecke und Päckchen mit Schokolade aus dem Krankenzimmer zu transportieren, da es keine freie Fläche mehr gab, wo sie Medikamente und Tränke hätten abstellen können.

Hermine hatte seit Harrys Operation vor drei Wochen nicht mehr sein Bett verlassen oder seine Hand losgelassen, es sei denn, die Toilettengänge von einer Minute zählten. Nachdem die Heiler vergebens versucht hatten, sie zu einem kleinen Ausflug in die Cafeteria zu überzeugen, um etwas zu essen und zu trinken, brachten sie ihr das Essen ans Krankenbett. Man konnte glauben, sie wohnte in diesem Zimmer. Schlafen tat sie nur sehr wenig und wenn ich es einmal schaffte, länger als dreißig Minuten am Stück ohne Alptraum zu schlafen und nicht schreiend und weinend aufzuwachen, lag sie mit dem Kopf auf Harrys Matratze, seine Hand immer noch fest in ihrer.

„Hermine, Schatz. Bitte komm mit in die Cafeteria", sagte Molly Weasley, die schon seit mehreren Stunden versuchte, Hermine zum Gehen zu bewegen. „Es tut dir nicht gut, immer nur auf einem Fleck zu sitzen und kaum etwas zu essen."

„Ich esse genug", murmelte Hermine als Antwort. Sie hatte nicht das leiseste Interesse daran, diesen Raum zu verlassen, der ihr inzwischen so vertraut war, wie ihr Elternhaus in der Nähe von London.

„Bitte", Mrs Weasley legte ihr eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. „Es wird dir gut tun, etwas anderes außer diesem Zimmer zu Gesicht bekommen und ich glaube kaum, dass Harry möchte, dass du aufhörst zu leben. Es muss ja nicht lange sein, aber bitte komm mit mir zur Cafeteria."

„Und was ist, wenn er aufwacht?" Hermine wischte sich schnell mit einer Hand über die Augen und zu verhindern, dass Molly die Tränen sah, die sich in ihren brauen Augen sammelten. „Ich habe ihm versprochen, ich werde da sein, wenn er aufwacht."

„Ich bin mir sicher, dass die Heiler uns sofort bescheid geben, wenn sich etwas tut. Wir sagen ihnen, wo sie uns finden können. Es wird ihm schon nichts zustoßen, Liebes", fügte sie zärtlich hinzu, als sie Hermine schniefen hörte. Ihr zerbrach es das Herz, das Mädchen, welches sie als ihre zweite Tochter betrachtete, so leiden zu sehen. Jedes Mal, wenn sie ihren inoffiziellen Adoptivsohn besuchte, saß sie an seinem Bett, hielt seine Hand und flüsterte ihm Sachen zu, wie die Geschehnisse vom Tag, wer alles schon bei ihnen gewesen war und wie sehr sie sich erhoffte, er möge endlich aufwachen. Die Tränen, die sie vergoss, waren weniger geworden, jedoch waren sie immer noch da. So, wie in diesem Moment.

„Na schön", schniefte Hermine und atmete einmal tief durch. Sie blickte auf Harrys blasses Gesicht und drückte ihm einen leichten Kuss auf die Hand. „Ich komm gleich wieder. Ich bin nur eben in der Cafeteria, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Ich bin wieder da bevor du aufwachst." Sie lächelte ihrem besten Freund traurig zu und erhob sich etwas wackelig von dem harten, alten Holzstuhl, den sie in den letzten drei Wochen kaum verlassen hatte.

„Okay", sagte sie und lächelte Mrs Weasley zu. „Gehen wir."

*~*HP*~*

„Hat Ron irgendetwas gesagt?" Hermine nahm ihre Gabel in die Hand und spießte eine Nudel auf. Sie saßen in der überfüllten Cafeteria des Krankenhauses und versuchten, die Reporter zu ignorieren, die am Eingang der Cafeteria standen und ihnen Fragen zu Harrys Wohlbefinden zuriefen.

Molly seufzte und nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Du kennst doch Ronald. Er meint die Dinge nicht so, wie er sie sagt. Aber er hat gefragt, wie es Harry geht. Und dir."

Hermine lachte verächtlich auf und malträtierte ihr Putenschnitzel mit etwas zu viel Gewalt. „Das ist ja wohl auch das Mindeste, was er machen kann! Drei Wochen liegt Harry jetzt schon im Koma und dieser Idiot von einem besten Freund empfindet es nicht für nötig, einmal vorbeizuschauen und mit eigenen Augen zu sehen, wie es Harry geht. Ganz ehrlich, manchmal weiß ich nicht, warum ich überhaupt mit so einem Arsch zusammen bin", stieß sie wütend hervor und wurde prompt puterrot, als ihr klar wurde, wer ihr gegenüber saß. „Oh, Mrs Weasley, tut mir Leid, ich - "

„Ist schon gut, meine Liebe", Mrs Weasley lächelte ihr über ihre Teetasse hinweg entgegen. „Keine Sorge, ich sehe es genauso wie du. Ich verstehe es nicht, warum er sich noch nicht einmal die Mühe gibt so zu tun, als ob es ihn interessieren würde. Harry war, seitdem er Ron kennt, immer ein guter Freund und wenn er einmal Hilfe braucht lässt ihn mein lieber Sohn entweder im Stich oder lässt sich von anderen ausrichten, wie es ihm geht. Immerhin das tut er wenigstens." Mrs Weasley schüttelte ihren Kopf. „Ich versteh es einfach nicht. Harry war sein erster und bester Freund und wie benimmt er sich ihm gegenüber? So habe ich ihn nicht erzogen, das kannst du mir glauben."

„Ron kann etwas eigensinnig sein", murmelte Hermine und dachte an die ganzen Situationen, wo Ron anderer Meinung war als sie und unabsichtlich verletzend wurde. All diese Situationen hatten damit geendet, dass sie entweder in einem verlassenen Klassenzimmer oder auf ihrem Bett gesessen und geweint hatte.

„Und das ist noch nett ausgedrückt", Mrs Weasley funkelte ihr Stück Käsekuchen böse an. „Bei dir gemeldet hat er sich also nicht, nehme ich an?"

„Nein", Hermine seufzte auf und rieb sich die erschöpfen Augen. „Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich nicht zu Hause bin und seine Briefe nicht bekommen habe oder -"

„Oh, glaub mir, wenn er einen Brief geschickt hätte, wäre er angekommen. St. Mungo's hat eine Posteingangsstelle, so wie jedes magische Institut."

„Dann hat er sich nicht bei mir gemeldet", sagte Hermine ernüchtert. „Ich glaube er ist eifersüchtig. Dass ich bei Harry und nicht bei ihm bin, meine ich."

Mrs Weasley blickte überrascht auf.

„Vor drei Wochen, kurz nachdem Voldemort besiegt war, habe ich Ron gefragt, ob er Harry gesehen hat und er hat ganz komisch und aggressiv reagiert. Ich meine, klar, wir haben alle getrauert… wegen Fred", fügte sie schüchtern hinzu und sah Mrs Weasley traurig lächeln, „aber ich glaube nicht, dass das der Hauptgrund war. Harry hat sein ganzes Leben lang, beinahe jedes Jahr in seinem Leben Menschen verloren, die ihm etwas bedeutet haben und nie hat er aggressiv uns gegenüber reagiert. Klar, nach Cedrics Tod im fünften Jahr war er anders und aggressiver, aber das lag ja nicht an ihm, sondern an Voldemort."

„Es könnte gut sein, dass mein Sohn eifersüchtig ist. Es hat nie zu seinen Stärken gezählt, negative Gefühle kontrollieren zu können", sie lachte und drückte Hermines Hand.

„Ich sage das jetzt zwar ungern, weil ich als Mutter eigentlich auf der Seite meiner Kinder stehen sollte", sie zwinkerte der jungen Zauberin vor ihr munter zu, die daraufhin lächelte, „aber ich bin auch eine Frau und habe außerhalb von alldem auch meine eigene Meinung. Ich möchte dir sagen, dass wenn du dich in einer Beziehung mit meinem Ronald nicht wohl fühlst oder du nicht mit seinen Stimmungsschwankungen klar kommen kannst oder möchtest, würde ich es verstehen, wenn du die Sache beendet würdest. Klar, es ist komisch, das jetzt gerade von mir zu hören", fügte sie hinzu, als Hermine überrascht den Mund aufriss, um etwas zu erwidern, „aber ich finde es ganz und gar nicht in Ordnung, wie er mit dir und Harry umgeht."

Hermine blickte auf ihren Teller hinab und lächelte leicht. „Das ist gut zu wissen." Nach einigen Sekunden schaute sie der herzlichen Hexe ihr gegenüber in die Augen. „Danke, Mrs Weasley."

„Kein Problem, Liebes", antwortete sie lächelnd und drückte ihr noch einmal die Hand. „Außerdem denke ich sowie, dass du und Harry ein netteres Paar abgeben würdet."

Was?" Hermine verschluckte sich an einer Nudel und lief knallrot an. Molly schlug ihr sachte auf den Rücken und beobachtete amüsiert, wie Hermine wieder zu Atmen kam und sie anstarrte. „Wie bitte? Was haben Sie gerade gesagt?"

„Ach, jetzt tu nicht so, als ob du darüber nicht schon nachgedacht hättest!" Hermine blickte sie entsetzt an. Sie? Darüber nachgedacht? Über Harry und… Sie schluckte. Wie war sie denn jetzt da drauf gekommen?

Mrs Weasley schien den Gedankengang gut von ihrem Gesicht ablesen zu können, denn sie lächelte ihr liebevoll zu. „Man sieht es, Hermine."

„Wie bitte? Was?" Hermines Augen wurden immer größer.

„Wie du ihn ansiehst, wie du keine Minute von seiner Seite weichst, wie du nicht bei deinem Freund bist, obwohl der sich ja nicht wirklich um deine Aufmerksamkeit bemüht", fügte sie zerknirscht hinzu und blickte auf die Freundin ihres Sohnes, die sie mit knallroten Wangen, weit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund anstarrte. Molly kicherte. „Ich sehe, du brauchst noch etwas Zeit, um die Anzeichen zu sehen", zwinkernd stand sie auf, nahm ihr Tablett in die Hand und blickte zu der immer noch versteinerten Hermine hinunter. „Kommst du, Liebes? Harry wartet."

„W- Was? Oh, ähm, ja, ich komme", sie schüttelte den Kopf, um all ihre verwirrten, abgehackten Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben und stand auf. Jetzt war nicht die Zeit, um verwirrt in der Cafeteria herumzusitzen, einige Stockwerke über dem Zimmer, in dem ihr bewusstloser bester Freund lag. Sie blinzelte. Bester Freund. War das wirklich das, was sie wollte?

*~*HP*~*

Es herrschte Totenstille. Das einzige, was zu hören war, waren die gequälten Stimmen derjenigen, die verletzt in die Große Halle getragen wurden. Hermine half gerade Neville, vom Boden aufzustehen, ohne seinen blutigen Knöchel weiter zu belasten, als sie am Rand des Verbotenen Waldes eine Bewegung sah.

Was ist los, Hermine?" Neville stöhnte auf, als er versuchte, seinen rechten Fuß zu belasten.

Siehst du das? Da am Waldrand", sie deutete in besagte Richtung. In diesem Moment traten schwarze Gestalten aus der Dunkelheit des Verbotenen Waldes. Es war unmöglich zu sagen, wie viele es waren, denn durch ihre dunklen Umhänge sah es so aus, als würden sie mit der Dunkelheit des Waldes verschmelzen. Sie konnte kaum Konturen ausmachen. Als die erste Gestalt auf die Wiese vor dem Schloss trat und von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages erfasst wurde, keuchte sie auf. Voldemort. In einem langen, schwarzen Umhang, weißes Schlangengesicht zu einer grinsenden Fratze verzogen und neben ihm seine riesengroße Schlange. Sie schlängelte sich durch rußiges, totes Gras, dort, wo Zauber und Flüche es verbrannt hatten. Hinter ihnen kamen dutzende schwarzgekleidete Zauberer und Hexen hervor. Todesser. Die weißen Masken an ihren Seiten. Doch was ihre Aufmerksamkeit in den Bann zog war Hagrid. Der Wildhüter hatte Seile und Ketten um seinen Hals und seine Gliedmaßen geschlungen, als sei er ein Drache, der gezügelt werden müsse, oder ein ungehorsamer Hund. Sein Gesicht war schmutzig und blutverkrustet. Und in seinen Armen hielt er…

HARRY!" Hermine wirbelte herum, um gerade noch zu sehen, wie Ginny von Mr Weasley zurückgezogen wurde.

Das Grinsen auf Voldemorts Gesicht wurde nur noch breiter. „Harry Potter… ist tot!"

„NEIN!" Mit einem Schrei fuhr sie hoch und konnte ihren Stuhl gerade noch im letzten Moment daran hindern, mitsamt ihr auf dem Boden aufzuschlagen. Keuchend saß sie neben Harrys Bett und versuchte sich zu beruhigen. „Nur ein Traum. Es war nur ein Traum", murmelte sie vor sich hin und schloss kurz die Augen. „Nur ein Traum. Es ist vorbei. Harry lebt." Sie blickte auf und starrte den reglosen Körper ihres besten Freundes im Bett vor sich an. „Er lebt", flüsterte sie und lächelte schwach. Die Uhr auf dem Beistelltischchen zeigte drei Uhr morgens. Sie hatte ganze zwei Stunden geschlafen.

Müde rieb sie sich die Augen. Zwei Stunden.

Nachdem sie am vorherigen Tag mit Mrs Weasley die Cafeteria verlassen und sich durch die Wand an Presseleuten gezwängt hatte, hatte sie sich sofort wieder auf den Weg zu Harry gemacht, nur um festzustellen, dass jetzt, wo keiner an Harrys Bett saß und eine weitere Schutzmauer um den Retter der Zaubererwelt bot, die beiden Auroren ernsthafte Probleme gehabt hatten, die Reporter zu bändigen, die alle versucht hatten, zuerst durch die Tür zu kommen und ein Exklusivfoto des im Koma liegenden Kriegshelden zu schießen. Als Hermine auf die Menschenscharr zugeeilt war, hatte sie es nur mit Gewalt geschafft, sich zwischen den Leuten durchzuzwängen, die Tür aufzureißen und sie wieder zuzuschlagen sobald sie im Zimmer gewesen war, noch ehe die Reporter mehr als „Hermine Granger! Das ist Hermine Granger!" rufen konnten.

Jetzt saß sie alleine neben Harry und wünschte sich nichts mehr, als endlich wieder seine strahlend grünen Augen zu sehen, sein Lächeln zu bewundern und das Gefühl zu haben, dass er ihre Hand in seiner drückte. Moment.

Entsetzt starrte sie auf Harrys Hand, die sie wie immer fest in ihrer hielt und hielt den Atem an. Da war es wieder! Erst ein Finger, dann zwei Finger und schließlich schlossen sich alle um ihre Hand und drückten kaum merklich.

Hermine unterdrückte ein Kreischen und wirbelte herum, um den Notknopf zu drücken, der einen Heiler herbeirufen würde.

„Bitte! Kommen Sie schnell! Harry wacht auf! Er wacht auf!"


A/N: Ich freu mich auf Kommentare :D