Und hier ist Kapitel 3 :) Viel Spaß beim Lesen.


Im Auge des Hurrikans

„Harry? Harry, hörst du mich?" Hermine ganzer Körper war angespannt, als sie auf der Kante des alten Holzstuhls saß und ihren besten Freund anstarrte, der immer noch blass und bewegungslos vor ihr lag. Aber er hat sich doch gerade bewegt! Ich hab's eindeutig gemerkt! Das hab ich mir unmöglich eingebildet. Hermines Gedanken überschlugen sich. Es war jetzt etwa einen Monat her, dass sie an Harrys und Rons Seite in Hogwarts für eine bessere Zukunft gekämpft hatte und etwa einen Monat, seitdem sie Harry auf den Beinen und bei Bewusstsein gesehen hatte. Doch er hatte eben ihre Hand gedrückt!

„Miss?"

Hermine zuckte zusammen, als zwei Heiler, ein Mann und eine Frau, in den Raum geeilt kamen, beide beladen mit Tränken, von denen sie einige als Energietränke und Nährstofflösungen identifizierte. Die meisten sagten ihr allerdings nicht viel.

„Sie meinten, er würde aufwachen? Was genau ist passiert?"

„Ähm, ja! Ich saß hier und hab wie immer seine Hand gehalten und plötzlich hat er einen Finger bewegt, dann noch einen und schließlich hat er meine Hand gedrückt. Nicht kräftig, aber er hat sie gedrückt!"

„Treten Sie bitte zur Seite, Miss Granger", sagte der ernstaussehende Heiler, als seine Kollegin an Harrys rechter Seite stand und anfing, Diagnosezauber vor sich hin zu murmeln und ihren Zauberstab in komplizierten Schnörkeln über Harrys Körper schweifen ließ. Er stellte die Tränke ab, die er in den Händen gehalten hatte, lehnte sich über das Kopfende von Harrys Bett und hob ein Augenlid an, um ihm mit dem Zauberstab ins strahlend grüne Auge zu leuchten. Hermine stand zitternd in der Ecke des Raumes und beobachtete schweigend, wie die Heiler ihren Job erledigten. Konnte es wirklich war sein? Durfte sie es wagen, zu hoffen?

„'Mine?" Hermine zuckte zusammen als sie seine schwache, krächzende Stimme hörte und eilte überstürzt zum Bett. „Harry? Ich bin hier. Ich bin bei dir."

Der Heiler, der sich über das Kopfende des Bettes gelehnt hatte, wich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen zurück und drehte sich zu Hermine um. „Ich glaube, wir lassen Sie beide allein. Wenn irgendetwas passieren sollte, sollte ihm schlecht werden oder sollte er Orientierungsprobleme bekommen, bitte rufen Sie uns sofort."

„Mach ich, Sir. Danke."

Als die Heiler den Raum verlassen hatten, drehte Hermine sich um und strahlte, als sie sah, dass Harrys Augen einen kleinen Spalt offen waren und sie müde musterten. Er war immer noch blass, zwar nicht mehr ganz so stark wie die letzten paar Wochen, doch gesund sah er noch nicht aus.

„Hey", Hermine lächelte ihm zärtlich zu und setzte sich wieder auf ihren Stuhl neben seinem Bett. „Wie geht es dir?"

Harry grummelte und schloss die Augen. Er wirkte sehr schwach. „Als ob ich von einer Horde Drachen überrannt und geröstet worden wäre", flüsterte er. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie erneut anblickte. „Und dir? Du siehst müde aus."

„Das musst du gerade sagen", sie lachte. „Wo du doch im Krankenhaus liegst."

Harry lächelte ihr verlegen zu. „Das heißt nicht, dass ich mir keine Sorgen mache." Hermine verdrehte lächelnd die Augen. Typisch. Er liegt im Krankenhaus, nachdem er fast gestorben wäre und er ist derjenige, der sich Sorgen um mich macht.

„Mir geht's gut, jetzt, wo du wieder wach bist", sie blickte auf ihre ineinander geschlungenen Hände und merkte, wie ihre Augen anfingen, zu prickeln. Schnell fuhr sie sich mit der anderen Hand übers Gesicht und lachte verlegen. Sie hoffte, Harry wäre zu erschöpft, um ihre Tränen zu sehen, die sich langsam aber sicher in ihren Augen sammelten. Sie lächelte ihm entgegen und war entsetzt zu sehen, wie sich seine Augenbrauen zusammen zogen und er die Augen schloss. „Hast du Schmerzen?"

„Was?", Harry blinzelte und schüttelte leicht den Kopf. Oh, das sollte ich nicht machen, dachte er, als sich die Decke über ihm anfing zu drehen. „Äh, nein", sagte er, schloss erneut die Augen und versuchte gegen den Drang sich zu übergeben anzukämpfen. „Wieso weinst du?", flüsterte er so leise, dass Hermine sich zu ihm hinunter beugen musste, um ihn zu verstehen.

Sofort wurde sie knallrot. „Ich wein' doch nicht", sagte sie und wischte sich hastig über die Augen.

Harry lächelte zaghaft. „Wenn du meinst. Seit wann bin ich denn jetzt schon hier drin?"

Hermine schluckte. „Seit etwa einem Monat."

„Seit… einem Monat?" Harry schaute entsetzt zu ihr hinüber, konnte jedoch kaum die Augen offen halten. „Ich war einen Monat lang bewusstlos?"

„Du lagst im Koma", flüsterte Hermine als Antwort und schaute betreten wieder auf ihre Hände hinunter, die immer noch zusammen auf Harrys Bettdecke lagen. „Ich bin dir nicht von der Seite gewichen." Sie blinzelte durch ihre Wimpern hindurch zu Harrys hinüber, der sie mit einem Ausdruck auf dem Gesicht musterte, den sie nicht deuten konnte.

„Das hättest du nicht tun brauchen."

„Das weiß ich. Ich wollte es aber."

Lächelnd sah sie zu, wie Harry gegen seine schweren Lider ankämpfte und etwas murmelte, das sie nicht mehr verstand. Im nächsten Moment war er eingeschlafen.

„Ruh dich aus, Harry. Und keine Sorge", flüsterte sie dem schlafenden Jungen vor ihr zu und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Ich bleib bei dir."

*~*HP*~*

Eine Woche später wurde Harry aus dem Krankenhaus entlassen. Er war immer noch schwach, konnte aber gehen und länger als vier Stunden an einem Stück bei Bewusstsein bleiben. Die Heiler drückten ihm einige Tränke in die Hände, die Hermine sofort in einer kleinen Reisetasche verstaute.

„Und den hier nehmen Sie bitte dreimal täglich", sagte die Heilerin und gab ihm einen bläulichen Trank. „Ein Teelöffel jeweils sollte reichen. Falls sie einmal besonders müde sind, können Sie auch vier Portionen nehmen, aber nicht mehr. Dieser Trank macht süchtig, also kommen Sie bitte in zwei Wochen noch einmal her und lassen sich untersuchen. Egal, ob der Trank noch wirkt oder nicht. Verstanden?"

„Ja, Ma'am", Harry nickte und nahm ihr den letzten Trank ab, den Hermine sofort mit ihrem Zauberstab antippte, um die Anweisungen vom Heiler auf der Flasche zu notieren und zu in anderen in der Reisetasche verstaute.

„Gut. Dann wäre das alles von unserer Seite aus. Gute Besserung, Mr Potter." Die Heilerin lächelte ihm zu, schüttelte seine und Hermines Hand und ließ die beiden allein.

„Sollen wir?" Hermine nahm die Reisetasche in die Hand und deutete auf die Tür, durch die einige Sekunden vorher die Heilerin verschwunden war.

Harry nickte, nahm ihr unter Protest die Reisetasche mit den Tränken drin ab, und machte sich auf den Weg aus dem Zimmer. Kaum hatte er die Tür geöffnet wurden sie von Blitzen und Geschrei empfangen.

„Mr Potter, wie geht es Ihnen?"

„Stimmt es, dass Sie im Koma lagen?"

„Mr Potter, bitte einmal lächeln!"

„Hier, Mr Potter!"

Hermine stöhnte auf, nahm Harrys Hand und zerrte ihn durch die Presseleute hindurch, die mit ihren Fotoapparaten, Federn und Pergamenten den ganzen Korridor vor Harrys Krankenzimmer in Beschlag genommen hatten.

„Mr Potter!"

„Ein Interview! Mr Potter, hier!"

Geduckt liefen die beiden durch die Menschenmasse hindurch und erreichten die Empfangshalle genau in dem Moment, als die beiden Auroren, die vor Harrys Zimmer Wache gestanden hatten, angelaufen kamen, um die Reporter von ihnen zurückzutreiben.

Schnell liefen Harry und Hermine durch die volle Empfangshalle des Krankenhauses, weg von überraschten und begeisterten Rufen, wie „Mum! Da ist Harry Potter!" – „Was? Wo?" – „Da drüben!" – „Oh mein Gott, er ist es!" – „Harry!"

Schlitternd blieben sie vor einem der unzähligen Kaminen stehen, Hermine warf etwas Flohpulver ins Feuer, welches sich sofort grün färbte, stieß Harry hinein und brüllte „Grimmauld Platz Nummer 12", sprach nach ihm ins Feuer, verschwand in den Flammen und ließ die begeisterten, kreischenden Leute vor dem Kamin zurück.

„Um Gottes Willen", stieß Hermine aus, als sie in Sirius' alter Küche auf und ab marschierte. „Können sich diese Leute nicht einmal zusammenreißen? Du bist gerade mal vor einer Woche aus dem Koma erwacht und schon versuchen sie, dir die Klamotten vom Leib zu reißen und überrumpeln dich mit Fragen. Kein Sinn für Anstand! Die müssen doch wissen, dass du noch nicht wieder zu hundert Prozent gesund bist! Die ignoranten Säcke!"

Harry sah lächelnd zu, wie Hermine sind in Rage redete und ließ sich erschöpft in einen Stuhl am Küchentisch sinken. Der ganze Stress mit den Reportern hatte ihn ausgelaugt. Kaum zu glauben, dass er beim letzten Mal, wo er bei Bewusstsein war noch über vierundzwanzig Stunden am Stück wach gewesen war und um sein und das aller Leben gekämpft hatte, ohne die Müdigkeit zu spüren, die ihn jetzt zu übermannen drohte. Er legte seinen Kopf auf den Tisch, schloss für einen Moment die Augen und hörte nichts außer Hermines aufgebrachten Monologs, und lächelte, als er ihre warme Hand auf seiner Schulter bemerkte. Harry blinzelte und drehte sich zu ihr um, doch der Platz neben ihm war leer. Verdutzt schaute er nach rechts und sah, wie Hermine immer noch wütend vor dem Tisch auf und ab lief und irgendwelche Reporter beschimpfte. Sie war zu weit weg um ihn zu berühren. Sie hatte noch nicht einmal gemerkt, dass er halb auf dem Tisch lag. Verdattert drehte Harry sich erneut nach links schaute auf den Stuhl neben ihm. Aber dieser war leer. Er drehte sich um, um zu schauen, ob jemand hinter ihm stand, sah jedoch nichts als die kahle, leicht fleckige Wand. Die Tapete blätterte am oberen Rand etwas ab und man konnte gut erkennen, dass es hier einmal vor etlichen Jahren einen Wasserschaden gegeben hatte. Er hätte schwören können, dass er eben eine Hand auf seiner Schulter hatte spüren können…

„Harry?" Hermines leicht errötetes Gesicht tauchte vor ihm auf. Harry zuckte zusammen. „Alles in Ordnung?"

Blinzelnd und leicht betreten schaute Harry erneut auf den leeren Stuhl neben ihm. „Ja. Ja, alles in Ordnung. Ich dachte nur, ich hätte… ach, nicht so wichtig. Ich bin nur müde, das ist alles." Komisch. Harry schüttelte leicht den Kopf und wandte sich wieder Hermine zu, die ihn lächelnd beobachtete.

„Vielleicht solltest du dich für eine Stunde hinlegen. Heute war doch recht anstrengend. Mit all diesen unhöflichen Reportern, die keine ordentliche Kinderstube genossen haben!" Wütend funkelte sie das Regal an, in dem altes Porzellan und Silberbesteck verstaut war, als ob es sie gerade persönlich beleidigt hätte.

Harry versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken und stand schwankend auf. „Ich glaube, das werde ich auch tun", sagte er und machte sich langsam auf den Weg zur Treppe.

„Ich weck dich in 'ner Stunde, damit du den Trank nehmen kannst, okay?"

„Ja, mach das", murmelte Harry und verschwand im Treppenhaus.

*~*HP*~*

In der darauffolgenden Nacht schlief er nicht gut. All die Geschehnisse der vergangenen Tage schwirrten ihm im Kopf herum und bohrten sich gnadenlos in seine Gedanken. Der Finale Kampf, der für ihn noch frischer in Erinnerung war als für alle anderen machte einen Hauptteil seiner Träume aus…

Am nächsten Morgen saß Harry erschöpft und total übermüdet am Tisch in der modrigen Küche, eine Tasse Kaffee in der Hand, und versuchte, wach zu werden. Viel Schlaf hatte er nicht bekommen. Immer wieder waren Szenen vor seinem inneren Auge auf aufgetaucht, hatte er auch nur eine Minute versucht, seine Augen zu schließen. Szenen, die er am liebsten vergessen würde. Schreiende Freunde, tote Mitschüler, das brennende und zerstörte Schloss… Harry schüttelte den Kopf, um die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben. Wenn er in jeder schlafenden Minute an sie dachte wollte er es nicht auch noch in den wachen tun. Seufzend sank er gegen die harte Stuhllehne und rieb sich die Augen. Er war so müde.

Ein Rauschen des Kamins kündete Hermines Ankunft an. „Guten Morgen, Harry! Wie geht es dir heute? Um Gottes Willen, wie siehst du denn aus?" Schnell lief sie auf ihren besten Freund zu, der zusammengesackt am Küchentisch mit einer Tasche Kaffee saß und kniete sich neben seinen Stuhl, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen und seine Haare waren noch zerzauster, als sie sonst waren. Er lächelte ihr müde zu und richtete sich etwas auf.

„Mir geht's gut, Hermine. Bin nur etwas müde."

„Ja, das sieht man", murmelte die braunhaarige Hexe und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Harry zuckte zusammen.

„Hast du denn überhaupt etwas geschlafen?"

Harry blickte zu ihr hinauf und lächelte verlegen. „Natürlich nicht", Hermine seufzte und schüttelte leicht den Kopf. „Soll ich dir ein paar ‚Traumloser Schlaf'-Tränke besorgen? Ich wollte heute sowieso in die Winkelgasse, dann kann ich in der Apotheke vorbeischauen."

Harry lächelte ihr dankbar zu. „Das wäre nett von dir, 'Mine. Selbst, wenn ich wollte, könnte ich nicht in die Öffentlichkeit gehen, ohne überrannt zu werden…"

„Hm, da hast du leider Recht." Sie schlenderte zum Schrank, um sich eine Tasse herauszunehmen und füllte sie mit der schwarzen koffeinhaltigen Flüssigkeit. „Hattest du einen Alptraum?", fragte sie zärtlich, als sie sich ihm gegenüber an den Tisch setzte.

„Das Übliche", Harry blickte auf seine Hände, die verkrampft seine Kaffeetasse hielten.

„Möchtest du darüber reden?"

„Nicht wirklich, nein", er blickte schüchtern zu ihr auf. Hermine musterte ihn mit besorgter Miene. „Wirklich, Hermine, mir geht's gut. Ich bin mir sicher, mit den Tränken kriege ich mehr Schlaf, also kein Grund zur Sorge." Er lächelte ihr ermunternd zu. Für ihn fühlte es sich wie eine Grimasse an, Hermine schien das Thema aber trotz allem fallen zu lassen, da sie mit einem leisen Seufzer einen Schluss Kaffee nahm und es sich im Stuhl gemütlich machte.

„Wie geht's eigentlich Ron?" Harry hatte ihn schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen und nach Geschichten von Mrs Weasley und Hermine nach zu urteilen war er auch nicht bei ihm im Krankenhaus gewesen.

Hermine verdrehte die Augen. „Och, dem geht es gut. Ich weiß echt nicht, was sein Problem ist. Fast jeden Tag fragt er mich, wie es dir geht, aber mal selbst zu dir zu gehen und dich persönlich zu fragen… da hat er anscheinend ein Problem mit."

Harry seufzte. Er hatte Ron noch nie verstanden. Eigentlich sollte man ja glauben, männliche Gehirne tickten irgendwie gleich oder zumindest ähnlich, aber Ron schien da die Ausnahme zu sein. Oder ich, dachte Harry verdrießlich und funkelte böse seine Kaffeetasse an. Er verstand ihn einfach nicht. Das hatte schon mit solchen Sachen begonnen wie im vierten Schuljahr. Es war für ihn eindeutig gewesen, dass Ron etwas für Hermine empfand und doch tat er alles, um sie zum Weinen zu bringen. Eifersucht oder nicht, eine Entschuldigung kam nie von ihm. Dann das Trimagische Turnier – Harry dachte, er hatte seitdem er Ron kannte immer wieder ihm gegenüber klar gemacht, dass er seinen Ruhm hasste und nichts lieber haben wollte, als ein normales Leben mit einer richtigen Familie und doch… Kaum wurde Harrys Name aus dem Feuerkelch gezogen, wollte Ron nichts mehr mit ihm zu tun haben, obwohl genau zu dieser Zeit er all die Hilfe und den Beistand gebraucht hatte, den er auch nur kriegen konnte. Hermine war immer an seiner Seite gewesen, egal, was ihm zugestoßen war, aber Ron? Harry schnaubte verächtlich. Soviel, wie Ron wusste, hätte es auch sein können, dass er immer noch im Koma lag oder vielleicht sogar schon tot war. Er hätte es nicht mitbekommen. Er lässt ja andere Leute für ihn die Wege zurücklegen, um nach seinem angeblich besten Freund zu sehen, der einen Monat lang im Koma gelegen hatte und nun mit dem Trauma vom Krieg weiterleben durfte. Und er schaffte es noch nicht einmal vorbeizukommen und Hallo zu sagen. Toller Freund.

„Mach dir um Ron keine Gedanken", Hermine stand auf und brachte ihre Tasse zur Spüle. „Er ist ein Idiot. Vielleicht haben wir Glück und er merkt es irgendwann mal."

Harry lachte freudlos. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht."

Hermine seufzte. „Nein, das tu ich nicht. Aber man kann ja hoffen", sie zwinkerte ihm zu, ging zum Kamin hinüber und schmiss etwas Flohpulver ins Feuer. „Ich komm später nochmal vorbei und bring dir die Tränke", sie stieg ins smaragdgrüne Feuer, worin sie Sekunden später verschwand.

Harry schüttelte den Kopf und stand ebenfalls auf. Wann war alles nur so kompliziert geworden? Und vor allem, was fand Hermine nur an Ron? Er war ein Idiot, das hatte sie gerade eben selbst gesagt. Sie war diejenige gewesen, die an seinem Krankenbett gesessen und darauf gewartet hatte, dass er aufwachte. Sie war diejenige gewesen, die immer auf seiner Seite gestanden und sich gegen Ron gewandt hatte, war es nötig gewesen. Und sie war diejenige, die jetzt, obwohl er aus dem Krankenhaus raus war, immer noch täglich zu ihm kam und die meiste Zeit mit ihm verbrachte. Mit ihm und nicht mit Ron. Harry hielt inne. Konnte es etwa sein, dass… Nein. Nein, das konnte nicht sein. Hermine würde nie ihn Ron vorziehen. Wenn sie das tun würde, dann hätte sie das schon während der Schulzeit getan. Ron hatte sie immer beleidigt und verletzt, er hatte sich Mühe gegeben, ihr beizustehen. Aber… Harry stellte seine Tasse neben der Spüle ab und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Hatte sie nicht ihn während der Schulzeit Ron vorgezogen? Sie war die einzige gewesen, die je ohne Aber auf seiner Seite gestanden und kein Hehl daraus gemacht hatte, Ron, wenn nötig, in die Schranken zu weisen. Harry holte tief Luft. Vielleicht wusste Ron das. Vielleicht war er auf dieselbe Schlussfolgerung gekommen, wie jetzt er, nur früher.

Harry lächelte leicht, wandte sich zum Kamin um und setzt sich in den Sessel, der vor dem viel zu roten Feuer stand. Vielleicht hatte Rons Eifersucht Hand und Fuß? Vielleicht hatte Harry endlich eine Chance, glücklich zu werden? Er hatte jahrelang versucht, seine Gefühle Hermine gegenüber unter ‚Freunde' oder ‚Familie' einzukategorieren. Als er mit der Methode versagt hatte, hatte sich alle Mühe gegeben, sie zu unterdrücken. Doch hatte er nicht endlich mal das Recht, nach all dem, was er für die Zaubererwelt und für sie getan hatte, glücklich zu sein? Kurz bevor er die Augen schloss, sah er, wie der kalte Marmor vom Kaminsims schimmerte. Komisch, dachte er, als er in die Welt der Träume eintrat.

*~*HP*~*

Er ging langsam durch den Wald. Seinen Tarnumhang hatte er über sich geschlungen, den Zauberstab fest in der rechten Hand. Alles war still. Die Schluchzer und Schreie, die vom Schloss her rüber wehten, wurden mit jedem Schritt, der ihn tiefer in den Wald führte leiser und unbedeutender. Er hatte eine Aufgabe und die würde er erfüllen. Er konnte seinen Wünschen nicht nachtrauern, das würde ihn nur seiner Entschlossenheit rauben. Er hatte so viel in seinem Leben verloren und wegen ihm, hatte Voldemort Opfer in den Rängen seiner Freunde gefunden und deren Familien auseinander gerissen. Wegen ihm. Er würde es nicht mehr zulassen, dass die Menschen, die ihm noch etwas bedeuteten wegen ihm litten. Er wusste, wie es sich anfühlte, jeden zu verlieren, der zur Familie gehörte, er wusste, wie es sich anfühlte, allein zu sein. Er blickte hinunter und musterte den kleinen schwarzen Stein, den er in seiner linken Hand hielt. Seine ganze Familie war tot und auch er würde es bald sein. Bald würde er sie wieder sehen, doch der Weg dorthin war zu schwer, um ihn alleine zu gehen.

Langsam drehte er den Stein der Auferstehung dreimal in seiner Hand und konzentrierte sich auf die Menschen, die er bald wieder sehen würde. Der Wald um ihn herum war still. Das einzige, was er hörte, war ein Zweig, der zerbrach, als jemand auf ihn trat und einige Blätter, die zu Seite geschoben wurden, als sich jemand den Weg zu ihm bahnte. Er sah auf und blickte in die hellgrünen Augen seiner Mutter. Ihr rotes Haar wehte in einer Brise, die nur sie spürte. Sie lächelte ihm zu und legte ihm eine warme Hand auf seine Schulter. Als er sich umwand sah er, wie die schimmernde Gestalt seines Vaters auf ihn zukam, ein Lächeln erhellte sein Gesicht und Stolz schien seine Augen zum Leuchten zu bringen.

Wir sind so stolz auf dich", flüsterte er und kam vor ihm und neben Lily zum Stehen. „So unsagbar stolz."

Ich wollte nicht, dass ihr für mich sterbt. Keiner von euch." Eine Träne lief ihm die verkratzte Wange hinunter. „Das wollte ich nicht."

Das wissen wir doch", flüsterte seine Mutter und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Wir geben dir nicht die Schuld für das, was uns zugestoßen ist." Ihre Silhouette schimmelte leicht, als bestünde sie aus Wellen, die gegen eine Bucht schlugen.

James lächelte ihm zu und nickte leicht. Hinter ihm konnte Harry nun zwei weitere Gestalten sehen. Sie waren blasser als die seiner Eltern, aber dennoch lächelten sie ihm beide aufmunternd zu.

Sirius", flüsterte er und fing an zu zittern. „Remus."

Hallo, Harry", Sirius sah jünger aus, als er ihn in Erinnerung hatte. Der wahnsinnige Ausdruck in seinen Augen war verschwunden und er wirkte glücklich. Remus sah ebenfalls anders aus. Auch er wirkte jünger und gesünder.

Harry schniefte und blinzelte schnell, um die Tränen aus seiner Sicht zu vertreiben. Er versuchte zu lächeln, es gelang ihm jedoch nicht wirklich.

Langsam veränderte sich der Wald um ihn herum und verschwamm zu Farbmustern. Sirius und Remus wurden blasser, bis sie schließlich ganz verschwanden.

Nein! Remus! Sirius! Bleibt bei mir! Ich weiß nicht, was ich tun soll!"

Lily nahm seine Hand in die ihre. James legte ihr einen Arm um die Hüfte und zog sie an sich. Beide sahen klarer aus als zuvor.

Du musst uns jetzt zuhören, Liebling. Es ist wichtig." Seine Mutter sah ihn ernst an, drehte sich zu James um, sprach aber weiter zu ihm. „Wir brauchen deine Hilfe."

Meine Hilfe?", Harry blickte verwirrt von ihr zu seinem Vater und wieder zurück. Beide waren in den Augen des jeweils anderen versunken und schienen ihn nicht zu bemerken. „Mum?"

Die Farben um sie herum wirbelten immer schneller, als ob sie im Auge eines bunten Hurrikans stünden. Ihm wurde schlecht.

Lily Potter legte James eine Hand auf die Wange und lächelte ihm zu. „Wir schaffen das! Ich werde weiter warten", und mit einem letzten Lächeln zu ihr, drehte James sich zu Harry um, blickte ihm in die Augen und verschwand.

Dad? DAD!"

Dein Vater ist dort, wo auch ich zuvor war", flüsterte sie und Grün blickte in Grün. „Vor sechzehn Jahren ist es geschehen und seitdem sind wir gefangen."

Gefangen? Wovon redest du?"

Du wirst uns doch helfen, oder Schatz? Bitte!"

Ich weiß ja noch nicht einmal, wovon du sprichst!"

Bitte, Harry", ihre Stimme hallte von den wirbelnden Wänden um sie herum wider und das Rot ihrer Haare verschlang sich mit dem Grün und Braun der Wände. „Bitte!" Ihre Stimme wurde leiser, bis auch sie schließlich verschwand und Harry mit einem lauten Keuchen vom Sessel auf den Boden rutschte.


A/N: Ich freu mich auf Kommentare :D