Hier ist das nächste Kapitel. Ich schreibe im Moment noch das fünfte Kapitel und weiß nicht, wie lange es noch dauert. Ihr seid die Ersten, die es erfahren werden ;D Viel Spaß beim vierten Kapitel.


Vergangenes

Im Laufe der nächsten Wochen hatte Harry ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. Ging er in die Küche, sah er aus dem Augenwinkel einen Schatten, der sich hinter der Tür bewegte. Er wirbelte herum, um an eine leere und vollkommen helle Wand zu starren. Ging er in die Bibliothek, um sich etwas abzulenken, waren Teile der Regale hinter einer Art Zauber verborgen. So sah es jedenfalls aus, warum sonst sollten die Kanten verlaufen und die Einbände verschwimmen? Der einzige Raum, in dem er sich sicher fühlte war das Badezimmer, denn hier sah er keine merkwürdigen Schimmer, Schatten oder sonst was.

Letzte Nacht hatte er wieder nicht richtig geschlafen. Die Tränke, die Hermine vor drei Wochen mitgebracht hatte, waren alle verbraucht und Harry wollte sie nicht noch einmal fragen, ob sie ihm Nachschub besorgen könnte. Er hatte seit Tagen nicht mehr das Haus verlassen und hatte so langsam das Gefühl, paranoid zu werden. Schatten sehen, wo keine waren, Bewegungen sehen, obwohl er alleine war, Schutzzauber sehen, obwohl er sie nicht angebracht hatte… Würde er so enden wie Mad-Eye Moody, der letzten Endes Mülltonnen angegriffen hatte, weil er fest davon überzeugt gewesen war, in ihnen hätten sich Todesser versteckt und mit Müll nach ihm geworfen? Harry seufzte und warf seine Beine über die Bettkante. Er zuckte leicht zusammen, als seine nackten Füße den kalten Steinboden berührten und versuchte, den verschwimmenden Schrank in der Ecke zu ignorieren. Vielleicht, wenn er diese Geschehnisse nicht mehr zur Kenntnis nahm, würden sie verschwinden? Er war sich sicher, dass das alles nur in seinem Kopf passierte. Der Schrank bewegte sich ja schließlich nicht wirklich. Wenn er nur fest genug daran glaubte, dass er sich all das nur einbildete, würde seine Phantasie sich irgendwann beruhigen.

Gähnend ging er in die Küche, um sich einen Tee zu machen und auf Hermines Ankunft zu warten. Er schlenderte zur Spüle, füllte den Kessel mit Wasser und stellte diesen auf den Herd. Mit einer Tasse heißen Tee im Magen und vielleicht ein paar Pfannkuchen würde die Welt schon anders aussehen, dachte er und hob eine Pfanne vom Haken über dem Herd, als hinter ihm ohne Vorwarnung eine Tasse aus dem Regal flog und auf dem steinernen Boden zerbarst. Harry wirbelte herum und starrte die Tasse an, die in scharfen Porzellanstücken über den Boden verteilt lag. Was zum… Vorsichtig legte er die Pfanne in die Spüle und ging langsam auf die Tasse zu, die vor ihm kaputt auf dem Boden lag. Wie konnte das passieren? Harry bückte sich und hob den zerbrochenen Henkel auf. Stirnrunzelnd blickte er sich um, doch er war alleine in der Küche und soweit er wusste auch im ganzen Haus. Außer ihm und Hermine betrat niemand das Haus.

Er zuckte zusammen, als der Kamin aufloderte und ein rothaariges Mädchen aus den Flammen stieg.

„Ginny!" Harry erhob sich hastig vom Boden, zückte seinen Zauberstab, reparierte die zerbrochene Tasse und stellte sie wieder in den Schrank hinein, dessen Glastüren seitdem er seine Tasse für den Tee herausgeholt hatte geschlossen gewesen waren. Harry schüttelte verdutzt den Kopf und drehte sich zu seiner Ex-Freundin um, die ihn belustig beobachtete.

„Hab ich dich erschreckt?" Sie kam langsam auf ihn zu und blieb etwa einen Meter vor ihm stehen.

„Was?" Harry blinzelte und versuchte zu lächeln. „Ach was, nein. Mir ist die Tasse nur runter gefallen. Nichts passiert."

Ginny strahlte ihn mit leuchtenden Augen an, machte jedoch keine Anstalten, etwas zu erwidern.

„Ähm", Harrys Hand fuhr verlegen durch seine Haare, als Ginny ihn weiter freudestrahlend anstarrte. „Ich wollte mir gerade einen Tee und Pfannkuchen machen. Möchtest du auch etwas?"

Eilig machte er sich zum Herd auf, wo in diesem Moment der Kessel anfing, schrill zu pfeifen.

„Einen Tee hätte ich gern", sagte sie und setzt sich an den Tisch.

Harry ging zum Glasschrank und griff nach dem Türknauf. Komisch. Die Tür war doch eben noch zu. Stirnrunzelnd nahm er unsicher eine Tasse aus dem Schrank, schloss die Tür und füllte etwas heißes Wasser zu den Teebeuteln, die er in beide Tassen hängte.

„Danke, Harry", Ginny lächelte ihn an und nahm ihre Tasse entgegen. Harry entging nicht, dass sie seine Finger dabei mehr als nur nötig berührte.

„Kein Problem." Er setzte sich ihr gegenüber und nippte zaghaft an seinem Tee. Als Ginny nichts sagte, sondern ihm verstohlen weiterhin Blicke zuwarf, brach Harry die unangenehme Stille. „Und? Was führt dich hier her?"

„Brauche ich denn einen Grund, um zu sehen, wie es meinem Freund geht?" Ginny zwinkerte ihm zu und grinste in ihre Teetasse hinein.

Freund?

„Ginny, ich dachte, ich hätte es letztes Jahr klar gemacht." Harry unterdrückte ein verzweifeltes Seufzen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Hast du ja auch, aber ich hatte gehofft, jetzt, wo du wieder da und gesund bist, könnten wir nochmal darüber reden. Dein Grund war ja, dass du mich beschützen wolltest und du diese Mission in Angriff nehmen musstest, weil Dumbledore es dir aufgetragen hat. Aber da du jetzt ja wieder hier bist und diese mysteriöse Mission beendet hast, können wir wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben." Ginny legte ihre Hand über Harrys, die er auf dem Tisch neben seiner Tasse hatte.

Harry holte tief Luft und musste sich zwingen, ihr in die Augen zu sehen. „Ginny, warum ich mit dir Schluss gemacht habe, hab ich dir an dem Tag gesagt. Und daran hat sich auch nichts geändert."

Ginny lächelte strahlend und nahm seine Hand in die ihre. „Wo ist dann das Problem?"

Vorsichtig zog Harry seine Hand aus Ginnys und umklammerte stattdessen seine Teetasse wie eine Rettungsleine.

„Du weißt nicht, was ich alles letzte Jahr erlebt habe und ich -"

„Aber wir können das gemeinsam durchstehen. Ich bin bei dir!"

Harry seufzte und blickte von seiner nun leeren Tasse auf. „Das können wir eben nicht. Versteh' doch! Ich habe mich im letzten Jahr verändert, Ginny! Ich musste Sachen machen, die ich so nie im Leben getan hätte. Ich musste Entscheidungen treffen, die sich keiner wünscht jemals treffen zu müssen." Er schaute in die braunen Augen seiner ersten richtigen Freundin. „Ich kann das nicht, Ginny. Wirklich nicht. Es tut mir Leid."

Ginny blinzelte und schwieg für einige Minuten.

„Das war's also?", Zornesröte stieg ihr in die Wangen. „Das war's? Einfach so? Ich habe ein ganzes Jahr auf dich gewartet, Harry. Denkst du etwa, ich hätte keine Opfer gebracht? Ich bin in Snapes Büro eingebrochen, um dir zu helfen. Ich musste mich mit den anderen DA-Mitgliedern verstecken, weil die Todesser in Hogwarts Jagd auf uns gemacht haben. Wir haben versucht eine Revolution anzuzetteln. Ich habe versucht, eine Revolution anzuzetteln. Ich wollte das alles nicht! Ich hatte mörderische Angst, Harry. Angst, dass meiner Familie etwas zustößt, weil ich Nachrichten an die Schlossmauern geschrieben hatte und einer meiner Brüder mit dir auf der Flucht war. Und trotzdem habe ich alles gegeben, um dir irgendwie behilflich zu sein!"

Harry legte sein Gesicht in die Hände und stöhnte auf. „Ich habe alles riskiert, Harry. Alles, damit es eine Zukunft für uns beide geben konnte. Versetz dich mal in meine Lage. Du sagst mir bei Dumbledores Beerdigung, du könntest nicht mehr mit mir zusammen sein, weil du dein siebtes Jahr nicht in Hogwarts sein würdest und weil Dumbledore dir etwas aufgetragen hätte. Und ich? Was war mit mir? Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, wie es mir dabei vielleicht hätte gehen können?"

„Natürlich habe ich das!" Aufgebracht sprang Harry auf und find an, vor dem Tisch auf und ab zu gehen. „Ich hab jede freie Minute damit verbracht, deinen Namen auf der Karte des Rumtreibers zu suchen und irgendwie versucht, einen Weg zu finden, um herauszufinden, ob du sicher bist. Jedes Mal, wenn im Radio die Namen der Verschwundenen oder tot aufgefundenen Menschen verlesen wurden habe ich gehofft, nicht deinen Namen unter ihnen zu hören. Und Ron hat jedes Mal, wenn er schlecht drauf war sichergestellt, dass ich nicht vergesse, dass du wegen mir in Gefahr geraten bist. Nicht nur, dass du zu einer Familie voller ‚Blutsverräter' gehörst, nein, du bist auch noch die Ex-Freundin vom Staatsfeind Nummer Eins Harry Potter. Derjenige, den jeder nach ein paar Wochen für tot gehalten hatte." Harry hielt für einen kurzen Moment inne, schloss die Augen und holte tief Luft. „Weißt du noch, was du zu mir gesagt hast, als ich Schluss gemacht habe?", fragte er leise und blickte zu ihr hinüber.

Ginny starrte ihn sprachlos und mit roten Wangen an.

„Du hast gesagt, ich wäre niemals glücklich, wenn ich ihn nicht verfolgen, finden und töten könnte. Siehst du den Fehler darin, Ginny? Wenn nicht, dann hast du mich nie gekannt oder gar verstanden. Ich habe es gehasst, verstehst du das? Gehasst! Ich wollte ihn nicht jagen. Ich wollte diesen ganzen Krieg nicht führen und über all dem wollte ich ihn nicht töten! Diese Prophezeiung hat mein Leben ruiniert, siehst du das nicht? Bis ich ein Jahr alt war, war mein Leben perfekt! Ich hatte Eltern, die mich geliebt haben, Onkel, die mir Geschenke mitgebracht haben und mit mir spielen wollten und vor allem hatte ich Freiheit. Ich hatte Dinge, an die ich mich nicht erinnern kann, von denen ich keine Ahnung habe, wie sie sich anfühlen. Alles, was ich jemals wollte, war normal zu sein. Eine normale Familie, mit normalen Problemen und einem normalen Sohn. Und was hatte ich? Einen Onkel und eine Tante, die mich behandelt haben wie einen Sklaven, die mich nicht beim Namen gerufen, nie in den Armen genommen haben und nie für mich eingestanden sind, wenn mein ach so lieber Cousin mich wieder mal grün und blau geprügelt hatte. Bis zu meinem elften Lebensjahr war alles, was ich über meinte Eltern wusste, oder zu wissen glaubte, dass mein Vater angeblich ein Säufer war, meine Mutter sich einen Dreck um mich geschert hatte und beide in einem Autounfall gestorben waren, den mein Vater mit 3,6 Promille verursacht hatte. Bis zu meinem sechsten Geburtstag dachte ich, mein Name wäre ‚Freak'! Und du glaubst allen Ernstes, dass ich freiwillig hinter Voldemort hergerannt bin und nur auf eine Gelegenheit gewartet habe, ihn endlich und endgültig zu ermorden? Ich bin ein Mörder, Ginny! Voldemort oder nicht, ich habe jemanden umgebracht und ich bin alles andere als stolz da drauf. Also sag nicht, dass du mich kennst oder mich verstehen würdest. Das kannst du und das wirst du niemals können!"

Keuchend stand Harry vor dem Küchentisch, an dem eine zutiefst erschrockene Ginny saß und ihn mit weit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund anstarrte. Er hatte nicht gemerkt, wie während seinem Wutausbruch seine Stimme immer lauter geworden war, bis er sie schließlich angebrüllt hatte. Die Stille, die daraufhin folgte, war ohrenbetäubend. Harry holte einmal tief Luft und wischte sich mit einer Hand über das Gesicht.

Ginny schluckte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. All die Dinge, die Harry ihr gerade an den Kopf geworfen hatte, waren schrecklich gewesen. Wie hatte sich so viel Zeit mit ihm verbringen und doch so wenig von ihm wissen können? Entsetzt starrte sie Harry an, dem sämtlich Energie aus dem Körper geflossen war und sich nun völlig ausgelaugt in den Stuhl ihr gegenüber sinken ließ. Er hatte Recht. Sie kannte ihn überhaupt nicht.

„Du hast Recht", flüsterte sie. Harrys Kopf zuckte hoch.

„Was?"

„Du hast Recht", wiederholte sie, stand auf, ging langsam um den Tisch herum und ließ sich neben ihm nieder. Sie nahm seine Hand und streichelte ihm über den Handrücken. Diesmal ließ er es zu. „Es tut mir Leid. Ich habe die ganze Zeit ein falsches Bild vor Augen gehabt", sie lächelte ihm durch ihre Tränen hindurch zu. Wann hatte sie angefangen, zu weinen? Sie wusste es nicht. „Ich wollte es wohl nie wirklich wahr haben. Der Harry, an den ich mich erinnere war schüchtern und sanft. Er hat kaum die Fassung verloren und hat immer gelacht, wenn er mich gesehen hat. Er war der beste Freund, den sich ein Mädchen wünschen könnte, aber er hat kaum über sich gesprochen. Jetzt weiß ich auch, warum. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich immer Angst, dich genauer nach deinem Leben zu fragen." Harry blickte sie verwirrt an. „Ja", die lachte leise und schniefte, als ihr ein neuer Schwall Tränen aus den Augen und über ihre roten Wangen lief. „Ich weiß, das klingt komisch, aber so war es nun mal. Ich glaube, tief im Inneren habe ich immer gewusst, dass du ein schweres Leben hattest. Dein Ruhm muss der Grund gewesen sein, der deine Vergangenheit verschleiert hat. Deine Geschichte wirkte immer so fantastisch, dass ich, bevor ich dich kennengelernt habe, dich immer als Superhelden vor Augen gehabt habe." Ginny wurde noch röter und blickte auf ihre ineinander verschlungenen Hände. „Aber jetzt sehe ich, dass du ein anderer Mensch bist", sie blickte lächelnd zu ihm auf. „Der Krieg hat uns alle verändern, aber am meisten dich. Und das tut mir Leid."

Sie wischte sich mit einer Hand über die Augen und stand langsam auf. „Ich werde dich immer lieben, Harry."

„Nein", Harry erhob sich und nahm sie in den Arm. „Nein, der Harry, den du liebst, existiert nicht mehr. Er ist in dem Moment gestorben, als Voldemort Avada Kedavra auf mich losgelassen hat." Er ließ sie los und lächelte sie traurig an. „Es tut mir Leid, Ginny. Du hast jemanden verdient, der dir all die Liebe zurückgeben kann, die du für ihn empfindest. Du bist eine wunderbare Frau und ich bereue nichts. Irgendwann findest du jemanden, der gut genug für dich ist." Er küsste sie auf die Stirn. „Aber ich bin es nicht", flüsterte er und ließ sie los.

*~*HP*~*

Am Abend saß Harry mit einem Glas Feuerwhiskey auf der Couch vor dem Kamin und starrte nachdenklich in die Flammen. Er dachte gerade über sein Gespräch mit Ginny nach, als Hermines verzweifelte Stimme aus der Küche, die Treppe hoch zu ihm drang.

„Harry? Wo bist du?"

Harry stand auf, stellte sein Whiskeyglas auf den Beistelltisch neben der Couch und eilte den Flur entlang, die Treppe hinunter in die Küche, in deren Mitte eine vollkommen zerzauste und schluchzende Hermine mit einigen Koffern stand.

„Hermine? Was ist los?" Er ging zu ihr hinüber und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte nur noch heftiger und klammerte sich verzweifelt an Harry.

„I-I-Ich…", Hermine schluchzte erneut auf und vergrub ihr Gesicht in Harrys Shirt. „Oh, Harry!"

„Schhh, alles in Ordnung. Ist schon gut. Atme einmal tief durch, ja?" Unbeholfen tätschelte er ihr den Rücken und spürte, wie ihre Atmung etwas ruhiger wurde.

„Lass uns erst einmal hinsetzen und dann erzählst du mir alles, okay?" Er nahm sie bei der Hand und führte sie die Treppe hinauf in den Salon, wo er sie sanft auf das Sofa drückte und sich neben ihr setzte. Hermine schniefte und wischte sich die Tränen von den Wangen.

„Und jetzt ganz in Ruhe. Was ist passiert?"

Er hielt ihre Hand immer noch in seiner und zeichnete beruhigende Kreise auf ihren Handrücken. Erschaudernd atmete Hermine erneut tief ein und zwang sich die ganze Luft wieder aus ihren Lungen zu lassen.

„I-Ich hab mit R-Ron S-Schluss gemacht", flüsterte sie und brach erneut in Tränen aus.

Harry schlang seine Arme um sie und zog sie auf seinen Schoß, wo sie hicksend sitzen blieb und in Harrys Schulter murmelte.

„Wir hatten wieder einen S-Streit", schniefte sie und kuschelte sich enger an Harry. „Ich kam heute Nachmittag wie immer nach Hause, nachdem ich in der Winkelgasse einige Tränke gekauft hatte. Ich wollte dir noch ein paar Schlaftränke vorbeibringen, weil ich dachte, dass dein Vorrat so langsam aufgebraucht sein musste. Ich hab dir ja nur Tränke für zwei Wochen gegeben und das ist schon drei Wochen her, aber weil du nichts gesagt hast, dachte ich, du hast nicht jede Nacht einen genommen." Sie hob ihren Kopf und schaute Harry an. „Doch, du hast jeden Abend einen genommen", murmelte sie, als sie die dunklen Ringe unter seinen Augen sah. „Wieso hast du mir denn nicht bescheid gesagt? Dann hätte ich weitere vorbei gebracht", sagte sie vorwurfsvoll, Ron war offenbar vollkommen vergessen.

„Ich wollte dich nicht wegen meinen Problemen hin und her scheuchen. Aber das ist jetzt nicht wichtig", fügte er eilig hinzu, als Hermine den Mund entrüstet öffnete, um zu antworten. „Was ist passiert? Wieso hast du mit Ron Schluss gemacht?"

„Oh", sie rieb sich die Augen und legte ihre Wange an Harrys Schulter. Als sie weiter sprach spürte Harry ihren warmen Atem an seinem Hals und bekam eine Gänsehaut. „Öhm, also ich bin nach Hause gekommen und er saß vor dem Fernseher und hat auf mich gewartet. Als er mich gehört hat, ist er aufgestanden und hat angefangen, mich auszufragen. Wo ich war, mit wem ich dort war, was ich gemacht habe… Ich meine, was geht ihn das an? Naja, ich hab's ihm gesagt, weil ich nicht noch mehr Stress mit ihm haben wollte. Ich hab dir ja erzählt, wie gereizt er immer reagiert, wenn ich auch nur deinen Namen erwähne", Harry nickte, das hatte sie in der Tat. Vor etwa zwei Wochen war sie zu Harry in den Grimmauld Platz gekommen, schnaubend vor Wut und hatte eine Stunde am Stück einen Monolog gehalten. Ron würde immer öfter aggressiv ihr gegenüber reagieren und besonders, wenn sie Harry zur Sprache brachte. An dem Abend, an dem sie wütend zu Harry geflüchtet war, hatten sie vorher bei den Weasleys zu Abend gegessen. Sie war erstaunt gewesen, als Mrs Weasley sie in die Arme geschlossen und sie gefragt hatte, wo sie denn Harry gelassen hätte. Hermine war der Annahme gewesen, da Ron nicht besonders gut auf ihn zu sprechen war – weiß der Henker, warum – hatte Mrs Weasley ihn persönlich eingeladen. Diese wusste allerdings nichts von dem offensichtlichen Missverständnis und hatte Ron einen Vortrag darüber gehalten, dass Harry ebenso wie er und Hermine zur Familie gehörte, woraufhin Ron tomatenrot und kochend vor Wut aus dem Haus gestürmt war.

„Na jedenfalls habe ich ihm gesagt, ich wäre in der Winkelgasse gewesen, um zur Apotheke zu gehen, woraufhin er auf mich zu gekommen ist, mich an den Schultern gepackt hat und angefangen hat, mich wie eine Rassel zu schütteln. ‚Was willst du andauernd in dieser Apotheke? Triffst du dich da etwa mit Harry? Huh? Sag endlich die Wahrheit!'" Sie äffte Ron so gut nach, dass Harry ein Schauer über den Rücken lief. „Und sowas lasse ich mir nicht gefallen! Ganz ehrlich, Harry. Was fällt diesem Idioten eigentlich ein? Und dann hab ich ihm meine Meinung gesagt. Ich sagte, es ginge ihn überhaupt nicht an, mit wem ich wo und wann war. Wir sind ja schließlich nicht miteinander verheiratet und ich würde das auch nicht wollen, so, wie er mit mir umgeht. Daraufhin hat er mir eine geknallt", fügte sie hinzu, neue Tränen liefen ihr über die Wange.

„Bitte was?" Harry starrte sie starr vor Schock an. Wie konnte er es wagen, Hermine zu schlagen?

„Ja. Ich erkenne ihn gar nicht wieder! Das ist doch nicht Ron! Jedenfalls bin ich dann in unser Schlafzimmer gelaufen, hab meine Sachen gepackt und bin hierher gekommen." Hermine schniefte und schlang ihre Arme um Harrys Hals. „Oh, Harry! Was soll ich jetzt nur machen? Die Wohnung gehört uns beiden und ich kann da auf keinen Fall wieder hin gehen!"

„Du wirst da nie wieder in deinem Leben hin gehen. Darauf kannst du Gift nehmen. Du bleibst hier, suchst dir oben ein Zimmer aus und machst es dir bequem. Du kannst solange bleiben, wie du möchtest. Und ich werde mir währenddessen diesen Vollidioten vorknöpfen!"

„Nein!" Hermine sprang von Harrys Schoß und hielt ihn an den Schultern fest. „Nein, bitte! Egal, was Ron getan hat, bitte tu das nicht. Bitte bleib hier. Ich möchte jetzt nicht allein sein." Hermine schluchzte auf und klammerte sich verzweifelt an Harrys Schultern fest, ohne jemals den Blick von seinen strahlend grünen Augen abzuwenden. „Bitte", flüsterte sie.

Harry sah sie an und alle Wut, die er vor einer Sekunde noch gespürt hatte, verpuffte ohne Vorwarnung. Wie konnte er jemals dieser Frau einen Wunsch abschlagen? Wie konnte jemals irgendjemand diesem wunderbaren Geschöpf etwas antun? Er seufzte und nahm sie erneut in den Arm, wo sie zitternd anfing zu weinen. „Schhh, alles gut. Ich bleib hier. Alles wird gut werden, Hermine. Versprochen."

*~*HP*~*

Er rannte eine dunkle Straße entlang. Die Nacht war eisig und der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Rings herum stöhnten die Bäume von der Kraft des Sturmes und wankten bedrohlich. Vor ihm, am Ende des gepflasterten Weges, stieg Rauch in die Luft und umhüllte einen grünen Totenkopf, durch dessen Mund sich eine ebenso grüne Schlange schlängelte. Das Abbild erhellte das Haus darunter in einen unheimlichen Schein.

Keuchend stieß er das Gartentor auf. Die Tür zum Haus war aus den Angeln gerissen, überall lagen Teile von Putz der Mauern und Giebeln auf dem Boden verteilt. Er eilte in das Haus genau in dem Moment, als er über sich einen lauten Knall hörte und vor ihm die Decke einstürzte. Er schmiss sich zu Boden, um nicht von Deckenteilen erschlagen zu werden. Als er aufblickte sah er nichts als Rauch, der im ganzen Flur herumwirbelte. Hustend krabbelte er vorwärts in Richtung Treppe und stieß auf etwas Weiches. Seine Augen weiteten sich vor Schock. Vor ihm lag James Potters toter Körper, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen und den Mund zu einem stummen Schrei verzogen. Blut rann ihm von der Schläfe am Ohr vorbei über den Hals, um mit leisem, kaum hörbarem Tropfen auf dem verschmutzten Boden unter ihm zu landen.

Vorsichtig tastete er sich vor und hievte einen Balken von James, der bei der Explosion aus der Decke gebrochen war. Keuchend ließ er sich neben dem toten Zauberer nieder und wischte ihm das Blut aus dem Gesicht.

Verzweifelt blickte er sich um. Hilfe würde bald kommen, das wusste er. Man würde die Leichen seiner Eltern finden und die Legende des ‚Jungen, der überlebte' in aller Welt erzählen. Doch er konnte sie einfach nicht zurück lassen. Nicht so. Zitternd vor Angst und Erschöpfung blickte er wieder zu seinem toten Vater hinunter, dessen starre, leblose Augen nun auf ihn gerichtet waren.

Harry!"

Erschrocken wich er zurück und prallte gegen einen Balken, der noch halb in der Decke steckte und bei der Berührung bedrohlich knarrte. Seine Augen wurden größer, als er sah, wie die bleiche Hand seines Vaters sich nach ihm streckte und der bläuliche Mund sich zu einem Lächeln verzog. Es sah grotesk aus.

Harry! Hilf uns, mein Sohn!"

Von oben hörte er ein Stöhnen und wirbelte herum. Oben an der Treppe stand eine wackelige Gestalt. Die Haare zerzaust und mit Staub überzogen, die Hand nach ihm ausgestreckt. Das Gesicht konnte er nicht erkennen.

Harry!" Die Person wankte und kippte strauchelnd an die Wand, die sie zur Stütze nahm. „Sieh mich an! Du musst mich sehen, mein Junge!"

Hilf uns", krächzte James' toter Körper einige wenige Meter vor ihm. Sein Bein zuckte. „Hilf uns!"

Harry."

„NEIN!" Seine Augen huschten wild im Zimmer herum. Alles war dunkel. Kein Staub, kein Nebel, kein Blut, keine Untoten. Keuchend fuhr er sich mit den Händen über sein Gesicht und versuchte, sich zu beruhigen. Es war nur ein Traum gewesen. Nur ein Traum.

Polternd wurde die Zimmertür aufgestoßen und eine Person mit zerzausten Haaren stürzte ins Zimmer. Hinter ihr brannte das Flurlicht und hob ihre Silhouette deutlich hervor.

Harry wich entsetzt zurück, verlor das Gleichgewicht und viel rücklinks vom Bett.

„Harry!" Hermine eilte um das Bett herum und kniete sich neben ihren besten Freund, der sie mit einer Mischung aus Entsetzen, Angst und übermäßiger Erleichterung anstarrte und versuchte, seine stoßartige Atmung unter Kontrolle zu kriegen. „Harry, was ist los? Ist schon gut", murmelte sie eilig, als er bei ihrer Berührung heftig zusammenzuckte. „Schhh, ist schon gut. Ich bin es Harry, Hermine. Dir wird nichts passieren. Du bist hier in Sicherheit. Schhh, alles okay", flüsterte sie, als sie ihren aufgelösten Freund sachte in den Arm nahm und ihn leicht hin- und herwiegte. Als seine Atmung sich beruhigte, lockerte sie ihre Umklammerung und sah ihm in die rotunterlaufenen, tränennassen Augen. „Was ist passiert?"

Harry holte einmal tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ich werd' verrückt, Hermine", flüsterte er, seine Augen huschten panisch durch den Raum. Er zuckte zusammen, als seine Nachttischlampe neben seinem Bett anfing zu verschwimmen. Es ist wieder da. „Ich glaub', ich werd' verrückt!"


A/N: Ich hoffe, euch gefällt die Geschichte bis hier hin :) Ich freu mich auf Kommentare :D Tipps, Anmerkungen, Verbesserungen oder einfach nur eure Meinung sind herzlich willkommen :)