A/N: Endlich! Kapitel 5.

Ich hatte die letzten paar Wochen ordentlich mit Abschlussprüfungen in der Uni zu kämpfen, deshalb hab ich fast nichts anderes gemacht, außer zu lernen. Ich hab nächste Woche frei, deshalb hoffe ich, dass ich da mit dem sechsten Kapitel voran komme. Ich hab den groben Ablaufplan schon zusammen, geschrieben hab ichs aber noch nicht. Danach der Monat wird ebenfalls recht hektisch werden, weil da die ganzen Praktika in der Uni auf mich zu kommen. Ich hoffe, dass ich das sechste Kapitel vorher hochladen kann, versprechen will ich aber nichts.

Die letzten paar Kapitel (besonders die letzten beiden) waren doch recht emotional und aufregend, deshalb dachte ich, ich lass es in diesem etwas ruhiger angehen.

Ich hoffe, euch gefällt es trotzdem! :D


Ein Spaziergang im Freien

Langsam rührte er die braune, heiße Flüssigkeit in seiner Tasse um und sah zu, wie sie einen kleinen Wirbel bildete und an die Wände des Porzellans schwappte. Normalerweise würde man ja sagen, dass ein schwarzer Tee um drei Uhr morgens vielleicht nicht gerade eine beruhigende Wirkung auf den Trinkenden hat, doch im Moment war Harry nichts mehr egal als sein Koffeinspiegel im Blut.

„Also nochmal von vorne", Hermine hielt eine eigene Tasse Tee in der Hand als sie langsam vor dem Tisch auf und ab ging. Harry starrte weiterhin in die braune Flüssigkeit, die das Silber des Löffels und die Flamme der Kerze vor ihm spiegelte.

„Du siehst Schatten und Schimmer und Farben, wo keine sind und du hast Träume, in denen deine Eltern dir sagen, du sollst ihnen helfen." Hermine blieb stehen und runzelte ihre Stirn.

Harry nickte betrübt und sah zu ihr auf. „Ich weiß, das klingt verrückt. Ich glaub, ich werd' so langsam paranoid oder irre oder sonst was. Die ganzen schwarzen Flüche müssen ja irgendwas mit meinem Gehirn gemacht haben…" Er seufzte und starrte betrübt an die gegenüber liegende Wand.

„Und du sagtest, das hätte erst nach St. Mungo's angefangen? Du hast vor dem Kampf nichts dergleichen gesehen?"

„Nein, eben nicht. Seitdem ich wieder hier bin sehe ich Dinge, die nicht existieren. Jedenfalls denke ich, dass sie nicht existieren. Guck, ich weiß schon nicht mehr, was wahr ist und was nicht!" Frustriert fuhr er mit seinen Händen durch seine vom Bett verstrubbelten Haare und zog an ihnen. „Ich geh in irgendeinen Raum und sehe aus dem Augenwinkel, wie sich jemand bewegt oder auf mich zu kommt und wenn ich mich dann umdrehe, um zu gucken, wer in mein Haus eingebrochen ist, ist da niemand. Ich sehe Dinge, die aussehen wie Schutzzauber, die aber keine sein können, weil ich der einzige bin, der hier Zauber anbringen kann und selbst, wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, wärst du die einzige, die hier dieses Gebäude überhaupt betritt und ich nehme an, du würdest mir sagen, wenn du Schutzzauber auf Bücher, Kleiderschränke oder Nachttischlampen legen würdest."

Hermine blinzelte. „Ähm, ja. Natürlich würde ich das, aber warum sollte ich sowas überhaupt erst machen?"

„Eben deshalb sind es wahrscheinlich auch keine Schutzzauber." Harry nahm einen weiteren Schluck Tee und wärmte seine Hände an der heißen Tasse. „Wenn ich etwas dagegen werfe fliegt es einfach hindurch. Bei einem Schutzzauber würde es ja abprallen. Am Anfang hab ich gedacht, dass, wenn ich diese Dinge einfach ignoriere, sie irgendwann schon aufhören, weißt du? Ich dachte, wenn ich mich selbst davon überzeugen kann, dass da nichts ist, was solche Erscheinungen hervorrufen könnte, dann würde ich auch irgendwann aufhören, diese Sachen zu sehen. Ich hab's echt versucht, wirklich! Heute Morgen, bevor Ginny vorbei gekommen ist und bevor zu dich von Ron getrennt hast", Hermine schluckte und setzte sich ihm gegenüber, „da ist eine Tasse aus dem Schwank gefallen. Einfach so. Ich war grad dabei, mir was zu essen zu machen. Und ich schwöre, der Schrank war zu! Ich hatte mir die Tasse noch nicht raus genommen. Und nun frage ich dich, wie kann es sein, dass erstens etwas aus einem verschlossenen Schrank auf den Boden fallen und zerbersten kann und zweitens keiner in der Nähe gewesen sein konnte, um den Schrank zu öffnen und die Tasse rauszuholen, da ich der einzige im ganzen Haus gewesen bin!?"

Hermines runzelte noch stärker die Stirn. Harry hätte fast den Qualm sehen können, der vom zu starken Nachdenken aus ihren Ohren gekommen wäre. Sie setzte ihre Tasse ab, stand auf und ging zum Porzellanschrank neben dem Tisch, in den Teller und Tassen, sowie anderes Geschirr ausbewahrt wurden. Langsam drehte sie den Türknauf und öffnete die Tür, um angestrengt die Tassen im Inneren zu begutachten, als ob in jedem Moment eine Tasse aufspringen und verkünden würde, es wäre ihr Cousin gewesen, der es nicht mehr hatte erwarten können, an die frische Luft zu kommen.

„Merkwürdig", murmelte sie und schloss die Tür wieder, um sie wenige Sekunden später erneut zu öffnen. „Sehr merkwürdig."

„Das kannst du laut sagen", murmelte Harry zerknirscht, als er ihr zusah, wie sie verzweifelt nach einer logischen Erklärung suchte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die ganzen Erscheinungen, Geschehnisse und Träume waren nicht normal. Klar, er hatte ständig Träume gehabt; sein ganzes Leben lang. Waren sie nicht von Voldemort, musste er noch einmal mit ansehen, wie seine Freunde ermordet wurden. Doch in seinen jetzigen Träumen, war keiner ums Leben gekommen. Naja, wenn man den letzten Traum mal ignorierte. Sie handelten alle von seinen Eltern. Manchmal mit, manchmal ohne Sirius und Remus, aber seiner Eltern waren immer ein Bestandteil. Und immer wieder sagten sie ihm, er solle ihnen helfen. Sie flehten ihn an. Doch wobei sollte er ihnen helfen? Sie waren tot! Wie sollte er toten Menschen helfen?

„Ich weiß es nicht", sagte Hermine, als er seine Bedenken laut äußerte. „Ich weiß es wirklich nicht." Verzweifelt warf sie ihre Tasse in die Spüle und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Harry wurde leicht unbehaglich unter ihrem bohrenden Blick.

„Erzähl mir nochmal, was genau in diesen Träumen passiert. Wie sind sie aufgebaut? Ich halte zwar nicht viel von Wahrsagen, weil dieser Zweig der Magie einfach viel zu schwammig für die heutigen Standards ist und ich glaube, es wird nur noch der Tradition Willen unterrichtet, aber vielleicht bringt uns das ja ein wenig weiter? Allen Ernstes? Was haben wir schon zu verlieren?"

Harry blickte zu ihr auf und sah in ihre schokoladenfarbenen Augen. Kleine Goldflecken zogen sich durch das warme Dunkelbraun und verliehen ihnen einen nahezu magischen Anschein. Blinzelnd schüttelte er den Kopf. Nein, er durfte daran jetzt nicht denken! Seine Gefühle waren jetzt eher hinderlich! Es gab wichtigere Dinge zu erledigen!

Er räusperte sich. „Öhm, naja, erstmal fangen die meisten Träume wie eine Erinnerung an. Ich laufe zum Beispiel durch den Verbotenen Wald, um mich Voldemort zu stellen und benutze den ‚Stein der Auferstehung'." Hermine nickte. Ihre Zunge fuhr über ihre trockenen Lippen und für einen kurzen Moment starrte Harry wie gebannt auf die kleine rosafarbene Zungenspitze, die über ihre Unterlippe fuhr. Er rieb sich die Augen und versuchte verzweifelt, sein Blut davon abzuhalten, in Regionen zu fließen, die die ganze Situation sehr peinlich werden lassen konnten.

Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf fuhr er fort. „Alles ist exakt so, wie ich es erinnere, bis plötzlich Mum oder Dad mich bitten, ihnen zu helfen und sie zu befreien. Und immer, wenn ich frage, womit ich ihnen helfen soll und was ich tun kann, um sie zu befreien, wache ich auf." Betrübt blinzelte Harry zu Hermines gedankenverlorenem Gesicht hoch. Sie hatte ihre strubbeligen Haare in einen unordentlichen Pferdeschwanz zurück gebunden, der ihr knapp bis zu den Schultern reichte. Ihre Hände waren verschränkt und dienten ihrem Kopf als Stützte, als sie langsam anfing zu nicken.

„Okay. Also ich finde, es klingt so, als ob du zunächst ganz normal träumst und dann deine Eltern dazwischen funken. Ich kenn mich nicht wirklich in dem Bereich der Seelen- und Geistermagie aus, aber meines Erachtens klingt es so, als wollten sie Kontakt mit dir aufnehmen", Hermine runzelte die Stirn. „Hm. Und die Träume waren bisher immer ähnlich? Bis auf eben?"

Bei dem Gedanken an seinen Traum, oder Alptraum viel mehr, fuhr ihm ein Schauer über den Rücken. Das tote Gesicht seines Vaters, die wackelige Gestalt seiner Mutter – diese Bilder konnte er nicht aus seinen Gedanken streichen, nicht aus seinem Gedächtnis verbannen. Sie würden für immer in seine Erinnerung eingebrannt sein, wie die Narbe auf seiner Stirn.

Als er aufblickte, sah er, dass Hermine immer noch auf eine Antwort wartete. Hastig nickte er und atmete einmal tief durch. „Ja. Ich bin die Straße in Godric's Hollow, die zu unseren Haus führt, hinunter gerannt. Das Dunkle Mal hing über dem Dach und die Tür war aus den Angeln gesprengt worden. Als ich ins Haus gerannt bin, hab ich meinen Dad gesehen, wie er am Fuße der Treppe gelegen und im nächsten Moment von Dachbalken und Schutt begraben wurde. Als ich ihn ein wenig freigeräumt hatte, hatte er sich plötzlich bewegt und mich angestarrt! Mum ist an der Treppe im ersten Stock erschienen und beide haben auf mich eingeredet. Ich mein, ich habe die Explosion gehört, als Voldemort den Fluch auf mein ein-jähriges Ich losgelassen hat, aber ich war zu dem Zeitpunkt unten bei meinem Dad – also, mein Traum-Ich. Die einzige Erinnerung, die ich an diese Nacht habe, ist, wie Voldemort meine Mum tötet. Das, was ich von den Geschehnissen drum rum weiß, ist das, was ich in Voldemorts Gedanken gesehen habe, aber selbst er ist nicht panisch die Straße zu meinem Haus runter gelaufen, um es in dem Zustand vorzufinden, wie es nach dem Angriff gewesen ist! Er war zu der Zeit ja oben bei Mum und mir! Es kann also keine Erinnerung gewesen sein, die durch meine Eltern verändert wurde."

Langsam strich sich Hermine eine hellbraune Locke aus dem Gesicht. „Vielleicht hat dein Unterbewusstsein dein Wissen mit in den Traum eingeflochten und hat den Rest drum herum aufgebaut?" Sie klang nicht wirklich überzeugt.

„Oder", sagte Harry und beugte sich weiter zu ihr hinüber, „Mum und Dad möchten wirklich Kontakt zu mir aufnehmen und werden so langsam frustriert, weil ich nicht verstehe, was sie von mir wollen!"

„Ja, das kann auch sein", murmelte sie. Als sie zu ihm aufblickte, hatte sie das Harry nur allzu bekannte Leuchten in den Augen und dann wusste er, was folgen würde. „Ich muss das erst recherchieren, Harry. Kann ich die Black-Bibliothek benutzen? Vielleicht sind da ja nützliche Bücher über die Geisterwelt oder Traumdeutung. Kann ja nicht alles Schwarze Magie sein, was da rum steht."

„Tu dir keinen Zwang an", schmunzelt schaute er Hermine nach, die hastig und wild vor sich hin murmelnd die Treppe hocheilte und im nächsten Moment mit einem lauten Knall hinter der Tür zur Bibliothek verschwand.

*~*HP*~*

Die nächsten paar Tage bekam Harry Hermine nicht mehr vor Gesicht. Alle paar Stunden hörte er mal, wie die Tür aufging, als sie ins Badezimmer verschwand. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihr das Essen und die Getränke in die Bibliothek zu bringen, da er befürchtete, dass sie sonst zu wenig oder gar nichts zu sich nehmen würde. Ab und an blieb er bei ihr und leistete ihr Gesellschaft, blätterte durch ein paar Bücher und versuchte, ihr irgendwie bei ihrer Suche zu helfen. Dafür müsste sie ihm allerdings sagen, wonach genau sie suchte und dafür war sie viel zu beschäftigt. Und sämtliche Bücher über Traumdeutung und Geisterwelten, die die Black-Bibliothek beinhaltete, hatte sie in Beschlag genommen, also blieb ihm nichts anderes übrig, als in den anderen existierenden Bücher zu stöbern, die zum größten Teil Schwarze Magie behandelten.

'...Nimmt man hingegen statt des Menschenherzes ein Schweineherz, wären die Konsequenzen fatal. Anstelle der Allwissenheit kann es zu Schizophrenie, Wahnvorstellungen und unkontrolliertes Apparieren kommen, bei dem das Splintern das kleinste Problem wäre. Das aufgefangene Blut wird nun dem Trank beigefügt und mit einem Silberstab dreimal im Uhrzeigersinn untergerührt. Hierbei ist es wichtig, dass das Blut noch warm und frisch ist, da sonst...' Angewidert schlug Harry das Buch zu und warf es über seine Schulter, woraufhin es am verschwimmenden Regel hinter ihm abprallte und in einer riesengroßen Staubwolke zu Boden fiel.

Aufgebracht funkelte Hermine ihn an. "Was sollte das denn jetzt? Ich dachte, du wolltest helfen und mich nicht mit Lärm ablenken?"

"'Tschuldige", murmelte Harry und stand auf, um das Buch vom Boden aufzuheben. Er nieste, als der Staub ihm in die Nase stieg. Das Regal kicherte. Zerknirscht und leicht verwirrt blickte er auf, sah aber nur die schimmernden Buchrücken. Ich glaube, ich muss Kreature mal hier reinschicken, damit er Staub wischen kann. Diesen Teil der Bibliothek hat keiner mehr seit Jahren betreten, inklusive ihm selbst. Schaudernd blickte er auf den Buchrücken und betrachtete die vergilbten Symbole und Formeln, die das ganze Cover einnahmen. Eigentlich hätte er es sich denken können, dass die sieben Bücher neben Hermine die einzigen waren, deren Inhalt nicht nach Blut, Innereien und Opfergaben verlangte.

*~*HP*~*

"Harry?"

Harrys Kopf zuckte erschrocken hoch, als er Hermines Stimme direkt an seinem Ohr hörte. Müde rieb er sich die Augen und schaute sich blinzelnd um. Er saß am Küchentisch, seine Arme lagen verschränkt auf dem Tisch vor ihm und eine vergessene Tasse Tee stand einige Zentimeter von seiner linken Hand entfernt. Vor lauter Erschöpfung war er am Küchentisch eingeschlafen.

Wenn man beachtete, dass er seit Wochen schon nicht mehr richtig geschlafen hatte, war es kein Wunder. Die Schlaftränke, die Hermine ihm aus der Winkelgasse mitgebrachte hatte, standen beinahe unangerührt im Schrank in seinem Badezimmer - sie wirkten nicht mehr. Er hatte gewusst, dass sein Körper sich früher oder später daran gewöhnen würde, aber er hatte nicht gedacht, dass das so schnell passieren würde. Normalerweise, wenn er einen der Tränke nahm, schlief er innerhalb einer Minute ein und wachte etwa neun Stunden später wieder auf, hellwach. Wenn er die Tränke jetzt nahm, schlief er zwar ebenso schnell ein und wachte erst neun Stunden später wieder auf, jedoch träumte er trotzdem. Während dieser neun Stunden konnte er nichts anderes tun, als einen Albtraum nach dem anderen durchzustehen und zu hoffen, dass der nächste nicht ganz so furchteinflößend sein würde, doch dieses Glück hatte er selten. Es war so, als ob sein Bewusstsein von dem Trank unterdrückt oder lahmgelegt wurde, der Trank aber nicht stark genug war, dasselbe mit seinem Unterbewusstsein zu tun. Die drei Nächte, in denen er den Trank genommen hatte war er in seinen Albträumen gefangen gewesen, also hatte er beschlossen, die Tränke erst gar nicht mehr zu nehmen. Was brachte es ihm, wenn zwar sein Körper neun Stunden Regenerationszeit gehabt hatte, sein Geist sich jedoch so anfühlte, als ob er gerade durch die Hölle gegangen wäre. Nein, darauf konnte er verzichten. Da er die Tränke nun nicht mehr nahm, schlief er jede Nacht erst sehr spät ein und erwachte mitten in der Nacht, kitschnass geschwitzt und außer Atem. Und das wirkte sich auf seinen Tagesablauf aus. Dass er seit einigen Wochen keine frische Luft mehr gehabt hat, war auch nicht gerade vorteilhaft.

Diesen Gedanken schien auch Hermine zu haben, als sie sich neben ihn hinkniete und ihm besorgt eine Hand durch seine strubbeligen, unordentlichen Haare strich. Harry schloss die Augen und bemühte sich, nicht aufzustöhnen. Sie wusste es zwar nicht, aber sie schaffte es immer, ihn mit kleinen Gesten wie diese zu beruhigen. Der leichte Lavendelduft ihrer Haare stieg ihm in die Nase und er holte tief Luft. In diesem Moment musste er sich sehr zusammen reißen, um nichts Unüberlegtes zu machen, was er später bereuen würde. Sie empfand nicht dasselbe für ihn wie er für sie. Da war er sich sicher. Er war ihr bester Freund und beste Freunde blieben beste Freunde, wenn man sich schon seit der Kindheit kannte und praktisch miteinander aufgewachsen war. Sie hatte ihn nur jeden Tag besucht, weil er keinen anderen Besuch ins Haus ließ, da er fürchtete, irgendwann anzufangen, mit den Schatten zu reden und wenn jemand anderes als Hermine in diesem Moment bei ihm war, hatte er seinen Ruf weg. Nein, sie hatte nur ihre Pflicht als beste Freundin erfüllt und ihm Gesellschaft geleistet, so, wie sie es schon sein ganzes Leben gemacht hatte. Das hieß ja nicht, dass sie ihn lieber hatte, als einen Freund oder einen Bruder... Oder?

Harry schüttelte seinen Kopf, um diese verwirrenden Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Wie war das noch? Er sollte sich konzentrieren um nichts Unüberlegtes zu tun. Hermine saß direkt neben ihm, verdammt noch mal!

"Alles in Ordnung?" Ihre warme Hand lag nun auf seiner Wange. Er konnte ihre Wärme in seine Haut ziehen spüren. Er konnte spüren, wie sie sich in ihm ausbreitete... Nicht hilfreich, Harry!

Er räusperte sich und fuhr eine Hand über sein Gesicht, um seine leicht errötenden Wangen zu verbergen. "Ja. Alles gut, ich war nur in Gedanken."

Hermine musterte ihn skeptisch. "Du siehst müde aus."

Harry lachte auf. Natürlich war er müde! Er schlief nicht mehr als drei Stunden pro Nacht und das auch nur, wenn die Alpträume ihn solange in Ruhe ließen. "Bin ich auch", er wandte sich zu ihr um und musste schlucken, als er in ihre schokoladenfarbenen Augen blickte. Die goldenen Fäden in ihnen schienen zu leuchten. Er blinzelte. "Ich krieg kaum noch Schlaf. Tut mir leid, dass du das sehen musstest. Ich muss eingeschlafen sein."

"Die Tränke helfen also nicht mehr?"

Diese Frau war viel zu schlau für ihr eigenes Wohl. "Nein, nicht wirklich. Ich schlafe zwar schnell ein und wache nicht mehr auf, aber genau das ist das Problem. Trotz der Tränke träume ich davon, wie meine Eltern vor meinen Augen sterben, wie Fred vom Avada Kedavra getroffen wird, wie Pettigrew Cedric tötet..."

Hermine schaute ihn traurig an. Auch sie hatte Alpträume vom Krieg, jedoch nicht in dem Ausmaß wie Harry.

"Vielleicht würde ein Spaziergang helfen; etwas frische Luft schnappen?" Sie strich ihre Finger erneut zaghaft über seine Wange, küsste ihn auf seine Stirn und zog ihn auf die Füße. "Du warst seit Wochen nicht mehr draußen. Vielleicht fehlt deinem Körper ein wenig Bewegung. Komm schon, etwas Bewegung wird dir gut tun."

Wahrscheinlich hat sie Recht, dachte Harry, als er in Richtung Treppe schaute. Sie hatte immer Recht, wusste immer, was das Beste für ihn war.

"Vielleicht hast du recht", murmelte er und ließ sich ohne Widerstand die Treppen hinauf in den Flur ziehen und zur Tür leiten. Dort angekommen holte er einmal tief Luft und blinzelte durch das kleine Guckloch auf die Straße hinaus. Sie war leer, bis auf ein paar spielende Kinder war keine Menschenseele zu sehen, doch das musste nichts bedeuten. Der Tagesprophet hatte während des Krieges seine Angestellten angewiesen, sich mit Tarnumhängen und Vielsaft-Tränken auszustatten. So hatten sie in der Anfangszeit unter anderem Gespräche zwischen Leuten mitgehört, die auf Seiten des Orden des Phönix gestanden hatten. Beinahe alle dieser Gespräche hatten mit dem Tod der Beteiligten geendet. Es konnte also sehr gut sein, dass nicht alle Reporter ihre Tarnmittel beseitigt hatten, so, wie es Kingsley angeordnet hatte, kaum war er Zaubereiminister geworden.

Es tat gut, wieder frische Luft zu atmen, dachte er, als ihm der Wind die Haare aus dem Gesicht blies. Es war ein warmer Septemberabend. Tief sog er die frische Luft ein und genoss es, aus dem Haus zu sein. Er hätte gar nicht gedacht, wie sehr ihm die frische Luftgefehlt hatte. Immerhin hatte er das letzte Jahr damit verbracht, von Ort zu Ort zu reisen und im Zelt unter dem freien Nachthimmel zu schlafen.

Er blickte sich um, als Hermine hinter ihr die Haustür schloss und die Treppen zu ihm hinunter kam. Sie lächelte ihn an. "Siehst du? Ist doch gar nicht so schlimm, oder?"

Harry lachte und schlang seinen Arm um ihre Schultern. Hermine sog ruckartig die Luft ein und bemühte sich vergebens, nicht rot zu werden. "Stimmt", pflichtete er ihr bei und führte sie die Straße entlang. "Und bis jetzt ist es auch noch ganz ruhig. Hoffen wir mal, dass es so bleibt."

Harrys Blick verdüsterte sich, als er an die Reporter und Schaulustigen dachte, die ihn im Krankenhaus belagert hatten. Laut Hermine waren sogar welche nach Hogwarts appariert, um die Überlebenden zu interviewen und das Ausmaß des finalen Kampfes einschätzen zu können. Die Reporter waren mit ihren Kameraleuten und ihren flotten Schreibefedern ins Schloss marschiert und hatten den schwer verletzten und trauernden Überlebenden Fragen zum Kampf gestellt. All das, während die letzten Gefallenen zum Ministerium transportiert wurden, um dort bis zu ihrer Beerdigung zu bleiben. Taktlos. Aber so war der Tagesprophet schon immer gewesen. Rita Kimmkorn war das perfekte Beispiel.

"Du, sag mal, was läuft jetzt eigentlich zwischen dir und Ginny?"

Harry blinzelte und drehte sich zu Hermine um, die ihr Gesicht von ihm abgewandt hatte und den Wegesrand gespannt musterte. Verdattert hielt Harry inne. Wo kommt das denn her?

"Wieso fragst du?"

Den Part von Hermines Gesicht, den er hinter ihren Haaren hervor lugen sah, wurde rot.

"Nur so. Ich meine, ich hab dir alles über meine Sache mit Ron erzählt", murmelte sie. "Du musst mir nichts sagen, wenn du nicht möchtest. Ich bin nur neugierig. Ich hab euch lange nicht mehr zusammen gesehen und immer wenn ich sie treffe, redet sie über was anderes."

Hastig strich Hermine sich einige Strähnen aus dem Gesicht, die der Wind immer wieder in ihre Augen blies.

Nach kurzer Pause, in der Hermine verzweifelt dachte, sie hätte Harry beleidigt oder wäre ihm zu neugierig geworden, holte er tief Luft und antwortete in gedämpfter Stimme.

"Nichts läuft da", seufzend strich er sich seine freie Hand durch seine unordentlichen Haare. "Du weißt ja, dass ich nach Dumbledores Beerdigung mit ihr Schluss gemacht habe, oder?"

Hermine nickte.

"Nun ja, ich hab ihr ihre Sicherheit als Grund gegeben. Dass ich nicht mit ihr zusammen sein könnte, da sie durch ihren Kontakt zu mir in nur noch größerer Gefahr sein würde, als ohnehin schon. Zu der Zeit war das wohl auch der Hauptgrund dafür..."

Hermine wartete darauf, dass er weiterredete, was er nach einiger Zeit auch tat.

"Ich dachte, ich hätte es an dem Tag klar gemacht, dass sie ohne mich besser dran ist als mit mir. Sie schien es aber anders verstanden zu haben. An dem Tag, an dem du zu mir gekommen bist, war sie morgens bei mir. Sie sagte, sie wollte mit mir über unsere Beziehung reden. Jetzt, wo ich wieder gesund und nicht mehr auf Dumbledores Mission bin, könnten wir es ja noch mal versuchen." Er schüttelte den Kopf und holte erneut tief Luft. "Ich hab ihr gesagt, dass ich das nicht machen könnte. Es ist zu viel geschehen, als dass ich mein altes Leben einfach so nahtlos wieder weiterleben könnte oder wollte. Ich bin nicht der Richtige für sie. Das muss sie nur noch selbst erkennen."

Hermine strich eine Strähne hinter ihr Ohr und blickte ihn gedankenverloren an.

"Was ist?"

Hermine blinzelte. "Mir ist grad etwas eingefallen. Als du noch im Koma gelegen hast und ich an deinem Bett geblieben bin, ist Ginny einmal vorbeigekommen und hat auch so etwas gesagt. Von wegen, dass du zwar eure Beziehung beendet hättest, es aber nicht so gemeint hättest und sie gehofft hat, dass ihr wieder von vorne anfangen könntet." Sie verschwieg mit Absicht den Teil mit den Tränen, Küssen und dem Körperkontakt. Er musste ja nicht wissen, wie seine Ex-Freundin mit ihm umging, wenn er sich nicht wehren konnte.

„Das hab ich befürchtet", Harry stöhnte auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die daraufhin in alle Himmelsrichtungen abstanden.

„Vielleicht braucht sie etwas Zeit?" Hermine wandte ihren Blick von ihm ab, um ihre roten Wangen zu verbergen. Es war ein komisches Gefühl, mit Harry über seine Freundin zu reden. Ex-Freundin, vergiss das nicht! Er hat mit ihr Schluss gemacht. Er ist mit niemandem zusammen. Sie strich sich eine Locke, die der Wind ihr ins Gesicht geweht hatte, hinter ihr Ohr. Ja, es war schon fast unangenehm mit ihm darüber zu reden. Klar, sie hatten schon oft über Harrys und ihre Interessen in dem Bereich gesprochen, doch das war, bevor sie sich ihre Gefühle eingestanden hatte. Hastig schüttelte sie den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben.

Nein! Harry ist tabu!

Wieso? Er hat mich Ginny Schluss gemacht und hat niemals angedeutet, dass er an jemand anderen interessiert ist.

Genau! Er ist an niemandem interessiert und das beinhaltet mich!

Ach, komm schon! Das ist Harry! Du kennst ihn schon seit Jahren! Es schadet doch nicht, ihm ein paar unschuldige Tipps zu geben.

Aber wieso sollte Harry an mich interessiert sein? Ganz ehrlich! Ich bin seine beste Freundin! Er sieht mich wie eine Schwester! Da ist nichts Romantisches!

Bist du dir da so sicher?

Ich diskutiere schon wieder mit mir selbst… Halt einfach-

Nicht meine Schuld! Ich bin du, du bist ich.

Halt die Klappe!

Harry beobachtete mit amüsiertem Blick, wie die Emotionen über Hermines Gesicht huschten und von der nächsten abgelöst wurden. Sie schien einen inneren Kampf mit sich selbst auszufechten. Kichernd musste er an die tausend Male denken, in denen Ron und er versucht hatten, ihrem Gedankengang zu folgen, denn meistens spielte sich die ganze Herleitung in ihrem Kopf ab. Sie teilte ihnen lediglich das Ergebnis mit, doch wie sie darauf gekommen war, blieb ihr Geheimnis. Ein ungeduldiges ‚Ach, ist doch egal' beendete ihre Diskussion und es wurde das gemacht, was sie für logisch empfand, auch, obwohl die Jungs keinen blassen Schimmer hatten, wie sie wieder einmal auf diesen genialen Gedanken gekommen war. Er schmunzelte, als das Rot ihrer Wangen dunkler wurde und sie den Kopf noch weiter von ihm ablenkte. Was sie wohl gerade dachte?

Eine Windböe verstrubbelte ihm das Haar und pustete ihr eine hellbraune Locke ins Gesicht. Mit aller Macht zwang er sich, seine zuckende Hand in die Hosentasche zu stecken, um ihr nicht die Strähne von der Wange zu streichen. Was hatte sie nur an sich, das Ginny nicht hatte? Naja, mal davon abgesehen, dass sie rein äußerlich und auch vom Wesen totale Gegensätze waren. Ginny war temperamentvoll, sportlich, witzig und extrovertiert. Sie liebte es, im Rampenlicht zu stehen. Sie liebte es, wenn jeder sah, dass sie etwas gut konnte – besonders im Quidditch. Sie hatte einen lockeren Sinn von Humor, konnte jedoch auch recht gebieterisch und direkt werden, wenn etwas nicht nach ihrer Nase ging. Hermine hingegen… Harry fuhr sich erneut mit seiner Hand durch die Haare. Sie war perfekt. Sie mochte das Rampenlicht genauso wenig wie er. Sie ging nur zu den Quidditchspielen, weil er in der Mannschaft war. Sie las gern, war wissbegierig und wusste, was sie wollte. Doch sie setzte ihre Meinung mit Argumenten durch und nicht mit Lautstärke. Sie beruhigte ihn, wenn er Ruhe brauchte. Sie brachte ihn zum lachen, wenn er Aufmunterung brauchte. Sie war für ihn da, wenn er sie brauchte – nicht Ron, nicht Ginny, nein. Sie. Immer sie! Es war schon immer so gewesen! In den ersten Jahren hatte er sie für ihr Wissen gebraucht, für seine Schulnoten, aber auch als moralischen Beistand, wenn der Tagesprophet oder irgendein Mitschüler Gerüchte über ihn verbreitete. Sie war immer für ihn da gewesen. Und er wusste, irgendwann zwischen all diesen Momenten des Beistandes und der grenzenlosen Freundschaft, hatten seine Gefühle sich ihr gegenüber verändert. Er wusste nicht genau wann. Doch er wusste, wann er sie verstanden hatte. Und er wusste, dass er ohne Hermine an seiner Seite jetzt nicht hier stehen würde und über all das nachdenken würde. Sie hatte ihm nicht nur den Verstand gerettet, sondern auch mehr als nur einmal das Leben. Und dafür konnte er ihr nie genug danken.

Hermines Keuchen riss ihn aus seinen Gedanken. Sie griff nach seiner Hand, die immer noch auf ihrer Schulter lag, drehte um und eilte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Hinter ihnen konnten sie Fußgetrappel und aufgeregte Stimmen hören, die ihnen offenbar nachliefen.

"Nicht umdrehen, Harry", sagte Hermine, als ihre Schritte an Geschwindigkeit und Schrittkraft gewannen und sie um eine Ecke in eine enge Gasse bogen. Vor ihnen konnte er die Häuserreihe sehen, die Nummer zwölf war wie immer unter dem Fideliuszauber versteckt. Er und Hermine waren also die einzigen, die wussten, zu welchem Haus sie rannten.

"Mr Potter!" Harry stöhnte auf und fing an, zu laufen. Das konnte doch nicht wahr sein. Waren die denn überall? "Mr Potter! Werden Sie bald zu den Betroffenen sprechen? Haben Sie die Familien besucht, die Verluste erlitten haben? Wann geben Sie eine Pressekonferenz? Mr Potter!"

Keuchend stieß Hermine das Gartentor auf, zog Harry den Weg zum Haus entlang und blieb schnaufend vor der Haustür stehen. Harry stützte seine Hände auf den Knien ab und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen.

"Frische Luft wird mir gut tun. Wirklich, Hermine?"

Hermine blinzelte zu den Reportern, die verwirrt vor dem Gartentor versammelt standen und nach den beiden Kriegshelden suchten, die wie vom Erdboden verschluckt waren. Lächelnd drehte sie sich zu Harry um. "Na ja, etwas Bewegung hatten wir ja."

Harry verdrehte die Augen. Natürlich...


A/N: Ich freu mich auf eure Meinungen! Es bedeutet mir wirklich viel und es hilft mir herauszufinden, ob ihr die Geschichte bis hier hin mögt :) Tipps und Kritik sind ebenfalls herzlich willkommen!