Ich weiß, ich habe mal wieder Ewigkeiten gebraucht, um das Kapitel hochzuladen. Ich möchte euch dafür auch eine Erklärung geben. Ich stecke im Moment mitten in der Klausurphase und es ist...mehr als stressig. Abends ist mein Hirn Matsch vom ganzen lernen.
Wie dem auch sei - ich hoffe, ihr mögt das Kapitel hier trotzdem und ich hoffe, dass ihr noch wisst, was bisher geschehen ist ;)
Wenn ich euch bis Weihnachten nicht mehr 'sehe' - FROHE WEIHNACHTEN UND NEN GUTEN RUTSCH INS JAHR 2015!
Viel Spaß beim Lesen! :D
In jener Nacht
Gerade, als sie überlegte, ob sie es wagen sollte, ihren Kopf zu Harry zu drehen, um ihm den Umweg über ihren Hals und Kiefer zu ersparen, drang eine unruhige Stimme aus einem der unteren Stockwerke zu ihnen hoch. Es war Lily.
„Harry? Er wacht auf!"
*~*HP*~*
Hermine blinzelte als Harry aufsprang und zur Tür eilte. Ihr Herz klopfte immer noch wie verrückt, ihre Wangen glühten und ihre Hände zitterten leicht. „Lily?" Flüsterte sie und verzog verwirrt das Gesicht.
*~*HP*~*
Harry wirbelte den Flur entlang und die Treppe hinunter. Er konnte nicht glauben, was er gerade beinahe gemacht hatte! Wie konnte er nur so blöd sein? Wie konnte er nur vergessen, dass es Hermine war? Naja, genau genommen hatte er es nicht vergessen – wie konnte er auch? Hermine konnte er einfach nicht vergessen; das war unmöglich. Aber er hatte sich geschworen seine Gefühle für sie zu vergessen, oder, wenn das nicht funktionieren sollte – was der Fall war – würde er sie ignorieren, verdrängen. Und er war so gut darin geworden. Nur das kleinste Lächeln, die kleinste Berührung konnte ihn in wunderbare Gefühle versetzen, doch er versuchte, nicht auf diese Empfindungen zu reagieren. Aber was da gerade passiert war? Harry erschauderte. Er wollte das. Er wollte das wirklich, doch was war, wenn Hermine es nicht wollte… ihn nicht wollte?
Harry seufzte als er in die Küche kam. Lily deutete stumm auf Ron, der schnaubend vor Wut durch die Küche marschierte. Er hatte wohl festgestellt, dass er nicht apparieren konnte. Harry grinste höhnisch. Blitzmerker.
Rons Augen blitzten böse auf, als er Harry in den Raum treten sah. Dieses blöde Grinsen würde er ihm schon austreiben, dachte er kochend. Die Hände an seinen Seiten zu Fäusten geballt, ging er auf Harry zu. Seine Gesichtsfarbe hatte beinahe denselben Ton wie seine Haare, die vom Schweiß genässt an seinen Schläfen klebten und ihm im Nacken abstanden.
„Du!" Fauchte er und stieß Harry mit solch einer Kraft von sich, dass dieser rücklings durch die Küche stolperte und sich gerade noch im letzten Moment an der Rückenlehne eines Stuhles festhalten konnte. „Wie kannst mir nur so etwas antun? Wie kannst du Hermine so etwas antun?"
Harry starrte Ron an, als ob ihm ein neues Auge auf der Stirn wachsen würde. Wie bitte?
„Ich hab gedacht, du wärst unser Freund! Und Freunde sind für einander da, nicht so wie du! Du wolltest doch nur mit mir befreundet sein, damit du an Hermine ran kommst. Gib's zu! Du warst scharf auf sie und konntest einfach nicht akzeptieren, dass sie mich mehr mag als dich. Du kannst es einfach nicht akzeptieren, dass ich etwas habe, was der große Harry Potter nicht hat!"
„Sag mal, tickst du noch ganz sauber?" Harrys Stimme war ruhig. Er musste sich alle Mühe geben, nicht für Wut in die Luft zu gehen. „Bemerkst du eigentlich noch irgendwas? Bekommst du überhaupt noch mit, was du von dir gibst?" Verächtlich schüttelte er den Kopf und funkelte seinen ehemaligen besten Freund böse an. „Hier geht es nicht um Neid oder Ungerechtigkeit! Hier geht es nicht um dich oder mich! Hier geht es um Hermine und was du ihr angetan hast und bevor du jetzt auch nur irgendetwas sagst", fauchte er außer sich vor Wut und trat einen Schritt auf Ron zu, der instinktiv zurückwich, „du weißt sehr wohl, dass du dich ihr gegenüber verdammt nochmal abgrundtief scheiße benommen hast!"
Rons Gesichtsfarbe wurde noch röter und ging so langsam in lila über.
„Mir ist es egal, was du über mich sagst. Mir ist es egal, was du von mir hältst, doch ich habe gedacht, dass dir sieben Jahre Freundschaft mehr bedeutet, als dass du sie an einem Tag aus dem Fenster wirfst und sie noch weiter in den Schlamm drückst. Du hast Hermine wehgetan und das werde ich dir nie verzeihen, hast du gehört? Ich habe gedacht, wir wären Freunde, nach all dem, was wir durchgemacht-"
„Nach all dem, was wir durchgemacht haben?" Ron lachte gehässig auf und trat ebenfalls einen Schritt vor. Sie standen sich nun auf Armlänge gegenüber. „Ich bitte dich! Mach dich nicht lächerlich. Du wärst gestorben ohne uns! Du hättest keine Woche überlebt, ehe dich Du-Weißt-Schon-Wer gefunden hätte. Nicht einmal hast du dich bedankt. Du hast von uns verlangt, unsere Familien zu verlassen-"
„Ich hab was gemacht?" Brüllte Harry und schloss die Lücke zwischen ihm und Ron. Sie standen sich nun so dicht, dass Harry Ron mit einem Ruck seines Kopfes K.O. schlagen könnte. „Ich habe nicht gefragt, ob ihr mitkommt. Ich wollte nicht, dass ihr wegen mir alles hinter euch lasst und euer Leben für etwas riskiert, in das ihr nicht hättet hineingezogen werden müssen. Doch ihr wolltet mir helfen. Ihr wolltet mit mir kommen, weil ihr ganz genau wusstet, dass ich euch brauche! Ich habe euch immer gebraucht, verdammt noch mal!"
„Du hast eine seltsame Art das zu zeigen", schrie Ron zurück und Spuckespritzer trafen Harrys Gesicht. "Von Hermine verlangen mich zu verlassen? Mitten im Wald? Das nennst du Freundschaft?" Ron lachte auf.
„Ich habe dich nie dazu aufgefordert, uns im Stich zu lassen, Ron. Ich wollte, dass du bleibst! Als du weg warst, war Hermine nicht mehr dieselbe! Sie hat Nächte lang geweint, kaum geredet und sie hat so gewirkt, als ob sie die Hoffnung aufgegeben hatte. Sie wollte nicht, dass du gehst, genauso wenig wie ich!"
„Und trotzdem hast du verlangt-"
„Ich habe gar nichts von ihr verlangt! Es war ganz allein ihre Entscheidung bei mir zu bleiben. Ron, ihr habt mir versprochen, bei mir zu bleiben. Ich habe versucht, euch davon abzubringen, oder hast du das schon vergessen? Ich habe versucht, euch vor meinem Schicksal zu bewahren, doch ihr wolltet nichts davon hören. Und allein Hermine hat dieses Versprechen gehalten! Natürlich war ich dankbar dafür! Wie konnte ich denn nicht, wenn ihr eure Familien hinter euch lasst und euer Leben aufs Spiel setzt, nur um mir bei meiner Aufgabe zu helfen? Meiner Aufgabe, Ron; nicht eure. Hermine ist geblieben. Du nicht. Also wage es ja nicht, mich zu beschuldigen, dass Hermine eine echte Freundin ist, die zu mir steht, auch, wenn es manchmal schwierig war!"
Ron schnaubte verächtlich und stieß ihn mit aller Kraft beiseite. Harry krachte schmerzhaft in den Küchentisch, schaffte es aber im letzten Moment nicht laut aufzustöhnen. An der Tür angekommen drehte Ron sich ein letztes Mal um. Seine Augen blitzten vor Hass und Verachtung. Harry schluckte. Er war es gewohnt diesen Blick aus Vernons, Petunias oder Malfoys Augen zu sehen, aber aus Rons?
Sein ehemaliger bester und allererster Freund schüttelte den Kopf und funkelte ihn an. „Du bist so ein Verräter, Harry. Ich hatte gehofft, dass du deine Fehler einsiehst und wir eventuell noch einmal von vorne anfangen könnten. Aber ich sehe, ich habe mich getäuscht. Und ich hab gedacht, wir wären Freunde." Und mit diesen Worten drehte er sich um, polterte die Treppe hoch, durch den Flur und aus der Tür hinaus, die mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloss fiel.
*~*HP*~*
Hermine runzelte die Stirn. Abwesend bemerkte sie, wie die Stimmen, die sie aus der Küche kommen hörte lauter wurden. Doch ihre Gedanken waren nicht bei Ron. Nein, wie waren bei der eindeutig weiblichen Stimme, die Harry über Rons Aufwachen informiert hatte. Es war eine sanfte Stimme gewesen - weich und angenehm, wenn auch mit einem nervösen Unterton. Es musste Lily, Harrys Mutter, gewesen sein. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Harry hatte sie gefragt, ihm Bescheid zu geben, sollte Ron aufwachen.
Hermine holte tief Luft und ließ sich langsam gegen ihr Kissen sinken. Lily, dachte sie und ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie war bei ihr gewesen - in der Küche, als Ron sie nicht hatte loslassen wollen. Sie hatte ihr beigestanden... Doch warum konnte sie sie hören?
Am Anfang, als sie vor all dieser Zeit zu Harry gekommen ist, um Schutz und, wenn sie es sich selbst eingestand, Wohlbehagen und Wärme zu finden, hatte sie sie weder gesehen, noch gehört. Dann kamen Harrys Albträume, die dann endeten, als er Lily hatte sehen können. Irgendwann hatte auch sie dann erahnen können, wo sich die tote Mutter ihres besten Freundes befand...
Bester Freund. Hermine errötete. Ja, er war ihr bester Freund, doch war das alles, was er für sie war? Sie wusste, was sie für ihn fühlte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie es schon eine ganze Weile gewusst, doch was empfand Harry für sie? Empfand er überhaupt etwas für sie, und wenn ja, waren diese Gefühle freundschaftlicher oder doch romantischer Natur? Sie seufzte.
Sie wusste es nicht. So sehr sie auch denken wollte, dass Harry vielleicht mehr in ihr sah als nur die beste Freundin, die er schon seine ganze Kindheit kannte; Harrys Benehmen ihr gegenüber war nicht eindeutig gewesen - ab und zu Blicke hier und da, Umarmungen, die länger andauerten als normal... Doch all das konnte auch einfach nur bedeuten, dass er sie mochte - sei es wie eine beste Freundin oder Schwester. Bis vor ein paar Minuten hatte sie nicht eindeutig sagen können, wie Harry nun zu ihr stand, doch jetzt...
Hermine schüttelte den Kopf und drehte sich zum Fenster, zog die Decke über ihre Schultern und blickte in die helle Nachmittagssonne. Jetzt war sie nur noch verwirrter...
*~*HP*~*
Langsam öffnete sie ihre Augen. Die Sonne war untergegangen. Nun erhellten Sterne und der Mond den Himmel. Sie musste eingeschlafen sein, dachte sie und setzte sich gähnend auf. Ihr Zimmer war dunkel, der Mondschein tauchte alles in einen unheimlichen matten Schein. Sie konnte die Umrisse der Möbel erkennen, die in ihrem Zimmer in Harrys Haus standen. Und sie konnte eine schillernde Gestalt neben ihrem Bett sehen, die sich gerade zu ihr vorneigte.
Hermine schrak auf, keuchte und wich zurück. Ein Andeuten eines Lächelns, eine Hand – oder war es eine Hand? – die durch etwas Rotes strich – ihre Haare. Das, was sie sah war schwer in Worte zu fassen. Durchsichtig, doch nicht wirklich durchsichtig, farblos, doch nicht wirklich farblos, die Umrisse erkennbar, doch nicht mit Gewissheit… Sie runzelte die Stirn.
„Mrs Potter?"
Ein leises Lachen drang an ihre Ohren und sie fühlte, wie ein Lächeln ihr Gesicht aufhellte. Die Stimme war dieselbe weiche Stimme, die am Nachmittag zuvor aus der Küche gedrungen war. Doch wieso konnte sie sie hören? Vielleicht kann Lily mir dabei helfen, dachte sie und wand sich langsam zu der schimmernden Gestalt auf ihrer Bettkante zu.
„Ich hoffe, ich habe dich nicht erschreckt", sagte sie sanft und strich sich erneut ihre roten Haare aus dem Gesicht. Der Schimmer bewegte sich leicht und Hermine vermutete, dass sie es sich versuchte, gemütlich zu machen und über die merkwürdige Stille zwischen ihnen hinwegzukommen.
„Nur ein bisschen", Hermine schmunzelte verlegen und spielte mit ihrer Bettdecke. Ein Faden löste sich.
„Das tut mir leid", Lily seufzte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du mich sehen kannst. Oder", sie hielt inne, „sagen wir mal, ich habe nicht daran gedacht." Ihre Stimme klang leicht, fast so, als ob sie gegen ein Lachen ankämpfte.
„Wie meinen Sie das?" Wusste sie vielleicht, was all das zu bedeuten hatte? Sie verstand, wie Harry es geschafft hatte, seine Mutter endlich sehen zu können, doch sie? Sie stand in keinerlei Verbindung zu der jungen Frau vor ihr. Ihre einzige Verbindung war dass sie, Hermine, sich in ihren Sohn verguckt hatte. Die errötete bei diesem Gedanken. Harry. Vielleicht war er der Schlüssel zu all dem?
„Zu aller erst, bitte nenn mich Lily. Mrs Potter klingt, als ob ich in Minervas Alter wäre." Sie lachte hell auf. „Und um deine Frage zu beantworten, so sicher bin ich mir da auch nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du mir da weiterhelfen kannst." Lily schmunzelte, als sie die junge Hexe vor sich beobachtete. Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit, ihre Hände spielten nervös mit einem losen Faden, der sich aus dem Muster auf der Bettdecke gelöst zu haben schien, dennoch schaute sie mit einem leichten Stirnrunzeln in ihre Richtung.
Hermine schluckte nervös. „Wie meinen Sie das?"
„Nun ja", Lily schmunzelte. „Harry war etwas – wie soll ich es ausdrücken? – aufgeregt als er in die Küche kam. Hatte das eventuell irgendetwas damit zu tun, was hier in diesem Raum geschehen ist?" Mit unschuldigem Blick sah sie die beste – und wohl bald auch feste – Freundin ihres Sohnes an und bemühte sich, nicht laut loszulachen. Hermines Augen waren weit aufgerissen und ihre Wangen glühten regelrecht.
„I-Ich weiß nicht, was Sie meinen", stammelte die junge Hexe und versuchte ihr Herz zu beruhigen.
„Ach, komm schon. Ich war auch mal frisch verliebt." Lily zwinkerte ihr aufmunternd zu. Nicht, dass Hermine es hätte sehen können; aber einen Versuch war's wert. „Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als James und ich gerade zusammen gekommen sind. Die schüchternen Blicke, das ständige Verlangen bei ihm zu sein und dieses Grinsen, was einfach nicht aus unseren Gesichtern wollte. Nicht zu vergessen die Wärme und das Kribbeln, wenn ich ihn gesehen habe oder er meine Hand genommen hat." Sie lächelte gedankenverloren und ein bisschen traurig. All das war über fünfzehn Jahre her und all diese Jahre hatte sie ihn nicht sehen dürfen. Sie holte tief Luft, um die Tränen daran zu hindern, sich aus ihren trockenen Augen zu lösen.
Was er wohl gerade tat? Er war in Godric's Hollow, soviel stand fest, doch was tat er? War er allein oder war jemand bei ihm? Streifte er durch das Dorf oder verbrachte er seine Zeit in ihrem Haus oder gar auf ihren Gräbern? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht, was die Liebe ihres Lebens machte und es zerriss ihr das Herz. Sie vermisste ihn und sie wollte nichts mehr, als dass Harry seinen Vater kennenlernte. Ihr war es gar nicht mehr allzu wichtig, endlich in den Himmel zu kommen; oder was es auch war, wohin Verstorbene nach ihrem Tod gingen. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie bereit, ihr ganzes restliches Dasein auf der Erde zu verbringen, in dem Wissen, dass Harry über sie beide Bescheid wusste, sie kannte. Doch je länger sie an Harrys Seite war spürte sie, wie der Drang nach Godric's Hollow zurückzukehren stärker wurde.
Es gab Momente, in denen sie inne halten musste und sich voll und ganz auf das Hier und Jetzt konzentrieren musste, um nicht die Kontrolle über den Bund zu verlieren. Ihr war klar, dass James sie nicht ewig aus Godric's Hollow heraushalten konnte, doch jetzt, als sie es am eigenen Leib spürte, dass seine Kraft rapide nachließ bekam sie Angst. Angst, dass Harry seinen Vater nicht kennenlernen würde; Angst, dass sie nicht mehr bei ihm sein konnte, so wie sein ganzes restliches Leben; und Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte. Sie wusste, er konnte auf sich aufpassen, dennoch viel ihr dieser Gedanke schwer. Sie wollte ihn glücklich sehen; sorgenfrei und ohne jegliche Furcht.
„Tut mir leid." Die leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Hermine war näher gekommen und saß nun direkt vor ihr. Ihre braunen Augen fuhren über ihr Gesicht, fanden jedoch ihre grünen nicht. Lily hielt inne. „Tut mir leid, dass Sie von ihm getrennt sind."
Lily lächelte. „Das braucht dir nicht leid zu tun, Liebes." Zögerlich hob sie ihre Hand und legte sie auf Hermines Schulter. Sie schwebte einige Millimeter über ihrem Körper, denn sie wusste, dass sie sofort durchgehen würde. „Es war unsere Entscheidung und wir bereuen nichts. Wenn all das noch einmal passieren würde, würden wir es genauso machen und das sage ich nicht nur, weil ich so fühle. Ich weiß, dass James genauso denkt. Er würde alles dafür tun, dass Harry glücklich ist und das alles hier gehört nun mal dazu."
„Aber?" Hermine blickte den blassen Schimmer vor ihr prüfend an. Sie verschwieg ihr etwas und ihr Gefühl sagte ihr, dass es von Bedeutung war.
Lily zögerte. „Es wird schwieriger", sagte sie langsam, als ob sie nicht sicher wäre, dass Hermine es verstehen würde. Als die junge Frau vor ihr verwirrt die Stirn runzelte holte sie tief Luft und fing an zu erzählen. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein kann", Lily seufzte und fuhr sich erneut mit ihrer Hand durch's Haar, eine Geste, die sie sich unbewusst von James abgeguckt hatte. Harry genauso agieren zu sehen war nur noch das Tüpfelchen auf dem i. „Es wird immer schwieriger für James, die Verbindung unterbrochen zu halten."
„Es kann also sein, dass Sie morgen zurück nach Godric's Hollow gezogen werden, weil der Bund an den Todesort zu stark wird, als dass James Sie hier halten könnte?"
Lily nickte.
Hermine blies sämtliche Luft aus ihren Lungen und starrte die junge, tote Frau an, die ihr gegenüber saß. Die Frau, die so viel auf sich genommen hatte, um bei ihrem Sohn zu sein, der sie sein ganzes Leben lang nicht hatte sehen oder hören können. Sie hatte mit ansehen müssen, wie andere Leute ihn behandelten und wie er litt, ohne je eingreifen zu können. Und doch, trotz der Trennung von ihrem Ehemann und dem emotionalen Schmerz, den sie fast zwanzig Jahre hatte durchmachen müssen war sie geblieben. Der Respekt, den sie für diese starke Hexe empfand stieg ins Unermessliche.
Verlegen stellte sie die Frage, die sie schon seit dem Moment beschäftigte, in dem sie die Geschichte der Potters in einem ihrer vielen Geschichtsbücher gelesen hatte. „Wie war es … versteckt und isoliert von allem und jedem zu leben?"
Lily stockte der Atem.
„Sie müssen es mir nicht sagen, wenn Sie nicht drüber reden wollen", fügte Hermine eilig hinzu, als sie Lilys Reaktion sah. „Ich war nur neugierig. Wenn Sie es mir nicht erzählen wollen, verstehe ich das – "
„Es war schrecklich", die geflüsterten Worte unterbrachen sie. Hermine hielt inne und beobachtete den blassen Schimmer vor ihr. Lily saß gebeugt auf der Bettkante, Hände in ihrem Schoß, Kopf gesenkt. Sie zitterte leicht. „Als wir eines Tages zu Dumbledore gerufen wurden mit der Bitte, Harry mitzunehmen, wussten wir, dass etwas nicht stimmte. Wir hätten Harry nie allein zurückgelassen, Dumbledore wusste das, aber dass er uns ausdrücklich darum gebeten hat unseren Sohn mitzunehmen war schon… ungewöhnlich."
Sie holte tief Luft und seufzte laut. „Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Wir saßen in der Küche. James spielte mit Harry und ich stand am Herd. Es war kurz nach seinem Geburtstag und die Geschenke lagen noch in einer Ecke des Raumes. Sirius hatte ihm einen Spielzeugbesen geschenkt. Ich wollte ihn wegschließen, damit Harry nicht an ihn rankam, aber er liebte ihn so sehr, dass ihm immer sofort Tränen in die Augen sprangen, wenn ich den Besen aus dem Raum tragen wollte. Und was kann man schon machen, wenn er einen mit seinen großen grünen Augen anstarrt, die Unterlippe zuckte und seine Wangen ganz rot wurden?" Lily lächelte zärtlich, ganz in Gedanken verloren. „Eine Eule klopfte an unser Fenster und ich ließ sie herein. Ab dem Moment ging alles den Bach runter."
Ja, dachte Hermine, wohl wissend, was folgte. Die Offenbarung der Prophezeiung, der Geheimniswahrer, der Fidelius-Zauber und letztendlich Halloween. Sie schluckte.
„Wir durften nicht das Haus verlassen", Lilys Stimme war zitternd und kaum zu hören. Tiefer, Jahrzehnte-alter emotionaler Schmerz, den sie versuchte zu verstecken klang mit jedem Wort mit. „Der Fidelius-Zauber lag zwar über unserem Garten und Vorgarten, jedoch blieben wir nie länger draußen als nötig. In den Sommermonaten haben wir Harry meistens für eine, maximal zwei Stunden in den Garten gebracht, damit er ein wenig frische Luft schnappen konnte. Gänseblümchen wuchsen im Gras und er liebte es sie zu pflücken. Ich habe aus ihnen dann eine kleine Kette gemacht, die er dann stolz auf seinem Kopf getragen hat, fast wie eine Krone. Er liebte es, im Garten zu spielen. Ab und zu kam Sirius vorbei und ließ ihn auf seinen Rücken reiten. Ich kann immer noch Harrys sorgenfreies Lachen hören."
Ihr verträumtes Lächeln wich von ihrem hübschen Gesicht. „Nach Halloween habe ich dieses Lachen nie wieder gehört."
Hermine schluckte, als sie gegen die Tränen ankämpfte, die drohten, über ihre Wangen zu laufen. Irgendwie hatte sie gewusst, dass Harry ein fröhliches Kind gewesen war. Irgendetwas an seinem Wesen, an seiner Ausstrahlung sagte ihr, dass er einmal vor vielen Jahren tiefes Glück empfunden hatte. Doch das war einmal. Dann kamen die Dursleys und zerstörten alles, was von dem glücklichen Kind übrig geblieben war, kurz nachdem er mit ansehen musste, wie seine Mutter vor seinen Augen ermordet wurde, wahrscheinlich in dem Wissen, dass sein Vater nicht kommen und ihn holen würde.
„Wir waren gefangen in unserem eigenen Haus." Lily schniefte und strich sich langsam eine Strähne roten Haares aus ihrem Gesicht. „Unser Zuhause, das stets Geborgenheit und Sicherheit bedeutet hatte wurde plötzlich zu einem Gefängnis. Die Angst, dass jeden Moment Voldemort zur Tür hereinkommen könnte war so groß, dass wir teilweise nicht wussten, wie wir weiter machen sollten. Wir wussten, wir mussten stark bleiben, damit unser Harry überleben konnte und wenn es Sirius, Remus und leider auch Pettigrew gegeben hätte wären wir schon Tage zuvor wahnsinnig geworden.
Wir bekamen keine Eulen mehr, denn der Fidelius-Zauber verhinderte, dass sie durch die Schutzwälle kommen konnten. Dumbledore kam ab und zu vorbei, um uns auf dem Laufenden zu halten. Wir mussten den Orden inoffiziell verlassen. Ich wäre eh nicht wieder auf Missionen gegangen, nicht mit Harry an unserer Seite. Ich weiß, James denkt genauso. Und dann kam Halloween", Lily hielt inne und blickte zu der jungen Hexe hoch, die sie entsetzt anstarrte. „Ich nehme mal an, du weißt, was an Halloween passiert ist?"
Hermine nickte stumm.
Lily schloss die Augen. Ihr Gesicht war verzerrt von emotionalem Schmerz; Schmerz, den nur sie spüren konnte. „Es war ein ganz normaler Tag. Wir waren gerade etwas über zwei Wochen unter dem Zauber und für Ende Oktober war das Wetter sogar relativ gut. Wenn man aus dem Fenster unseres Wohnzimmers sah, konnte man die Straße sehen. Sie war bedeckt mit roten und gelben Blättern, die die Pflastersteine versteckten. Familien mit verkleideten Kindern liefen lachend durch die Straßen, auf dem Weg zum Pub für ein frühes Abendessen, ehe sie an den Haustüren klingelten. Harry schaute den vorbeigehenden Kindern hinterher. Er wirkte sehr ruhig, als ob er wusste, dass er nicht bei ihnen sein konnte und nicht wie alle anderen mit seinen Eltern durch die Straßen ziehen konnte.
Als es dunkel wurde habe ich ihn auf den Arm genommen und zu James gebracht. Er saß auf der Couch und war in einem Bericht des Ordens vertieft. Er wusste, dass wir auf keine Mission mehr gehen würden ehe Voldemort nicht besiegt war, doch ab und zu half er Dumbledore mit Ideen und Vermutungen. Als er uns beide sah, legte er lächelnd den Bericht beiseite und nahm mir Harry ab, der sofort anfing wie wild vor sich hin zu murmeln." Sie lachte leise. Die Szene spielte sich vor ihrem inneren Auge ab. „James hat geantwortet und meine beiden Jungs haben für einige Zeit über etwas anscheinend Wichtiges diskutiert, wenn man danach gehen konnte, wie Harry gestikulierte und James ernst nickte." Lächelnd schüttelte sie den Kopf.
„Nach einigen Minuten seriöser Diskussion", Hermine kicherte leise, „fing Harry an zu gähnen. James ließ bunte Rauchwölkchen aus seinem Zauberstab stoßen, die Harry begeistert versuchte zu fangen. Immer wenn seine kleinen Fäuste in die Nähe des Rauches kamen, verflog dieser. Die beiden hatten so viel Spaß, dass sie gar nicht bemerkten, wie die Zeit verging. Ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Ich konnte meinen beiden Jungs stundenlang zusehen. Jedenfalls wurde es spät und ich meinte, ich würde Harry in sein Bett bringen. James wollte pünktlich zur Bettgeschichte bei uns sein, damit er Harry noch einen Gute Nacht Kuss geben konnte, doch dann…"
Hermine nickte traurig. Sie wusste, wie die Geschichte weiter ging. Die ganze Zaubererwelt wusste es. Jeder wusste die Geschichte des Jungen, der an diesem Abend seine Kindheit verlor.
„Ich möchte nur, dass er glücklich ist", flüsterte Lily nach einigen Minuten, in denen beide mit ihren Tränen rangen. „Mehr möchten wir gar nicht."
Ich werde ihr helfen, dachte Hermine entschlossen und sah die junge Frau vor sich an. Die junge Frau, die ihr kurzes Leben für ihren besten Freund geopfert hatte, damit dieser glücklich und frei leben konnte. Doch die Welt hatte andere Pläne für ihn gehabt.
Sie wusste, dass sie das jedoch nicht allein schaffen konnte, aber sie was sich sicher, dass sie dabei auf Harry zählen konnte.
Ich hoffe, es hat euch gefallen!
Bitte hinterlasst einen Kommentar. Ich liebe es sie zu lesen und zu beantworten!
Bis denn!
