Etwas kürzer als das letzte Kapitel, aber das war ja eh eins der längeren ;)
Der Satz in den * Sternchen * ist frei übersetzt. Der Original Wortlaut („And then he greeted Death as an old friend, and went with him gladly, and, equals, they departed this life.") stammt aus dem Buch „The Tales Of Beedle The Bard" von J. K. Rowling!
Viel Spaß beim Lesen! :D
Zerfall
Hastig sprang er zurück, als der Wind einige Dachziegel vom Dach fegte und auf ihm zu katapultierte. Seine Reflexe waren auch im Reich der Toten noch immer so gut wie zu seinen Lebtagen. Dass er über die Hälfte von ihnen nicht mehr brauchte machte da keinen großen Unterschied.
James hob den Kopf und blinzelte gen Himmel. Dunkle Wolken zogen über ihn hinweg und Donnergrollen war eindeutig von weit weg zu hören. Das Haus vor ihm knarrte bedrohlich im Sturm, die teilweise noch vorhandenen Fensterläden schlugen mit einem lauten Knall gegen die Hauswand und sprangen ohne eine Pause wieder zurück. Das einst schöne, wenn auch kleine Haus war zerfallen und vermodert.
Seufzend fuhr er sich mit seiner Hand durchs Haar. Er hatte nichts anderes erwartet, wenn er ehrlich zu sich war. Das letzte Mal, dass er an eben dieser exakten Stelle gestanden hatte war etliche Jahre zuvor gewesen…
„Tut mir Leid, Sirius. Anweisung von Dumbledore. Muss ihn mitnehmen."
"Ich kann ihn dir nicht geben, Hagrid. Tut mir Leid, ich kann's einfach nicht."
Er schloss die Augen und holte tief Luft.
„Voldemort ist tot. Harry hat ihn besiegt. Wieso sollte er nicht bei mir bleiben dürfen? Ich kann ihn beschützen! Ich werde ihn beschützen!"
James fing an zu zittern. Seine Atmung kam ruckartig und unregelmäßig.
„Tut mir Leid, Sirius. Ich muss ihn zu seinen letzten richtigen Verwandten bringen."
Die braun-grünen Augen des jungen Zauberers flogen auf. Die Wände vor ihm ächzten im Wind. Die Farbe blätterte ab. Langsam aber sicher viel das Haus in sich zusammen. Er schüttelte den Kopf. Er konnte nichts an all dem ändern. Er musste es hinnehmen und akzeptieren. Doch seine Vergangenheit so… vergänglich und brüchig zu sehen…
Zögerlich setzte er einen Fuß den anderen und ging langsam auf das im Wind quietschende Gartentor zu, durch das er und Lily mit Harry auf dem Arm so oft gegangen waren. Nun rostete es vergessen und verlassen vor sich hin; die Natur gab ihr bestes, es bestmöglich zu integrieren. Lautlos glitt er durch das rostbraune Metall. Eine Stelle der einst karamellfarbenen Farbe wurde davon geweht.
Lachend stieß er das Gartentor auf und trat hindurch. Er sah über seine Schulter und grinste seiner Frau zu, die mit Harry durch das Tor schlenderte und es mit einem sanften Fußtritt schloss.
„Dass du so etwas machen würdest!" Sie schüttelte ihren Kopf und schmunzelte ihren Mann an, der mit den Einkaufstüten im Arm zur Haustür hinaufstieg und in seiner Tasche nach dem Schlüssel kramte. „Das sind Muggel! Was müssen die denn denken, wenn du die arme Kassiererin fragst, was genau man mit einem Kaugummi macht?"
„Woher soll ich den bitte wissen, dass es etwas zum Essen ist? Außerdem hab ich dir gesagt, dass ich fragen werde, wenn du's mir nicht sagst!" James streckte die Zunge heraus und kniff die Augen zusammen. „Selbst schuld!"
„Also wirklich. Das steckt doch im Namen! Was meinst du, warum es Kaugummi heißt?" Lily lachte laut auf und stupste Harry auf die Nase, als dieser anfing zu kichern. „Wir beide müssen ihm noch einiges beibringen, nicht wahr, mein Süßer?" Sie piekste James in die Seite, langte in seine Tasche und holte den Haustürschlüssel heraus, mit dem sie grinsend die Tür aufschloss.
Der Weg vor ihm war unter all dem Gras und Dreck, welcher sich in den letzten Jahrzehnten angesammelt hatte nicht mehr zu erkennen. Sein Blick strich über den Vorgarten, komplett überwuchert, die ursprünglichen Zierpflanzen abgestorben. Die Blumentöpfe an beiden Seiten der Haustür waren zersprungen, die Tür lag einige Meter weiter im Haus. Er wusste nicht, welchen Fluch Voldemort dafür benutzt hatte. Bombarda hätte die Tür in Stücke gerissen.
Wenn er einen Körper gehabt hätte, so war er sich sicher, hätten die Stufen der Veranda bedrohlich geknarrt, als er sie hinaufstieg und durch den leeren Türrahmen in den Flur seines ehemaligen Heimes trat.
„Pass auf!"
Sirius drehte sich um und sprang im letzten Moment aus dem Weg, als Harry auf seinem neuen Besen um die Ecke in den Flur gesaust kam, James dicht auf den Fersen. Er lachte laut, als er seinen Patenonkel neben der Haustür stehen sah, seinen Mantel immer noch halb angezogen, einen Schuh aus und die Augen weit aufgerissen.
James rannte nach links aus dem Wohnzimmer und stellte sich dem Besen in den Weg. Harry, das kleine Genie, das er nun mal war – ganz zum Stolz seiner beiden jungen Eltern – lenkte den Besen intuitiv nach rechts, um seinen Vater nicht über den Haufen zu fliegen und machte sich auf in die Küche.
Der Tumult hatte seine Mutter aufgeschreckt, die mit einem Lappen in der Hand in der Küche stand und den Tisch vom restlichen Kartoffelbrei entfernte, das Harry im Eifer des Gefechts beim Mittagessen in der Küche verteilt hatte. Sie blinzelte als Harry laut lachend auf sie zu kam, den Tisch umkreiste und wieder in den Flur hinausflog. James lief ihm die ganze Zeit hinterher, sein Gesicht rot vor Scham und Hitze.
„Ich habe es ihm gesagt", Lily seufzte und wandte sich wieder dem beschmierten Tisch zu. Schmunzelnd hörte sie dem Fußgetrappel, den verzweifelten Bitten und dem Kinderlachen zu, das aus dem Rest des Hauses zu ihr in die Küche drang.
Er schluckte und blickte nach links. Die Küche war zum größten Teil noch vorhanden. Der Kampf im Flur hatte ihr keinen Schaden zugefügt. Die Arbeitsplatten und der Tisch waren unversehrt, die Stühle standen noch immer in der Position, in der sie vor siebzehn Jahren gestanden hatten. Alles war mit einer dicken Staub- und Dreckschicht bedeckt. Die Fenster waren zum Teil stark verschmutzt und von Wind und Wetter so mitgenommen, dass eines sogar aus dem Rahmen gefallen und in der Spüle darunter zu Bruch gegangen war. Tiere hatten es sich vor langer Zeit in einem Schrank gemütlich gemacht, doch selbst die waren wieder verschwunden, auf der stetigen Suche nach einem sicheren Versteck. Das Haus war wie ausgestorben. Es war ausgestorben.
In der Spüle unter den Glasscherben lag stark verschmutztes Geschirr. James atmete zitternd aus. Es hatte Auflauf gegeben an jenem Abend. Sein Lieblingsessen.
„Kommt ihr? Das Essen wird noch kalt."
„Einen Moment noch", rief er zurück und zwinkerte Harry zu, der sein Kuscheltier fallen gelassen hatte, um die Arme vorzustrecken, damit sein Vater ihn auf dem Arm nehmen konnte. „Na, hast du denn auch schon Hunger?"
Harry blinzelte mit seinen großen grünen Augen, klatschte in die Hände und rief „Nam nam!"
Lachend trug James seinen Sohn durch den Flur in die Küche und setzte ihn in seinen Hochsitz. Dort griff er sofort nach seinem Plastiklöffel und wartete geduldig bis seine Mutter ihm eine kleine Portion Kartoffelbrei mit Möhren hinstellte, ihm einen Kuss auf die Stirn gab und „Lass es dir schmecken, mein Süßer" flüsterte. Harry konnte zwar noch nicht allzu geschickt mit dem Löffel umgehen und es landete mehr Brei auf dem Tisch und den Potters als in seinem Magen, aber jeder musste ja mal irgendwo anfangen.
James hob den Deckel vom Topf hoch und lugte hinein. Ein leckerer Geruch stieg ihm in die Nase und er strahlte zu seiner schmunzelnden Frau hinüber, die sich ebenfalls gerade setzte.
„Ist das…?"
„Greif zu. Und lass es dir schmecken." Sie zwinkerte ihm zu und kicherte leise, als er mit besonderem Elan zum Schöpflöffel griff und sich Kelle für Kelle auf seinen Teller lud.
Langsam glitt er zurück in den Flur und betrachtete traurig den einst dunkelroten Teppich, der den Eingangsbereich umgeben hatte. Vom einst so farbenfrohen und warmen Teppich war nichts als ein dunkelgraues, verfilztes Etwas übrig geblieben, welches er kaum vom Dreck auf den Dielen unterscheiden konnte.
Dir Tür, vor der er nun stand führte in das gemütliche Wohnzimmer. James schloss die Augen und sah es deutlich vor sich. Dunkle Holzdielen bedeckten den Boden, die linke Wand war wegen der vielen vollen Bücherregale nicht zu sehen, in denen hauptsächlich sowohl Lilys Fach- als auch Fiktionsbücher standen, die sie in jeder freien Minute las. Die beiden Fenster, eins direkt an der Wand vor ihm und eins an der Wand rechts von ihm, neben dem Kamin, warn von dunkelblauen Gardinen umgeben. Sie hatten zunächst überlegt, die Farbakzente in Gryffindor-Rot zu setzen, doch sie wollten nicht in einem zweiten Gemeinschaftsraum leben, so sehr sie ihn auch vermissten.
Die beigen Wände bildeten einen zarten Kontrast zu den kräftigen und schweren Vorhängen, die die gleiche Farbe hatten wie der Teppich vor dem Kamin. Dort auf dem beigen Sofa hatten sie oft gesessen, entweder mit Harry, der auf dem weichen Teppich vor dem prasselnden Feuer spielte, oder ohne ihren Sohn, der friedlich in seinem Bettchen schlief und sie endlich einen ruhigen Wein genießen konnten, ohne Angst zu haben, dass die rote Flüssigkeit in jeder Minute auf dem Sofa landen könnte. Man wusste ja nie mit einem Kleinkind in Armesweite.
„Ich bring ihn ins Bett", murmelte Lily, als sie den weinenden Harry vom Boden aufhob und ihm das Spielzeug aus den Händen nahm. Die Schluchzer wurden lauter. „Ist ja schon gut, Kleiner. Mami bringt dich jetzt ins Bett."
„Ich komm gleich nach", sagte James und kniete sich auf den Boden, um Harrys Sachen und die vereinzelten Siebe und Töpfe einzusammeln, mit denen sein Sohn es liebte zu spielen. „Ich räume nur noch kurz die Sachen weg und dann komm ich hoch."
„Ist gut."
Mit Töpfen, Sieben und Löffeln bepackt machte er sich auf in die Küche. Er fluchte laut als ihm beim Abstellen ein großer Topf auf den nackten Zeh fiel. Grummelnd kniete er sich auf den Boden, öffnete Schubladen und Schranktüren und verstaute die Küchenutensilien wieder in ihre wahren Behausungen. Sein Sohn würde irgendwann einmal ein hervorragender Koch werden, soviel stand fest. Und er wusste auch, dass er ihm das nicht beibringen würde.
Er wollte die Augen nicht öffnen. Er wusste, wie es aussehen würde. In diesem Raum hatte er viele seiner besten Minuten verbracht, alle in Gesellschaft von Familie und Freunden. Er konnte ihn nicht so zerstört sehen, doch im gleichen Atemzug wusste er, dass es wichtig war, diesen Raum in seinem jetzigen Zustand zu sehen und zu akzeptieren, was wirklich passiert war. Er blinzelte, als ob er erwartete, dass der kleine Kronleuchter an der Decke den Raum in helles Licht tauchte und das Leuchten des Feuers diesen Effekt noch verstärkte. Doch was er sah waren abblätternde Tapeten, mottenzerfressene Gardinen, Schutt und einen kalten Kamin.
Er wirbelte herum und starrte Harrys alten Kinderwagen an, der zwischen Küche und Treppe stand.
Er schniefte und wand sich ab. Er hatte seinen Sohn das letzte Mal gesehen, als er ein Jahr alt gewesen war. Um genau zu sein – ein Jahr und drei Monate. Jetzt war er erwachsen und führte sein eigenes Leben. Er war zu einem richtigen Mann herangewachsen, soviel stand fest, und James war nicht dabei gewesen, um ihn aufwachsen zu sehen; ihn – seinen eigenen Sohn. Wütend wischte er sich mit den Händen übers Gesicht. Er konnte daran nichts ändern und er würde alles, was er bisher getan hatte erneut tun. Sofort. Ohne darüber nachzudenken.
Die Treppe lag im Schatten und wirkte nur noch bedrohlicher, als das Wissen, was er dort oben vorfinden würde sie wirken lies. Er war seit jener Nacht nicht mehr hier gewesen. Er erinnerte sich noch ganz genau an jene Nacht, in der er in seiner jetzigen Gestalt die Treppe hinauf gehetzt war und mit hatte ansehen müssen, was mit seiner Frau, seinem Sohn und seinem Zuhause geschehen war.
Langsam kletterte er die modernde Holztreppe hinauf in den Flur. Nur eine Tür war offen. Er wusste, was sich hinter jeder befand, doch sein Interesse galt nur der offenen Tür, deren Überreste quer über den Boden zerstreut lagen. Der Raum dahinter war verdreckter, als er ihn in Erinnerung hatte. Die Natur hatte in den letzten Jahren ihr Bestes gegeben, durch das Loch im Boden und in der Wand ins Zimmer zu gelangen und es langsam aber sicher einzunehmen. Die Holzsplitter und Bretter, die von Harrys Kinderbett übrig geblieben waren, waren von Moos überzogen.
„*Er grüßte Tod als alten Freund und er ging glücklich mit ihm und sie verließen diese Welt, ebenbürtig.*" Leise klappte Lily das Buch zu und strich ihrem Sohn die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Er seufzte leise und drückte den Plüschhirsch fester an sich. James beobachtete das Geschehen von der Tür aus, ein zärtliches Lächeln auf dem Gesicht.
„Schlaf gut, mein Schatz", flüsterte Lily leise und küsste dem kleinen schlafenden Zauberer auf die makellose Stirn. „Wir lieben dich."
Seine Hand schoss zum Türrahmen, als James merkte, wie seine Beine unter ihm nachgaben. Wie Rauch glitt er durch das alte Holz und krachte stumm zu Boden, wo er sich eng zusammenrollte und die Hände in seinen Haaren vergrub. All die glücklichen Momente, die sie in diesem Haus erlebt hatten jagten ihm durch den Kopf. Er konnte jeden Moment vor seinem inneren Auge erneut mitansehen, erneut miterleben. Er wusste, wie er in jedem einzelnen Moment gefühlt hatte. Er hatte das Gefühl des tiefen Glücks nicht vergessen.
Er fing an zu zittern. Ein Bild nach dem anderen schoss durch seinen Kopf; Lily lachte, Harry streckte die Hände nach ihm aus, Harry weinte, Sirius schlug ihm brüderlich auf den Rücken, er kitzelte Harry, Harry sagte sein erstes Wort, Lilys Tränen, Harrys Lachen…
Lily. Harry.
Lily drehte sich um und lachte. „Sieht, wer hier ist, Harry. Es ist dein Papa!"
„Papa!"
Und mit einem Mal wurde es dunkel um ihn herum und er sah nichts mehr.
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Nächstes Kapitel: Ein bisschen Harry/Hermine-Action ;)
Bis denn!
