Once And For All

Kapitel 3

In dieser Nacht erwache ich schweißgebadet in meinem Bett. Meine Vorhänge sind zugezogen und so merkt zum Glück keines der anderen Mädchen, was mit mir los ist.

Ich setze mich auf und rubble mir die Arme warm, die trotz des Albtraums, der mich um meinen Schlaf gebracht hat, vor Kälte schlottern.

Seit ich nach Hogwarts gehe, habe ich hin und wieder schlechte Träume. Es ist nicht leicht, wenn man muggelgeboren ist und sich in der Welt der Zauberer behaupten muss. Manchmal fürchte ich mich davor, zu versagen. Es ist ein schreckliches Gefühl. Auch der Traum heute handelte von der Angst, die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können. Im Grunde genommen war er also einigen meiner vorangegangenen Träume gar nicht so unähnlich, dennoch konnte ich den Einfluss erkennen, den Snape daran genommen hat.

Jetzt, da ich wach bin, fühlt es sich so an, als hätte er meine Bedenken und Sorgen nur noch bestärkt. Zu allem Übel weiß ich jedoch nicht einmal, ob ich ihm das anlasten kann, schließlich war ich es, die ihn zuerst als Feigling bezichtigt hat.

Unweigerlich stellt sich mir die Frage, wie das mit uns weitergehen wird. Wie soll ich ihm gegenübertreten, wenn ich ihn wiedersehe? Kann ich ihm überhaupt je wieder unter die Augen treten? Was soll ich zu ihm sagen? Er ist noch immer mein Lehrer, da ist es nicht gerade förderlich, mit den Erinnerungen der Handlungen leben zu müssen, die sich zwischen uns abgespielt haben. Worüber wir gesprochen haben, wie wir uns geküsst haben, wie ich unter ihm lag und er auf mir, wie er versucht hat, mehr daraus zu machen...

Ich kann nicht weiter darüber nachdenken. Es macht mich wahnsinnig. Ich wollte es. Alles, nur den Rest nicht. Ich war damit einverstanden, ihn zu küssen und mich von ihm berühren zu lassen, aber das ging eindeutig zu weit.

Ob er es weiß? Ich stelle mir dieselbe Frage immer und immer wieder. Ich möchte es herausfinden. Ich möchte, dass er mir sagt, was er sich dabei gedacht hat, so weit zu gehen.

Ist er mir das nicht schuldig? Er ist älter als ich, er ist mein Mentor, mein Professor...

Mein Professor.

Was, wenn er das öfter tut?

Eisiges Grauen legt sich über meinen Nacken. Einen kurzen Moment lang überlege ich sogar, ob ich nicht direkt versuchen sollte, zu Dumbledore zu gehen. Er muss mich anhören. Vielleicht kann ich verhindern, dass irgendjemand dadurch zu Schaden kommt. Eine Schülerin. Rons kleine Schwester Ginny zum Beispiel.

Nein. Das würde er nicht wagen. Ihre Eltern sind beim Orden.

Trotzdem. Ich kann es nicht verantworten, nichts zu tun. Ich muss handeln.

Aber was wird dann geschehen? Werden sie Snape dafür bestrafen? Und ich? Welche Schuld trage ich daran?

Irgendwie glaube ich nicht, dass Snape so etwas tun würde. Das mit uns war auch für ihn … neu.

Oder?

Sein Verhalten, sein Blick. Alles hat darauf hingedeutet, dass es schon eine Weile her war, seit er zuletzt die Gelegenheit hatte, mit jemandem zu schlafen. Aber was verstehe ich schon davon? Außerdem ist er immer noch ein Spion. Er könnte es somit vor mir verbergen, wenn er will.

Das andere, was mir zu denken gibt, ist der Orden. Sie brauchen ihn. Harry braucht ihn, damit Dumbledore über Snape an Informationen bezüglich Voldemort herankommt.

Das ist das Stichwort. Vermutlich stehen mein Chancen schlecht, dass er bestraft wird. Dumbledore könnte versuchen, alles zu vertuschen, weil er auf Snape angewiesen ist. Eigenartigerweise fällt mir dabei wieder die Sache mit meinem beschlagnahmten Brief ein. Wenn Snape unsere Post liest, könnte er allerhand verbergen, was seiner Meinung nach nicht das Schloss verlassen darf. Oder sein Schlafzimmer.

Wenn ich nun zu Dumbledore gehe und doch etwas ins Rollen kommt, was dann?

Egal, wie sehr es falsch war, dass er mich dazu gebracht hat, mich ihm bis zu diesem einen Punkt so willenlos zu ergeben, will ich doch nicht, dass er das alleine ausbaden muss. Ich möchte nicht, dass er nach Askaban kommt, weil wir beide offenbar Gefallen daran gefunden haben, ständig aneinanderzugeraten. Ich kann ihm nichts anhängen, was er nicht getan hat. Ich brauche zuerst Gewissheit, bevor ich ein Unglück heraufbeschwöre, das uns alle in noch weitaus größere Schwierigkeiten bringt.

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„Danke, dass Sie mich empfangen, Professor."

Dumbledore lächelt mir freundlich zu und ich habe alle Mühe, mein doch eher ungewöhnliches Anliegen in der richtigen Reihenfolge zu sortieren.

„Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen, Miss Granger", sagt er milde gestimmt.

Meine Zunge klebt mir am Gaumen. Wenn ich nur daran denke, wie schnell ich seiner guten Laune ein Ende bereiten könnte, wird mir ganz mulmig zumute.

„Ich hoffe doch sehr, dass der Anlass Ihres Besuchs keinen Grund zur Sorge gibt", sagt er und bietet mir im gleichen Atemzug ein Toffee an.

Ich lehne dankend ab und rücke mich auf meinem Stuhl in Position, damit ich endlich losschießen kann. Es kann unmöglich sein, dass er ahnt, worauf ich hinaus will, oder?

„Nun denn, ich muss zugeben, die wenigsten Schüler, die mich hier besuchen, kommen aus freien Stücken her", setzt er unerwartet nach, eine seiner Süßigkeiten in die Backe geklemmt.

„Sir?", sage ich unbeholfen.

Er bringt mich aus dem Konzept mit seinem Gerede.

„Sind Sie mit Ihrem Stundenplan zufrieden?"

Ich nicke.

„Danke, es könnte nicht besser sein."

„Sie haben wie immer reichlich viele Fächer belegt ..."

„Das habe ich, Sir, danke der Nachfrage", unterbreche ich ihn schnell.

Dumbledore legt die Stirn in Falten. Hoffentlich fühlt er sich nicht gekränkt.

Um ihn nicht zu verärgern, lächle ich ihm zu und gebe ihm die Gelegenheit, zu sagen, was er zuvor loswerden wollte.

„Hat Harry schon mit Ihnen gesprochen?", fragt er und klingt nun etwas strenger.

„Das hat er, ja. Sie können sicher sein, dass die Informationen bezüglich Ihres Privatunterrichts mit ihm bei mir gut aufgehoben sind. Ich werde niemandem etwas darüber verraten, versprochen. Aber Sir, warum ich eigentlich … worüber ich mit Ihnen reden -"

Ein Klopfen ertönt an der Tür und ich wirble herum. Fast im selben Moment öffnet sie sich und Snape tritt ein, wie üblich schwungvoll und mit aufgeblähtem Umhang.

„Sie wollten mich sprechen, Schulleiter?"

Als er mich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch erblickt, versteift er sich sofort. Mit der Hand an der Türklinke wirkt seine ganze Haltung wie eingefroren. Ich kann seine weißen Knöchel unter dem Rand seines Ärmels hervor spitzen sehen. Am schlimmsten aber ist der Anblick seiner glühenden schwarzen Augen, die mir einen Schauder den Rücken hinunter jagen.

Ich drehe mich mit meinen knallroten Wangen um, so weit wie möglich weg von ihm, wie zur Ironie sehe ich da, dass Dumbledore lächelt.

„Einen Moment noch, Severus", sagt er heiter und ich bilde mir ein, Snape richtet bereits wie ein Messer den Zauberstab auf meinen Rücken, um mich auszuradieren. „Miss Granger wollte mir gerade etwas sagen."

Irgendwie schaffe ich es, den Mund zu öffnen und zu sprechen.

„Ich denke, das kann warten, Professor."

Ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. Meine Beine schwanken bedrohlich, doch Dumbledore scheint es nicht zu merken, als ich mich von ihm verabschiede. Snape hingegen sehr wohl, da gehe ich jede Wette ein. Er genießt es bestimmt, mir zuvor zu kommen.

Peinlich berührt stakse ich auf ihn zu. Seine Augen sprechen Bände. Das wird unweigerlich ein Nachspiel haben.

Erst im allerletzten Moment gibt er den Weg frei und ich setze mein Vorhaben, das Büro meines Schulleiters so schnell wie möglich hinter mir zu lassen, um, den Blick fest auf den Boden gesenkt.

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Nach dieser kleinen Eskapade, die im Grunde genommen nur eine von vielen ist, wird es langsam zur Routine, wie wir uns ansehen oder auch manchmal einfach nur anstarren. Sobald ich ihn erblicke, passiert es. Umgekehrt ist es genauso. So wie jetzt.

Ich bin nicht weit gekommen mit meinen Ermittlungen. Sie liegen erst einmal auf Eis. Seit dem Vorfall in Dumbledores Büro ist es so unumgänglich für ihn geworden, mich durch seine Präsenz zu entwaffnen, dass ich mich frage, wie ich das je wieder gutmachen soll. Er scheint zu ahnen, dass ich seinetwegen zum Schulleiter gegangen bin. Er weiß es einfach und lässt es mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren. Wie ich je auf die Idee kommen konnte, ihn dazu zu verdächtigen, so etwas wie das mit mir routinemäßig durchzuziehen, bleibt mir ein Rätsel. Mein Gefühl sagt mir, dass er nicht der ist, für den ich ihn gehalten habe. Sein Gesicht ist ernst und ich bilde mir ein, dass er sich schuldig fühlt. Er weiß genau, was er getan hat. Es quält ihn; vielleicht sogar noch mehr als mich.

In Wahrheit sind es jedoch andere Dinge, die eine Bedeutung für mich erlangen. Es sind die Momente gerade eben in der Großen Halle oder auf irgendeinem von wuselnden Schülern umgebenen Flur oder einfach mitten im gemeinsamen Unterricht, die fortan mein ganzes Leben im Griff haben. Seine Gegenwart macht mich schwach. Sie beeinflusst mich. Teilweise ist es richtig schlimm. Es tut weh und ich kann in der Nacht nicht schlafen, weil ich dauernd an ihn denken muss.

Wenn ich endlich eingenickt bin, schrecke ich plötzlich hoch und mir ist, als würde er neben mir liegen und mich mit seinem schiefen Grinsen zum Narren halten. Ich kann seinen Duft wahrnehmen, obwohl ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Er ist bedeutend älter als ich. Obendrein ist er nicht gerade jemand, den man als attraktiv bezeichnen würde. Aber was er gesagt und getan hat, lässt mich nicht los. Seine Herausforderungen ebenso wie die Gleichgültigkeit, die er ausgestrahlt hat, sind meine ständigen Gefährten. Sie begleiten mich überall hin, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Alles hat sich dadurch für mich verändert. Snape ist scheinbar überirdisch präsent und wenn es nicht so ist, verzehre ich mich danach, dass es passiert. Ich suche in jedem Raum nach ihm, halte in jedem Moment, in dem ich das Schloss durchquere, nach ihm Ausschau. Ich sehne mich nach seinen Blicken, seinen Berührungen und seiner Stimme, die mir etwas ins Ohr flüstert, selbst wenn es nur wieder eine Lüge sein sollte.

Nach unserer nächsten Unterrichtsstunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste bleibe ich hinter den anderen zurück.

Als wir endlich alleine sind, kommt er wortlos und mit unleserlichem Gesicht auf mich zu und bleibt vor mir stehen. Wir sehen uns an und sofort spüre ich, wie mein Blut in Wallung gerät. Schweigen legt sich zwischen uns und ich kann deutlich spüren, dass er verunsichert ist. Erst nach einer ganzen Weile ergreift er das Wort.

„Was passiert ist ...", er stockt und fährt sich mit der Hand durch die Haare. „Es – es tut mir leid."

Was er sagt, versetzt mir einen Stich. Es klingt irgendwie so gar nicht nach Snape. Doch warum ist das so? Und was ist nur los mit mir, dass es mich überhaupt kümmert? Sollte ich ihn nicht besser ignorieren oder für das, was er vorhatte, verabscheuen?

Meine Überraschung ist so groß, dass mir der Mund offen steht. Unbeholfen muss ich mich räuspern.

„Sagen Sie das jedes Mal, wenn Sie so etwas getan haben?"

Sein von den ungepflegten Strähnen umrahmtes Gesicht ragt unmittelbar vor mir auf und ich möchte am liebsten einfach wieder seinen Mund auf meinem spüren, um nicht länger darüber nachdenken zu müssen, was sich gehört und was nicht. Es hatte etwas Befreiendes an sich, bis zur Besinnungslosigkeit von ihm geküsst zu werden. Seine Lippen haben mich verzaubert, verhext. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass Snape nicht einfach nur der Snape ist, den ich bisher kannte.

Doch alles kommt anders. Nicht zuletzt, weil ihn meine Frage zu irritieren scheint.

Er zieht eine seiner Brauen in die Höhe, mir wiederum steigt die Röte ins Gesicht. Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Ganz egal, wie sehr das, was wir getan haben, zwischen uns steht, will ich dem endlich ein Ende bereiten. Es waren schon zu viele Missverständnisse, die dazu geführt haben, da müssen nicht noch mehr dazukommen.

„Ich wollte damit nicht ausdrücken … na ja, ich meine nicht, dass ich davon ausgehe, dass Sie ...", stammle ich unbeholfen.

Mir ist schon klar, dass ich zuerst mit mir gerungen habe, ihn doch damit zu verletzen. Aber das war, bevor er sich entschuldigt hat. Jetzt sieht alles anders aus. Es wäre nicht richtig, mich auf diese Schiene zu begeben. Aber bei der Gratwanderung, die ich derzeit mache, ist es eben nicht so leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn sich links und rechts zu beiden Seiten gleichermaßen tiefe und unüberwindbare Abgründe auftun.

Snape schluckt schwer. Langsam hebt er die Hand und legt seine Finger auf meinen Mund, um mich zum Schweigen zu bringen. Ich sehe, wie er mit sich ringt, eine Antwort zu finden, die meinen überstürzten Vorwurf entwaffnen soll.

Schaudernd beobachte ich die Veränderungen, die auf seinem Gesicht stattfinden. Seine Brauen ziehen sich kritisch zusammen, seine Augen flackern beunruhigt auf. Zu guter Letzt erkenne ich, wie das Spiel seiner Mundwinkel zu einem Beweis dafür wird, wie sehr ihn das hier durcheinanderbringt.

Noch immer zögert er und ich fühle mich unendlich schäbig dafür, dass ich das gesagt habe. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wer überhaupt damit angefangen hat. Wie ist es passiert, dass dieser eine Blick, den wir uns zugeworfen haben, all das ausgelöst hat?

Am Ende bin ich soweit, dass ich bereit bin, ihm entgegenzukommen. Ich will dem, was geschehen ist, auf den Grund gehen. Ich brauche Klarheit und muss wissen, was ich damit anfangen soll. Fest steht bisher nur, wir haben beide Fehler gemacht, die wir nicht hätten machen dürfen. Außerdem hat er mich nicht verletzt. Es kam nur alles etwas unerwartet und überstürzt.

Ich nehme seine Hand von meinem Mund und halte sie fest. Abwesend senke ich den Blick und streiche mit meinen Fingern über seine langen blassen Finger. Auch jetzt sind sie ungewöhnlich kühl.

Snape reagiert nicht darauf. Als ich jedoch aufsehe, blickt er mich merkwürdig an. Irgendwie verhalten und mit Bedacht.

Spätestens jetzt habe ich keine Zweifel mehr, dass ich vollends verrückt werde. Habe ich tatsächlich den Nerv, mich auf ihn zuzubewegen? Kann ich da weitermachen, wo wir aufgehört haben?

Ich wage nicht, es mit Sicherheit zu sagen. Seine Küsse aber waren wunderbar, einfach himmlisch und daher lasse ich mich von meinen Gefühlen leiten. Sie sind es, die mir im Moment zu verstehen geben, dass keine Bedrohung von ihm ausgeht. Bis jetzt.

„Miss Granger", sagt er und seine Stimme durchbricht klar und kalt die Stille.

Zugleich entgeht mir nicht, dass etwas Warnendes darin liegt. Es ist ihm ernst, seine Entschuldigung und die Zurückhaltung, die er mir entgegenbringt zeigen mir deutlich, dass er nicht da weitermachen möchte, wo wir aufgehört haben. Jedenfalls nicht, wenn es um seinen Verstand geht. Ich für meinen Teil weiß auch so, dass seine Atmung schneller als gewöhnlich geht. Und das, obwohl ich nur seine Hand in meine genommen habe.

„Professor ...", gebe ich leise zurück. Was soll ich sagen? Was erwartet er von mir?

Er entzieht mir seine Hand und verschränkt sie mit der anderen hinter dem Rücken. Seine Haltung ist jetzt seltsam steif, ganz der Professor. Vielleicht hätte ich ihn anders anreden sollen, um ihn nicht daran zu erinnern, wie wir eigentlich zueinander stehen müssten...

Wer hätte das jemals für möglich gehalten? Wer hätte gedacht, dass er je mein Interesse wecken könnte? Früher kam mir der Professor im Vergleich zu mir immer wie ein alter Mann vor. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Snape steckt voller Leben und Energie. Er ist schwer zu durchschauen und gibt sich auch sonst die größte Mühe, niemanden näher als unbedingt nötig an sich heranzulassen. Der Kontakt, den er zu anderen Menschen hat, beschränkt sich auf das, was er für seinen Beruf tun muss. Abgesehen davon hat er, soweit allgemein bekannt, nicht viel Privatleben, geschweige denn Freunde. Gerade deshalb weiß ich mit ziemlicher Gewissheit, dass er einsam ist. Wie sehr, kann ich jedoch nur erahnen.

Als wir immer noch so verloren voreinander stehen und uns ansehen, wird mir klar, wie unbeholfen er in solchen Dingen sein muss. Es würde auch seine verzweifelte Handlung erklären, mit mir schlafen zu wollen.

Der Gedanke, dass er sich nach Nähe sehnen könnte, treibt mich an. Ich schließe mutig die Distanz zwischen uns und umfasse mit meinen Händen sein Gesicht. Überrascht schreckt er zurück, aber ich kann jetzt nicht lockerlassen. Nicht, wenn er mit seiner Gegenwart derart meinen Verstand benebelt.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und strecke mich zu ihm hoch, um ihn zu küssen. Begierig prallen meine Lippen auf seine.

Umgehend kann ich hören, dass er scharf ausatmet, sein warmer Atem strömt in meinen Mund. Snape legt seine Hände auf meine Schultern und hält mich fest. Langsam bringt er mich auf Abstand.

„Haben Sie vergessen, was neulich beinahe passiert wäre?", fragt er zwischen den Zähnen hindurch.

Ich schüttle den Kopf. Nein. Ich habe es nicht vergessen. Aber vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit, diese ganze Sache mit ihm abzuhaken. Vielleicht kann ja doch mehr daraus werden...

Der Gedanke ist krank. Mir ist bewusst, dass wir das nicht dürfen. Aber manchmal kann man eben nicht anders.

„Ich möchte nicht mit Ihnen schlafen", sage ich ernst. „Aber ich möchte auch nicht, dass es so abrupt endet, wie es angefangen hat."

Er grinst verschlagen.

„Und wie stellen Sie sich das dann vor?"

Wieder weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll. Wir dürfen uns nicht zu irgendetwas hinreißen lassen, das überhaupt niemals hätte anfangen sollen. Er ist und bleibt schließlich immer noch Snape.

„Ich bin volljährig", sage ich schlicht.

Er verzieht das Gesicht.

„Das ist ein schwacher Trost, Granger."

Unbeholfen zucke ich mit den Schultern. Es ist nicht gerade die Lösung all unserer Probleme, aber es ist immerhin ein Anfang.

„Verstehen Sie nicht, worauf ich hinaus will?"

„Nein."

Ich stoße einen frustrierten Seufzer aus. Manchmal macht er es einem wirklich nicht gerade leicht.

„Rein theoretisch kann uns niemand etwas anhaben, wenn wir ..."

„Beziehungen jeglicher Art zwischen Lehrern und Schülern sind verboten. Und das aus gutem Grund."

Ouch. Das aus seinem Munde zu hören, tut weh. War nicht er es, der mit mir schlafen wollte? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich so direkt versucht hätte, nähere Bekanntschaft mit seinem Schwanz zu machen.

„Ich weiß. Ich sage ja auch gar nicht, dass ich so etwas befürworte. Es ist nur … Ich werde vermutlich nicht ewig an dieser Schule bleiben."

„Ich bin nicht für Beziehungen geschaffen, Granger."

Das trifft mich noch mehr. Es besagt unmissverständlich, dass das, was ich hier versuche, aussichtslos ist.

Professor Snape ist kein Beziehungstyp. Ich habe es geahnt. Verwirrt bin ich trotzdem. Ist das ein Grund, mir Sorgen zu machen? Angenommen, er hätte wirklich mit mir geschlafen, was dann? Er hatte Recht: Ich hatte Angst davor, nur benutzt und ausgebeutet zu werden. Gerade kann ich nicht mal genau sagen, was mich mehr verletzt. Die Tatsache, dass er es so offen vor mir gesteht oder die, dass ich einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt habe, es zuzulassen und vielleicht doch mit ihm zu schlafen.

Ich muss ziemlich belämmert drein gesehen haben, denn als er meine Reaktion beobachtet, rollt er mit den Augen.

"Tun Sie nicht so verwundert, Granger. Sie dachten doch nicht wirklich ..."

"Sagen Sie es nicht", unterbreche ich ihn schnell. "Bitte. Ich kann es mir auch so denken."

Er scheint mit sich zu hadern, ob er es sich leisten kann, darauf einzugehen, wie sehr mich meine Unsicherheit übermannt, denn auf einmal bekommen seine Augen einen harten Ausdruck.

"Bitte gehen Sie jetzt."

Er kann es nicht. Er muss tun, was er immer getan hat. Alleine und ungeliebt sein Leben in den Kerkern von Hogwarts weiterführen.

Ich beiße mir auf die Lippe. Kann er das wirklich wollen? Ist es so selbstverständlich für ihn, es hinzunehmen und zu akzeptieren? Ich finde es schwer, mich damit abzufinden, seit ich seine leidenschaftlichen Küsse gespürt habe. Sie waren so voller Sehnsucht und Verzweiflung, dass ich nicht glauben will, jemand könnte dieses Leben freiwillig führen. Er kennt es nur nicht anders.

Von meiner Traurigkeit und Enttäuschung übermannt, tue ich genau das Gegenteil von dem, worum er mich gebeten hat; wobei, streng genommen war es mehr eine Aufforderung, aber das ist mir gleich. Es spielt keine Rolle, wenn ich nicht ignorant und gleichgültig wie alle anderen Menschen in unserem Umfeld über ihn hinwegsehen will. Darüber bin ich hinaus. Wir haben beide bewiesen, wie schön es sein kann, etwas Ungeahntes miteinander zu teilen. Etwas Wundersames und entgegen aller Konventionen Bedeutendes, so wie beispielsweise einen gemeinsamen Blick in der Großen Halle, eine sanfte Berührung der Hände, einen verbotenen Kuss...

Ich werfe mich nach vorne und lege meine Arme um seinen Hals.

Er schnappt nach Luft. "Granger ..."

"Zwingen Sie mich nicht dazu, alles wie eine bloße Erinnerung abzutun", murmle ich in seine Strähnen hinein. Meine Stimme fühlt sich ganz rau an dabei. "Nicht alles, was wir getan haben, war schlecht, Professor."

Wie so oft, wenn es unangenehm wird, kann ich ihn schlucken hören. In ihm muss es so gewaltig rotieren, dass er offenbar nicht weiß, was er sagen soll.

Sanft reibe ich meine Wange an seinem Hals. Oder zumindest dem winzigen Stück, das nicht von seiner Kleidung verdeckt ist. Ich lausche seinem Atem und schließe die Augen. Die Nähe und die Wärme zu ihm kommt mir fast schon vertraut vor, so seltsam das auch klingt. Es tut gut, ihn zu spüren.

Verträumt wünsche ich mir, dass er meine Umarmung erwidert, doch Snape steht reglos und steif da, als würde er jeden Moment die Flucht ergreifen wollen. Vielleicht hält er auch Ausschau, ob uns jemand so beieinander überraschen könnte.

Erst jetzt realisiere ich, dass wir immer noch in seinem Klassenzimmer stehen. Die Tür ist nicht einmal verschlossen.

Ich hebe den Kopf und sehe ihn an.

Seine schwarze Augen bohren sich fragend in meine.

"Ich weiß, ich sollte besser gehen", sage ich unbeholfen. "Aber ich weiß nicht, wo hin."

"Das ist keine Entschuldigung für Ihr Verhalten."

"Nein, ist es nicht."

Auch nicht dafür, dass er bereits einmal so ungestüm war, dass wir fast miteinander geschlafen hätten. Trotzdem ist es wahr. Ich will nicht gehen.

Für einige Sekunden sehen wir uns einfach nur an und keiner sagt ein Wort. Doch dann hebt er den Arm und streicht mir mit dem Handrücken über die Wange. Er nimmt mein Kinn zwischen seine Finger und beugt den Kopf. Blitzartig bringt er seine Lippen auf meine nieder.

Ich brauche einen Augenblick, um zu verstehen, dass es wirklich geschieht. Seine Zunge fährt in meinen Mund und Snape umfasst mit beiden Händen meinen Kopf, um mich fest zu sich heranzuziehen.

Wir küssen uns lange und innig. Sein ganzer Körper richtet sich nach mir aus. Ich spüre deutlicher denn je jede noch so kleine Veränderung, aber wenigstens weiß ich jetzt, was mich erwartet. Der Schock von neulich, als ich erstmals Bekanntschaft mit seinem erigierten Penis gemacht habe, stellt sich nicht mehr ein.

Sehnsüchtig zerwühle ich mit meinen Fingern seine Strähnen. Ich darf nicht daran denken, wie absurd es ist, das zu tun und es auch zu wollen. Alleine dass ich bereit bin, mich so auf ihn einzulassen, sollte mich in Alarmbereitschaft versetzen. Irgendwie aber schafft er es, mich magisch anzuziehen. Mich kümmert nicht, was die anderen über ihn denken oder wie er aussieht. Selbst seine Erregung zu spüren, macht mir nichts mehr aus. Er ist ein Mann wie jeder andere und hat Bedürfnisse wie wir alle, nur dass er diese für gewöhnlich zu unterdrücken scheint.

Je intensiver wir uns küssen, desto mehr steigt in mir der Wunsch, seine Haut auf meiner zu spüren. Blindlings wandern meine Finger zu seiner Brust und beginnen damit, die ersten Knöpfe zu öffnen.

Nach nur wenigen Sekunden greift er nach meinen Handgelenken und hält mich davon ab. Unser Kuss endet jäh.

Schwer atmend sieht er mich zwischen seinen zerzausten Strähnen hindurch an.

"Das ist keine Option, Granger", sagt er mit belegter Stimme. "Nicht hier und nicht jetzt."

Ich nicke. Es ist beschämend, zurückgewiesen zu werden, wo wir doch beide wissen, was zuletzt beinahe geschehen wäre, daher kann ich ihm keinen Vorwurf machen, dass er mein Vorhaben unterbricht.

Er lehnt seinen Kopf an meine Stirn und lockert den Griff seiner Hände. Die Stille zwischen uns sorgt langsam dafür, dass sich unsere erhitzten Gemüter beruhigen. Als wir dann einigermaßen sicher sind, dass wir es riskieren können, trennen wir uns und jeder geht wieder seinen eigenen Weg.