Once And For All
Kapitel 4
Spät Abends in meinem Turm kann ich nicht schlafen. Zu viel schwirrt mir im Kopf herum. Ich muss ständig daran denken, wie er mich geküsst hat. Erneut. Snape hat so unendlich viele Facetten, dass es mir Schwierigkeiten bereitet, sie alle zu ordnen. Er kann ungemein ruhig und still sein, andererseits aber auch genauso aufbrausend und herrisch. Trotz allem habe ich das Gefühl, dass er mich langsam etwas besser leider kann. Immerhin hat er mich nicht einfach ignoriert, obwohl er dem Zwischenfall mit mir vermutlich liebend gern einen Riegel vorgeschoben hätte.
Nach einer weiteren Stunde gebe ich den Versuch, endlich Schlaf zu finden, auf. Ich habe nicht vergessen, was er zu mir gesagt hat, um mich auf Abstand zu bringen. Es war auch bestimmt keine Einladung von ihm, mich noch einmal zu sich zu bestellen, dennoch wage ich es und schleiche heimlich aus meinem Turm.
Im Schloss ist es dunkel und einsam um diese Zeit. Wenn man Glück hat und nicht gerade Mrs. Norris oder Filch über den Weg läuft, bieten sich in der Nacht interessante Gelegenheiten, bisher unentdeckte Winkel oder Räumlichkeiten zu erkunden, von deren Existenz viele Schüler keine Ahnung haben. Da ich mit Harry befreundet bin, ist das anders. Wir haben uns schon oft heimlich außerhalb der Betten herumgetrieben und so manches Abenteuer dabei erlebt.
In den Kerkern angelangt, klopfe ich an Snapes Bürotür und hoffe inständig, dass er da ist und mich reinlässt. Vielleicht ist er aber auch außer Haus und bei seinen Todesser-Kumpanen wie den Malfoys oder direkt bei Voldemort.
Die Tür geht auf und Snape steht vor mir. Zuerst wirkt er überrascht, denn er zieht die Brauen zusammen. Kein gutes Zeichen.
„Granger!", sagt er barsch. „Was wollen Sie denn noch hier?"
„Sie sehen", antworte ich wie beiläufig, als wäre es nichts Besonderes, ihn zu so später Stunde in seinem Büro zu besuchen.
Wider Erwarten lässt er mich ein und verzieht den Mund zu einer säuerlichen Linie. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss und er verschränkt die Arme vor der Brust.
„Nun?", fängt er an.
Ich hole Luft.
„Ich weiß, dass ich nicht hier sein sollte", sage ich hastig. „Aber ich möchte es. Ich möchte es wirklich."
Die Verwunderung auf seinem Gesicht kehrt zurück. Entweder hält auch er mich für komplett übergeschnappt, was an sich gar nicht weiter verwerflich wäre, oder es fällt ihm schwer, zu glauben, dass er sich bei meinem Anblick etwas anderes erwartet hat.
„Ich dachte, es wäre klar, dass das nicht funktionieren kann", sagt er und macht einen zutiefst gelangweilten Eindruck dabei, was mich offengestanden ziemlich verletzt.
„Was genau kann denn nicht funktionieren?", frage ich stur. „Und nehmen Sie keine Rücksicht auf mich. Wenn ich Ihnen nicht attraktiv genug bin, sagen Sie es. Sie haben ja schließlich schon früher Ihre Meinung dazu kundgetan."
Wenn er mich schon kritisiert, will ich die ganze Wahrheit wissen. Nicht nur, dass ihm meine Zähne nicht gefallen.
Snape seufzt.
„Das hat damit gar nichts zu tun, Granger", sagt er kopfschüttelnd.
Offenbar weiß er genau, wovon ich rede. Das ist gut.
„Ich denke nicht, dass Sie nur eine Maschine sind, die immerzu das tut, was Dumbledore von Ihnen verlangt, habe ich Recht? Wenn Sie also nicht dazu aufgefordert wurden, mich über Jahre hinweg mit Worten zu verletzen, neuerdings sogar zu küssen und zu verführen, geht das, was zuletzt passiert ist … oder beinahe passiert wäre, auf Ihr Konto."
Er macht einen Schritt auf mich zu, die Augen bedrohlich zusammengekniffen.
„Es war nicht nötig, zu Albus zu gehen, Miss Granger", sagt er in einem finsteren Knurren. „Was geschehen ist, geht nur uns beide etwas an."
Jetzt bin ich es, die sich versteift. Ich halte angespannt den Atem an. Was er sagt, klingt ungeheuerlich.
„Sie haben meinen Brief an Remus gelesen", stelle ich klar. „Und Sie verbieten mir, mit Dumbledore in Kontakt zu treten. Und Sie küssen mich und hätten fast … ich bin volljährig, ich weiß. Daher war es vielleicht falsch, jemanden um Rat zu bitten. Aber unsere Situation ist sehr ungewöhnlich und wenn ich zu Ihnen komme und Sie sehen will, weisen Sie mich zurück. Das ist ein ziemlich starkes Stück, finden Sie nicht?"
„Miss Granger, ob Sie es glauben oder nicht, ich würde nie ..."
„Sie würden nie was?", fahre ich ihn an. „Mich nur ficken und dann stehenlassen?"
Er hebt die Hand und hält mir seinen langen mageren Zeigefinger direkt vors Gesicht.
„Es ist nicht mein Problem, wenn Sie nicht damit klarkommen, was wir getan haben. Sie waren genauso gut wie ich daran beteiligt. Sie hätten es unterbinden können."
Ich glaube nicht, dass ich ihm folgen kann. Er war so in Fahrt und ich war so unerfahren...
„Unterbinden?"
„Allerdings."
Ich starre ihn an und warte darauf, dass er mir erklärt, was genau er damit meint, schließlich war er es, der zuerst auf mich zukam und mich angesprochen hat. Er hat nicht aufgehört, mir irgendetwas anzuhängen, bis dieser Blick, mit dem alles angefangen hat, zu einem riesigen Desaster geführt hat.
Endlich öffnet er den Mund und fährt fort.
„Sie sind kein Kind mehr, Miss Granger", sagt er sanft, doch es trifft mich ungemein hart. „Manchmal lassen sich gewisse Dinge nicht vermeiden. Ich bin ein Mann und Sie sind eine intelligente junge Frau."
„Anscheinend nicht intelligent genug", schnaube ich ihn an, „sonst hätte ich Sie längst durchschaut. Ich weiß nur, Sie sind ein notorischer Lügner, Snape. Jemand, der vermutlich selbst gar nicht mehr weiß, was real ist und was nicht."
Er lächelt schmählich. Habe ich ihn endlich verletzt? Es grenzt nahezu schon an ein Wunder, sich vorzustellen, dass er sich Gedanken darüber machen könnte, wie sehr sich das, was er uns allen vorspielt, auf das Leben in Hogwarts auswirkt.
„Wenn Sie weiter nichts zu sagen haben, sollten Sie in Ihren Schlafsaal zurückkehren", murmelt er verbissen zwischen seinen dünnen Lippen hervor. „Es ist spät und alle Schüler sollten längst in Ihren Betten liegen."
Was? Das ist alles? Es ist so einfach für ihn, wieder zum Alltag überzugehen? Er der Lehrer, ich die Schülerin?
„Nein!", rufe ich laut. „Nein. Das könnten Sie nicht mit mir machen!"
Er grinst mich an und seine gelblichen Zähne rauben mir den letzten Nerv. Wieso wollte ich ihn überhaupt küssen?
„Ich versichere Ihnen, ich kann."
„Dann sind diese 'Dinge', von denen Sie sprachen, also hinfällig? Es ist einfach vorbei?"
Snape streckt die Hand nach mir aus und umfasst damit meine Wange. Auf seinem Gesicht liegt etwas Eigentümliches. Ist es Schmerz? Schuld?
Mir ist diese sanfte Art an ihm nicht geheuer und ich weiche zurück. Wie zufällig fällt mein Blick auf seine andere Hand. In ihr steckt der Zauberstab.
Mir dämmert, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Ich öffne den Mund, die Augen weit aufgerissen, starre ich ihn an.
Es ist zu spät, um etwas dagegen zu tun. Ich höre nur noch, wie er es sagt, das Wort, das alles verändern wird: „Obliviate."
xxx
Mein Kopf dröhnt. Ich öffne die Augen und liege in meinem Bett im Mädchenschlafsaal von Gryffindor. Vorsichtig robbe ich zur Bettkante und schiebe die Vorhänge zurück. Mein Blick fällt auf den Wecker, der offenbart, dass ich nicht lange geschlafen habe. Wann bin ich überhaupt ins Bett gegangen? Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich hier rein gelangt bin. Alles fühlt sich eigenartig an, fast so, als hätte ich gestern zu viel getrunken.
Beim Frühstück ist es nicht viel besser. Harry und Ron ziehen mich damit auf, dass ich es nicht anders verdiene, weil ich meine Nase die halbe Nacht lang in meine Bücher stecke.
Es ist schön, solche Freunde zu haben.
Da taucht Lavender auf und zieht Ron mit sich fort. Vermutlich verdrücken sie sich in eine stille Ecke und knutschen miteinander.
Mir ist ganz flau im Magen. Vorsichtig nippe ich an meinem Tee und erhasche dabei einen Blick auf Snape. Er sitzt auf seinem Platz am Lehrertisch und unterhält sich mit McGonagall.
Worum es dabei wohl geht? Sie schürzt die Lippen, er grinst sie hämisch an. Ich kann mich nicht erinnern, die beiden im Umgang miteinander je freundlich gestimmt erlebt zu haben. Andererseits ist das aber auch kein Wunder. Snape ist und bleibt ein merkwürdiger Kauz.
Auf einmal dreht er den Kopf in meine Richtung und sieht mich mit glühenden schwarzen Augen an. Ob das ein Zufall ist? Die Halle ist voller Menschen und ausgerechnet mich hat er dazu auserkoren, ihm die Langeweile zu vertreiben. Oder ihn davon abzuhalten, sich in ein Gespräch mit seinen Kollegen verwickeln zu müssen.
Sein Ausdruck ist jetzt verhärmt und seine ungepflegten Strähnen hängen ihm unschön zu beiden Seiten des Gesichts herab und machen es mir schwer, ihm Sympathie abzugewinnen. Dennoch kommt es mir so vor, als läge etwas Bedauernswertes in seinem Blick. Hat er mich schon einmal so angesehen?
Es ist schwer zu beschreiben, was in mir vorgeht. Es fühlt sich beinahe schmerzhaft an, ihn dabei zu beobachten, wie er mit seinen stechenden Augen mein Gesicht abtastet, als würde er nach etwas suchen. Aber was? Was könnte er von mir wollen? Warum sieht er mich überhaupt so an? Sein Verhalten kommt mir immer seltsamer vor, je mehr Zeit verstreicht. Aber ich bin nicht bereit, mich so schnell von ihm einschüchtern zu lassen und halte seinem Blick stand. Snape mag zwar älter und erfahrener sein, schließlich weiß er, wie er jemanden observieren muss, ich jedoch habe einen unbändigen Hang dazu, Dingen auf den Grund zu gehen. Ich will wissen, was in ihm vorgeht, während er mich so ansieht.
"Isst du deinen Speck nicht?", fragt Ron plötzlich. Wo kommt der denn auf einmal her? Für gewöhnlich lässt Lavender kaum die Finger von ihm, wenn sie die Gelegenheit hat, sich ihm an den Hals zu werfen.
"Ähm, nein. Du kannst ihn haben."
Mir ist der Appetit ohnehin längst vergangen. Gerade eben hatte ich einen Tagtraum. Vielleicht war es auch eine Art Halluzination. Es ging um Snape und einen winzigen Schnipsel einer Erinnerung oder sonst was, der in meinem Gedächtnis aufgetaucht ist. Es ist jedoch zu wenig, um etwas damit anzufangen. Es fühlte sich an wie eine warme Berührung ... Hat er mich jemals berührt? Ich meine, wenn er nicht gerade ausflippt, ist er ein überwiegend stiller, eigenbrötlerischer Zeitgenosse. Ich bin mir beinahe sicher, er hat mich berührt, versehentlich und zufällig, wenn er im Unterricht in meinen Kessel geguckt hat. Oder auf dem von Schülern überfüllten Flur vor seinem Klassenzimmer, wenn er sich an uns vorbei zur Tür durchgedrängt hat. Aber mehr? Ich traue ihm nicht zu, dass er der Typ Lehrer ist, der jemandem auflauern und ihn sexuell belästigen oder ihm anderweitig freiwillig zu nahe kommen würde. Dafür lebt er viel zu zurückgezogen und einsam in seinen Kerkern. Ein klassischer Einsiedler eben, ein Eremit, der es vorzieht, für sich zu bleiben.
Als ich wieder auf seinen Platz sehe, ist er verschwunden. Einfach so. Beinahe bin ich enttäuscht darüber. Aber nicht lange.
Schon die nächste Unterrichtsstunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste beweist genau das, was alle anderen immer laut aussprechen, ich jedoch aus Höflichkeit und Respekt meinem Lehrer gegenüber für mich behalte. Snape ist übelst gelaunt an diesem Tag. Sein Mund besteht nur aus einer schmalen, von Bitterkeit verzogenen Linie, durch die er uns nacheinander verschiedene Anweisungen entgegen zischt. Als dann bei der Erprobung eines Duells auch noch Neville versehentlich einen Sprengfluch einsetzt, der gegen die Wand prallt und quer durch das ganze Klassenzimmer jagt, explodiert er innerlich. Nach außen hin wird er nicht sonderlich laut, dafür nur umso unberechenbarer. Er gebraucht Worte und Namen für den armen Jungen, dass ich wirklich tiefstes Mitleid mit ihm habe.
"Sir", sage ich mit vorsichtig erhobener Hand. "Vielleicht sollte ich es mit ihm als Partner versuchen."
Normalerweise bin ich nicht wild darauf, Neville in einem Duell gegenüberzustehen, da ich aber die Einzige in der ganzen Klasse bin, die sich halbwegs mit heiklen Flüchen auskennt, wage ich einen Versuch.
Snape geht nicht darauf ein, was zur Folge hat, dass wir alle heilfroh sind, als wir die Stunde unbeschadet überstanden haben.
Ich packe gerade meine Sachen, da erhasche ich einen Blick auf ihn. Er steht an seinem Pult, hat den Kopf über ein Blatt Pergament gesenkt und kritzelt mit der Feder darauf herum.
Langsam leert sich die Klasse und ich ergreife die Gelegenheit und spreche ihn an. Zu viele merkwürdige Dinge in den vergangenen Tagen haben meine Aufmerksamkeit geweckt. Noch dazu, wo es jedes Mal um Snape ging. Es könnte eine interessante und abwechslungsreiche Alternative zu meinem Hauselfen-Projekt werden, ihm auf den Fersen zu bleiben oder seinem Handeln auf die Schliche zu kommen.
"Sir?"
Langsam unterbricht er das Gekritzel, hebt den Kopf und sieht mich auf ziemlich mürrische Weise an. Als er nichts sagt, sondern meine Anwesenheit nur mit einer erhobenen Braue zur Kenntnis nimmt, fahre ich fort.
"Ich weiß, dass es mich vielleicht nichts angeht, aber hätten Sie Neville nicht doch lieber mit mir zusammenarbeiten lassen sollen? Wir alle wissen, dass er hin und wieder etwas unkonzentriert ist."
Das ist natürlich noch weit untertrieben, denn Neville kann eine ziemliche Gefahr darstellen, wenn man ihm einen Zauberstab in die Hand drückt und Snape hinter ihm steht und ihm Anweisungen erteilt.
Er schnaubt leise.
"Ich wüsste tatsächlich nicht, was Sie das angehen sollte, wie ich meinen Unterricht gestalte, Miss Granger", sagt er unendlich leise und für meinen Geschmack viel zu ruhig. "Aber wenn Sie meinen, dass Sie mir Lektionen erteilen müssen, lassen Sie sich nicht aufhalten. Was haben Sie noch für Ideen im Kopf?", zieht er mich auf. "Wollen Sie nicht heute Abend in mein Büro kommen und mit mir darüber reden? Sagen wir, so um acht?"
Sichtlich belämmert starre ich ihn an.
"Dachte ich's mir doch", knurrt er kühl. "Und sehen Sie zu, dass Sie pünktlich sind."
Ich kann nicht glauben, dass er mich nachsitzen lassen möchte. Schon einmal habe ich versucht, Neville zu helfen, als Snape vorhatte, einen Trank an seiner Kröte zu testen und Neville sich vor Angst um Trevor fast in die Hose gemacht hat. Damals hat er mir aus Rachsucht Hauspunkte dafür abgezogen. Bei Snape nachzusitzen ist also nur wieder eine andere Form einer absurden und mehr oder weniger ungerechtfertigten Strafe, die er uns Schülern auftischt, um seinen Frust an uns abzubauen. Trotzdem werde ich sehen, was sich daraus machen lässt. Wie gesagt, es ist kurios, aber er hat meine Aufmerksamkeit erregt.
