Teil 2: Ein Wunsch

Ein Magiegefälle in den Schutzzaubern des Herrenhauses ließ Minerva von ihrer Lektüre aufblicken. Jemand hatte soeben ihren Grund und Boden betreten. Argwöhnisch legte sie das Buch zur Seite, griff nach ihrem Zauberstab und erhob sich aus ihrem Sessel. Wer um alles in der Welt mochte dort draußen herumstreunen?
Unten im Foyer angekommen, öffnete sie vorsichtig einen Türflügel und spähte auf den schneebedeckten Schotterweg. Ihre Augen weiteten sich vor Unglauben, als sie zusah, wie Hermine auf sie zumarschiert kam und ihr ein strahlendes Lächeln zuwarf.

„Guten Abend, Professor", sagte diese, als sie die steinernen Stufen zu Minerva hinaufstieg und vor ihr anhielt. Ihr für gewöhnlich eigenwilliges Haar war zu einem eleganten Knoten aufgesteckt.

„Miss Granger", erwiderte sie verdattert, als sie sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, „was tun Sie denn hier?"

Der goldene Schein, der aus der Eingangshalle drang, erhellte die weichen Züge der jüngeren Frau. Sie lächelte, die braunen Augen auf Minervas Gesicht gerichtet, ihre Wangen waren gerötet von der klirrenden Kälte.

„Nun, ich habe Lamm, einen 1992er Chateau Nenin und einige ungeklärte Fragen zu Aldridges Theorie der endothermischen Energieerhaltung."


Minerva wusste nicht recht, weshalb sie die jüngere Hexe hereinbat und ihr den Umhang abnahm. Sie stellte keine Fragen über den Grund ihres Besuchs oder die Tatsache, dass sie offenbar die Einladung der Weasleys ausgeschlagen hatte, sondern führte sie stumm in das Innere des Herrenhauses. Letztendlich, so dachte sie, zählte nur, dass Hermine nun hier war, bei ihr, und dieser Umstand freute sie mehr, als sie erwartet hätte.

Kurze Zeit später beförderte Hermine ein wahrliches Festessen aus ihrer magisch vergrößerten Tasche zutage. Beeindruckt beobachtete Minerva, wie sich der Tisch im Speisezimmer allmählich füllte. Es gab Lammkoteletts in Minzsauce mit Zitronenkartoffeln, das Dessert bestand aus Plumpudding und Trifle. Als sie sich schließlich gegenübersaßen, war die Schottin froh, dass sie nicht ihre üblichen grünen Roben trug, sondern ein bordeauxrotes Gewand, das zumindest ein wenig festlich aussah. Hermine trug ein schwarzes, bodenlanges Kleid, das ihr ausgesprochen gut stand.

„Nun, Miss Granger", setzte Minerva, als sie ihre Weinkelche mit der blutroten Flüssigkeit erhoben, „worauf möchten Sie anstoßen?"

„Bitte, nennen Sie mich Hermine", erwiderte die jüngere Hexe mit einem scheuen Lächeln und streckte die Hand mit ihrem Weinglas aus. „Auf einen Abend voller Magie."

Minerva spürte, wie sich ein Lächeln über ihr Gesicht breitete, doch sie ließ es geschehen und brachte ihre Kelche zum Klingen.
„So sei es."


Von diesem Moment an entfaltete sich eine Unterhaltung, die in ihrer Farbenfreude und Gewandtheit ihresgleichen suchte. Bald waren sie derart in die Grundlagen der biotischen Verwandlung vertieft, dass sie darüber ihre Speisen kalt werden ließen. Verlegen wedelten sie mit den Händen und wandten sich ihren erneut dampfenden Tellern zu. Nach dem Essen führte Minerva ihren Gast in den Salon, wo sie sich mit einem weiteren Glas Wein auf der bequemen Couch vor dem Kamin niederließen. Links reihten sich einige Schränke mit antik anmutenden Büchern und Schriftstücken aneinander, auf der rechten Seite nahm ein glänzender, schwarzer Flügel einiges an Platz ein. Hermines Blick fiel auf ein reich verziertes Schachbrett auf einem Beistelltisch.

„Kann ich Sie für eine Partie begeistern, Hermine?"

Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass die grünen Augen der Schottin auf ihr ruhten.

„Liebend gern, Professor."

„Minerva, bitte." Ein kleines Lächeln spielte um die Lippen der Hexe und Hermine stellte fest, dass sie den Anblick zunehmend genoss.

„Minerva", wiederholte sie, während sie sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zauberschachspiels niederließ und grinste sie spitzbübisch an. „Nun gut, worum spielen wir?"

Die ältere Frau sah sie über ihre rechteckigen Brillengläser hinweg an und schien für einen Moment zu überlegen. Mit ihrer Antwort jedoch hätte Hermine nicht gerechnet.

„Die Gewinnerin darf sich zur Feier des heutigen Tages etwas wünschen."

„Einverstanden", entgegnete sie und hielt den unergründlichen Blick der dunkelhaarigen Hexe, wobei ihr Herz plötzlich schneller schlug.

Das Spiel erwies sich als ebenso ausgewogen, wie ihr Gespräch; es dauerte eine ganze Weile, ehe Hermine, die sich in voreiliger Selbstsicherheit bereits als Siegerin wähnte, einen Fehler machte, sodass Minerva sie in drei glorreichen Zügen schachmatt setzen konnte. Geschlagen ließ sie sich in ihren Sessel zurücksinken und stieß einen hörbaren Seufzer aus. Auf der anderen Seite schlug die Schottin ihre langen Beine übereinander und ließ ein helles Lachen vernehmen. Es gefiel ihr sehr, die ältere Hexe in einer derart gelösten Verfassung zu sehen.

„Ich habe verloren", stellte sie überflüssigerweise fest und richtete sich wieder auf. „Der Wunsch gehört also Ihnen, Minerva."

Ein kurzes Schweigen trat ein, in dem sich die beiden Hexen wachsam musterten. Dann erhob sich Minerva und nickte zu dem Pianoforte hinüber.

„Spielen Sie, Hermine?"

„Ein wenig", erwiderte sie überrascht und betrachtete das schöne Stück.

Sie zuckte leicht zusammen, als die ältere Hexe plötzlich auf sie zutrat und ihr galant eine Hand entgegenhielt. Nervös ließ sie sich aus ihrem Sessel und bis zu der großzügigen Sitzbank geleiten. Während sie niederließ, schlug Minerva das zerlesene Heft auf, das an dem Notenpult lehnte.

„Ich möchte gern, dass Sie ein Stück mit mir zusammen spielen", erklärte sie mit sanfter Stimme und wies auf die aufgeschlagene Seite. Es stammte von einem schottischen Komponisten.

Hermine fühlte sich auf einmal seltsam unbeholfen, als sie zur Seite rückte, um der anderen Frau Platz zu machen. Diese legte ihre schlanken Finger auf die Tasten und spielte ihr die Grundmelodie einmal vor. Hermine hatte in ihrer Kindheit viele Jahre lang Klavierunterricht bekommen und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass ihr das Stück keine größeren Schwierigkeiten bereiten würde. Nachdem sie sich ein wenig eingelesen hatte, war sie bereit für einen ersten Versuch.

Nach anfänglichem Zögern begannen die beiden Stimmen, sich aneinander zu gewöhnen. Zweimal mussten sie von vorn beginnen, jedoch erwies sich Minerva auch in dieser Disziplin als ebenso geduldige, wie passionierte Lehrerin und so fiel es ihr zunehmend leichter, auch kompliziertere Passagen zu meistern. Der nächste Anlauf klappte so gut, dass sich Hermine zwischenzeitlich erlaubte, Minervas Finger zu betrachten, die neben ihren eigenen über die Tasten schwebten. Ihre Bewegungen zeugten von schlichter Eleganz, waren aber dennoch präzise und bisweilen kraftvoll, genauso, wie sie es waren, wenn sie einen Zauber wirkten. Gemeinsam mit den ihren webten sie eine ruhige, träumerische Melodie, die sich teilte und in zwei ineinander verflochtenen Gegenstücken fortbaute. Ein seltsames Gefühl von Frieden überkam Hermine, als sie bemerkte, wie sich Minerva kaum merklich im Takt der Musik wiegte, während der Klang allmählich ein Crescendo erfuhr und in der nächsten Zeile wieder verblasste.

Nachdem die letzten Noten verklungen waren, rührte sich Keine von beiden, aus Angst, den Zauber, der der Musik innewohnte, zu brechen. Hermines Finger lagen noch immer auf der Tastatur, ihre Augen waren geschlossen, als sie plötzlich eine warme Hand auf ihrer rechten spürte. Ihre Lider schnappten auf und ihr Blick schoss zu Minerva, deren grüne Augen im Kerzenschein funkelten.


„Das war wundervoll, ich danke Ihnen", sagte die Schottin leise und zog ihre Hand zurück, doch ehe sie reagieren konnte, hatte die jüngere Frau ihre Finger ergriffen. Ein seltsames Flimmern erfasste ihre Magengegend und ließ ihren Puls steigen, während sie sich ansahen. Einige Augenblicke verstrichen, bis eine von ihnen das Schweigen brach.

„Das war es", flüsterte Hermine, ihre Gesichtszüge spiegelten Minervas Wohlbehagen wider, während ihre Hände noch immer miteinander verbunden waren. „Einfach magisch."

Die ältere Hexe nickte lächelnd. „Musik hat ihren ganz eigenen Zauber, doch ihre wahre Gestalt erschließt sich nur dem, der ihr sein Herz öffnet."

„In der Tat." Hermine neigte den Kopf und betrachtete Minervas Hand in der ihren. Einer inneren Eingebung folgend, hob diese ihre freie Hand und brachte die junge Frau dazu, sie anzusehen.

„Verraten Sie mir, was Sie sich gewünscht hätten?"

Verschiedenste Emotionen huschten über die Miene ihres Gegenübers, ehe dieses zu Minervas Vergnügen errötete.

„Vielleicht", erwiderte Hermine lächelnd und blickte auf, ihre braunen Augen glitzerten rätselhaft, „wenn Sie mich bei einer Revanche erneut schlagen."

Und mit diesen Worten führte sie Minervas Hand an ihre Lippen und hauchte einen winzigen Kuss auf die warme Haut.

„Fröhliche Weihnachten, Minerva."

Sprachlos beobachtete die Schottin, wie sich die junge Hexe erhob und wieder hinüber zu ihrem Zauberschachspiel schlenderte. Während sich ihr Herzschlag allmählich wieder normalisierte, richtete sie sich ebenfalls auf und folgte ihr. Vergessen waren der Kummer und die Einsamkeit, was blieb, war die stille Freude darüber, die andere Hexe heute Abend bei sich zu haben.
Sie wurde bereits mit einem liebenswürdigen Lächeln erwartet, von dem sie sich nur zu gern anstecken ließ.

„Fröhliche Weihnachten, Hermine", flüsterte Minerva, zum ersten Mal in diesem Jahr.

Und während der Schnee draußen immer dichter fiel, wurde es den beiden Hexen zunehmend warm ums Herz.

~ Fin ~


A/N:
Ich hoffe, dieser kleine Schnipsel hat Euch gefallen.

Fröhliche Weihnachten! :-)