Kapitel 10 - Das Wiedersehen
„Aber vorher müssen wir hier alles wieder in Ordnung bringen. Sonst fallen die Dursleys in Ohnmacht, wenn sie wieder hier einziehen" mahnte Harry.
Hermine schaute ihn kurz an, ob er das auch ernst meinte, nach all seinen Erfahrungen mit den Dursleys. Aber es war Harrys voller Ernst. Nach ein paar Zaubersprüchen sah die Wohnung wieder so aus, als wäre sie über die ganzen letzten Monate nicht genutzt worden. Sogar an eine kleine Staubschicht hatte Hermine gedacht.
In der Zwischenzeit in Hogwarts:
„Sie ist weg" japste Madame Pomfrey, als sich Hermine vor ihren Augen auflöste.
„Ja" bestätigte Prof. McGonagall. „So wie es scheint, hat der Zauber funktioniert. Wir können nichts weiter machen, als zu warten. Und das können wir auch in der großen Halle bei den Anderen. Zumal wir ihnen eh noch das ein oder andere zu erzählen haben."
Madame Pomfrey und Prof. McGonagall wurden bestürmt, kaum dass sie die große Halle betreten hatten.
„Der Zauber hat funktioniert. Hermine ist disappariert" versuchte Prof. McGonagall sich Gehör zu verschaffen.
„Dann wird sie also bald mit Harry hier auftauchen?" fragte Mrs. Granger voller Erwartung.
„Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Wir wissen ja nicht, wo Hermine herausgekommen ist und wir wissen auch nicht, was mit Harry ist. Vielleicht muss sie ihn auch erst überreden, mit nach Hogwarts zu kommen. Wir sollten uns folglich erst einmal mit etwas Geduld wappnen".
Die Nacht war hereingebrochen und von Hermine und Harry war noch immer nichts zu sehen. So langsam machte sich die Sorge breit. Man hatte zwar nicht damit gerechnet, dass sie sofort wieder erscheinen würden, aber inzwischen waren schon viele Stunden vergangen.
„Keine Sorge" beruhigte Mr. Granger seine Frau. „Du kennst unsere Hermine. Sie kann gut auf sich aufpassen. Und wenn sie tatsächlich bei Harry herausgekommen ist… Nun, ich denke er würde alles tun, damit ihr nichts passiert."
„Du hast ja recht" stimmte seine Frau ihm zu, wenn ihre Stimme auch nicht sonderlich überzeugt klang.
„Ich habe ein paar Zimmer zurechtmachen lassen" meldete sich Prof. McGonagall zu Wort „da ich davon ausgehe, dass niemand nach Hause gehen möchte. Hier zu sitzen hilft uns auch nicht weiter. Da können wir auch schlafen gehen und Morgen sehen wir dann weiter."
Die Tatsache, dass es keinen großen Widerspruch gab, zeigte, wie nötig alle die Ruhepause hatten. Das Warten und die Ungewissheit hatten ihren Tribut gefordert.
Am nächsten Tag kurz vor Mittag trafen sich alle wieder zum Essen in der großen Halle. Wider Erwarten hatten alle einen sehr guten, langen und erholsamen Schlaf gehabt. Mrs. Weasley hatte schon Prof. McGonagall im Verdacht, das Abendessen präpariert zu haben. Das zufriedene Gesicht von Madame Pomfrey lies sie jedoch ihre Meinung ändern.
„Nachdem unsere beiden auch in der Nacht nicht aufgetaucht sind" begann Prof. McGonagall „sollten wir ..."
Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment öffneten sich die Türen zur großen Halle. Alle Augen ruckten herum als Hermine und Harry Hand in Hand hereinspaziert kamen.
„Hermine!" „Harry!" erklang es vom Tisch und es war nicht möglich zu sagen, wer alles ihre Namen geschrieen hatte. Es folgte ein wildes Stühle rücken am Tisch, als alle von ihren Plätzen aufsprangen und auf die beiden zuliefen.
„Da seid ihr ja endlich" kam es von Mrs. Granger, als sie ihre Tochter an sich drückte.
Mr. Granger kam auf Harry zu und noch eher er sich versah hatte ihn Mr. Granger auch schon an sich gedrückt. „Du hast uns ganz schön Kummer gemacht." wandte er sich an Harry.
„Und wenn Du Hermine so etwas noch ein Mal antust, drehe ich Dir eigenhändig den Hals um!" flüsterte er nur für Harry hörbar in dessen Ohr.
Es dauerte fast einen halbe Stunde, bis sich alle wieder etwas beruhigt hatten.
„Bekommen wir auch etwas zu Essen" fragte Hermine mit einem hungrigen Blick zum reich gedeckten Tisch.
„Eigentlich sollten wir Euch hungern lassen für den ganzen Kummer, den ihr uns bereitet habt" beantwortete Ginny ihre Frage. Das Grinsen in ihrem Gesicht passte dabei gar nicht zum ernsten Ton ihrer Stimme.
„Das hätte glatt von uns kommen können" antworteten Fred und George wie mit einer Stimme.
Harry, dem jetzt erst auffiel, dass beide Zwillinge ihn anblickten, fiel die Kinnlade runter. „Fred stammelte er „ich dachte ..." Doch Harry beendete den Satz nicht sondern umarmte Fred.
„Hey hey, immer langsam" schob ihn Fred von sich.
„Du hast Glück, dass Angelina das jetzt nicht gesehen hat. Die hätte dir dafür mit einem Qudditch-Schläger einen übergezogen" spottete George. „Sie ist fast schlimmer als unsere Mutter, jetzt, da sie ihren Fred wieder hat."
Harrys Reaktion ging in einem kollektiven Lachen unter.
„Jetzt setzen sie sich erst mal zu uns an den Tisch und erzählen sie uns, was alles passiert ist" drang Prof. McGonagalls Stimme durch das Gelächter.
Noch immer mit einigen Lachanfällen zu kämpfen ging die Gruppe zurück zum Tisch. Harry und Hermine folgten ihnen Hand in Hand.
Während sich Hermine zu ihren Eltern an den Tisch setzte, blieb Harry stehen und griff lediglich nach einem belegten Brötchen.
„Was ist los Harry?" fragte Mrs. Granger mit überraschtem Gesicht. „Warum setzt Du Dich nicht zu uns?"
„Weil ich noch etwas Wichtiges erledigen muss" antwortete Harry ihr.
Alle Anwesenden schauten ihr sprachlos an.
„Sie wollen doch nicht schon wieder verschwinden?" fragte Prof. McGonagall mit einem besorgten Unterton und sprach damit aus, was alle dachten.
„Nein" beschwichtigte Harry „aber ich muss dringend mit Prof. Dumbledore reden. Wir haben da noch so einiges zu klären. Und in der Zwischenzeit kann Hermine Euch erzählen, was sich die letzten Tage alles so ereignet hat."
Mit einem Kuss, der manchen der Anwesenden die Röte ins Gesicht trieb, verabschiede er sich von Hermine.
„Bis später" wandte er sich an die Anderen und ging zum Ausgang der großen Halle.
„Dann mal los Hermine" begann George.
„Und lass bloß kein Detail aus" ergänzte Fred mit einem teuflischen Grinsen.
Dafür fing er sich von seiner Mutter einen Klaps auf den Hinterkopf ein.
„Als ich den Zauber ausführte, packte mich ein Sog und zog mich von Hogwarts weg ..." begann Hermine mit der Schilderung der letzten Stunden. Sie wusste genau, was sie erzählen würde und was sie bestimmt nicht erzählen würde.
Harry eilte inzwischen durch die verlassenen Korridore von Hogwarts und erreichte etwas außer Atem das Büro seines ehemaligen Schulleiters. Leise öffnete Harry die Türe und betrat den Raum. Ein Sonnenstrahl fiel durchs Fenster und beleuchtete den Platz an dem Fawkes saß. Der Phönix begann dadurch nur noch irrealer zu leuchten.
„Fawkes" sagte Harry und ging auf den Phönix zu. Dieser sah zu Harry und lehnte seinen Kopf sachte gegen den Kopf von Harry.
„Ah, ich sehe, es herrscht nach wie vor eine gewisse Verbundenheit" erklang Prof. Dumbledores Stimme hinter Harry.
Harry drehte sich um und blickte in das Portrait von Albus Dumbledore.
„Hallo Professor" sagte Harry mit tonloser Stimme.
„Harry" begann Prof. Dumbledore „bevor Du anfängst mir Vorwürfe zu machen, wozu Du bei Gott das Recht hättest, wollte ich Dir nur sagen, dass es mir leid tut. Ich habe Dir vor langer Zeit mal gesagt, dass ich mich mit großen Dingen beschäftige und folglich sind auch meine Fehler eher großer Natur. Und nicht mit Dir zu reden und Dir so manche Information vorzuenthalten war solch ein großer Fehler. Das sehe ich jetzt ein. Ich hätte viel eher und vor allem viel mehr mit Dir reden müssen. Das ist mir jetzt klar."
Harry stand für einen Moment sprachlos vor dem Portrait. Eigentlich hatte er vor Prof. Dumbledore erst mal anzuschreien für all das, was vorgefallen war, aber nach dieser Eröffnung kam ihm das nicht mehr wichtig vor.
„Professor" begann Harry „ich habe den Ring, das dritte Heiligtum des Todes nicht mehr und ich weiß nicht mehr, wo im Wald ich ihn verloren habe. Und ich habe keine Ahnung, wie ich wieder finden kann" erzählte Harry Prof. Dumbledore seine Sorge.
„Mach Dir deswegen keine Gedanken" beruhigte ihn Prof. Dumbledore. „Der Ring ist ohne magische Kraft" eröffnete er dem überraschten Harry. Und bevor dieser nachfragen konnte, fuhr Prof. Dumbledore mit seinen Erläuterungen fort.
„Der Ring wurde als Horkrux missbraucht und damit schon schwer geschädigt. Ein Ring, der die Toten zurückbringen soll, dabei aber selber den Tod bringt. Dieser Widerspruch ist etwas, was kein magischer Gegenstand lange übersteht."
„Dann ist er also ungefährlich?" fragte Harry mit nach wie vor sorgenvoller Stimme.
„Ja Harry" bestätigte Prof. Dumbledore. „Wer auch immer den Ring finden mag, wird ihn mit Sicherheit gleich wieder wegwerfen. Was will man schon mit einem alten Ring, dessen Schmuckstein auch noch vollkommen zerstört ist".
„Dann ist es gut so" seufzte Harry erleichtert.
„Aber was mache ich mit dem Elderstab?" stellte Harry schon die nächste Frage. „Ich will so etwas nicht. Ich will meinen eigenen Zauberstab" und legte seinen gebrochenen Zauberstab auf den Schreibtisch. Die beiden Enden des Zauberstabes wurden nur noch durch wenige Fasern zusammengehalten.
„Wozu hast Du denn den Elderstab?" grinste ihn Prof. Dumbledore aus dem Portrait heraus an.
Langsam dämmerte es Harry, was Prof. Dumbledore ihn damit sagen wollte.
„Sie meinen ..." begann Harry und Prof. Dumbledore nickte ihn aufmunternd zu.
Aufgeregt zückte Harry den Zauberstab und richtete ihn auf seinen alten, gebrochenen Zauberstab. Ein gleißend helles goldenes Licht kam aus beiden Zauberstäben und erfüllte bald den ganzen Schreibtisch. Es folgte ein leises Knacken und das Licht erlosch. Harry blickte auf den Schreibtisch und sah seinen alten Zauberstab. Er sah aus wie neu, beinahe noch schöner als er ihn damals bei Ollivander gekauft hatte und eine freudige Zufriedenheit durchströmte ihn.
„Probier ihn aus" ermutigte ihn Prof. Dumbledore und Harry ergriff seinen alten, neuen Zauberstab. Wie vor rund sieben Jahren stoben auch diesmal rote und goldene Funken aus dem Zauberstab und Harry wusste, dass sein Zauberstab wieder mit ihm vereint war.
Als er ihn in seinen Umhang steckte, fiel sein Blick wieder auf den Elderstab, den er in Erwartung des eigenen Zauberstabes achtlos auf den Tisch gelegt hatte. Der Elderstab hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem Zauberstab. Viel mehr ähnelte er einem alten vertrockneten Zweig, der schon einige Zeit hinter sich hatte.
„Was ist da passiert" fragte Harry mit ungläubigem Erstaunen in Richtung Prof. Dumbledore.
„Ich kann auch nur vermuten" entgegnete Prof. Dumbledore. „Der Elderstab ist ein sehr starkes magisches Artefakt, ein Heiligtum des Todes. Der Elderstab hat oft seinen Besitzer gewechselt und seine Besitzer waren meistens schwarze Magier. Wenn ich den Weg des Elderstabes durch die Geschichte richtig verfolgt habe, war Grindelwald der letzte schwarze Magier, den der Elderstab diente. Ich selber habe ihn nie benutzt und Mr. Malfoy hatte nicht die notwendige Macht, die man braucht, um den Elderstab wirklich zu beherrschen. Als du dann in den Besitz des Elderstabes gekommen bist, hattest Du schon Anteile der Gründer von Hogwarts in Dir. Es war wohl das erste Mal, dass der Elderstab sich im Besitz eines wirklich mächtigen weißen Zauberers befand. Und dieses Erlebnis muss eine Wirkung auf den Elderstab gehabt haben. Mir scheint, als erkannte der Elderstab, was er über all die Jahrhunderte hinweg angerichtet hatte. Dass er sich selber geopfert hat um Deinen Zauberstab wieder „Leben" zu geben erscheint mir wie ein Dank an seinen wirklich letzten Besitzer."
„Dann ist der Elderstab vernichtet?" fragte Harry nach.
„Ja" bestätigte ihm Prof. Dumbledore. „Ich würde Dich nur noch bitten, die Überreste des Elderstabes zu Fawkes zu legen. Wenn Fawkes das nächste Mal brennt, um neu geboren zu werden, werden auch die letzten Reste des Elderstabes im Phönixfeuer vergehen.
Und was ist mit dem Tarnumhang? Dem letzten verbliebenen Heiligtum des Todes?" fragte Prof. Dumbledore.
„Nein, den gebe ich nicht her!" antwortete Harry sofort. „Heiligtum oder nicht, dieser Tarnumhang ist von meinem Vater ..." brauste Harry auf, nur um mitten im Satz aufzuhören, als er Prof. Dumbledores lachendes Gesicht sah.
„Das dachte ich mir" antwortete Prof. Dumbledore mit einem verschmitzten Lächeln und Harry erkannte, dass ihn sein ehemaliger Schulleiter nur noch ein Mal aufziehen wollte.
„Harry, die anderen wollen dich endlich wieder bei Tisch sehen" kam Hermines Stimme von der Türe.
„Ah Miss Granger" reagierte Prof. Dumbledore auf ihr Erscheinen in seinem Büro.
Hermine lief zu Harry und er nahm sie zärtlich in seine Arme.
„Ich sehe" murmelte Prof. Dumbledore „lange genug haben sie beide ja gebraucht!"
Harry und Hermine grinsten sich an.
„Aber sie hat recht" wandte sich Prof. Dumbledore an Harry. „Das Wichtigste ist besprochen und alles andere hat noch Zeit."
„Dann bis später" verabschiedeten sich Harry und Hermine von Prof. Dumbledore und liefen Hand in Hand aus dem Büro.
„Was hast Du den anderen inzwischen alles erzählt?" fragte Harry Hermine.
„Ich bin bis zu dem Punkt gekommen, als Du Tante Magdas Zimmer umdekoriert hast. Danach konnte ich erst mal nicht weitererzählen, da die Erinnerungen an das Aufblasen Deiner Tante damals bei allen einen Ausbruch von Heiterkeit hervorgerufen hatten. Ich wollte gerade weitererzählen wie Du ... „ flüsterte Hermine Harry ins Ohr und dieser lief scharlachrot an. Hermine lachte lauthals los, als sie Harrys Gesicht sah.
„Was habe ich mir da nur angetan" dachte Harry bei sich selbst. Aber er wusste, dass er Hermine nie wieder loslassen würde.
