Kapitel 18 – Lord und Lady Gryffindor

Egal wo Harry sich im Schloss bewegte, überall folgte ihm ein Flüstern aus den Gemälden. Alle Rüstungen an denen Harry vorbei lief, nahmen automatisch Haltung an. Während Harry das Gesicht mehr und mehr verzog, kämpften Hermine und seine Freunde mehr und mehr damit, nicht lauthals loszulachen. Es dauerte nicht lange bis eine Eule mit einem Brief von Gringotts erschien.

„Was steht denn in dem Brief?" fragte Ron neugierig nach.

„Die Kobolde erwarten Lord und Lady Gryffindor zu einem Gespräch" antwortete Harry tonlos.

„Warum bin ich eigentlich deine Lady? Hogwarts hat etwas von einer Lady gesagt, die Hauselfen haben mich so bezeichnet und auch die Kobolde sprechen so von mir" stellte Hermine die Frage, die ihr schon seit einigen Minuten nicht mehr aus dem Kopf ging. „Wir sind doch noch gar nicht verheiratet."

„Das erkläre ich dir nachher" sprach Harry leise, aber nicht leise genug.

„Du meinst wohl, dass erklärst du uns nachher?" bohrte Ginny nach.

„Ja, euch allen" seufzte Harry.

„Wie wäre es, wenn ihr alle hier bleibt und ich euren Eltern Bescheid gebe?" schlug Prof. McGonagall vor. „Dann könnt ihr in Ruhe über alles reden und später weiter in den Büchern suchen."

Eine Stunde später waren alle wieder in der Großen Halle und ließen sich die Leckerein der Hauselfen aus der Küche schmecken. Und es schien, als wäre das auch sonst hervorragende Essen an diesem Tag noch besser, sofern dies überhaupt möglich war. Harry erzählte von dem Flüstern, wie Hermine und er dem Flüstern nachgegangen waren bis sie vor dem Portrait von Godric Gryffindor standen. Harry erzählte von Avalon und von Merlin und erntete große Augen und offene Münder.

„Me-Merlin" stammelte Ron.

„Avalon" flüsterte Prof. Flittwick ehrfurchtsvoll.

„Es gibt aber auch ein ernstes Thema" fuhr Harry fort und sein Gesicht spiegelte etwas Sorge wider. „Am Ende warnte mich Merlin, das Voldemort versucht zurückzukommen."

Harry war am Tisch der Einzige, der sich nicht an einem Bissen oder Getränk verschluckte.

„Vo-Vo-Voldemort?" fragte Ron ungläubig.

„Ja, es scheint, dass er versucht aus dem Reich der Toten über eines dieser grauen Tore in unsere Welt zurückzugelangen. Und er kommt laut Merlin nicht allein."

„Wie viel Zeit haben wir?" fragte Prof. McGonagall in besorgtem Ton.

„Merlin hat dazu nichts gesagt, aber es sah jetzt nicht aus als wäre es akut. Dennoch sollten wir uns ab morgen diesem Problem stellen. Für diesen Tag habe ich ehrlich gesagt erst mal genug."

Als die Nacht hereinbrach machten sich die Erwachsenen auf den Weg nach Hause. Lediglich Harry, Hermine, Ron, Neville, Ginny und Luna schlugen den Weg zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors ein.

„Du bist aber kein Gryffindor" wurde Luna von der alten Dame begrüßt.

„Ach bitte, würdest Du sie auch ohne unsere Begleitung rein und raus gehen lassen?" bat Hermine.

„Wie My Lady wünschen" antwortete die alte Dame und Hermine lief leicht rosa an. Dadurch entging ihr ein nahezu teuflisches Grinsen von Harry.

Im Gemeinschaftsraum setzten sich alle vor das Feuer und blätterten noch etwas in den Büchern und sprachen über Voldemort. Auf Grund des guten und vielen Essens war das Interesse aber eher auf Entspannen gerichtet und so dauerte es nicht lange, bis drei Pärchen sich vor dem Kamin kuschelten.

„Ich bin müde" murmelte Hermine nach kurzer Zeit.

„Ja, lasst uns ins Bett gehen" stimmte auch Ron zu und so gingen alle in den jeweiligen Schlafsaal. Harry, Ron und Neville stiegen die Treppe in den Jungenschlafsaal hinauf während Hermine, Ginny und Luna zum Mädchenschlafsaal gingen.

„Das ist doch doof" sprach Luna an, was Ginny dachte. „Jetzt sind wir hier und unsere Kerle sind nebenan. Wollen wir uns nicht rüberschleichen?"

„Gute Idee, sehr gute Idee" pflichtete ihr Ginny bei. „Kommst Du mit Hermine?"

Doch Hermine antwortete nicht.

„Die schläft tatsächlich schon" flüsterte Luna leise, nachdem sie sich über Hermine gebeugt hatte.

„Selber Schuld" grinste Ginny und verschwand mit Luna aus dem Mädchenschlafsaal.

Harry hörte wie sich die Türe öffnete und sein Herz hüpfte. Doch es kamen lediglich zwei Schatten in den Schlafsaal, welche sich zielstrebig auf Rons und Nevilles Bett zubewegten.

„Schade, Hermine scheint dann wohl schon zu schlafen" dachte Harry traurig bei sich.

Kurze Zeit später vernahm Harry eindeutige Geräusche aus den beiden anderen Betten.

„Zumindest einen Stillezauber hätten die benutzen können. So viel Zeit hätten die ja wohl noch gehabt" dachte er bei sich. An Schlafen war jetzt nicht mehr zu denken. Da kam Harry eine Idee. Er stand auf und verließ leise den Schlafsaal und schlich in den Gemeinschaftsraum. Dort schaute er auf die Treppe zum Mädchenschlafsaal. Er wusste, dass diese sich in eine Rutsche verwandelt, sobald ein Junge diese betritt. Harry setzten einen Fuß auf die Treppe und murmelte leise vor sich hin „wenn Du mich als Lord Gryffindor herunterrutschen lässt, dann tausche ich dich gleich morgen früh gegen eine Muggelrolltreppe aus!" Und die Drohung zeigte Wirkung. Harry kam ohne Probleme in den Schlafsaal der Mädchen. Hermine zu finden war kein Problem, das es das einzige belegte Bett war. Langsam näherte er sich dem Bett und betrachtete seine Hermine, deren Gesicht leicht vom Mond angestrahlt wurde. „Wie friedlich sich daliegt" dachte Harry bei sich und fügte ein schelmisches „noch" hinzu. Langsam und vorsichtig kletterte Harry in Hermines Bett und kuschelt sich an sie. Hermine reagierte mit einem zufriedenen Schnurren auf die Berührung ihrer beiden Körper. Langsam beugte sich Harry vor und küsste Hermine zärtlich am Hals, bevor er anfing an ihrem Ohrläppchen zu knabbern. Hermine seufzte leise auf und drehte sich herum. Als sie ihre Augen aufschlug blickte sich in Harrys Augen und strahlte über das ganze Gesicht.

„Wie kommst Du hier rein" fragte sie noch etwas verschlafen.

„Bin ich nun der Lord oder bin ich es nicht?" grinste Harry bis über beide Ohren.

Harry drehte Hermine etwas und begann wieder ihren Hals zu küssen. Vorsichtig zog er an ihrem T-Shirt, welches sie zum Schlafen ausgewählt hatte und setzte mit seinen Lippen den Weg zu ihrem Nacken fort. Harry erinnerte sich an die letzten Worte von Merlin und baute das Seelenband zu Hermine auf. Ein nicht mehr ganz so leises Aufstöhnen war die Folge bevor Hermine herumwirbelte und sich bereitbeinig auf Harry setzte.

„Was war das denn" fragte Hermine und ein Schauer lief noch immer ihren Rücken hinunter.

„Ich habe das Seelenband aktiviert und Du hast es vermutlich unbewusst akzeptiert" erklärte Harry, der auch noch ganz mitgenommen war vom Schwall der Gefühle. „Die Folge war, dass wir nicht nur unsere eigenen Gefühle spürten, sondern auch noch die Gefühle des jeweiligen anderen. Ich kann nur sagen, dass es ein unglaubliches Gefühl war."

„Das kannst Du laut sagen" bestätigte Hermine.

„Wollen wir das Seelenband noch etwas ausprobieren?" fragte Harry vorsichtig nach. Seine Augen sprachen jedoch nichts von Vorsicht.

„Worauf Du Dich verlassen kannst" knurrte Hermine bevor beide begannen, den Rest der Nacht mit einer wilden Knutscherei einzuläuten.

Am nächsten Morgen kamen drei ziemlich verschlafene aber zufrieden grinsende Pärchen in die große Halle zum Frühstück.

„Na, so richtig ausgeschlafen sehen sie mir ja nicht aus" begrüßte sie Prof. MacGonegall.

„Doch, doch" murmelte es Prof. MacGonegall entgegen, welche daraufhin nur ihre Augenbraue hochzog.

„Wie sehen die Pläne für heute aus?" fragte Prof. MacGonegall in die Runde.

„Wir werden uns weiter die Bücher anschauen" erklärte Ginny für Luna, Neville, Ron und sich selbst. „Wir scheinen gestern auf etwas gestoßen zu sein."

„Und wir gehen zu Gringotts" eröffnete Hermine ihrer Lehrerin. „Die wollten uns sowieso noch mal wegen des Seelenbandes sprechen und nun haben wir dazu noch die Einladung als Lord und Lady Gryffindor."

Nach dem Frühstück machten sich Hermine und Harry auf zur Zaubererbank. Kaum dass sie die Bank betreten hatten als auch schon mehrere Kobolde auf sie zustürmten und sich mit einem „es ist uns eine Ehre Lord und Lady Gryffindor" freundlich vor ihnen verbeugten. Harry schaute Hermine kurz an bevor er ein verlegenes „Danke" herausstotterte. Kurz drauf kam auch schon Giphook an und verbeugte sich ebenfalls.

„Bitte Griphook, keine Förmlichkeiten" bat Harry. „Ich bin immer noch Harry."

„Und ich bin immer noch Hermine" ergänzte diese.

„Wie wie wie ihr wünscht" erwiderte Griphook etwas unsicher und die anderen Kobolde schauten ob der Zwanglosigkeit fast entsetzt drein.

Nachdem sich die drei in das Büro von Griphook begeben hatten, strahlte dieser sie an. „Ich wusste schon das letzte Mal, dass dies nicht die letzte Überraschung werden würde mit ihnen beiden. Ich habe inzwischen mit ein paar Kobolden über das Ergebnis des Seelensteines gesprochen und dieses grelle weiße Leuchten deutet auf eine Verbundenheit hin, die über das normale Maß eines Seelenbandes weit hinausgeht."

„Das stimmt" eröffnete Harry dem Kobold und erzählte diesem Teile seines Gesprächs mit Merlin, bei dem das Gesicht des Kobolds immer länger wurde.

„Dimensionstore?" fragte Griphook aufgeregt nach. „Meinen - meinen sie damit die Tore der Ahnen?"

Nun war es an Harry und Hermine den Kobold mehr als überrascht anzusehen.

„Sie, sie wissen etwas darüber" brachte Hermine hervor.

„Es gibt Koboldbücher, die über uralte Geschehnisse aus einer längst vergessenen Zeit berichten" begann Griphook zu erzählen. „Vor Urzeiten lebten alle magischen Wesen friedlich zusammen unter dem Schutz der Ersten, oder der Großen Alten oder Ahnen, wie sie auch genannt wurden. Eines Tages kam es zum Streit und die die magische Welt teilte sich in schwarz und weiß. Was folgte waren die Jahrhunderte der Zerstörung. Die Großen Alten erkannten ihre Fehler, waren aber nicht in der Lage diese zu korrigieren. Resigniert wurden die Tore der Ahnen gebaut mit Hilfe derer sich die Großen Alten aus unserer Dimension verabschiedeten. Der Kampf zwischen der schwarzen und der weißen Seite hat seit dieser Zeit nicht mehr aufgehört und flammt mit unterschiedlicher Heftigkeit immer wieder auf, letztes Beispiel war Lord Voldemort. Die Großen Alten haben verschiedene Tore gestaltet. Es gab die weißen Tore der Anhänger der weißen Magie, die schwarzen Tore der Anhänger der schwarzen Magie und die grauen Tore der Anhänger des dritten Weges. Alle diese Tore wurden von den Alten so konstruiert, dass sie von magischen Wesen, die eine Mindestgrenze an magischer Macht verkörpern in beide Richtungen durchschritten werden können. Wer so ein Tor ohne entsprechende Macht durchschreitet findet nie wieder den Weg zurück. Im Laufe der Jahrtausende wurden viele Tore vernichtet. Merlin selbst war einer der Letzten, der die nötige Macht hatte um ein Tor durchschreiten zu können. Was Merlin dazu bewogen hat so gut wie alle der letzten Tore zu vernichten ist genauso wenig überliefert wie die Art und Weise auf der es geschehen ist."

„Wow" brachten Harry und Hermine hervor.

Griphook rief nach einem weitern Kobold und gab ihm ein paar Anweisungen.

„Ich habe ihn gebeten ein paar Bücher über die Zeit der Großen Alten zusammenzustellen und in mein Büro zu bringen. Ich kenne zwar viele Fakten, aber auch mein Wissen ist auf diesem Gebiet eher begrenzt. Bis die Bücher da sind sollten wir in das Verlies von Gryffindor gehen, damit sie es offiziell in Besitz nehmen können" erläuterte Griphook.

Nach einer abenteuerlichen Fahrt vorbei an einigen Drachen erreichten die drei das Verlies von Godric Gryffindor. Vor dem Verlies standen ein versteinerter Greif und ein versteinerter Phönix. Beim Näherkommen hatten Harry und Hermine jedoch den Eindruck, von den versteinerten Augen verfolgt und bewertet zu werden. Kurz darauf rückten die beiden versteinerten Tiere zur Seite und gaben die Türe zum Verlies frei. Beim Betreten des Verlieses stockte ihnen der Atem. Gold, Bücher und Kunstwerke so weit das Auge reichte. Kaum dass Harry und Hermine zwei Schritte in das Verlies getätigt hatten, hüllte sie ein goldenes Leuchten ein und Sekunden später standen beide in edlen Roben aus dunkelrotem Stoff mit Goldapplikationen und dem Wappen der Gryffindors über ihrem Herzen im Verließ. Harry und Hermine betrachteten sich und mussten zugeben, dass die Kleidung schon etwas hermachte.

Im selben Moment glühte es vor ihnen auf und ein winziger junger Phönix mit schneeweißen Federn erschien im Verlies. Harry und Hermine beugten sich zu dem Phönix herab, der aufgeregt auf Harrys Schulter hüpfte um anschließend zwischen Harrys und Hermines Schulter hin und her zu springen. Nach kurzer Zeit beruhigte sich der kleine Phönix und ließ sich auf einer Stange im Verließ nieder.

„Willst Du mit uns kommen?" fragte Hermine den kleinen Phönix und statt eines Liedes erklang in ihrem und in Harrys Kopf eine Stimme. „Natürlich komme ich mit Euch mit. Meine Familie gehört schließlich seit Ewigkeiten zur Familie der Gryffindors und ich warte seit Jahrhunderten darauf, dass meine Wiederauferstehung durch das Erscheinen des Erben von Gryffindor initiiert wird."

„Warum kann ich Dich auf einmal verstehen? Fawks konnte ich nicht verstehen?" fragte Hermine unsicher nach.

„Du bist Lady Gryffindor und deswegen verstehst Du mich. Dass Dein Lord auch mit Anderen reden kann liegt an seiner Besonderheit. Aber daran dürftet ihr beide inzwischen gewohnt sein."

Harry hatte das Gefühl, dass der kleine Phönix beim letzten Satz anders klang, irgendwie belustigt oder gar schelmisch. Wie zu seiner Bestätigung hörte er ein kurzes Lachen.

„Ein Eis-Phönix" murmelte Griphook. „Wir sollten wieder in mein Büro gehen. Die Bücher dürften inzwischen bereit liegen" unterbrach Griphook das Dreiergespräch von Harry, Hermine und dem kleinen Phönix.

Der Phönix hüpfte auf Harrys Schulter und gemeinsam begaben sie sich zurück zu den Schienen.

„Wenn wir schon hier in London sind, wird auch gleich eingekauft" stichelte Hermine schelmisch grinsend und Harry schloss sich mit leicht verdrehten Augen Hermine an.