Kapitel 19 – Erkenntnisse

Einige Galleonen leichter und zwei sehr glückliche Gesichter später flohten Harry und Hermine zurück nach Hogsmead um nach all den Erlebnissen erst mal in Ruhe zu zweit ein Butterbier zu trinken. Madame Rosmerta begrüßte die beiden freudig und nachdem sie die Ringe gesehen hatte setzte sie sich gleich zu den beiden um die neuesten Neuigkeiten aus erster Hand zu erfahren. Eine gute Stunde später waren Harry und Hermine zurück in Hogwarts, wo sie von ihrem Phönix bereits am Eingangstor erwartet wurden. Harry und Hermine grinsten sich an und ließen ihre Gryffindorroben wieder erscheinen bevor sie mit Hilfe ihres Phönixes in der Großen Halle erschienen.

Ginny und Luna schreckten hoch als plötzlich eine weiße Stichflamme in der Halle erschien und kurz darauf Harry, Hermine und ein kleiner weißer Phönix da standen. Nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt hatten, klappte ihnen, wie den anderen Anwesenden auch, die Kinnlade herunter.

„Wow" brachte Ginny hervor, bevor sie auf Hermine zuging und ihren Umhang bewunderte. Luna hingegen widmete sich eher dem Phönix, der sie nicht minder verträumt ebenfalls anschaute.

„Ein Glück dass die beiden sich erst jetzt gefunden haben" flüsterte Neville Ron zu. „Was glaubst Du was die hier sonst angestellt hätten."

„Freu Dich nicht zu früh Neville" grinste ihn Ron. „Beide haben noch ein Jahr vor sich. Und wenn Du nicht nett zu mir bist, dann schlage ich den beiden vor auch noch Kräuterkunde bei Dir zu belegen."

Nachdem sich alle beruhigt hatten vergrößerte Hermine die Bücher wieder und verteilte sie. Madame Pinz, die sich zu dieser Zeit mit in der großen Halle aufhielt, fielen beinahe die Augen heraus. „Wo haben sie denn diese Bücher her?" fragte sie ganz erstaunt. „Kobolde geben ihre Schätze doch nie freiwillig her!"

Harry und Hermine schauten sich kurz an bevor sie gleichzeitig mit einem „Doch" antworteten um anschließend die Erlebisse bei Gringotts zu schildern. Staunend hörten alle zu, bevor sie sich auf die neuen Bücher stürzten.

Nach etwa 3 Stunden schrie Ginny auf. „Ich hab's! Endlich, ich hab's!" Alle blickten zu Ginny auf.

„Eines der grauen Tore ist hier in Hogwarts" begann sie zu erläutern. „Allerdings brauchen wir uns darum keine Gedanken mehr zu machen, da dieses Tor seit ein paar Tagen zerstört ist."

„Wie zerstört?" fragte Ron nach.

„Nehergeb" flüsterte Neville.

„Genau" bestätigte Ginny. „Ein graues Tor, eines der besonderen Art war der Spiegel Nehergeb. Er schaffte keinen Übergang sondern er schaffte Illusionen und Wünsche."

„Damit bleibt nur noch ein Tor" freute sich Ron. „Das ging ja schneller als gedacht."

„Dann kenne ich das zweite Tor" begann Harry und alle schauten ihn erstaunt an. „Es ist der Torbogen in der Mysteriumsabteilung. Als ich die Zeichen auf dem Holz hier erblickte hatte ich das Gefühl, die schon ein Mal gesehen zu haben. Und inzwischen bin ich mir sicher, dass es auf dem Torbogen war. Und damit gibt auch der Spruch einen Sinn."

„Deinen Wunsch ich kann Dir geben, mein Bruder Dir wird alles nehmen" zitierte Hermine die beiden Zeilen.

„Genau" bestätigte Harry. „Nehergeb kann Dir alles geben, indem er Dir deinen tiefsten Wunsch zeigt. Der Torbogen wird Dir alles nehmen, da keiner ohne die notwendige Macht wieder zurückkehren kann."

„Die Zeit der Wünsche ist vorbei, mein Geheimnis nun leg ich frei" begann Ginny eine weitere Strophe zu zitieren. „Das bezieht sich auf die Zerstörung des Glases. Ohne das Glas gibt es keine Wünsche mehr und ohne das Glas wurde die Schrift erkennbar und das Geheimnis freigelegt."

„Herz und Verstand wurden gefunden" begann Prof. MacGonagall eine weitere Strophe zu zerpflücken. „Hermine ist der Verstand und Harry ist das Herz. Und gebunden haben sich die beiden auf eine weitere Art und Weise, wenn ich die Ringe richtig deute" grinste Prof. MacGonagall.

„Und der Rest?" fragte Ginny nach.

„Den finden wir auch noch heraus" bestätigte Luna zuversichtlich. „Vielleicht sollten wir mal zur Mysteriumsabteilung gehen und uns dort umschauen und den Torbogen etwas genauer untersuchen."

„Gute Idee" stimmte Harry ihr zu. „Aber nicht mehr heute. Ich bin dafür nach Hause zu gehen und uns morgen im Atrium im Ministerium zu treffen. Die Bücher lassen wir einstweilen hier in Hogwarts."

„Einverstanden" nickten alle einhellig.

Am nächsten morgen wurden sie bereits von Arthur Weasley erwartet.

„Morgen, ihr Lausebande" begrüßte er sie lachend.

„Morgen, Arthur" kam es wie im Chor zurück.

„Dies sind Mrs. Johnson und Mr. Turner aus der Mysteriumsabteilung" stellte Arthur seine beiden Begleiter vor.

Auf dem Weg zum Torbogen erzählten Harry und Hermine den beiden anderen Ministeriumsangestellten erst mal die Erkenntnisse der letzten Tage.

„Du hattest Recht, Harry" bestätigte Ron, als er die Zeichen auf dem Torbogen betrachtete. „Die sehen tatsächlich so aus wie die Zeichen vom Spiegel Nehergeb."

„Ihr wollt aber nicht wirklich freiwillig da durchgehen?" fragte Mrs. Johnson sichtlich geschockt.

„Das wird wohl nicht zu vermeiden sein, wenn die Zeile mit dem Retten von Unschuldigen ernst zu nehmen ist" bestätigte Harry. „Aber vorher sollten wir alle Eventualitäten besprechen, damit es keine Probleme gibt. Und es müssen ja auch nicht alle durch den Torbogen gehen. Vielleicht reicht es aus, wenn ich alleine gehe."

„Untersteh Dich" knurrte Hermine ihn an. „Wo Du hingehst, da gehe ich auch hin."

„Ich habe Dich ein mal im Stich gelassen, das mach ich nie wieder" warf Ron ein.

„Kinder, Kinder" beruhigte Arthur Weasley die Anwesenden. „Bevor auch nur irgendeiner durch dieses Tor geht, werden wir euch erst mal magisch vermessen um zu sehen, ob ihr überhaupt eine Chance habt, da lebend wieder raus zu kommen. Danach sehen wir weiter."

„Dann kommt mal mit" forderte sie Mr. Turner auf. „Nebenan ist unser Testgerät."

Im Nebenraum stand eine kleine Liege mit einer Kristallkugel und etwas, was wie eine alte Schreibmaschine aussah.

„Zur Messung legt sich derjenige oder diejenige auf die Lieg und legt die Hand auf die Kristallkugel" erklärte Mrs. Johnson. „Es wird sich von der Hand aus ein Kribbeln im ganzen Körper ausbreiten, welches in etwa an das Kribbeln einer eingeschlafen Hand oder eines eingeschlafenen Fußes erinnert. Wenn dieses Gefühl abgeklungen ist, ist die Auswertung beendet und wir kennen euer magisches Potential."

„Na dann mal los" und Luna hüpfte auf die Liege.

Nach und nach legte sich alle auf die Liege und ließen die den Test über sich ergehen.

„So, da haben wir die Ergebnisse" sagte Mrs. Johnson, als sie ein Pergament aus dem Schreibgerät holte. Beim Blick auf das Pergament gefror ihr Gesichtsausruck.

„Was ist los?" fragte Arthur Weasley besorgt nach.

„Harry, könnten Sie sich bitte noch mal auf die Liege legen?" bat ihn Mrs. Johnson.

Harry zuckte kurz mit den Schultern und absolvierte den Test ein zweites Mal.

„Hmm, das Ergebnis stimmt überein" murmelte Mr. Turner, als er das Pergament aus dem Schreibgerät holte.

„Also gut, bevor hier alle noch nervös werden" erklärte Mrs. Johnson mit einem Seitenblick auf Arthur Weasley „werden wir zu den Ergebnissen kommen. Ginny, Luna und Ron sind leider nur knapp über Durchschnitt. Sie fallen somit für den Gang hinter den Schleier aus."

Die drei blickten betreten zu Boden, wurden aber sogleich von den Andern in den Arm genommen.

„Eure Stärken liegen in anderen Bereichen" erklärte Arthur.

„Hermine und Neville sind deutlich über dem Durchschnitt und dürften zu den fünfzig stärksten Hexen und Zauberern weltweit gehören. Wenn wir allerdings davon ausgehen, das Merlin der Letzte war, der erfolgreich durch den Torbogen gehen konnte und folglich er als Maßstab dient, sehe ich auch ihren Gang durch den Schleier als zumindest grenzwertig an."

Auf den Gesichtern von Hermine und Neville spiegelten sich alle möglichen Gefühle wieder, von Stolz über Freude zu Unsicherheit.

„Harry hingegen ist ein ganz anderer Fall" erläuterte Mr. Turner

„Nicht schon wieder" grummelte Harry, was die Stimmung sofort deutlich lockerte.

„Doch" bestätigte Mrs. Johnson. „Darum haben wir den Test auch ein zweites Mal gemacht, um den Wert bestätigt zu bekommen. Sie mögen vielleicht nicht so viele Zaubersprüche und Erfahrung wie andere Zauberer besitzen, aber von der reinen magischen Kraft ausgehend, gibt es weltweit niemanden, der an Ihr Ergebnis herankommt. Sie sind der erste Zauberer seit Merlin, der die magische Grenze von 100 durchbrochen hat. Somit bestehen zumindest aus dieser Sicht keine Bedenken, dass Sie nicht wieder zurückkommen könnten."

„Ich lass Dich aber nicht allein" begehrte Hermine auf. „Selbst wenn mein Ergebnis grenzwertig ist."

„Und auch ich scheue das Risiko nicht" erklärte Neville, was ihm einen besorgten Blick von Ginny einbrachte.

„Ich danke Dir Neville" sagte Harry, „aber ich kann Dein Angebot nicht annehmen. Ich kann das Ginny gegenüber nicht verantworten. Zum anderen kann es hinter dem Schleier zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen und dann brauche ich jemanden wie Dich, der die Arbeit hier zu Ende bringt."

Neville wusste nicht, was er dazu sagen sollte. War er enttäuscht, dass Harry ihn nicht mitnehmen wollte oder war er stolz, dass Harry ihm zutraute, die Aufgabe an seiner Stelle beenden zu können.

„Und was ist mit mir?" bohrte Hermine nach.

„Ich habe da so eine Idee" grübelte Harry in Gedanken. „Hermine, bitte lass Dich noch mal vermessen" bat Harry seine Verlobte.

Mrs. Johnson schaute ihn fragend an, sagte aber nichts dazu. Hermine legte sich auf die Liege und plötzlich wusste sie, was Harry vorhatte. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Bereit?" fragte Mrs. Johnsons und Hermine nickte. Harry schloss kurz die Augen und ließ seine Magie über das Seelenband strömen.

Nachdem Mrs. Johnson das Pergament anschaute, japste sie kurz und das Pergament glitt zu Boden. Mr. Turner hob es auf und starrte wie entgeistert auf das Ergebnis.

„Wie ist das möglich?" stöhnten beide auf. „Mehr als das Doppelte von vorhin."

Nun sahen auch die anderen mit großen Augen zu Harry und Hermine.

„Das Seelenband" spekulierte Luna, die ihre Stimme als erstes wieder fand.

„Seelenband?" frage Mr. Turner überrascht nach.

„Ja, Harry und ich sind über ein Seelenband verbunden" bestätigte Hermine.

„Unter außergewöhnlichen Umständen ist es möglich kurzfristig etwas Magie seines Seelenpartners zu beziehen, aber das Ergebnis hier widerspricht sämtlichen Büchern und Abhandlungen zu diesem Thema."

Harry und Hermine sahen sich nur kurz an und grinsten.

„Mr. Potter, wie fühlten sie sich während des Testes?" fragte Mr. Turner nach. „Irgendwie geschwächt oder so?"

„Sie meinen, ob meine Magie für mich nicht mehr nutzbar war und statt dessen von Hermine genutzt wurde?" fragte Harry nach.

„So in der Art" bestätigte Mr. Turner.

„Nein" antwortete Harry nach kurzem überlegen. „Ich spürte lediglich ein Kribbeln, ähnlich wie beim Test nur wesentlich schwächer. Ansonsten fühlte ich mich wie sonst auch."

„Ich will noch mal einen Test machen" schlug Mrs. Johnson vor und holte eine weitere Kristallkugel hervor.

„Bitte legen sie sich beide hin und jeder berührt eine Testkugel. Dann nutzen sie bitte ihr Seelenband und wir schauen, was dabei herauskommt" und Mrs. Johnson klang dabei wie ein Kind an Weihnachten.

Harry und Hermine legten sich hin und ließen ihre Hände auf den Kugeln ruhen.

„Bereit? Erst normal und dann mit Seelenband?" fragte Mr. Turner.

Harry und Hermine schlossen die Augen und nickten und Mrs. Johnson aktivierte die Messung. Das Kribbeln erfasste beide, jedoch spürten sie es dieses Mal kaum. Vielmehr hatten beide das Gefühl, dass ihre Magie anfing zu pulsieren.

Ein Schrei schreckte die beiden aus ihren Gedanken und sie sahen gerade noch, wie Mr. Turner die Messung abbrach. Mrs. Johnson schaute besorgt zwischen Harry und Hermine auf der einen Seite und der Maschine auf der anderen Seite hin und her.

„Was ist passiert?" fragte Harry nach.

„Die Messung lief erst ganz normal" begann Mrs. Johnson zu berichten. „Sie hatten ihre beiden Werte, die sie auch sonst ein der Einzelmessung hatten. Dann begann das Seelenband zu arbeiten und ihre Werte addierten sich gegenseitig. Allein dass ist mehr als ungewöhnlich. Normalerweise fehlt dem einen Zauberer genau diese Menge Magie, die der Seelenparten mitbenutzt. In ihrem Fall scheint diese Regel nicht zuzutreffen. Sie sind nicht nur in der Lage die komplette Magie des jeweils Anderen zu nutzen anstatt nur einen winzigen Bruchteil, sondern der Seelenparten erleidet dadurch auch keinen Verlust. Plötzlich begannen ihre beiden Werte schubweise anzusteigen bis wir uns genötigt sahen, die Messung abzubrechen um eine Gefährdung der Testumgebung zu verhindern."

„Das könnte das Pulsieren gewesen sein" kam es wie aus einem Mund von Harry und Hermine.

„Pulsieren?" fragte Mrs. Johnson nach.

„Ja" erklärte Harry. „Nach kurzem hatte ich das Gefühl, als würde meine Magie pulsieren, als würde meine Magie, Hermines Magie und unser Seelenband auf die Messung reagieren."

Hermine nickte nur kurz. „So ähnlich habe ich es auch gespürt."

„Und was bedeutet das jetzt?" fragte Neville nach.

„Das bedeutet" begann Mr. Turner „dass unsere beiden hier dringend lernen müssen ihr Seelenband richtig zu nutzen und seine Grenzen kennen zu lernen. Und diese Grenzen scheinen mir nach dem heutigen Test in weiter Ferne zu sein. Wenn die Schübe ein Indiz sind, bis wohin sich die Macht mit dem Seelenband entwickeln kann, dann wage ich fast zu behaupten, dass diesen beiden gemeinsam nichts und niemand gewachsen ist."

„Das bedeutet, dass wenn wir unser Seelenband aktiv halten, wir beide ohne Bedenken durch den Schleier gehen können. Sehe ich das richtig?" fasste Harry zusammen.

„Sie sehen das richtig" bestätigte Mrs. Johnson. „Allerdings würde ich ihnen noch ein paar Tage intensives Nutzen des Selenbandes empfehlen. Stabilisieren sie das Seelenband unter extremen Situationen, testen sie die Grenzen des Seelenbandes aus, probieren Sie auch Sachen aus, die in den Büchern als unmöglich beschrieben werden."

„Als ob die beiden ihr Seelenband nicht schon genug probiert hätten" flüsterte Ginny.

„Ja, aber primär nur für einen Zweck" ergänzte Luna.

Harry und Hermine liefen leicht rosa an, während alle anderen das Gesicht in verschiedenste Grimassen zogen, um mühsam ein Lachen zu unterdrücken.