Merkwürdiges Treffen
***
Hermine betrat einen kleinen Raum. Sie trug ein weißes Kleid und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
„Der nächste bitte.", bat sie freundlich und lächelte dabei in die Runde.
Ein älterer Herr legte die Zeitung zur Seite, stand auf und kam auf Hermine zu. Sie ließ ihn vorbei und schloss hinter sich wieder die Tür. Das Mädchen begleitete den alten Mann in ein größeres Zimmer. Der komplette Raum war in grünlichen Farben gestrichen und eingeräumt. Mittendrin stand ein großer Stuhl mit verschiedenen Geräten und Instrumenten. Links an der Wand erstreckte sich ein langes Schrankset mit zusätzlichem Waschbecken. In den Schränken befanden sich viele verschieden Mittel für Zähne. Rechts standen zur Deko eine Bank und Blumen. Direkt darüber hingen zwei Bilder. Erhellt wurde das ganze von einer großen Lampe, die mitten an der Decke hing.
„Mr. Winter, Papi.", sagte Hermine.
Ein größerer Mann, der am Waschbecken stand, drehte sich um. Mr. Granger war groß, braunhaarig und braunäugig. Er hatte ein sehr freundliches Gesicht und ein wirklich charmantes Lächeln.
Mr. Granger ging auf den Mann und seine Tochter zu.
„Mr. Winter", sagte Hermines Vater und gab ihm die Hand. „Wie geht es ihnen heute?"
„Kann mich nicht beklagen, Mr. Granger!"
„Schön zu hören. Legen sie sich doch dann bitte mal hin, okay?"
Der Mann tat wie ihm geheißen und Hermine verließ den Raum.
„Nette Tochter haben sie da, Doc."
„Oh ja, sie ist mein ganzer Stolz und jetzt den Mund ganz weit auf…"
„Hi, ich habe einen Termin für sechzehn Uhr."
Hermine blickte auf und erblickte einen Jungen, der ihr total bekannt vorkam, aber woher? Er hatte blondes hochgegeltes Haar und leuchtend blaue Augen. Er war schlank und hatte ziemlich lässige Klamotten an. Seine Gesichtszüge waren nett und überhaupt war er ziemlich charmant, was Hermine direkt am Anfang schon feststellte. Alles im allen sah er eigentlich ziemlich gut aus.
Ihr Kopf arbeitete kräftig, doch sie konnte ihn nirgendwo hinstecken, also beschloss sie, sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich könnte er ja auch was sagen, wenn er sie kennen würde.
„Ja, alles klar." Hermine tippte schnell am Computer. Normalerweise war das die Aufgabe ihrer Mutter, aber in den letzten Tagen war hier so viel zu tun, dass ihre Eltern parallel arbeiten mussten und Hermine freundlicherweise den Posten ihrer Mutter übernahm.
Zu ihrem entsetzten stellte sie fest, dass sie noch die Krankenkarte von dem Typen brauchte.
„Ich brauche noch Ihre Krankenkarte."
Der Junge nickte und streckte ihr die Karte hin. Mit einem Lächeln nahm Hermine sie an und blickte drauf. Sofort viel ihr Blick auf den Namen. John Hanson. Im Innern stöhnte sie auf. Der Kerl. Hoffentlich hatte er sie nicht erkannt. Sie beeilte sich mit der Karte und gab sie ihm wieder.
„Bitte schön. Zu wem wollen Sie? Mrs. Doktor Granger oder Mr. Doktor Granger?"
„Ganz egal. Der, der gerade Zeit hat."
„Okay. Sie können dann im Wartezimmer platz nehmen."
„Seit wann so vornehm, Miss Granger?", fragte er mit einem Lächeln und lehnte sich auf die Theke.
Was sollte sie jetzt tun? John Hanson hatte sie doch erkannt und war der beliebteste Typ auf der Muggelschule gewesen und war es noch. Dass er sich an sie erinnerte, konnte sie irgendwie verstehen. Das letzte Mal als sie sich gesehen hatten, war Hermine gegen ihn gelaufen und hatte ihn mit Eis bekleckert. Damals war sie noch ziemlich vorlaut zu jedem gewesen und hatte die Schuld direkt auf John geschoben.
„Pass doch auf, wo du hin läufst!", hatte sie geschrieen und hatte ihm dabei das Eis, was noch auf dem Hörnchen war, voll ins Gesicht geschmiert.
John hatte sie, was sie später, als sie schon auf Hogwarts war, herausgefunden hatte, immer klasse gefunden.
Hermine versuchte die Ahnungslose zu spielen und sagte:
„Entschuldigung, kennen wir uns?"„Ich bin mir nicht sicher, aber wenn du dieses sympathische Geschöpf bist, das mich vor cirka sechs Jahren eisgekremt hat, dann ja!"
Hermine wurde rot. Genau das musste er ja ansprechen.
Kerle, dachte sie und fügte laut hinzu: „Oh… du bist das."
„Hmm…"
John blickte Hermine an, als ob er auf etwas warten würde. Langsam wurde es ihr unangenehm und sie versuchte wieder zu arbeiten, was aber irgendwie nicht funktionierte.
„Willst du nicht ins Wartezimmer gehen?"
„Dann kann ich dich ja nicht mehr sehen."
Oh Gott, dass ist einer von denen, schoss es ihr durch den Kopf. Trotz allem versuchte sie freundlich zu bleiben.
„Was möchtest du noch?"
„Ein Essen mit dir? Eis reicht!"
„Sorry, kann leider nicht, bin komplett ausgebucht."
„Das ist doch nicht dein ernst? Dann gib mir wenigstens deine Nummer!"
Hermine hielt die Luft an. Was hatte sie nur an diesen Typen gefunden? Versuchte er das bei jeder?
„Nein, wenn du jetzt bitte gehen würdest?!"
„Wieder sauer?"
„Hau ab, bevor ich meine Beherrschung verliere!", sagte sie in einem ziemlich hohen Ton.
„Schon gut, schon gut."
John ging und ließ Hermine, glücklicherweise, alleine. Sie schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
***
Hermine ging durch „Den Tropfenden Kessel", einem großen Pup, und durch die hinter Tür, wieder hinaus. Eine große Backsteinmauer versperrte ihr den Weg. Sie griff in ihre Tasche und holte einen Zauberstab heraus. Mit ihm tastete sie gegen ein paar Steine, die gleich darauf anfingen sich zu bewegen. Die Mauer gab Hermine einen gewölbten Durchgang frei. Sie trat hindurch und der Durchgang verschwand.
Vor Hermine erstreckte sich eine lange, mit Leuten volle, Straße. Links und Rechts nur Geschäfte. Sie befand sich in der Welt der Zauberer und Hexen. Ja, nur dieser eine Pup trennte die restliche Welt von den Zauberern und Hexen.
Hermine atmete tief durch. Sie freute sich, endlich wieder in ihrer Welt zu sein. Sie griff in ihre Tasche und holte einen Brief heraus, den sie vor ein paar Stunden, von Hogwarts, geschickt bekommen hatte. Rechts befand sich ein Eiscafe, wo sich Hermine gemütlich hinsetzte und sich den Brief noch einmal genau durchlas.
Sehr geehrte Miss Granger,
bitte beachten Sie, dass das neue Schuljahr am ersten September beginnt.
Der Hogwarts – Express fährt am Bahnhof Kings Cross ab, elf Uhr, Gleis neununddreiviertel.
Professor Dumbledore und ich freuen uns Ihnen zusätzlich, für das Amt des Vertrauensschülers, gratulieren zu dürfen. Wir sind der zuverlässigen Meinung, dass Sie diese Herausforderung annehmen und meistern werden.
Anbei auch eine Liste der Bücher für das nächste Schuljahr und Ihr Abzeichen.
Mit freundlichen Grüßen
Professor M. McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
P.S. An Silvester wird eine Party veranstaltet. Sorgen Sie bitte für eine Angemessen Kleidung. Am besten ein Abendkleid oder etwas in dieser Art.
Hermines Herz klopfte schneller, als sie das Abzeichen aus dem Umschlag gleiten ließ. Es war ein großes „V", was sie später in Hogwarts an ihren Umhang heften würde. Als nächstes holte sie die Liste der Bücher heraus.
„Was brauche ich denn?", murmelte sie vor sich hin. „Ah, okay. Dann mal los zu Flourish & Blotts ."
Sie stand auf und ging zu einem Bücherladen. Eigentlich war es der Einzige hier in der Gegend. Wie jedes Jahr, war es hier nicht gerade leer und Hermine hatte einige Probleme, an die benötigten Schulbücher zu gelangen. Fast eineinhalb Stunden verbrachte sie in dem überfüllten Buchladen. Als sie endlich wieder auf der Straße stand, sah sie ziemlich mitgenommen aus. Ihre Haare standen in alle Richtungen und ihre Klamotten musste sie auch erstmal wieder richtig zupfen. Genau, fast hätte sie es vergessen. Ein neuer Umhang musste her und Madame Malkin war da die einzige, die in Frage kam.
Sie öffnete die Tür zu Madame Malkins Laden und betrat die Schneiderei.
„Einen Moment, bitte!", ertönte die Stimme der Inhaberin.
Hermine setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Von hinten drangen Stimmen nach vorne, die Hermine nur gebrochen hören konnte. Es war ein Junge und eine Frau, aber wer, konnte sie nicht erkennen.
„…Versprech mir, dass das nicht passieren wird!"
„Mum, für wie blöd hältst du mich eigentlich?"
„Ich möchte nur sicher gehen!"
Die Stimmen wurden lauter. Sie schienen auf Hermine zu zukommen.
„Und das wird auch nicht passieren. Ich weiß nicht von was er da geredet hat, aber ich werde bestimmt nicht…"
Schlagartig hörte der Junge auf zu reden.
Hermine drehte sich in die Richtung von wo die Stimmen herkamen und erkannte einen blonden, großen Jungen mit blauen Augen. In ihr kroch Hass hoch.
„Granger, was machst du denn hier?", zischte der Junge.
„Entschuldige mal, aber ich brauche vielleicht auch einen neuen Umhang, Malfoy!"
„Sprich ja nicht so mit meinen Jungen!", mischte sich die Mutter ein. Es war Narzissa und ihr Sohn niemand anderes als Draco Malfoy. Der Feind von Hermine und ihren Freunden.
„Dann müssen Sie Ihren Sohn sagen, dass er nicht so mit mir reden soll."
„Wer bist du eigentlich?"
„Ich glaube das möchtest du nicht wissen, Mum.", sagte Draco.
„Vielleicht schon,…"
Hermine ging auf sie zu und streckte die Hand, freundlicherweise, aus.
„Ich bin Hermine, Hermine Granger. Genauso wie Draco gehe ich nach Hogwarts."
Narzissa ergriff ihre Hand.
„Welches Haus?", stocherte sie dennoch weiter.
„Gryffindore, Mrs. Malfoy. Gryffindore."
Narzissa riss ihre Hand zurück und starrte Hermine an. Sie packte ihren Sohn, bezahlte und zog ihn mit nach draußen.
„Guten Tag, Liebes, womit kann ich dir helfen?", fragte Madame Malkin.
„Ich brauche einen neuen Schulumhang. Meiner ist zu klein. Gryffindore."
„Alles klar. Stell dich doch bitte hier mal drauf!"
Hermine stellte sich auf ein kleines Höckerchen vor einem Spiegel. Madame Malkin nahm die Maße und begann Hermine einen Umhang anzufertigen.
„Madame, wissen Sie, worüber die Malfoys gerade geredet haben?"
„Nein, ich denke, es ist auch besser so."
Es dauerte zwei Stunden, da war der Umhang auch schon fertig. Genau wie die Malfoys bezahlte Hermine und verließ den Laden.
Mittlerweile hatte Hermine alles, was sie für das neue Schuljahr brauchte, nahm sich aber trotzdem vor, noch etwas durch die Straßen zu gehen.
Worüber hat Draco mit seiner Mutter geredet? ... Verspreche mir, dass das nicht passiert! Was hat das nur zu bedeuten? Ob…
Hermine konnte ihre Gedanken nicht mehr zu Ende denken. Unsanft wurde sie umgestoßen und im letzten Moment am Handgelenk festgehalten.
„Mist, entschuldige…!"
„Nicht weiter schlimm!"
„Granger?!"
„Malfoy!"
Einen Augenblick sahen sich die beiden geschockt an. Keiner von ihnen hatte davor registriert, wen sie da umgelaufen hatten. Hermine hatte Draco auch wirklich nicht erkannt. Wenn er nichts gesagt hätte, wäre sie wohl einfach weiter gegangen. Sie wandte den Blick ab und musterte ihn. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und hatte die Haare, ausnahmsweise, nicht zurück gegelt.
So sieht der also aus, wenn er echt rausgeputzt ist. Irgendwie…
„Draco,…"
Der Junge ließ Hermines Hand, die er immer noch fest hielt, los und wirbelte herum.
Super Draco, wieder echt klasse geschafft. Wäre dieses Schlammblut nicht in den Weg gekommen, wäre ich jetzt schon über alle Berge.
„Draco, was soll das?", fragte Narzissa und machte, außer Atem, vor ihnen halt.
„Ich werde bei diesen Spielchen nicht mitmachen, Mutter."
„Das sind keine…"
„Und trotzdem. Ich werde weiterhin nach Hogwarts gehen, ob es dir gefällt oder nicht und was Dad angeht, Dem ist sowieso egal, was ich mache."
„Das stimmt nicht…"
„Ja, wenn ich nach seiner Nase tanze ist alles in Ordnung, aber…"
„Draco Lucius Malfoy…"
Hermine riss die Augen auf. Draco war nach seinem Vater benannt? Sie sah ihn an, irgendwas hatte sich verändert. Nicht sein aussehen, nein, die Körperhaltung von ihm. Er stand nicht wie sonst aufrecht und eingebildet, nein, ein wenig gebeugt und…
Er steht unsicher. Malfoy hat was von Spielchen gesagt. Was für Spielchen und warum macht er da nicht mit?
„Hör zu Sohn, sprich nicht so über deinen Vater."
„Wieso nicht? Ich bin ihm eh egal…"
„Das reicht!", schrie Narzissa so, dass Draco und Hermine vor schreck zusammenzuckten.
Sie packte ihren Sohn am Arm und schleifte ihn mit sich fort.
Hermine sah ihnen nach und erhaschte, nur für ein paar Sekunden, noch einen letzten Blick auf Malfoy. Diese Sekunden hatten gereicht um in Dracos Augen so was wie Tränen zu sehen. Ein komisches Gefühl machte sich in ihr breit. Sie hätte nie gedacht, dass ihr der Slytherin – Prinz mal Leid tun könnte.
