Gefühlschaos
***
Das Ticken der Wanduhr machte Hermine nervös. Unruhig wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Morgen würde sie wieder nach Hogwarts fahren. Jedes Jahr hatte sie sich darauf gefreut, nur dieses Mal, war es anders. Ein komisches Gefühl, dass ihr sagte, dass sich einiges ändern würde, machte sich in ihr breit. Hermine konnte es nicht verstehen. Jedes Jahr hatte sich etwas verändert und nie hatte sie sich so gefühlt.
Der Mond schien hell durch ihr Fenster und erhellte das Zimmer. Die Äste einiger Bäume vor dem Haus, malten sich als Schatten an ihre Wand. Ein heller Blitz und kurz darauf, war ein lautes Grollen zu hören. Ein Sturm war aufgezogen, im August. Der Regen prasselte an ihrem Fenster und spielte, mit dem Heulen des Windes, ein Lied.
Hermine drehte sich auf den Rücken und zog die Bettdecke bis zum Hals. Lange starrte sie an die Decke. Ein Schatten eines Menschen flog an ihr vorbei. Erschrocken wirbelte sie herum, stand auf und ging zum Fenster, wo jedoch nichts war. Sie sah auf die einsame, leere Straße und den dunklen Häusern. Es war mitten in der Nacht und jeder in der Straße lag im Bett. Sie schaute hinauf zum Mond. Es war Vollmond. Vielleicht lag es auch daran, dass Hermine nicht schlafen konnte und sich Dinge ausmalte. Plötzlich huschte eine Gestalt am Mond vorbei. Hermine rieb sich die Augen. War es Einbildung oder träumte sie? Zaghaft kniff sie sich in den Arm und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war sie immer noch
vor dem Fenster, nur die Gestalt war verschwunden. Sie drehte sich um und setzte sich wieder auf ihr Bett. Ihr Kater, Krummbein, musste jetzt als Kuscheltier dienen. Sie nahm ihm vom Ende des Bettes und in ihren Arm. Für einen kurzen Moment beschwerte er sich, fing jedoch gleich an zu Schnurren, als Hermine ihm hinter den Ohren kraulte. Der Sturm draußen wurde immer heftiger. Hermine legte sich, mit Krummbein im Arm, unter die Bettdecke und versuchte erneut zu schlafen.
Die Uhr zeigte mittlerweile drei Uhr Nachts. Das gleichmäßige Schnurren ihres Katers übertonte den Sturm und die Uhr. Es beruhigte Hermine und im Takt des Schnurrens schlief sie endlich ein.
***
Hermine wurde unangenehm geweckt. Ihre Mutter riss die Rollladen hoch und die Sonnenstrahlen kitzelten ihr an der Nase. Wirklich Lust aufzustehen hatte sie nicht, also drehte sie sich um und zog die Bettdecke über ihr Gesicht. Kaum hörbar brummte sie ärgerlich, als sich ihre Mutter neben sie setzte.
„Hermine, komm schon, wir haben verschlafen."
Mit einem Schlag war Hermine hellwach. Hatte ihr Mutter gerade etwas von verschlafen gesagt? Sie saß Kerzengerade im Bett und starrte mit offenem Mund auf die Uhr. Diese zeigte schon halb zehn, sie musste in anderthalb Stunden am Bahnhof sein. Ein wenig säuerlich betrachtete sie ihre Mutter, die nur die Schultern hob und sich mit einem Zeichen entschuldigte. Okay, Hermine war kein Kind mehr. Nein, im Gegenteil, sie war sechzehn, aber trotz allem konnte man doch noch von seiner Mutter geweckt werden.
Es war der letzte Morgen zu Hause und da konnte man doch zumindest erwarten, dass die Mutter einen weckte, oder? Zum Glück hatte sie den Koffer am Vorabend schon gepackt. Auf ihrem Tisch hatte sie Klamotten zurecht gelegt, die sie heute anziehen würde.
In Rekordzeit schlüpfte Hermine aus ihrem Schlafanzug und in einen grünen Rock und ein rotes Top rein. Die Sandalen waren auch sofort an. Sie lief hinunter in die Küche, wo ihre Mutter schon Frühstück für sie vorbereitet hatte. Zeit für gemütlich zu Frühstücken hatte sie auch nicht, also schlang sie das Marmeladenbrot hinunter und kippte direkt danach ein Glas Orangensaft hinterher. Bevor ihre Mutter noch was sagen konnte, stand Hermine schon im Bad. Sie schrubbte ihre Zähne, so gut, wie es unter dem Zeitdruck ging, und kämmte sich
anschließend die Haare, die ihr wieder die Nerven raubten. Egal was sie tat, sie konnte die Haare nicht bändigen. Hermine war eben mit Locken geboren wurden, aber was machte es schon? In der Schule schien es keinem etwas auszumachen und auf das, was Draco Malfoy gefiel, musste sie erst gar nicht achten. Mit diesem Gedanken, hatte sie sich den Morgen selber verdorben.
Wie ich diesen Typen hasse.
Ihre Mutter sagte immer: „Gib dem Jungen mal ne Chance." Aber wo? Er war durch und durch fies und der schlimmste Kerl, den Hermine auf der Schule, kannte. Sie starrte in den Spiegel und seufzte. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Sie hatte keine Lust auf Hogwarts oder desgleichen, was für sie ziemlich ungewohnt war. Auch der Gedanke an Harry und Ron hob ihre Stimmung nicht.
„Herm, schlaf nicht ein!", mahnte ihr Mutter.
„Entschuldige mal, aber wer hat mich zu spät geweckt?", gab Hermine zickig zurück.
„Ich bin auch nur ein Mensch, Hermine."
„Ein Mensch, der ziemlich lange schläft!"
„Mach mal halb lang, Hermine Jane Granger." Ihr Mutter nannte sie immer bei vollem Namen, wenn sie wirklich wütend, auf Hermine, war.
Hermine stellte sich, immer noch mit der Bürste in der Hand und die Arme verschränkt, gegen den Türrahmen.
„Es ist nicht meine Aufgabe dafür zu Sorgen, dass du nicht verschläfst!"
Wie schon gesagt stimmte etwas nicht mit Hermine. Nur diesen kleinen Satz ließ sie aus der Haut fahren.
„Ja, da hast du vielleicht Recht, aber ich habe gedacht, da heute mein letzter Morgen, sehr wahrscheinlich, in diesem Jahr hier ist, dass mich meine Mutter weckt und das pünktlich und jetzt verpasse ich den Zug, weil ich gehofft habe, dass du mich wecken könntest…", schrie Hermine und hielt die Luft an. Ihr liefen die Tränen hinunter. Sie hatte dieses komische Gefühl im Magen, was sie letzte Nacht schon einmal hatte. Es hatte nichts mit ihrer Mutter zu tun oder sonst irgendwem, nein, es lag nur an ihr. Sie wusste dass sich etwas ganz stark verändern würde und das wollte sie nicht. Hermine hasste Veränderungen. Sie sackte auf den Rand der Badewanne und musste sich erst einmal wieder beruhigen. Ihre Mutter setzte sich neben ihr und begann zu sprechen:
„Hermine, Schatz, was ist denn los?"
„Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid."
„Okay, schon in Ordnung, mir auch. Komm nimm deine Bürste und dein Zahnzeug und dann fahr ich dich."
„Was ist mir Krummbein?"
„Sitzt schon, in seinem Spezial Koffer, im Auto."
„Und Dad?"Hermines Mum seufzte. Ihr Mann abarbeitete schon wieder und war daher auch schon früh aus dem Haus. Ihre Mutter hatte sich frei genommen, um Hermine fahren zu können.
Hermine konnte verstehen, dass er so viel Stress hatte, aber konnte er nicht an diesem einen Morgen zu ihr kommen und „Auf wieder sehen", sagen? Anscheinend nein.
Hermine verließ das Haus und drehte sich noch einmal um, so, als würde sie für immer fortgehen. Es war ein kleines, aber sehr feines Haus. Hermine war hier aufgewachsen und liebte es. Ihre Mutter hupte und Hermine setzte sich ins Auto. Ihre Eltern waren ja Muggel, also ist das nicht sehr verwunderlich. Leider war das auch der Teil ihres Lebens, der nicht überall gut ankam und da waren wir wieder bei Draco Malfoy. Er war ein reiner Reinblüter. Sein Vater und Großvater und Urgroßvater waren schon alle Zauberer gewesen und hatten auch nachher Hexen geheiratet. In seiner Familie gab es nicht auch nur einen Menschen, der zumindest Halbblüter war und gewesen war. Natürlich hatte Malfoy auch nichts anderes zu tun, als sich damit auf zu spielen. Ja, Draco Malfoy war schon eine Sache für sich.
„An was denkst du, Herm?", fragte ihre Mutter und riss Hermine dabei aus den Gedanken. Zum ersten Mal an diesem Morgen viel Hermine auf, wie oft sie schon an Malfoy gedacht hatte. Bei diesem Gedanken schauderte es ihr.
„An gar nichts.", wich sie aus.
„Wirklich an gar nichts? Das sah nämlich gerade ganz anders aus."
„Ach und wonach?"
„Du hast gelächelt und gleichzeitig sauer geschaut. Wie geht das?"
„Das frage ich mich auch. Sei nicht albern!"
„Na dann nicht."
Habe ich gerade wirklich gelächelt? Blödsinn!
Hermine schüttelte den Kopf, ihre Mutter musste sich vertan haben.
Sie bogen rechts in eine Straße ein und hielten am Parkplatz zu Kings Cross, dem Bahnhof. Schnell luden sie Hermines Sachen auf einen Gepäckwagen und rasten auch schon los. Hermine hatte Panik, dass sie den Zug bereits verpasst haben könnte. Vor einer Mauer hielten sie inne. Sie wussten, dass sie dort durch laufen mussten, um auf den Gleis zwischen neun und zehn, also auf den Gleis neun dreiviertel, zu gelangen. Hermine sah sich zu allen Seiten um, ob nicht noch irgendwo ein anderer Muggel stand und rannte mit ihrer Mutter hindurch.
Die Identität der Hexen und Zauberer wurde wie ein großes Geheimnis gehütet. Nur nicht magische Eltern von Kindern, die Zaubern konnten, wussten bescheid. Natürlich ging dies auch andersrum, also das Eltern magische Kräfte besaßen und Kinder nicht. Doch das ist ein ganz anderes Thema und kommt auch nicht so häufig vor, eigentlich fast gar nicht.
Am Bahnsteig neun dreiviertel ging es chaotisch zu. Tausende von Kindern und Jungendlichen verabschiedeten sich von ihren Eltern oder redeten kreuz und quer. Mitten in dem Getümmel tauchte Hermine mit ihrer Mutter plötzlich durch eine Wand auf.
Als sie Harry und Ron noch bei den Weasleys stehen sah, atmete sie auf. Sie war also doch nicht zu spät. Hermine ging mit ihrer Mum auf das kleine Grüppchen zu. Mrs. Weasley nahm Hermine in den Arm und begrüßte sie und ihre Mutter freundlich.
„Hi, Hermine.", ertönte es hinter ihr.
Hermines beste Freunde, Harry und Ron standen dort und warteten ebenfalls auf eine Begrüßung.
„Hi!", war das einzige was sie sagte und umarmte die beiden.
„Wie war dein Sommer? Irgendetwas passiert?", fragte Ron.
Hermine zuckte mit den Schultern und sagte: „Eigentlich ja, aber das besprechen wir im Zug und sonst war nichts Besonderes. Ich bin älter geworden und gewachsen. Mehr nicht."
Bei diesem Kommentar mussten Harry und Ron lachen. Was sich Hermine immer so als antworten einfallen ließ, aber gleichzeitig waren sie auch neugierig, was Hermine so spannendes zu berichten hatte.
„Wie war denn euer Sommer?", fragte Herm.
„Bei mir ist auch nichts Aufregendes passiert… Doch warte mal. Ich bin älter geworden und gewachsen, also wenn das nicht aufregend ist. Nicht, Herm?", beim letzten Satz zwinkerte Ron ihr zu. Hermine zog nur eine Grimasse und drehte sich, mit einem besorgten Blick, zu Harry. Er wusste, dass sie damit meinte, ob er irgendetwas von Voldemort gehört hätte. Harry zuckte, wie Hermine, mit den Schultern und sagte:
„Bei mir ist auch nichts Sonderliches passiert. Meine Verwandten hassen mich und von Voldemort keine Spur."
Als der Name Voldemort gerade über Harrys Lippen kam, wurde es am Bahnsteig still. Sogar noch zehn Meter weiter, hatten sich alle zu Harry gedreht. Alle sahen ihn ängstlich an. Wie konnte gerade mal ein sechzehnjähriger den Namen von Du–weißt–schon-wem, wie Voldemort von allen genannt wurde, die wahnsinnige Angst vor ihm hatten, aussprechen?
Kein einziger Mensch rührte sich mehr. Die einzigen, die Harry nicht vor Angst anstarrten, waren seine Freunde, die Weasleys und Hermines Mutter.
„Uuhhhuu!", höhnte es hinter Hermine. Diese drehte sich blitzschnell um, so, dass sie ihre Haare in Harrys Gesicht schleuderte. Vor ihr stand ein großer, schlanker Junge mit eiskalten blauen Augen und blondem Haar. Es war Draco Malfoy. Neben ihm standen noch seine zwei Kumpanen, Gregory Goyle und Vincent Crabbe. Goyle war im Gegensatz zu Crabbe, der seinen Babyspeck, bis jetzt immer noch nicht abgebaut hatte, sehr dünn. Doch eins hatten sie beiden wirklich gemeinsam. Sie waren hohl und verfressen. Harry, Ron und Hermine hatten nie wirklich verstanden, warum sich Malfoy mit solchen Idioten abgab. Sie kümmerten sich aber auch nicht weiter drum, da Malfoy ihnen eigentlich piep-schnurz-egal war.
Er war in Slytherin, eines der Häuser in Hogwarts und die anderen drei in Gryffindore. Es war schon immer so gewesen, dass sich Gryffindore und Slytherin über alles hassten. Gryffindore war Mutig und Freundschaftlich, Slytherin dagegen war Hinterhältig und Gemein.
„Malfoy!", fauchte Hermine vor Zorn. Sie hatte einen drohenden Unterton, den Malfoy direkt bemerkte.
„Jetzt kriege ich aber Angst!", höhnt er. „Was habe ich da gerade gehört? Potter ist wirklich so mutig und spricht den Namen aus?" Malfoy funkelte Hermine an, all das, was am Vortag passiert war, schien wie vergessen.
„Ha, das ich nicht lache, Malfoy!", sagte Ron, der hinter Hermine stand. „Du würdest dich doch noch nicht mal trauen den Namen überhaupt auf deine Zunge zu legen."
Beim Klang von Rons Stimme, schnellte Malfoys Blick zu Ron.„Pass auf, was du sagst Weasley. Ich zucke bei dem Klang des Namens nicht so zusammen wie du."
„Ich zucke gar nicht zusammen", entrüstete sich Ron.
„Sollen wir es testen?" Malfoys Lippen verformten sich zu einem Lächeln, als er langsam sagte: „VOLDEMORT."
Ron zuckte, wie Draco es schon gesagt hatte, zusammen. Hermine wollte gerade noch ihren Senf dazu geben, als ein Klingeln ertönte, dass allen sagen sollte, dass es Zeit war sich in den Zug zu begeben. Das Trio verabschiedete sich von den Eltern und ging. Rons kleine Schwester Ginny, auch Harrys Freundin, machte sich ebenfalls auf den Weg. Sie hatte das Schauspiel zwischen den vieren, wie ihre Eltern, beobachtet.
Gerade als Hermine einsteigen wollte, rief eine Männerstimme: „Hermine, warte mal!"
Die betroffene hielt inne. Die Stimme war ihr wirklich zu vertraut. Sie wirbelte herum und fiel ihrem Vater um den Hals.
„Papi, was machst du denn hier?"
„Ich wollte dir doch noch Auf Wiedersehen sagen. Bin ziemlich knapp, was?"
„Das ist egal, Hauptsache du bist da."
Noch einmal erklang ein pfeifen und die Schaffner schickten jetzt auch noch die allerletzten in den Zug. Hermine ließ ihren Vater los und marschierte hinein. Harry, Ron und Ginny und all die anderen waren schon vorgegangen.
Als sich der Zug in Bewegung setzte, war Hermine immer noch auf dem Gang. Von jetzt auf gleich fuhr er um eine Kurve womit Hermine nicht gerechnet hatte und sie verlor das Gleichgewicht. Im allerletzten Moment wurde sie festgehalten. Der Zug fuhr nun wieder auf den geraden Schienen und Hermine konnte sich wieder richtig hinstellen. Natürlich wollte sie sofort nachsehen, wer ihr, etwas übertrieben ausgedrückt, dass Leben gerettet hatte. Sie drehte sich um und erblickte Malfoy, der den Blick gesenkt hielt. Hermine musste gegen den Drang ankämpfen ihm eine Ohrfeige zu verpassen.
„Danke!", sagte sie kurz angebunden.
„Kein Problem, war ja auch nicht mit Absicht. Bist du immer so mit deinem Vater? Wenn der Schaffner dich nicht reingehetzt hätte, hätte ich mich sehr wahrscheinlich übergeben."
„Tja dein Pech und das wäre bestimmt auch ein schöner Anblick gewesen."
„Halt den Rand, Granger!"
„Ganz gewiss nicht, Malfoy!", sagte Hermine mit einem Grinsen.
Sie hätte Ewigkeiten so weiter machen könne, doch Harry und Ron tauchten auf und zogen sie mit.
Was war das? Hat er es ernst gemeint?
Mist!, dachte Draco und stampfte auf. Was habe ich mir bloß dabei gedacht!
