Die Prophezeihung

***

Hermine seufzte.

Ihre Klasse hatte zusammen mit den Ravenclaws Unterricht in Wahrsagen. Sie sollten hervor sehen was bis zum Schuljahresende geschehen wird.

Hermine, die nichts von Wahrsagerei hielt, saß schon eine geschlagene halbe Stunde im Turm und schaute in der Gegend herum, krampfhaft versuchend, den stechenden Geruch, der ständig im Raum lag, zu ignorieren und langweilte sich.

Ron und Harry starrten schon seit einer Ewigkeit, so kam es Hermine vor, auf die Glaskugel vor ihnen, während Trelawney, die Professorin in Wahrsagen, an den einzelnen Tischen vorbei ging und sich anhörte, was die Schüler sahen.

Hermine bekam die seltsamsten Geschichten, über Heldentaten, Zensuren, Glück und Unglück mit. Einer sollte sogar gegen hunderte von Drachen kämpfen und gewinnen. Natürlich konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Leider stand Trelawney gerade am Nachbartisch und bekam es mit. Die Professorin drehte sich um und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit Hermine.

Harry und Ron sahen auf.

„Sie haben gerade gelacht, Miss Granger. Darf ich Sie fragen, ob es über das war, was sie gesehen haben oder über ihre Mitschüler?!", fragte Trelawney. Hermine saß in der Klemme. Sie konnte doch nicht vor allen sagen, dass sie das total Schwachsinnig fand. Hilfe suchend sah sie zu ihren Freunden. Harrys und Rons Köpfe arbeiteten auf Hochtouren.

„Ich habe Hermine gerade erklärt, was ich gesehen habe.", platzte es aus Harry heraus. Er hatte nicht nachgedacht. Ehe er sich versehen konnte, stand Trelawney vor ihm.

„So, was haben Sie denn gesehen?"

„Ähm…" Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Natürlich hatte er nichts gesehen, diese dumme Kristallkugel offenbarte ihm nur dicken, grauen Rauch.

„Aber Harry, weißt du das etwas nicht mehr?", meldete sich Ron. „Mir passiert Silvester doch dieses kleine Missgeschick."

„Ach ja und was ist es?", fragte Trelawney.

„Das können wir nicht sagen. Tut mir leid, streng Geheim!", sagte Hermine mit einem etwas zu hohen Ton.

„So Miss Granger, was haben sie eigentlich gesehen?"

„Äh…"

„Nun?"

„Gar nichts!"

Hermine senkte den Kopf. Ihr war es peinlich, alle anderen hatten was gesehen, nur sie nicht. Natürlich war das, für die sonst so herausragende Leistung von ihr, ein Schlag. Nicht nur für sie selber. Durch die Lügen von Harry und Ron hatten sogar ihre besten Freunde etwas gesehen. Nur sie saß da und konnte nichts sagen.

„Dann werde ich es eben für Sie tun!", kam es plötzlich von ihrer Professorin.

„Oh, ähm… danke, aber… das ist wirklich nicht nötig.", stotterte Hermine, die wusste, dass eh nur Unfug von Trelawney kam.

„Oh, doch, doch!"

Trelawney kam zu ihr und nahm ihre Hand. Sie strich Hermine über die Handfläche und begann zu reden:

„Ich sehe einen anderen Menschen in deinem Leben. Ich glaube es ist ein Junge. Er wird dir einst mal sehr viel bedeuten. Doch halte dich von ihm fern, denn sonst wirst du nur Schmerz und Leid erfahren!"

Hermine riss ihre Hand los. Sie sah ihre Professorin noch einen Moment an und ging. Ihr war es wirklich zu blöd.

Jetzt fängt diese Frau auch noch an, über einen Jungen in meinem Leben zu reden, dachte sie.

„Das Mädchen tut mir Leid. Sie sollte sich wirklich nicht mit ihm einlassen.", sagte Trelawney, nach dem Hermine nicht mehr zu sehen war.

„Wieso? Wer ist es denn?", fragte Harry neugierig.

„Das kann ich nicht sagen."

„Aber sie haben den Jungen doch gesehen."

„Ja, das habe ich. Allerdings war das Bild noch zu schwach. Es war verschwommen und unscharf. Ich konnte meist nur Umrisse sehen."

„Und sie wird wirklich Schmerz und Leid erfahren?", fragte nun Ron.

„Wenn sie sich nicht von diesem Jungen fern hält, dann mehr als Sie es sich vorstellen können, mein lieber Junge."

Harry und Ron verschlug es die Sprache. Sie schluckten schwer und sahen sich dann einander an. Konnten sie glauben, was Trelawney da sagte? Immerhin hatte sie Harrys Tod auch schon des Öfteren hervor gesagt. Und, war etwas passiert? Nein, er war immer noch so quietschlebendig wie vorher.

***

Sie fanden Hermine, an einem Tisch, in der Großen Halle und in einem Berg von Büchern vertieft. Harry und Ron sahen eine Zeit lang zu, wie sie mit ihrem Zeigefinger über die Seiten glitt und ihre Lippen synchron zu den Worten bewegte, die sie las. Hier und da murmelte sie unverständliches und blätterte die Seiten um. Als sie anscheinend mit ihrer Recherche fertig war, legte sie das Buch zur Seite. Erst jetzt bemerkte sie die beiden jungen Männer vor ihr.

„Was steht ihr denn hier so rum?", wollte sie wissen. „Wollt ihr mir nicht helfen?"

„Nee, lass mal.", wehrte Ron ab und kassierte dabei einen zornigen Blick von Hermine. Harry stieß ihm in die Hüfte und gab Ron zu verstehen, dass das keine gute Idee war.

„Wie geht's dir, Herm?", fragte nun Harry.

„Wie soll es mir gehen? Gut!"

„Und was ist mit dem Wahrsagen?"

„Ich weiß nicht wovon sie gesprochen hat, dass ist mir im Grunde genommen aber auch ziemlich egal. Ihr wisst, was ich von Wahrsagerei halte und das wird sich auch nicht ändern. Wenn, ich betone WENN, ich diesen Jungen mal begegne, werde ich mich bestimmt nicht von ihm fern halten, nur weil diese Tante das von mir verlangt.", sagte sie schnippisch und hob eine Hand zur Abwehr.

Harry und Ron sahen sich an. Hatte Hermine gerade eine Professorin beleidigt? Okay, es war keine schwerwiegende Beleidigung, aber trotzdem, so was kannten sie nicht von ihrer Freundin.

„Ich finde auch nicht, dass du auf sie hören solltest.", sagte plötzlich Casey. Harry und Ron wirbelten herum und sahen hinunter in ihr Gesicht. Wo kam die nur schon wieder her?

Hermine kümmerte sich nicht darum und fragte:

„Was meinst du damit?"

„Wenn du den Jungen wirklich mögen wirst, dann solltest du dich nicht von ihm fern halten und besonders dann nicht, wenn er dich auch mag!"

„Aber, was ist mit dem Schmerz und dem Leid?", fragte Harry.

„Hermine wird auch Leid empfinden, wenn sie sich von ihm fern hält, obwohl sie es eigentlich gar nicht will."

Harry und Ron waren platt. Wie konnte ein 11 jähriges Mädchen nur so viel wissen und dann auch noch in Angelegenheiten die ihr nichts angingen? Ja okay, Harry und Ron hatten sich auch eingemischt, aber sie durften es. Schließlich waren sie die besten Freunde von Hermine und sie mischte sich auch immer in die Sachen von Ron und Harry ein.

Durch einen lauten Knall wurden die Jungen aus ihren Gedanken gerissen. Hermine hatte das Buch, in dem sie zuletzt gesucht hatte, auf Seite geschmissen und ihren Kopf in die Hände gelegt.

„Ich finde diesen bescheuerten Zaubertrank nicht.", murmelte sie. Aus den Spalten ihrer Finger konnte sie sehen, dass man ihr ein Buch vor die Nase legte. Sie nahm den Kopf aus den Händen und las:

„Zaubertränke aller Art. Aber wer…" Sie drehte ihren Kopf zur Seite und erkannte einen Slytherin. Ihr Blick wanderte an ihm hoch und sie starrte in eiskalte blaue Augen. Vor ihr stand Draco Malfoy.

„Du brauchst das Buch.", sagte er nur knapp. Sie sah ihn verwirrt an. War das wieder so ein dummer Trick von ihm?

„Es gibt nur ein Buch in der Bibliothek, wo du den Trank finden kannst und das ist hier das. Nimm es, ich brauch es eh nicht mehr."

Hermine packte zögernd zum Buch und bedankte sich. Draco wandte sich mit einer Handbewegung ab, die wohl so viel heißen sollte wie, „Vergiss es und bilde dir bloß nicht zu viel ein", und ging. Harry und Ron sahen ihn mit offenen Mündern nach.

„Was zum Henker geht denn mit dem ab?", fragte Ron. Hermine schüttelte mit dem Kopf.

„Ich habe keine Ahnung."

Casey verabschiede sich von den anderen und ging. Ihre Lippen verformten sich, während sie auf die Eingangstür der Großen Halle zuging zu einem Lächeln, dass keiner bemerkte und ihre Augen blitzten gefährlich auf. Das würde noch interessant werden.

Hermine widmete ihre komplette Aufmerksamkeit dem Buch und fand, ein paar Minuten später, den Zaubertrank. Sie schrieb die Zutaten und das Rezept ab und schaute zu ihren Freunden auf.

„Wollt ihr es auch noch?", fragte sie.

„Natürlich nicht! Tut mir echt Leid, dass du die Hilfe von Malfoy angenommen hast, aber ich werde es nicht tun!", sagte Ron mit einem Ton, den Hermine nicht zuordnen konnte. Sie sah Harry an und der winkte ebenfalls ab. Sie zuckte mit den Schultern und ging, was Harry und Ron die Sprache verschlug, zum Slytherintisch. Sie blieb hinter Malfoy stehen. Die anderen am Tisch sahen sie angewidert und gehässig an.

Was mache ich jetzt, dachte sie. Da kam ihr eine Idee. Sie schlug das Buch auf den Tisch und sagte, mit ihrem Schnippischsten Ton:

„Hier hast du es wieder. Eins möchte ich mal klar stellen, ich hätte den Trank auch ohne das Buch hier gefunden, aber trotzdem muss ich dir wohl danken. Also Danke!"

Sie drehte sich um und ging. Draco sah ihr noch nach. Wieder war er über Hermine erstaunt. Warum, konnte er nicht sagen. So dankt sie es also einem, wenn man ihr hilft, dachte er. Hermine spürte den Blick von Draco in ihrem Nacken und hoffte, das er kapieren würde, wieso sie sich so verhalten hatte. Obwohl sie ihn so sehr hasste, konnte sie ihn, aus irgendeinem Grund, nicht vor allen anderen bloß stellen. Hermine ging die Treppe zu den Kerkern hinunter. Als sie gerade den Klassenraum betreten wollte, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Erschrocken wirbelte sie herum und sah in das Gesicht von dem blonden Jungen, den sie gerade noch angeschrieen hatte. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, zog er sie in die nächste Ecke.

„Ich wollte mich bei dir bedanken. Zuerst brauchte ich einige Zeit um zu verstehen, warum du das getan hast, aber jetzt… Danke!"

Hermine traute ihren Ohren nicht, hatte Draco ihr gerade gedankt? Also, Draco Malfoy? Sonst wäre er doch lieber gestorben, als einem Schlammblut zu danken. War sie im falschen Film? Oder hatte Harry einen Vielsafttrank gebraut und war nun der Junge, unter der blonden Mähne?! Sie sah ihn immer noch an, als er erneut mit dem Sprechen begann.

„Die anderen haben nichts kapiert."

„Ich muss dir auch danken, Malfoy. Aber warum hast du das getan?"

Draco hob gleichgültig die Schultern und ging in den Unterricht. Er ließ eine verdatterte Hermine zurück. Er hatte ihr keine Antwort gegeben, aber hinter ihm her schreien würde sie ganz bestimmt nicht. Dafür hatte sie einen zu großen Stolz. Nach ein paar Minuten ging auch Hermine in den Klassenraum. Sie setzte sich neben Harry und Ron, die bereits da waren. Snape betrat den Raum, wie auch jeden Tag zuvor, mit Steinerner Miene.

„Bitte holt eure Abschrift des Rezeptes für Veritaserum heraus. Ich werde mir gleich die Freiheit nehmen und alle Rezepte einsammeln."

Während sich Hermine bückte, um die Hausaufgaben herauszuholen, war in der Klasse ein ununterdrückter Protest zu hören. Als sie aufblickte erkannte sie, dass niemand, außer Draco und sie selbst, die Abschrift hatten. Sogar Crabbe und Goyle nicht. Sie war verwirrt. Wieso sollte Draco ihr das Buch geben, aber seinen Freunden nicht? Oder war das Buch gar nicht aus der Bibliothek gewesen? War das Rezept eine Fälschung und sie war voll drauf rein gefallen? Sie sah Draco eine Zeit lang an. Leider zu lang. Er hatte ihren Blick gemerkt und funkelte sie gehässig an. Hermine verstand gar nichts mehr.

***

„Das glaube ich ja nicht, dass Snape uns schon wieder fünfzehn Punkte abgezogen hat.", meckerte Ron.

„Aber diesmal hat er auch den Slytherins so viel abgezogen.", sagte Harry.

„Ich verstehe das nicht.", sagte nun Hermine, die den andren zweien gar nicht zu gehört hatte.

„Snape musste denen auch Punkte abziehen.", erklärte Harry. Hermine blieb stehen. Von was redete er?

„Was meinst du damit?", fragte sie.

„Na ja, dass er die Slytherins nicht verschonen konnte."

„Wie kommst du denn darauf?"

„Du hast doch gerade gefragt, dass du nicht verstehst, warum er das getan hat.", erklärte er und redete, als würde er es einem Kleinkind erklären.

„Ja aber ich habe nicht von Snape geredet."

„Von wem dann?"

Hermine ging weiter, in Richtung Großer Halle, und die anderen taten es ihr gleich.

„Von wem hast du geredet?", fragte Ron.

„Von Malfoy!"

Harry und Ron blieben wie angewurzelt, vor der Halle, stehen.

„Bist du jetzt total durchgeknallt? Denkst du jetzt auch noch in deiner Freizeit an ihn?", fragte Ron, der Hermine wieder eingeholt hatte.

„Nein, das bin und tue ich nicht!"

„Und wie erklärst du dir, dass du gerade von ihm gesprochen hast? Du musst doch an ihn gedacht haben!"

„Ja, aber…"

„Aha!"

„Das war wegen der Hausaufgabe!", verteidigte sich Hermine.

„Was war denn damit?"

„Habt ihr denn gar nichts gesehen?"

„Was?"

„Wo habt ihr denn eure Augen? Niemand, außer Malfoy und mir selbst, hatte die Hausaufgabe."

„Aber das heißt ja", sagte Harry, als sie sich an einem Tisch setzten, „das er nur dir das Buch gegeben hat, aber was ist mir Crabbe, Goyle und Parkinson?"

„Nichts, dass ist es ja eben!", sagte Hermine.

„Ich habe Hunger, wollt ihr auch einen Pudding?", fragte Ron.

„Ja gerne!"

„Ja klar!"

„Okay, bin gleich wieder da!" Mit diesem Satz sprang Ron auf und ging. Hermine kam das auch sehr gelegen, da sie mit Harry alleine sprechen musste.

„Harry…?"

„Ja."

„Ist es dir auch aufgefallen?", fraget sich schüchtern.

„Was?"

„Das sich Malfoy, für ihn, eigenartig benimmt?"

„Wenn du meinst, dass er sich in deiner Gegenwart komisch verhält, dann ja!"

Hermine atmete tief durch, sie war also doch nicht verrückt. Aber wieso er? Und wieso sie? Sie hatte das Gefühl, ein Puzzle vor ihren Augen liegen zu sehen, aber konnte es nicht lösen.