Hilfe
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Eine fröhlich gelaunte Hermine hüpfte den Korridor in Richtung Große Halle entlang. Auf dem Weg dort hin kam sie an einem Klassenraum vorbei, dessen Türe offen stand. Eine Stimme drang laut hinaus. Natürlich konnte sie den drang nicht widerstehen und horchte. Hermine brauchte nicht lange, um herauszufinden wem die Stimme gehörte. Aber mit wem redete er? Sie stellte sich gegen die Wand und horchte.
„…du wirst die ganzen Nächte durcharbeiten, bist du den kompletten Stoff drin hast, ist das klar? Ich will mich nicht vor McGonagall und Dumbledore lächerlich machen. Die Prüfung wirst du bestehen, sonst hast du nicht nur hier, sondern auch mit mir Probleme, hast du verstanden?"
Hermine erschrak. Mit einem male wusste sie, wer die andere Person war. Wie konnte man nur so mit seinem eigenen Sohn umgehen? Auf einmal überkam ihr ein Mitgefühl für ihn.
So schlimm wie er auch sein konnte, so etwas hatte er nicht verdient. So etwas hatte niemand verdient.
Draco hielt seinen Kopf gesenkt.
„…Schau mich an, wenn ich mit dir rede!", schrie Mr. Malfoy. Er hob mit einer Hand Dracos Kinn und wiederholte seine Frage von gerade eben noch einmal.
„Hast du mich verstanden, Draco?"
Dieser nickte nur stumm, während ihm Tränen über das Gesicht liefen.
„Gut. Schau, wie du den Stoff aufgeholt bekommst. Ich werde zu deiner Prüfung kommen und dich gleich darauf mit nach Hause nehmen, dann musst du nicht noch auf diesen Zug warten. In Ordnung?"
Draco nickte erneut und Mr. Malfoy verließ den Raum. Draußen hielt Hermine die Luft an und stellte sich komplett gegen die Wand, damit Mr. Malfoy sie auch ja nicht sah. Sie behielt ihn im Blick, bis er das Schloss verlassen hatte. Hermine wartete noch einen Moment. Wo blieb Draco?
Sie holte noch einmal tief Luft und sah vorsichtig in den Raum. Draco saß an einem Tisch und hatte den Kopf in den Händen vergraben. Was sollte sie tun? Sie mochte ihn nicht besonders, aber wenn sie in seiner Haut stecken würde, würde sie wollen, dass irgendjemand käme und sie tröstete. Sie wusste, dass wenn sie jetzt zu ihm gehen würde, ihr vielleicht eine gewaltige abfuhr erteilt werden würde, aber sie wollte es wissen.
Langsam kam sie aus ihrem Versteck heraus und ging vorsichtig auf Draco zu. Sie schloss aber vorsichtshalber noch, so leise, dass es Draco nicht mitbekam, die Tür und kniete sich neben ihn.
Er tut mir so leid und irgendwie…
Langsam legte sie eine Hand auf sein Bein. Erschrocken sah Draco auf und entdeckte Hermine.
„Was willst du denn hier?", sagte er zornig.
„I – Ich…", stotterte Hermine.
„Und wehe du fasst mich auch nur noch einmal an…"
„Malfoy… Ich habe es mitbekommen…"
„Gelauscht, was?"
„Ja, aber nur, weil ich deinen Vater bis auf den Gang schreien gehört habe."
„Das geht dich nichts an, Granger! Hau ab!"
„Aber…"
„Hau ab!", schrie Draco. Seine Brust wog schnell und seine Augen hatte er weit aufgerissen. Hermine sah es nicht ein, sich so behandeln zu lassen und stand auf. Als sie gerade eine Hand auf die Türklinke legte, sagte sie:
„Weißt du Malfoy… ich habe gedacht, du brauchst Hilfe. Ich… ich kann nicht verstehen, warum dein Vater so mit dir umgesprungen ist und ich weiß, dass mir das nichts angeht, aber geholfen hätte ich dir. Wenn ich du wäre, wäre ich froh, wenn einer bei mir wäre…"
„Ja, aber dann bestimmt Potter oder Weasley! Ganz bestimmt nicht ich."
Hermine drehte sich um und sah ihn mitleidig an.
„Ja, dass wäre mir am liebsten gewesen, aber sogar über dich hätte ich mich gefreut."
„Du kannst echt gut schauspielern, Granger!"
„Ich schauspielere nicht. Ich meine es ernst oder warum meinst du, bin ich überhaupt gekommen?", fragte sie.
„Damit du mich bei den anderen lächerlich machen kannst.", sagte Draco.
„Nein. So was würde ich nie tun. Auch wenn wir wie Katz und Maus sind… ich finde so was schrecklich. Zumal du von deinem Vater… Ich verspreche dir, wenn ich jetzt aus die Türe gehe, habe ich alles vergessen. Keiner, wird etwas davon erfahren."
„Lügen kannst du auch!"
Hermine schüttelte genervt den Kopf. Aber anstatt raus zu gehen, setzte sie sich neben Draco.
„Ich helfe dir."
„Was?", fragte Draco lachend. Er konnte nicht verstehen, dass Hermine ihm helfen wollte.
„Du hast mich verstanden."
Draco wusste nicht warum, aber ihm liefen wieder Tränen die Wange hinunter. Schnell drehte er sich zur Seite, damit Hermine nichts sah, doch es war schon zu spät. Sie stand auf und ging um ihn rum. Langsam kniete sie sich neben ihm und nahm seine Hand aus seinem Gesicht.
„Das musst du nicht verstecken. Nicht vor mir."
Draco sah sie mit seinen blauen Augen an. Was war mit ihr los? Auf irgendeine Art, gefiel es ihm.
„Wenn ich so einen Stress mit meinen Eltern hätte, würde ich vielleicht auch so hier sitzen."
„Und du wirst es keinem sagen?", fragte er und zog eine Augenbraue hoch.
„Absolut und überhaupt nicht. Ehrenwort!", sagte Hermine ernst und hob ihre Hand.
„Warum… Warum tust du das?"
„Ich hätte auch gerne Hilfe und…"
„Und was?"
„Vergiss es."
„Nein!"
„Vergiss es!"
„Nein!"
„In Hogwarts würde etwas fehlen?", sagte sie, was sich allerdings mehr als eine Frage anhörte.
„Und was?"
„Der Streit mit dir. Ich könnte niemandem eine Ohrfeige verpassen!", sagte sie grinsend.
Draco konnte nicht anders, er musste lachen. Wieso tat sie so was?
„Ich würde das streiten mit dir vermissen, Frettchen!", sagte Hermine.
Draco wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah sie dankbar an.
„Und du würdest mir wirklich helfen?", fragte er unsicher.
„So, dass du jede Aufgabe schaffst!"
„Danke!"
Hermine sah ihn erstaunt an. Hatte gerade Draco Malfoy „Danke" gesagt?
„Wenn du willst rede ich mit McGonagall.", bot sie ihm an.
„Wenn das sein muss."
„Sie muss es erfahren!"
„Und was ist mit Potter oder Weasley?", fragte er.
„Sie… ich…"
Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte Harry und Ron noch nie etwas verschwiegen und auch nicht belogen. Versprechen, dass Harry und Ron nichts davon erfuhren konnte sie nicht. Die zwei und Hermine hatten sich immer alles gesagt, ob gut oder schlecht, dass hatte nie eine Rolle gespielt.
„Draco, dass kann ich nicht versprechen.", sagte sie leise.
„Das habe ich mir gedacht."
„Tut mir Leid, aber ich kann…"
„Nein, dann lass mich lieber in Ruhe. Bitte geh jetzt."
„Bist du sicher?", fragte sie.
Draco nickte und Hermine respektierte seinen Wunsch.
Als sie die Tür hinter sich schloss, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr schossen die ganzen Bilder von Draco durch den Kopf. Und… was zum Henker war mit ihr los? Was hatte sie da getan? Und Draco? Was war mit ihm? Er hatte sich so anders benommen. Schon wieder kroch dieses Gefühl in ihr hoch. Hermine unterdrückte es und lief zur Großen Halle.
Draco saß immer noch auf dem Stuhl und dachte nach.
Wieso will sie mir helfen? Soll ich ihre Hilfe annehmen? Nein, dass geht nicht. Wenn mein Vater das herausfinden würde, wäre ich tot. Aber ohne ihre Hilfe packe ich das nicht. Verdammt Draco, du willst dich doch nicht von einem Schlammblut helfen lassen, oder?
Doch eigentlich willst du das! , meldete sich die Stimme aus seinem Kopf.
Verdammt nein.
Mach es nicht noch schwerer als es ohnehin schon ist.
Mach ich nicht, wehrte er sich gegen seine innere Stimme.
Erinnere dich doch mal an das Lachen.
Was ist damit?
Wenn du „ja" sagen würdest, würdest du es vielleicht noch einmal hören. Versuchte es sein Inneres ihm zu verklickern.
Aber nur dafür mit diesem Schlammblut zusammen sein? Nein!
Du willst es nicht nur deswegen.
Halt den Mund! , schrie Draco innerlich. Wenn dass mein Vater herausfindet.
Er muss es doch nicht herausfinden.
Der findet alles heraus, glaub mir!
Dann versaure weiter, sagtedie Stimme säuerlich.
Ich versaure nicht.
Du bist ganz alleine, Draco.
Stimmt nicht.
Oh doch. Wo sind Crabbe und Goyle oder dein bester Freund Zabini? Wo ist Pansy die du abserviert hast. Niemand war hier. Nur Hermine Granger und die wollte dir sogar helfen.
Hör auf, okay, hör auf!
Draco raufte sich die Haare und schüttelte seinen Kopf. Er war jetzt noch verwirrter als vorher. Was sollte er tun? Schon wieder liefen ihm Tränen, aber warum, wusste er diesmal nicht.
Verdammt!
Er wischte schnell die Tränen weg und versuchte sie zu unterdrücken.
Wenn mich so einer sieht!
Das musst du nicht verstecken. Nicht vor mir. , schoss es ihm durch den Kopf.
Wenn ich so einen Stress mit meinen Eltern hätte, würde ich vielleicht auch so hier sitzen.
Draco konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er hatte sie nie so gesehen. Nur die paar Minuten mit ihr, hatten seine ganzen Meinungen verändert.
Ob ihr Angebot noch gilt?, fragte er sich.
Natürlich gilt ihr Angebot noch! , meldete sich wieder die Stimme. Geh hin und sag, dass du es dir anders überlegt hast.
Das kann ich nicht.
Und wieso?
Ich müsste mich damit zu frieden geben, dass Potter und dieser Weasley etwas davon erfahren und das kann ich nicht einfach so hinnehmen, konterte er.
Dummkopf!
Was heißt das?
Dummkopf! Blödmann!, schrie seine innere Stimme ihn an.
Hörst du jetzt auf?!
Blödmann! Du besitzt nicht mehr, als ein kaltes Herz!
Draco wurde es zu viel. Jetzt beschimpfte ihn auch noch sein eigenes Gewissen. Er und ein kaltes Herz? Hmpf… das er nicht lachte. Noch einmal schüttelte er seinen Kopf und verließ dann ebenfalls den Raum.
***
Draco lag in der Nacht lange wach. Er wollte und brauchte die Hilfe von Hermine. Aber wie sollte er jetzt noch daran kommen? Sie war immer umzingelt von den beiden Hirnis Potter und Weasley und wie schon gesagt wollte er nicht, dass die beiden etwas davon erfuhren. Zumindest wollte er Hermine nicht vor den beiden fragen. Wie kam er also daran?
Er atmete tief ein und wieder aus. Was verlangte sein Vater eigentlich? Bis zu den Weihnachtsferien alles aufholen… Hallo? Wer war er? Nichts mehr… Zum ersten Mal wurde ihm klar, dass er sich, bis auf seine Eltern und sein Blut, gar nicht von den anderen unterschied. Eigentlich war er ein ganz normaler Junge, der von seinen Eltern, am allermeisten von seinem Vater, zu viel unter Druck gesetzt wurde. Er war nicht Hermine Granger die begabte und gutherzige Hexe. Er war nicht Ronald Weasley der gute Freund und Helfer und… Und er war nicht Harry Potter, der Junge, der überlebt hatte und überall als Held gefeiert wurde.
Guter Freund, begabte Hexe und Held… Wirklich ein zauberhaftes Trio… Draco, Verdammt!
Er schüttelte den Kopf. Stand er jetzt schon auf der Seite von Potter? Hermine hatte irgendwas mit ihm gemacht.
Langsam schloss er die Augen. Vor ihm tauchten Kastanienbraune Augen auf, so, als hätten sie sich in seine Netzhaut gebrannt. Plötzlich ertönte ein Lachen. Er setzte sich auf und suchte im Schlafsaal nach dem Verursacher, doch hier war nichts. Die Stimme war ganz allein in seinem Kopf. Das wunderschöne Lachen des Mädchens, das er gesehen hatte. Es war wie eine Melodie, wie ein Ohrwurm, der nicht verschwinden wollte.
Er legte sich zurück in sein Kissen und lauschte noch eine Zeitlang dem Gelächter, bis er schließlich mit einem Lächeln einschlief.
***
Währenddessen durchwühlte Hermine im Bett ihre Gefühle.
Macht es mir wirklich nichts aus, wenn er mich Schlammblut nennt? Doch, es tut weh. Aber wieso sollte ich es ihm zeigen? Er würde es dann nur noch steigern. Warum ist er so kaltherzig? Wenn er kein Herz aus Stein hätte, wäre er in Ordnung. Heute, heute war er anders. War es, weil er fertig und hilflos war oder war es der wirkliche Draco Malfoy, der hinter dieser harten Schale sitzt?
Jedes mal, wenn er sie Schlammblut nannte, hatte Hermine das Gefühl, dass man ihr ein Messer in die Brust rammen würde. Es traf sie, auch wenn sie es schon längst wusste, immer wieder wie der Schlag. Egal wie gut sie sich versuchte zu wappnen, er durchdrang ihre Rüstung immer wieder.
Harry und Ron wussten, dass es ihr wehtat, aber das es so extrem war, nein, davon hatten sie keine Ahnung. Hermine wollte sich nichts anmerken lassen, von niemandem. Wenn Harry und Ron es herausfinden würden, würden sie dafür sorgen, dass Draco seine Strafe bekam und so würde Draco herausfinden, dass er Hermine so wirklich verletzte und machte es dann noch öfter. Es würde eine komplette Kettenreaktion auslösen, auf die Hermine keine Lust hatte.
Aus dem nichts erschienen Bilder von Draco vor ihr. Wie er dort auf dem Stuhl saß und sie, mit Tränen in den Augen, angesehen hatte. Draco Malfoy hatte tatsächlich geweint. Wenn sie es nicht selber gesehen hätte, würde sie es nicht glauben. Sie wollte ihm helfen, konnte Draco aber nicht dazu zwingen. Wie konnte man nur so Dickköpfig sein? War es überhaupt Draco oder lag es mehr an seinem Vater? Egal was es war, Hermine nahm sich vor, es herauszufinden und so schlief auch sie ein.
