Hogsmeade

***

Hermine wartete mit Ginny in der Eingangshalle auf Harry und Ron. Sie hatten sich mit ihnen für einen Nachmittag in Hogsmeade verabredet. Mittlerweile waren die Jungs schon zehn Minuten zu spät.

„Wo bleiben die nur?", fragte Hermine und Ginny schüttelte den Kopf.

„Hat man das Schlammblut versetzt?"

Hermine brauchte nicht nachzusehen, wer es war. Sie kannte die Stimme nur zu gut.

„Das geht dich nichts an, Malfoy!", sagte Ginny schnippisch.

„Dir bestimmt nicht, Weasley!"

„Was willst du schon wieder?" Hermine schrie so laut, dass Harry und Ron auf der Treppe stehen blieben und sich das Theater aus der Ferne ansahen.

„Hmm…, gerade eben wusste ich es noch.", sagte Draco.

„Na dann kann ich ja gehen." Hermine ging an ihm vorbei, als Draco plötzlich sagte:

„Warte mal!"

„Was?!" Hermine war genervt. Noch nie war ihr Draco so auf den Zauberstab gegangen, wie in den letzten Tagen. Überhaupt war er nicht mehr normal. Er wechselte ständig zwischen Schlammblut und Hermine. Mal war er ganz nett und dann wieder der normale fiese Malfoy. Mal konnte Hermine normal mit ihm reden und dann war wieder totale Funkstille.

Er nahm sie beiseite und sagte so leise, dass sogar Hermine die Ohren spitzen musste:

„Ich wollte dich fragten, ob ich dich auf ein Butterbier einladen darf, als Dankeschön für die Nachhilfestunden."

Ihr viel die Kinnlatte hinunter. Was war das schon wieder? War das wirklich Malfoy? Wie schon gesagt. Er tickte nicht mehr ganz sauber. Gerade eben war sie noch ein „Schlammblut" und jetzt wollte er sie auf ein Butterbier einladen und dann noch als Dankeschön!?

„Tut mir Leid Mal…, Draco, aber ich bin schon mit anderen Verabredet."

Er nickte, wandte sich ab und ging.

„Hermine!" Harry, Ron und Ginny kamen auf sie zu.

„Hermine, was hat er gesagt? Dir steht der Mund ja richtig offen.", sagte Ron.

Hermine bemerkte erst jetzt, dass ihr Mund noch offen stand und schloss ihn. Sie schüttelte den Kopf und sagte:

„Nichts von Bedeutung. Können wir jetzt gehen?"

„Ja, aber zuerst sagst du uns, was ER DIR gesagt hat.", sagte Ginny.

„Er hat echt nichts von Bedeutung gesagt."

Hermine ging aus dem Schloss und die Anderen folgten ihr. Auf dem Weg in das kleine Dorf begann Harry erneut.

„Hat er dich wieder beleidigt?"

„Nein, hat er nicht!"

„Aber was dann?", fragte Ron.

Hermine antwortete nicht und beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte den anderen nicht sagen, worum es eigentlich ging. Sie würden Hermine wieder mit Vorträgen in den Ohren hängen, wie schlimm Draco wäre und darauf hatte sie jetzt überhaupt keine Lust. Außerdem hatten ihr Harry und Ron versprochen sich raus zu halten.

Die besagten sahen sich an. Was hatte Malfoy nur getan? Ginny nahm Harry an der Hand und zog ihn mit nach Hermine. Wie Ginny sofort merkte, war es ein Fehler, denn Harry nahm das Thema wieder auf.

„Hermine, du kannst uns doch sagen was los war."

Sie waren bei den Drei Besen angekommen und Hermine legte eine Hand auf die Klinke.

Als sie gerade die Tür öffnete, begann Ron:

„Hermine, hat er dich wirklich nicht beleidigt?"

Das war endgültig zu viel. Hermine explodierte. In einem Atemzug sagte sie:

„Nein, er hat gar nichts gemacht! Warum glaubt eigentlich jeder, dass er nichts anderes als ein schlechter Mensch ist? Man kann sich auch ändern und ihr habt mir versprochen euch raus zu halten und mir zu vertrauen und jetzt möchte ich nicht weiter darüber sprechen, OK?"

Die anderen drei nickten steif. Sie waren geschockt darüber, wie Hermine explodiert war und das aller schlimmste war, dass sie nun die komplette Aufmerksamkeit, aller Leute im Pub, hatten.

„Ihr organisiert einen Tisch, ich hole uns schnell ein Butterbier.", sagte Hermine, wieder in einem normalen Ton.

Harry, Ron und Ginny taten wie geheißen und trennten sich von Hermine.

Die Theke war überfüllt und Hermine hatte einige Probleme sich dort durchzukämpfen. Plötzlich ertönte von allen Seiten ein Pfeifen.

„Hey, super Mädchen."

„Denen hast du es aber gezeigt!"

„Jetzt haben die mal gelernt, dass sie sich nicht so einfach mit Mädchen anlegen sollten."

Ein großer, stämmiger Mann stellte sich vor Hermine.

„Hey Süße, bist du immer so in Fahrt?"

„Das geht Sie gar nichts an!", zischte Hermine.

Der Mann nahm seine Hand und streichelte ihr über den Arm. Hermine war geschockt. Sie hatte Angst seine Hand weg zuschlagen, weil sie befürchtete brutal dran genommen zu werden. Hermine bekam Panik und suchte ihre Freunde, konnte sie aber in dem Getümmel nicht finden. Das einzige was sie sah, waren Hexen und Zauberer, die nicht sahen, was hier geschah. Ihr schossen Tränen in die Augen. Als sie plötzlich merkte, wie man ihr einen Arm um den Nacken legte, war sie einer Ohnmacht nahe.

„Hi, Schatz!"

Ihr viel einen Stein vom Herzen. Sie war froh eine Bekannte Stimme zu hören, auch wenn sie von ihm war.

„Ich denke, ich muss ihnen meine Freundin wieder entführen. Hast du die Butterbiere, Schatz?"

Hermine sah in seine Augen, noch nie war sie so froh gewesen ihn zu sehen und schüttelte mit dem Kopf.

„Macht nichts. Ich hole sie, ähm…vier mal, nicht?"

Hermine nickte, immer noch geschockt.

„Geh schon mal zum Tisch."

Sie tat was er wollte und setzte sich bald an den Tisch ihrer Freunde.

„Wo sind die Butterbiere, Hermine?", fragte Ginny.

„Kommen gleich.", sagte sie mit zittriger Stimme.

Die anderen bemerkten es nicht. Sie war auch froh darüber und betete innerlich, dass ihrem Retter nichts zu stößt.

Der besagte Junge stand immer noch vor dem Mann und sagte:

„Wenn sie dieses Mädchen noch einmal belästigen, bekommen Sie es mit mir zu tun."

„Du glaubst, dass du es mit mir aufnehmen kannst?"

„Ich nicht alleine, aber alle die, die dieses Mädchen mögen."

Mit diesem Satz ging er am Mann vorbei und holte die Butterbiere. Der Schrank von Mann drehte sich zu ihm um und ein gefährliches Grinsen trat in sein Gesicht, dann verschwand er.

Ein paar Minuten später stand er am Tisch von Hermine und gerade als er die Biere abstellte, fiel Hermine, sie wusste nicht ganz recht wieso, ihm um den Hals. Er strich ihr über den Kopf, während den anderen die Kinnlatte hinunterfiel.

„Danke, Draco. Danke!", sagte Hermine mit einer Stimme, die Draco von ihr, in seiner Gegenwart zumindest, nicht kannte und löste die Umarmung.

„Kein Problem."

„Ich hatte solche Angst, wer weiß, was der Typ sonst mit mir gemacht hätte. Der Typ hat dir doch nichts getan, oder?"

„Nein, aber tu mir ein Gefallen und geh nie wieder, wenn es hier so voll ist, alleine etwas holen.", sagte er ernst.

Hermine holte tief Luft. All die Panik, die sie vor ein paar Minuten noch hatte, war wie weggeblasen.

„Ja, dass verspreche ich." Hermine lächelte.

Sie, Hermine, sah Draco an. Irgendetwas hatte sich gerade zwischen ihnen verändert, aber was war es? Erklären konnte sie es nicht, aber sie fühlte es. Als Draco gerade gehen wollte, hielt Hermine ihn auf.

„Warte, du kannst doch noch nicht gehen!"

„Wieso kann er nicht?", fragte Ginny.

„Draco, wenn dich dieser Typ erwischt, wie du jetzt ohne mich gehst, fliegen wir auf!", sagte sie und die Angst trat in ihre Augen.

„Du hast Recht.", seufzte er.

Draco drehte sich um und setzte sich auf einen Stuhl am Tisch.

„Einen Moment mal, wer hat dir jetzt erlaubt dich zu setzten?!", sagte Ron.

„Na ich!", erklärte Hermine. Sie erkannte an Rons Blick, dass er nicht so begeistert war, machte sich aber nichts draus und setzte sich, auf die runde Bank neben Ginny, an den Tisch.

„Was ist das eigentlich für ein Kerl, von dem ihr redet?", fragte Harry.

Hermine blickte zu Draco. Er saß dort, mit dem Blick gesenkt und trank mit einem Strohhalm am Butterbier. Anstalten etwas zu sagen machte er nicht. Hermine wollte den anderen nichts erzählen, es war ihr peinlich und außerdem wollte sie nicht, dass Draco, jetzt, wo er ihr geholfen hatte, schlecht gemacht wurde.

„Es war nichts besonderes, Harry."

„Ok."

Harry, Ron und Ginny starrten Draco eine lange Zeit an. Das er hier mit ihnen am Tisch saß, konnten sie nicht so einfach akzeptieren und noch viel weniger, dass Hermine ihn umarmt hatte. Draco merkte die Blicke und sagte:

„Ich geh besser."

„Aber wieso?", fragte Hermine.

„Ja, genau Malfoy, wieso?", sagte Ron spöttisch.

„Weil ich etwas…" Mitten im Satz brach er ab.

„…weil du etwas Besseres zu tun hast, als mit uns Versagern rum zu hängen, nicht?", sagte Ginny und legte sich dabei ganz lässig in den Arm von Harry, der über der Bank lag.

„Das habe ich nicht gesagt!"

„Wolltest du aber!", zickte sie.

„Wisst ihr was? Vergesst es."

„Was?"

„Alles. Einfach alles. Vergesst, dass ich hier gesessen habe. Vergesst, dass ich die Butterbiere geholt habe. Vergesst alles, was heute oder in den paar Tagen passiert ist."

Mit diesen Worten ging er. Hermine sah ihm nach. Galt das, was er gesagt hatte, auch für sie?

Sie sah ihm nach, bis er aus der Tür verschwunden war.

„Warum hast du ihn umarmt, Hermine?", fragte Ginny und beugte sich wieder nach vorne.

„Weil,…Ihr versteht das eh nicht. Ich will da auch nicht drüber reden. Bitte."

Ginny akzeptierte es und legte sich wieder in den Arm von Harry.

***

Hermine konnte nicht schlafen. Sie dachte über vieles nach und vor allem über Draco und ihr selbst.

Was ist heute passiert? Als Draco aufgetaucht ist,…Was war das?

Hermine horchte in sich hinein. Vor ihr tauchte der blonde Junge auf.

Er wollte nicht, dass mir etwas passiert und er wollte mich auf ein Butterbier einladen.

Und jetzt? Ohne Vorwarnung wollte er, dass ich alles vergesse. Oder meinte er nicht mich?

Draco, warum tust du das?

Wieso zerbreche ich mir eigentlich den Kopf darüber?

Weil du ihn magst!

Quatsch.

Komm schon geb es zu.

Nein, ich vertrage mich mit ihm, aber ihn mögen…

Warum hast du ihn umarmt?

Das war nur ein Dankeschön.

Aber was meinte er jetzt mit vergesst alles? Auch die Nachhilfestunden?

Hermine konnte nicht anders. Sie stand auf und setzte sich an ihren Tisch, um noch einen Brief an Draco zu schreiben. Lange überlegen brauchte sie nicht. Die Feder huschte über das Papier und ohne es zu wollen schrieb Hermine ihren Kummer von der Seele.

Draco,

ich liege schon die ganze Zeit wach und verstehe eine Sache nicht. Als du sagtest, dass wir alles vergessen sollen, meintest du dann auch die Nachhilfestunden?

Außerdem denke ich ständig an diesen Typen…Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Noch einmal Danke, dass du mir geholfen hast. Ich will gar nicht daran denken, wo ich sonst wäre.

Ich weiß nicht, ob du es gewollt hast oder überhaupt gemerkt, du hast mir in den letzten Tagen eine ganz andere Seite von dir gezeigt und die ist gar nicht so schlimm. Für Harry, Ron und Ginny muss ich mich entschuldigen, die wissen nichts, wie vereinbart, und…glauben, dass du… ich möchte jetzt nichts Falsches schreiben…sie glauben einfach, dass das ein Trick von dir ist.

Bitte sag oder schreib mir einfach, wie das jetzt ist, wegen der Nachhilfe meine ich.

Da du den Brief beim Frühstück erhalten wirst wünsche ich dir einen guten Morgen.

Hermine Granger

Hermine las sich den Brief noch einmal durch und war verunsichert ob sie ihn so abschicken sollte. Immerhin ging es um einen Malfoy. Außerdem war das überhaupt nicht ihre Art. Aber was soll's? Sie stand auf, steckte ihn in einen Umschlag und ging wieder zu Bett.