Unschuldig

***

Das Rauschen von Flügelschlägen war zu hören und alle Köpfe schossen in die Höhe. Hermine und Harry hielten ihre Köpfe gesenkt. Sie bekamen ja sowieso nie Post.

Harry nicht, weil seine Verwandten ihn hassten und Hermine nicht, weil ihre Eltern keine Eule besaßen, so bekam sie nur Post, wenn sie welche schickte.

Draco, der sonst auch nie Briefe bekam, war ziemlich erstaunt an diesem Morgen eine Eule vor sich sitzen zu sehen.

Hermine beobachtete ihn und traute ihren Augen nicht. Der grobe Draco band dem Tier behutsam den Brief vom Bein und streichelte es. Dann öffnete er die Nachricht und begann zu lesen.

Die Finger von Hermine verknoteten sich in ihrem Schoß, während sie sich auf die Lippe biss.

Der Blonde sah auf und fand sofort den Blickkontakt mit Hermine. Seine Gesichtszüge schienen ausdruckslos. Ohne eine Bemerkung, ohne auch nur ein Zeichen senkte er den Blick wieder und biss in sein Brot. War es das etwa? Mehr konnte er nicht erwidern?

Hermine war der Appetit vergangen. Sie stand auf und ging davon.

Zwei eisblaue Augen sahen ihr nach.

Es knarrte als Hermine die Tür zu alte Runen öffnete. Das Schloss war schon einige hundert Jahre alt und so hörte es sich auch an paar Stellen an.

Die Morgensonne strahlte in den Klassenraum und tauchte alles in eine warme Farbe. Es war wunderbar ruhig.

Sie setzte sich auf einen Platz und schloss die Augen. Hermine liebte es eine ruhige Stelle zu haben, wo sie ihre Gedanken für einen Moment loswerden konnte.

Wieder knarrte es und Hermine sah erschrocken auf. Die Tür schien sich von Geisterhand zu öffnen. Das Mädchen war zwar an Geistern gewöhnt, aber trotzdem konnte sie die Gänsehaut, die sich langsam auf ihrer Haut ausbreitete, nicht aufhalten.

Wie versteinert saß sie dort und blickte zur Tür, die nun gegen die Wand schlug. Draußen stand niemand. Zumindest konnte Hermine nichts erkennen. Es schauderte ihr.

Sie versuchte den Blick abzuwenden, schaffte es aber nicht.

Plötzlich trat eine Gestalt mit gesenktem Kopf aus dem Schatten der Wand. Erleichtert ließ sich Hermine zurück sinken. Die Person legte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen, immer noch hielt sie den Kopf gesenkt.

„Hast du mich erschreckt…", hauchte Hermine.

„War nicht meine Absicht.", flüsterte Draco.

„Stimmt was nicht?"

„Ich… glaube ich sollte es irgendwie alleine schaffen."

„Aber…"

Draco stieß sich vom Türrahmen ab und ging auf Hermine zu. Mit einer Hand stützte er sich auf den Tisch, während er sich mit seinem Körper nach vorne beugte und Hermine in die Augen sah. Zum ersten Mal konnte Hermine etwas anderes darin sehen als Hass und Verachtung.

„Ich habe zu viel Mist gebaut…"

„Wie kommst du denn jetzt darauf?"

„Deine Freunde haben mir gestern gezeigt, dass egal wie ich mich verändern werde… Ich werde für euch immer noch der alte Malfoy sein."

„Hast du meinen Brief nicht gelesen?"

„Doch, aber sogar du hast noch Angst vor mir."

„Ich… Nein."

Draco richtete sich auf und griff nach Hermines Hand. Das Mädchen zuckte schlagartig zusammen und starrte Draco an.

„Du hast Angst. Angst davor, dass ich dir etwas tun würde.", sagte er leise und blickte von ihren Händen in ihre Augen.

„Ja, du hast Recht, aber was soll ich tun? Jahrelang war ich für dich das Schlammblut…", flüsterte sie und versuchte seinen Blick zu entkommen.

„Und das tut mir Leid."

„Woher der plötzliche Wandel?"

„Ich… ich kann es dir nicht sagen, nicht jetzt.", sagte er und ließ ihre Hand sanft los.

Was war nur aus ihm geworden? „Bitte Draco, lass mich dir helfen."

Draco öffnete den Mund um noch etwas zu sagen, kam aber nicht mehr dazu. Eine Schar von Schülern betrat den Raum und hinter ihnen Professor Babbling. Ohne das Draco noch etwas tun konnte waren alle Plätze besetzt. Verwirrt stand er neben Hermine und sah sich um.

„Mr. Malfoy wollen Sie sich nicht setzten? Neben Miss Granger ist noch ein Platz frei.", sagte sie Professorin und deutete auf den leeren Platz neben der Gryffindore.

„Äh…", Draco sah Hermine an die ihm mit einem Nicken zeigte, dass es in Ordnung sei.

„Ich möchte schauen, wie viel bei Ihnen vom letzten Schuljahr hängen geblieben ist… Schlagt bitte die Seite vierhundertundzwanzig auf. Den Text der dort abgedruckt ist übersetzen Sie bitte. Bis zum Ende der Stunde haben Sie Zeit, danach werde ich die Arbeiten einsammeln und vielleicht benoten. Fangt bitte an."

Hermine holte ihre Feder raus und begann zu schreiben. Nach wenigen Minuten sah sie, dass Draco immer noch nichts tat. Sie sah auf und beobachtete ihn.

„Was denn? Du findest das bestimmt lustig nicht?", giftete er sie an.

„Ich? Nein, wie kommst du denn…"

„So wie du mich anschaust…"

Hermine holte Luft und legte ihr Pergament zwischen ihr und Draco. Der Junge sah sie verwirrt an.

„Wenn du willst, schreib ab.", sagte sie fest und widmete sich wieder ihrem Text.

„Wieso?"

„Mach es einfach."

Ein kleines Lächeln umspielte Dracos Lippen und bei diesem Anblick konnte Hermine auch nicht anders als zu Lächeln. Ihr kam es vor wie eine Ewigkeit. Ihr Blick schien an ihm zu kleben.

„Aua!", sie schrie vor Schmerz auf. Draco sah geschockt zu seiner Nachbarin, die den Tränen nahe zu sein schien. Erst dann sah er, wie sie ihren Fuß auf die Bank gestellte hatte und ihn am Knöchel rieb. Alle Blicke waren auf ihn und auf Hermine gerichtet.

„Aua, verdammt!", schrie Hermine ein zweites mal und auch ihr linkes Bein schnellte hoch. Draco reagierte schnell und war unterm Tisch verschwunden. Er war zwar schnell gewesen, jedoch nicht schnell genug. Er sah nur noch wie ein Schwanz, von welchem Tier wusste er nicht, in einem Loch im Boden, verschwand.

„Mr. Malfoy können Sie mir verraten was das soll?", fragte die Professorin und stand plötzlich vor den beiden Schülern.

„Was, was soll?", fragte Hermine.

„Miss Granger, ich habe Mr. Malfoy gefragt."

Draco tauchte unterm Tisch wieder hervor und sah seiner Professorin in die Augen.

„Ich weiß es nicht!", sagte er wahrheitsgemäß.

„Sie wollen mir also allen ernstes sagen, dass Sie es nicht waren?"

„Ich war es auch nicht. Unter dem Tisch war…", versuchte er sich zu verteidigen. Erfolglos.

„Seien Sie still. Melden Sie sich unverzüglich im Büro von Professor Dumbledore."

„Aber…"

„Auf der Stelle!"

Gerade als Draco aufstehen wollte, hielt Hermine ihm am Umhang fest.

„Entschuldigen Sie, aber Draco hat damit nichts zu tun."

„Hören sie auf. Er wird sich beim Schulleiter melden und Sie, Miss Granger, halten sich bitte daraus."

Draco schüttelte Hermine ab und verschwand. Seine Aufgaben wurden von Babbling eingesammelt. Der restliche Unterricht konnte Hermine sich nicht mehr konzentrieren. Warum hatte sie bloß geschrieen? Jetzt saß Draco bei Dumbledore und das unschuldig.

„Professor?"

„Miss Granger?"

„Wieso glauben Sie, dass es Draco war?"

„Miss Granger, Mr. Malfoy ist wie sein Name schon sagt ein Malfoy und Slytherin."

„Nur deswegen? Nur weil er Malfoy heißt und ein Slytherin ist?", fragte Hermine schockiert.

„Nun nicht nur deswegen. Er hat sich schon viele Streiche erlaubt und da ich weiß, wie Sie zu ihm im Verhältnis stehen, war es für mich von Anfang an klar, dass er es war."

Hermine nickte und gab sich wieder an ihre alten Runen. Sie hatte ja doch keine Chance gegen Babbling.

***

Mit einer zitternden Hand klopfte Hermine an die Tür. Auf ein „Herein" betrat sie das Büro. Hinter einem großen Schreibtisch saß Albus Dumbledore und davor auf einem Stuhl Draco. Der blonde Junge setzte sich aufrechter als er sie sah. Hermine trat an den Tisch und sah ihren Schulleiter mit ernster Miene an.

„Miss Granger, was kann ich für Sie tun?", fragte Dumbledore freundlich.

„Für mich nichts direkt, Professor, aber für Draco."

Dumbledore sah sie erstaunt durch seine Halbmondbrille an. Noch nie hatte er Hermine Draco beim Vornamen nennen hören und sie hatte sich schon gar nicht für ihn eingesetzt.

„Was ist es denn genau?", fragte er, „Draco kann mir anscheinend nichts erzählen."

„Das kann er auch nicht, wirklich nicht! Professor, Draco trifft keine Schuld. Es war ein kleines Tier, das mich gebissen hat. Professor Babbling hat falsche Entschlüsse getroffen. Ich würde hier jetzt nicht stehen, wenn Draco wirklich Schuld hätte. Sie müssen mir einfach glauben."

„Miss Granger, ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann. Sie haben es mir oft genug bewiesen und in Falle eines Falles würde ich Ihnen sogar mein Leben anvertrauen."

Hermine hielt die Luft an. Es war ein großes Kompliment.

„Aber…?", fragte Hermine vorsichtig.

„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Sie setzten sich einfach so für Mr. Malfoy ein."

„Ich weiß, aber…" Hermine sah zu Draco. Sie musste es Dumbledore erzählen.

„Ich stehe tief in Dracos Schuld und habe mit ihm auch schon einige Stunden verbracht… Ich weiß, dass es am Anfang komisch ist, aber bitte Draco trifft überhaupt keine Schuld."

Dumbledore lachte. Hermine hatte das Gefühl sie hätte etwas Falsches gemacht, bis er sagte: „ Miss Granger, ich glaube Ihnen und lasse Mr. Malfoy gehen."

„Danke.", sagte Hermine erleichtert. Draco stand auf, nickte seinem Schulleiter dankend zu und verließ mit Hermine das Büro. Als sie auf dem gang standen, sagte Draco:

„Die Nachhilfestunden bleiben."

Hermine lächelte und lief davon, ohne auch nur noch ein Wort zu sagen.