Die Frisur

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„Draco, warum konzentrierst du dich nicht?", fragte Hermine, als Draco bestimmt zum zehnten Mal den Zauber vergeigte.

„Das tu ich wohl!", erwiderte er.

„Warum bekommst du ihn dann nicht hin?"

Draco stellte sich vor Hermine und brüllte:

„Ich bin eben nicht so gut wie du und beherrsche Zauber nicht direkt. Bei mir benötigt man eben Geduld!"

Er setzte sich an den Tisch und stützte seinen Kopf in die Hände. Miss Pince kam um ein Regal und sah Hermine streng an, diese zuckte aber nur mit den Schultern und beobachtete Draco. Das Mädchen wusste, dass dies nicht der Grund war. Irgendetwas war im Busch. Sie kniete sich neben ihn und sagte:

„Ich habe Geduld, Draco, aber ich soll dir die Sachen beibringen. Wenn du dich aber nicht konzentrierst bekommst du so etwas nicht hin. Willst du mir nicht sagen was los ist?"

„Ich habe das Gefühl, dass ich es einfach nicht packe!", sagte er schließlich.

„Du wirst es packen, Draco!"Es war nicht alles, aber was ihm am meisten beschäftigte, wollte er ihr nicht erzählen. Er merkte, wie ihm plötzlich etwas nasses die Wange hinunterlief. Hermine bemerkte die Träne auch und legte eine Hand auf seine Schulter.

„Hey, Draco, das bekommen wir schon hin. McGonagall wird dich nicht wieder erkennen."

Draco fühlte sich, als er Hermines Hand spürte und ihre Stimme hörte, gleich viel besser.

„Also, willst du es nicht noch mal versuchen?", fragte Hermine und Draco nickte. Er wischte sich die Träne aus dem Gesicht und stand auf. Dann hob er den Zauberstab und sagte:

„Feraverto!"

Die Haare der Puppe schwebten für einen Moment und banden sich selber zu einem Pferdeschwanz zusammen. Hermine schrie auf.

„Du hast es geschafft! Du hast es geschafft!"

Draco wusste nicht was er sagen sollte. Er drehte sich zu Hermine, die auf und ab hüpfte, und lächelte sie an.

„Und weißt du was?", fragte sie ihn. Draco schüttelte den Kopf, ihm schwand grauenvolles.

„Du kannst es, also probier es aus!", sagte sie.

„Was?"

„Den Zauber."

„Habe ich doch gerade.", sagte Draco verwirrt und deutete auf die Puppe.

„Nein, du sollst den Zauber an mir ausprobieren!"

„Nein, wenn das schief geht…", sagte er panisch und winkte ab.

„Da geht nichts schief, Draco. Ich vertraue dir und weiß, dass du es kannst. Na los!"

„Auf deine Verantwortung!"

„Auf meine Verantwortung.", sagte Hermine mit einem Lächeln.

„Feraverto!"

Hermines Haar schwebte, wie bei der Puppe, einen Moment, dann fixierten ein paar blumenartige Spangen das Haar am Hinterkopf, ein paar Strähnen blieben hängen und kringelten sich wie bei einem Lockenstab. Der Pony wurde nach hinten gesteckt.

„Fertig.", sagte Draco.

„Ja? Ok, warte mal, Waddiwasi!" Aus dem Nichts tauchte ein Spiegel in Hermines Hand auf und sie betrachtete ihre Frisur. Es war die Frisur, die sie selber, vor drei Jahren, auf dem Weihnachtsball getragen hatte. Sie sah Draco an.

„War das mit Absicht?", fragte sie fast atemlos.

„Was?"

„Die Frisur hier! Die habe ich, vor drei Jahren,…"

„…auf dem Weihnachtsball getragen!", beendete er ihren Satz und nickte.

„Woher…?"

„Ich habe mir überlegt, welche Frisur ich dir auf den Hals, in dem Falle wohl mehr auf den Kopf, hetze. Ich habe mich dann an den Weihnachtsball erinnert, Krum hat noch Tage danach von dir geschwärmt, und fand das das keine schlechte Idee wäre, aber wenn du nicht willst…Feraverto!"

Hermines Haare lösten sich und flogen ihr ins Gesicht. Die gerade eben schönen glatten Haare, lagen wild und ungezähmt in ihrem Gesicht. Sie strich sie nach hinten und funkelte Draco böse an.

„Diesen Blick kenne ich!", sagte Draco und wich einige Schritte zurück.

„Den solltest du auch kennen!", sagte Hermine und ihre Augen blitzten auf.

Ohne Vorwarnung stürzte sie auf Draco, dieser konnte gerade noch ausweichen. Hermine, die darauf nicht vorbereitet war, verlor das Gleichgewicht und fiel.

„So fühlt es sich also an, wenn ein Mädchen einem zu Füßen liegt!", scherzte Draco.

„Haha, sehr komisch!", sagte Hermine. Sie drehte sich zu ihm und blieb auf dem Boden sitzen.

Hermine musterte Draco von unten bis oben. Er stand vor ihr, mit einem verschmitzten Lächeln und hielt ihr die Hand entgegen. Noch vor ein paar Monaten hätte Hermine gar nicht daran gedacht, sich von ihm helfen zu lassen, geschweige denn ihm zu helfen.

Doch irgendetwas hatte sich verändert und sie nahm seine Hand. Draco half ihr auf und Hermine stand mit beiden Beinen wieder auf dem Boden.

Draco hatte seine Hände auf ihre Oberarme gelegt und starrte sie von oben an.

Hermine spürte den Blick und sah zu ihm hinauf, in sein Gesicht. Genauer genommen in seine eiskalt blauen Augen. Er erwiderte ihren Blick und legte eine Hand auf ihre Wange. Hermine ließ ihm freie Bahn und wartete. Er kam ein wenig näher und…

„Hermine…!"

Die genannte und Draco schraken auseinander. Harry und Ron waren in die Bibliothek gestürmt und hatten, bei dem Anblick von Malfoy und Hermine, inne gehalten. Was sie dort gesehen hatten, wollten und konnten sie nicht begreifen. Hermine strich mit einem Finger das Haar hinter das Ohr und sagte:

„Harry, Ron was macht ihr denn hier?"

„Äh…" Durch den „Schock" den beide gerade erlitten hatten, wussten sie nicht mehr so recht, was sie eigentlich wollten.

„Was äh?", fragte Draco. Er war sauer. Hatten die beiden Trottel doch gerade den Moment zerstört.

„Wir ähm…"

„Ja?", fragte Hermine ein wenig aufgebracht. Auch sie war sauer, wollte aber nicht, dass einer von den beiden etwas merkte.

„Professor McGonagall schickt uns. Sie möchte mit Malfoy reden!", sagte Harry.

„Sie möchte mit mir sprechen? Aber woher weiß sie, wo ich bin?"

„Jaha und keine Ahnung!", sagte Harry.

„Ok." Draco überkam eine plötzliche Panik. Was wollte McGonagall von ihm? Wollte sie ihn schon früher prüfen? Oder meinte sie, es hätte keinen Zweck mehr und wollte ihn von der Schule schmeißen, wegen mangelnder Leistung? All das ging Draco in den paar Sekunden durch den Kopf. Hermine erkannte die Panik in seiner Stimme und sagte:

„Draco, soll ich mitkommen?"

„Professor McGonagall hat ausdrücklich nach Malfoy verlangt!", sagte Harry.

„Das kann sie mir ja dann noch mal sagen!"

„Glaubst du uns nicht?", fragte Ron und verschränkte die Arme.

„Doch natürlich, aber ich möchte wissen was Sache ist. Draco, soll ich nun mitkommen?"

„Nein. Hör auf Potter und Weasley." Er wollte nicht das Hermine etwas erfuhr, was ihr wirklich nichts anging. Auf der anderen Seite, wollte er aber genau das Gegenteil von dem, was er gerade gesagt hatte und Hermine bemerkte es.

„Ok, ich komme mit."

„Was…?", riefen Ron und Harry.

„Ihr habt richtig gehört. Komm Draco."

Sie hackte sich an seinem Arm und zog ihn mit. Harry und Ron starrten ihr mit offenen Mündern nach.

„Hast du gesehen, wie sie sich bei Malfoy eingehackt hat?", fragte Ron.

„Ja! Wenn du mich fragst stimmt irgendetwas nicht. Irgendetwas läuft zwischen den beiden und wir sollen es nicht mit bekommen."

„Das würde auch erklären, warum Hermine gerade eben so sauer war, nachdem wir hier einfach reingestürmt sind.", sagte Ron.

„Genau, wir hätten sie nämlich fast erwischt. Aber warum hängen sie ständig zusammen?"

„Harry sei mal ehrlich, glaubst du wirklich, dass Malfoy und unsere Hermine…"

„Ich hoffe nein, aber Glauben tu ich es."

„Dann lass uns hoffen, dass das hier alles nicht stimmt und spätestens bei den Weihnachtsferien wieder alles in Ordnung ist."

Harry und Ron verließen die Bibliothek und machten sich auf nach Hagrid, für eine Tasse Tee.