Nachsitzen
***
McGonagall beendete den Unterricht und behielt Hermine da.
„Miss Granger, ich frage Sie noch einmal, was war das gerade eben?"
„Sie haben es doch gesehen. Crabbe hat etwas gesagt, was mich zornig gemacht hat und da ich davor schon nicht gut drauf war, hat das eben das Fass zum überlaufen gebracht.", erklärte Hermine.
„Was hat er denn gesagt?", wollte McGonagall wissen.
„Bitte, Professor, dass möchte ich doch besser für mich behalten."
„Ok. Ich werde aber den Unterricht, den Sie Mr. Malfoy geben, absagen."
„Was?", fragte Hermine schockiert.
„Das, was er heute hier an Leistung gebracht hat, kann ich nicht prüfen!"
„Aber er hat doch noch fast drei Wochen Zeit und Sie haben mir versprochen, dass ich weiter machen kann und Sie es für sich behalten.", sagte Hermine verzweifelt und rang die Hände.
„Ich weiß und es wird auch unter uns bleiben aber trotz allem… Ich bitte Sie Mr. Malfoy davon zu unterrichten."
„Ja, mach ich.", sagte Hermine ziemlich enttäuscht.
„Und noch etwas. Ihr Nachsitzen findet heute Nachmittag statt."
„Heute Nachmittag?"
„Ja, passt es Ihnen nicht?"
„Na ja, nicht wirklich, aber ich werde kommen."
„Sehr gut. Sie dürfen gehen. Halt, warten Sie noch einen Moment… Feraverto!"
Hermine hatte ihre Haare komplett vergessen. Jetzt lagen sie wieder normal hinunter.
„Danke, Professor."
Hermine tat nun wie ihr so eben geheißen und verließ den Raum. Als sie draußen war, blieb sie erstaunt stehen. An der Wand gegenüber lehnte, ganz lässig, Draco.
„Was willst du denn jetzt?", fragte sie hochnäsig. Sie war sauer, sauer und noch mal sauer.
„Reden!"
„Wüsste nicht worüber!"
Das waren ihre einzigen Worte und sie ging. Draco stand immer noch an der Wand. Irgendwas war schief gelaufen. Aber was? Er schüttelte den Kopf. Natürlich wusste er, was schief gelaufen war, aber dafür musste Hermine doch nicht gleich so werden. Oder doch?
***
Hermine fand Harry und Ron beim Mittagessen und setzte sich zu ihnen.
„Was wollte McGonagall noch?", fragte Ron mit vollem Mund.
„Sie wollte wissen, warum ich so ausgerastet bin.", erklärte sie und goss sich ein Glas Kürbissaft ein.
„Hast du ihr gesagt warum?", fragte Harry, der wie Ron genauso wenig Ahnung hatte wie McGonagall.
„Natürlich nicht.", sagte Hermine entrüstet und nahm einen verzweifelten Schluck.
„Was war eigentlich?", fragte Ron.
„Ist schon gut. Crabbe hat nur etwas gesagt, was mich dazu verleitet hat."
„Egal, wir gehen gleich erst mal ins Dorf und…"
„Das habe ich gerade komplett vergessen. Ich kann nicht. Ich muss Nachsitzen.", sagte Hermine.
„Das hat die wirklich ernst gemeint?", fragte Ron baff.
„Ja. Ihr hättet den Ton von ihr hören müssen…"
„Und das alles wegen Malfoy!", sagte Ron und seine Augen verengten sich Augenblicklich zu schlitzen. Langsam drehte er sich um und suchte den Slytherintisch ab. Bereit einen bestimmten Blonden mit seinem Blick zu erdolchen.
„Nein, es war nicht seine Schuld. Es war Crabbe.", verteidigte Hermine Draco und war genauso verwirrt. Wieso nahm sie ihn eigentlich in Schutz? War es nicht genauso wegen ihm?
„Aber hätte er das mit der Frisur nicht so vergeigt, dann wärst du nicht so schnell auf hundertachtzig gewesen.", meinte Harry.
„Nein, dass war es wirklich nicht… oder doch?"
Hermine hob die Schultern und häufte sich Schnitzel Hollandaise mit Kroketten auf den Teller.
***
Das Gryffindormädchen war auf den Weg zum Klassenzimmer, um nachzusitzen, als hinter ihr eine Stimm ertönte, die sie absolut nicht hören wollte.
„Hermine, Hermine warte doch mal!"
Sie beschleunigte ihre Schritte. Die Person hinter ihr tat es ihr gleich. Hermine wusste, dass sie nicht entkommen konnte, drehte sich blitzschnell um und rief:
„Was? Was hast du für ein Problem?"
Draco rannte gegen sie und warf sie um. Dabei verlor Hermine ihre Unterlagen, die sie mitbringen sollte.
„Super Malfoy. Echt klasse. Spitzen Leistung.", schnaubte sie zornig und versuchte mit fahrigen Händen alles wieder einzusammeln.
„War nicht mit Absicht.", nuschelte er.
Er bückte sich und half ihr, die Unterlagen wieder einzusammeln. Zumindest versuchter er es, denn Hermine sagte sofort:
„Danke Malfoy, auf deine Hilfe kann ich echt verzichten."
„Was hast du für ein Problem?", fragte er wütend und hielt inne, als Hermine ihm einen Stapel Pergament aus der Hand riss.
„Das war meine Frage! Also, du zu erst!"
Hermine stand mit Malfoy auf und wartete. Er stand eine lange Zeit dort, ohne ein Wort zu sagen.
„Ich habe Nachsitzen und wenn du noch länger brauchst komme ich zu spät. Ach, einen Moment, ich vergaß, du willst es ja!", sagte sie mit einem sehr arroganten Tonfall und schlug sich spielerisch die Hand vor den Mund.
„Ich habe Crabbe nicht geschlagen.", sagte er und Zorn funkelte in seinen Augen.
Hermine verdrehte die Augen. Das er auch gar nichts verstand. Sie machte sich wieder auf den Weg zu McGonagall.
„Hey!", sagte Malfoy und ging neben ihr.
„Ich habe gesagt du sollst dich beeilen und außerdem hat das mit Crabbe überhaupt nichts zu tun, dass ich so sauer war.", sagte sie.
„Ach nein? Dann bin ich wieder Schuld oder was?", fragte er und versperrte ihr den Weg.
„Du bist immer Schuld, Malfoy. Verstehst du das nicht?", fragte Hermine und drängte sich an ihm vorbei, um die letzten Meter zum Klassenraum zu gehen.
„Was habe ich dir getan?", fragte Malfoy noch einmal, als Hermine vor der Tür zum Klassenraum stand.
„Wenn du es selber nicht weißt, tust du mir echt Leid."
Sie öffnete die Tür und Draco schrie:
„Wenn du das mit den Haaren meinst, ich habe dich gebeten, dich raus zu halten und dann kommst du mit so einer Nummer an. Ich habe dich nie darum gebeten, dass du mir hilfst.
Wenn man nicht hören will, dann muss man eben fühlen!"
„Du hast mich gebeten, Malfoy!", schrie Hermine zurück.
„Nachdem du es mir angeboten hast!"
„Was auf dasselbe hinausführt!"
McGonagall hört gespannt zu. Merkten die beiden nicht, dass sie im Raum war?
„Ich habe dir kurz davor gesagt, dass ich nicht mehr will. Du bist selber Schuld…", zischte Draco und legte eine Hand direkt neben Hermine an der Mauer ab.
„Also willst du es doch?", fragte Hermine.
„Was?"
„Na, dass ich Nachsitzen habe!", spie Hermine und schielt zu seinem Arm. Konnte er ihn nicht wegnehmen? Irgendwie verlieh ihr das ein beklemmendes Gefühl. Woher nur?
„Nein.", sagte er entschlossen.
„Ach und wieso nicht?"
Dracos Stimme wurde wieder leise und er sagte ganz normal, als er sich zu ihr beugte:
„Weil du es nicht verdient hast. Du hast mir den Zauber perfekt beigebracht. Ja, ich habe die Haare extra anbrennen lassen und ja, Crabbe war wirklich Schuld. Ich wäre auch ausgetickt und es tut mir auch wirklich Leid. Ich hätte dir erzählen sollen, warum ich es nicht will."
Hermine stand dort und wusste nicht, was sie sagen sollte. Draco hatte gerade ein Geständnis abgelegt und meinte es auch noch ernst.
„Wenn Sie den Zauber so gut beherrschen, Mr. Malfoy, wollen Sie ihn mir dann nicht vorführen?" McGonagall stand plötzlich hinter Hermine im Türrahmen.
Sie und Draco, der schnell wieder Distanz zu seiner Klassenkameradin aufbaute, liefen rot an. Hatte ihre Professorin alles mitbekommen?
„Nun?"
Draco sah zu Hermine. Diesmal war sie nicht Schuld und wenn McGonagall wirklich alles mitbekommen hatte, konnte er auch nicht mehr sagen, dass er ihn nicht beherrschte.
Er zögerte einen Moment und ging in den Klassenraum, dicht gefolgt von Hermine und dahinter McGonagall. Auf dem Tisch von McGonagall stand immer noch die Puppe und wartete wieder darauf angegriffen zu werden. Draco sah zu McGonagall, die ihm ein Zeichen gab, dass er anfangen durfte. Er holte seinen Zauberstab hervor und sagte:
„Feraverto!"
Die Haare der Puppe schwebten, wie schon beim üben und steckten sich zu Hermines Weihnachtsfrisur zusammen.
„Bravo, Mr. Malfoy. Bravo. Exzellente Leistung."
Hermines Lippen verformten sich zu einem Lächeln. Sie war stolz. Stolz auf das, was sie aus Draco gemacht hatte und stolz auf ihn selber.
„Danke, Professor, aber wie schon gesagt, ich hatte eine fabelhafte Lehrerin."
„Natürlich. Natürlich. Miss Granger, auch Sie fabelhafte Leistung!"
Sie reichte Hermine und Draco die Hand.
„Miss Granger, auf Grund der guten Leistung, die Sie aus Mr. Malfoy herausgequetscht haben, hebe ich das Nachsitzen auf!"
„Nein?!", fragte Hermine baff.
„Doch, Sie haben es sich verdient und ich hoffe, dass der Ausraster von heute Morgen eine Einmalige Aktion gewesen ist."
„Natürlich, Professor. Danke!", sagte Hermine strahlend und klatschte in die Hände. McGonagall quittierte dies nur mit einem amüsierenden Blick.
Hermine freute sich. Sie war zu frieden und Draco dankbar. Wenn er nicht gewesen wäre, wer weiß, was sie hätte tun müssen.
„Sie dürfen gehen!"
Draco und Hermine verließen den Klassenraum und machten sich auf den Weg.
„Wo gehst du jetzt noch hin?", fragte Draco.
„Nach Hogsmeade. Harry und Ron sind dort und mal schauen, ob ich sie finde. Willst du nicht mitkommen? Ich könnte ein wenig Gesellschaft gebrauchen!", lud Hermine ihn ein. Der Zorn war schon längst wieder verflogen und sie genoss seien Gesellschaft. Vielleicht auch ein wenig zu sehr. Aber sie war jetzt einfach zu glücklich, als sich um dies Gedanken zu machen.
„Na ja, dass beim letzten mal, hat mir eigentlich gereicht.", gestand Draco und schaute zu Boden, als wäre dort etwas interessanteres als Stein und Fugen.
„Ich verspreche dir, wenn die blöde Sprüche klopfen, bin ich mit dir weg.", sagte Hermine und stich ihm mit einem Finger in die Seite. Der Slytherin sprang erschrocken zur Seite und als er Hermine lächeln sah, willigte er ein.
„Aber… du darfst dir auch nichts zu diesem Thema erlauben.", sagte sie ernst.
„Natürlich nicht."
„Dann ist ja gut. Komm."
Hermine hakte sich wieder bei Draco ein und marschierte mit ihm aus dem Schlossportal.
„Du, Hermine?", fragte Draco und schaute an ihr vorbei.
„Ja!"
„Ich habe doch was von dieser fabelhaften Lehrerin gesagt…"
„Ja!?"
Hermine vermutete übles. War sie nicht die so genannte Lehrerin?
„Ich würde mich freuen, wenn ich die Lehrerin noch einige Zeit behalten durfte."
Sie blieb stehen, wobei Draco, der mit so etwas nicht gefasst war, wieder zurück gerissen wurde, denn immer noch hing Hermine an seinem Arm.
„Meinst du das ernst?", fragte Hermine.
„Ja. Es war, glaube ich, nicht so in Ordnung, dir einfach einen Brief zu schicken.", gestand er und nahm nun den Augenkontakt auf.
„Nein, dass war es nicht. Aber wieso wolltest du aufhören?", fragte Hermine nun.
„An dem Tag, als ich nach McGonagall sollte, sagte sie, dass mein Vater sich bei ihr gemeldet hätte."
„Bei McGonagall, aber wieso nicht Snape?"
„Er weiß ja, dass ich im Moment nichts gepackt kriege…"
„Aber das stimmt doch nicht.", wehrte Hermine, als sie sah, wie bedrückt Draco war. Ihm lastete es schwer auf dem Magen, oder, jetzt wo sie wusste, dass er ein Herz besaß, dort.
„Zumindest meinte er, dass ich hier zu wenig lerne oder die Lehrer nichts beibringen können…"
„Das ist ja Frechheit pur. Sorry Draco, aber…", empörte sich Hermine.
„Du hast Recht. Er wollte oder will mich auf eine andere Schule schicken. McGonagall versucht mit meinem Vater zu reden, dass wenn ich die Prüfung bestehe hier bleiben kann und wenn nicht, dass er mich von der Schule nehmen kann. Deswegen hat er sich an McGonagall gewannt, weil sie Stellvertretende Direktorin ist."
„Hat sie denn schon?"
„Nein, ich glaube nicht. Sie wollte mir bescheid sagen."
„Alles klar. Ich bekomm auch bescheid, okay?"
„Ja klar."
Hermine lachte und ging mit Draco weiter.
***
Oben im Turm, sahen zwei Personen aus dem Fenster und beobachten die Beiden.
„Meinen Sie, dass die…"
„Ich weiß es nicht."
„Glauben Sie denn, dass Voldemort Konsequenzen ziehen wird?"
„Ich glaube nicht, ich weiß es."
„Was wäre es denn im schlimmsten Falle?"
„Für Miss Granger der Tod. Für Mr. Malfoy… bin ich mir nicht so sicher. Entweder wird er auch sterben oder er wird verbannt."
„Ist das alles? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich meine, ob nur die beiden Konsequenzen zu tragen haben."
„Nein. Womöglich nicht, aber daran möchte ich jetzt noch nicht denken."
Sie wandten sich vom Fenster ab.
„Miss Granger hat Mr. Malfoy schon einiges beigebracht und nicht nur Zauber."
„Das höre ich gerne. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass nicht zu viel passiert, Minerva."
„Ja, Albus. Ich werde mein möglichstes tun."
„Das hoffe ich und werde ich auch."
„Auf wieder sehen!"
„Auf wieder sehen!"
Mit diesen Worten verließ McGonagall das Büro des Schulleiters.
Dumbledore ging wieder zum Fenster und sah Draco und Hermine als schwarze Punkte verschwinden.
