Ein böser Traum
***
Draco lag lange in der Nacht wach. Immer wieder fuhr er sich mit der Hand über die Wange, wo Hermine ihn geküsst hatte. Sie musste ihm wirklich dankbar sein, um so etwas zu tun. Oder mochte sie ihn?
Er dachte an Hogsmeade und den Mann. Wenn Harry und Ron nicht aufgetaucht wären, wäre es ein gelungener Nachmittag gewesen. Eigentlich waren die beiden an alles Schuld, auch daran, dass Hermine entführt worden war. Schließlich war sie abgehauen, weil sie das Gelaber von denen nicht mehr ertragen konnte.
Und das Gesicht von Hermine würde er nie wieder vergessen. Wie sie dort saß und die Panik ihr direkt ins Gesicht geschrieben war. Er hätte an Hermines stelle vielleicht auch Panik gehabt, zumindest wäre er demjenigen dankbar gewesen, der ihn dort raus geholt hätte.
Jetzt fuhr er sich wieder mit der Hand über die Wange. Ja, Hermine war ihm dankbar.
Er schloss seine Augen und schlief ein.
Er träumte vom vergangenen Tag. Vom Mann und der panischen Hermine.
Ein paar Meter weiter, im Gryffindoreturm, träumte Hermine dasselbe, aus ihrer Sicht:
Sie stand wieder vor Zonkos Scherzartikelladen und wartete auf Draco. Plötzlich packte eine große Hand Hermine an der Schulter. Erschrocken wirbelte sie herum und starrte in feindselige, giftgrüne Augen. Der Mann kam ihr bekannt vor. Dann dämmerte es ihr, es war der Mann aus den „Drei Besen". Sie bekam Panik, wollte wegrennen, doch der Mann hielt sie am Arm fest. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, aber sie war zu schwach.
„Was wollen Sie von mir?", schrie sie.
„Komm nur mit."
„Nein."
Hermine versuchte stehen zu bleiben, wurde aber von der Kraft des großen Mannes mitgezogen. Immer wieder sträubte sie sich gegen ihn und verstauchte dabei ihr Handgelenk. Der Schmerz machte ihr nichts, sie wollte weg. Erfolglos versuchte sie an ihren Zauberstab zu gelangen. Allmählich kamen sie in eine Gegend, wo kein Schüler von Hogwarts gerne hin ging. Vor einem Pup blieben sie stehen. Verstaubte Fenster verrieten, dass man nicht sah, was drinnen getan wurde. Oben, über der alten Holztür, stand in, von den Jahreszeiten abgenutzten Lettern, „Eberkopf". Der Mann legte seine andere Hand auf die Klinke und drückte sie hinunter. Sofort schwang die Tür knarrend auf und er zerrte Hermine mit hinein. Kein Tisch war besetzt. Er schleifte sie trotzdem in die dunkelste Ecke. Der Mann gab Hermine einen kleinen Stoß, sodass sie ihr Gleichgewicht verlor und rückwärts auf die Bank fiel. Schnell richtete sie sich auf und rutschte soweit wie es ging von dem Mann fort. Dieser setzte sich nun auch auf die Bank und rutschte Hermine nach. Als er ihr näher kam, flüsterte er ihr ins Ohr:
„Beweg dich nicht von der Stelle, ich finde dich sowieso wieder."
Sie sah ihn mit großen Augen an. Der Mann stand wieder auf und ging. Eine Zeit lang saß sie dort. Sie wollte laufen, nur noch weglaufen, doch ihre Beine wollten sie nicht tragen. Ihr kompletter Körper war von der Panik gelähmt. Sie zitterte und betete, dass man ihr half. Hier in der Ecke gab es kein Fenster, wo sie nach Hilfe suchen konnte. Sie merkte, wie ihr plötzlich etwas nasses und warmes die Wangen hinunter lief. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurück halten. War das ihr Ende? Sie wollte nicht sterben, ohne sich bei Harry, Ron und Ginny zu entschuldigen und ohne Draco zu sagen…
In diesem Moment flog die Tür auf. Von der Ecke konnte man nicht erkennen, wer es war. Hermine flehte innerlich, dass es einer war, der ihr half. Die Gestalt kam auf Hermines Tisch zu. Sie konnte jetzt erkennen, dass es ein Mann war. Er trug eine Kapuze und kam immer näher zu ihr. Seine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie fuhr extrem zusammen.
„Hermine?"
Hermine öffnete die Augen. Die Stimme war ihr vertraut und ihr Herz machte einen Hüpfer, als sie realisierte, wer es war. Draco setzte sich neben sie und fragte:
„Was ist passiert?"
„Draco, schnell lauf. Lauf zu Harry und sag…"
Der Mann kam wieder und schlagartig veränderte sich alles. Der Albtraum des Tages wurde schlimmer:
Draco stand auf und der Mann sagte:
„Du wirst nirgendwo hin laufen, Freundchen."
Er ging auf Draco zu und schubste ihn so kräftig auf die Bank, dass er über Hermine fiel.
Sofort half sie ihm sich richtig hinzusetzten. Hermine hielt Draco mit beiden Händen am Arm fest.
„Jetzt erzähl mir doch mal, wer du bist. Wir haben uns ja schon einmal gesehen, da hast du diesem Mädchen ja auch geholfen.", sagte der Mann.
Draco blieb stumm. Nicht weil er Angst hatte, er wollte ihm nur nicht verraten, wer er war.
Der Mann beugte sich zu Draco und schrie ihm ins Gesicht:
„Bist du taub? Wer bist du?"
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht."
„Oh doch, es geht mir sehr wohl was an."
Er holte seinen Zauberstab aus der Tasche und hielt ihn Draco an die Kehle. Hermine atmete erschrocken auf und sagte, ohne Nachzudenken:
„Er ist mein Freund, ich denke das genügt."
Draco sah Hermine erstaunt an. Der Mann nahm den Zauberstab weg und sagte:
„So, also doch dein Freund?"
„Das wussten Sie doch schon."
„Nein. Ich habe gedacht, dass wäre ein Freund. Aber du hast mir immer noch nicht deinen Namen genannt."
„Den werden sie auch nie erfahren.", sagte Draco und stand auf. „Und jetzt lassen Sie uns gehen."
„Nein. Du kannst gehen, dass Mädchen aber bleibt."
„Ich werde nicht ohne sie gehen."
„Ich an deiner Stelle würde es tun oder…"
„Oder was?"
„Avada Kedavra."
Der grüne Lichtstrahl traf Draco. Er flog gegen die Wand und rutsche an ihr hinunter.
Der Mann lachte unter dem panischen Schreien von Hermine auf.
Schweißgebadet schrak Hermine aus ihrem Schlaf. Sie zitterte am ganzen Körper. Die Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Ginny kam auf sie zugestürmt. Hermine musste wirklich geschrieen haben.
„Hermine, was ist passiert?"
„Draco… er ist… tot."
„Das war nur ein Traum. Ein Albtraum."
Ginny nahm ihre Freundin in den Arm und strich ihr über den Kopf.
„Ihm ist nichts passiert. Er liegt in seinem Bett und schläft.", versuchte Ginny sie zu beruhigen.
Hermine zitterte immer noch, nickte aber.
Nach einer langen Zeit, hatte sich Hermine beruhigt.
„Danke Ginny."
„Kein Problem."
Sie ließ Hermine los und sagte:
„Du wirst sehen, morgen schon gibst du ihm wieder Nachhilfe."
„Was ist aber, wenn das so ein Traum war, wie Harry ihn oft hat."
„Erzähl mir doch mal, von dem Traum."
Hermine fing an zu erzählen und als sie geendet hatte, stand für Ginny fest, dass es einfach nur ein Traum war.
„Du hast genau das erlebt, was du heute schon mal erlebt hast. Nur das es sich zu einen Albtraum entwickelt hat. Du hast nichts Neues geträumt, also brauchst du keine Angst zu haben."
„Okay. Danke noch mal."
Ginny lächelte, stand auf und wollte gerade gehen, als Hermine sagte:
„Du Ginny?"
„Ja?"
„Ich weiß, dass du mich für verrückt halten wirst, aber ich mag ihn."
„Wen?"
„Draco. Er ist ganz anders, als Harry und Ron glauben. Er hat sich verändert und ich glaube, wenn sie ihm eine Chance geben würden, würden sie ihn auch anders kennen lernen."
„Ich halte dich nicht für verrückt. Ich wusste, dass du ihn magst."
„Seid wann?"
„Seid heute Abend genau."
„Er ist aber nur ein Freund!"
„Habe ich denn etwas anderes gesagt."
„Nein.", sagte Hermine lachend. „Tu mir aber einen gefallen und sag Ron und Harry nichts."
„Nein, dass mach ich nicht und jetzt schlaf weiter."
„Ja. Nacht."
Hermine legte sich zurück und wollte gerade die Augen schließen, als Ginny noch sagte:
„Ich mag ihn auch. Er hat meine beste Freundin gerettet."
„Schön zu hören."
Dann schlief Hermine wieder ein.
