Das wahre Gesicht
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Im Unterricht passte er nicht mehr auf. Hausaufgaben schaffte er nicht. Nachts konnte er sich nur von einer Seite auf die Andere drehen. Essen tat er nur selten und stach ansonsten nur drin herum. Und für den Rest der Welt war er nicht erreichbar.
Kurz um: Es ging ihm so dreckig wie nie zu vor. Ihm ging es schon dreckig, als er Hermine wach dort liegen sah, aber seid genau einer Woche lag sie im Koma. Dass St. Mungo hatte erlaubt, dass Hermine hier im Krankenflügel bleiben konnte, damit ihre Freunde und er sie besuchen konnten. Es gab keinen Tag, wo er nicht an ihrem Bett saß und hoffte, dass alles wieder gut werden würde.
Und was ihm noch verrückter machte war, dass er den Angreifer einfach nicht fand. Er war sich sicher, dass es einer aus Hogwarts gewesen sein musste. Einer der Hermine kannte.
„Draco!" Die Tür flog auf und Harry stürmte mit den Weasley Geschwistern herein.
„Noch lauter?", fragte Draco sarkastisch ohne sich umzudrehen. Seine Augen blieben auf Hermine gerichtet. Harry kam auf ihn zu und stellte einen Glasbehälter auf Hermines Nachttisch.
„Was soll…", fing Draco genervt an, bis er ein kleines Tier darin entdeckte. Ein Käfer. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Er war rund und auffällig grün. Draco streckte die Hand danach aus und nahm sich das Glas. Diesen Käfer kannte er. Nein, nicht die Art, aber den Käfer.
„Wo habt ihr den her?", fragte er vorsichtig.
„Wir haben ihn gefunden…"
„Gefunden?", fragte Draco ungläubig.
„Wir haben etwas recherchiert um den Käfer, der Hermine gebissen hat, zu finden", fing Ginny an, „und dabei sind wir auf diesen dort gestoßen. Was er allerdings tut, was nicht in den Büchern steht ist, dass er sich sehr auffällig benimmt. Egal wo du bist, dieser Käfer ist auch da."
„Was? Woher?"
„ Im Unterricht, hier im Krankenflügel, in der Großen Halle…Glaub ja nicht, dass wir dir hinterher schnüffeln, aber das ist echt…"
„Ich kenne diesen Käfer auch!"
„Er hat Hermine schon mal gebissen…" Draco hielt inne und dachte nach. „Es war in einer Runenstunde. Sie hat plötzlich aufgeschrieen und sich den Knöchel am Fuß gehalten. Ich habe nachgeschaut und da lief dieser Käfer…habe ihn aber nicht mehr rechtzeitig erwischt."
„Dann stimmt es also."
„Was stimmt?"
„Dieser Käfer ist zu neunundneunzig Prozent ein Animagus!", sagte Harry.
„Hab ich es mir doch gedacht!", sagte Draco. „Kein normaler Käfer würde nicht einfach so zu beißen und dann einfach mal so nur Hermine erwischen."
„Und jetzt?", fragte Ginny.
„Geh, hol McGonagall, Snape und Dumbledore!", sagte Harry. Ohne ein weiteres Wort rannte Ginny los. Der Käfer im Glas fing an auszurasten. Wer auch immer es war, er hatte alles verstanden. Draco strich Hermine eine Locke aus dem Gesicht und streichelte ihr übers Haar.
„Es wird alles wieder gut. Wenn wir wissen, wie man diesen Biss heilen kann, jetzt wo wir den Käfer haben, wird alles wieder gut.", sagte Harry, überrascht über sich selber, mehr zu Draco, als zu allen Anderen. Er setzte sich auf eine Kante des Bettes und sah seine Freundin an. Sie hatte sich im Koma erholt. Alles hatte wieder seine normale Farbe und jetzt noch mit den Locken sah sie aus, wie es Draco durch den Kopf ging, wie ein Engel.
Die Tür schwang zum zweiten Mal auf. Die Lehrer eilten zum Bett und begutachteten den Käfer.
„Miss Weasley, schließen Sie die Türe!", sagte McGonagall. Dumbledore öffnete das Glas und ließ den Käfer hinaus. Sofort schoss McGonagall einen Zauber los, der den Käfer perfekt traf. Er fing sich an zu drehen und wurde im größer. Aus dem grün wurden Klamotten. Langsam kamen lange schwarze Haare hervor, die auch immer länger wurden. Am Ende lag ein Mädchen auf dem Boden. Keiner im Raum sprach. Allen hatte es die Sprache verschlagen. Das Mädchen war kein anderes als…
„Casey?", sagte Ginny geschockt.
Das Mädchen stand auf und strich ihre Kleidung zu Recht. Sie war größer als sonst. Im alter von Hermine. Mit einem verstohlenen Lächeln ging Casey auf das Bett zu und schaute auf Hermine. Ein leichtes Lachen entfuhr ihr.
„Dumm nicht?"
„Sie meinen?", fragte McGonagall.
„Ja, ich gebe zu, ich habe sie gebissen. Sie bewies sich als äußerst hartnäckig also musste ich erneut ran, aber diesmal stärker als zuvor und dann funktionierte es. Aber du…" Sie sah Draco an. „Du hast sie nach hier gebracht! Wieso hast du sie nicht einfach liegen gelassen? Das wäre für dich sehr viel besser gewesen."
„Da irrst du dich!"
„Nein, glaub mir."
„Wieso hast du das getan?", fragte Ginny mit Tränen in den Augen.
„Sie hat alles beschmutzt. Sie hat es nicht besser verdient."
„So etwas hat sie am allerwenigsten verdient!", sagte Draco.
„Draco, genau du solltest wissen, wovon ich rede. Denk nach."
Der Junge musste nicht denken. Er wusste wovon wie sprach. Sie sprach von Voldemort und den Todessern. Wie konnte er nur so dumm gewesen sein?
„Ja, nicht? Wie konntest du nur so dumm gewesen sein? Wie konntest du dich nur mit einem Schlammblut einlassen?"
„Nein! Ich war zu dumm um zu erkenn welchen Spiel du spielst und jetzt sag mir…Du bist doch nicht alleine hier? Wo sind deine Aufpasser?"
„So dumm bist du doch nicht." Sie ging auf ihn zu und streichelte ihn über die Schulter. Alle Augen waren auf sie und Draco gerichtet. Casey beugte sich hinunter und sagte:
„Meine Eltern werden dir sehr gut bekannt sein!"
Draco sprang vom Stuhl und musste sich beherrschen nicht zuzuschlagen. Für alle Fälle hatte er aber die Hand schon zu einer Faust geballt. Casey lachte auf.
„Mein Vater hat mir erzählt, dass du ziemlich direkt bist, aber das wird dir nicht helfen. Es wird dir nicht helfen deine Fehler rückgängig zu machen!"
„ Welche Fehler?"
Caseys Augen verformten sich zu schlitzen. „Willst du es nicht verstehen? Sie war dein größter Fehler, Draco!"
„Was meine Fehler sind oder nicht kannst du nicht bestimmen und für mich… ist es kein Fehler. Wer also sind deine Eltern?"
Casey lachte schon wieder. „Denk nach! Du bist doch so ein schlauer und mutiger Junge."
Draco riss die Augen auf. Nein, dass konnte nicht sein. Nicht die!
„Genau Draco. Du hast es geschafft. Der Mann in den Drei Besen und im Eberkopf und die neue und, wie du findest, sehr attraktive Lehrerin."
„Was?", konnte man von allen Professoren Vernehmen. Doch Casey kümmerte sich nicht darum. Sie fing an um Draco herum zu gehen. Der Junge blieb stehen, ließ sie allerdings nicht aus den Augen.
„Man hat uns geschickt um zu schauen ob du wirklich Scheiße bauen würdest, was du letztendlich auch getan hast. Ich musste dich auf die Probe stellen, auch wenn das hieß, dass ich die Gestalt einer unschuldigen elf jährigen annehmen musste. Meine Mutter war dafür zuständig, herauszufinden ob ihr nun zusammen seid oder nicht und euch im Falle eines Falles auseinander zuhalten. Und zum Schluss mein guter Vater, ja, er hat versucht dieses Schlammblut von dir fortzukriegen, aber nein, Mr. Oberschlau musste sich mal wieder einmischen. Hättest du sofort geschnallt und sie gehen lassen, dann wäre das hier alles nicht nötig gewesen!" Beim letzten Satz zeigte Casey auf Hermine. Die immer noch reglos im Bett lag. „Wusstest du, dass Hermine sah, was mein Vater eigentlich mit dir vorhatte? In derselben Nacht zeigte er ihr Bilder, wo er dich umbrachte! Aber warum hat er es nicht getan? ER, sag ich dir, wäre außer sich gewesen und deine Eltern natürlich auch. Und da mein Vater wusste, dass du nicht ohne sie gehen wirst, musste er sie wohl oder übel, für meinen Teil mehr übel, freilassen."
„Alles war eingefädelt…Alles?"
„Hast du nicht zugehört? Du solltest dich nie in dieses Stück Schlamm verlieben. Nein, ich hatte ganz andere Pläne!" Sie stellte sich vor Draco. So nah, dass er sich kaum mehr traute zu atmen und doch hielt er Caseys Blick stand. In ihren Augen war nichts als Hass zusehen. Ihm überkam Angst. Wie würde es weiter gehen?
„Angst?", fragte Casey, als hätte sie es gerochen und begann wieder um ihm herum zugehen. „Komm schon. Du bist doch ein Malfoy. Ein Todesser. Und Todesser haben keine Angst."
„Du weißt ganz genau, dass das nicht stimmt."
„Ohoh, wenn das dein Vater hören würde und noch schlimmer ER!"
Draco sagte nichts. Sein Atem ging schnell und seine Fingernägel gruben sich langsam in seine Handfläche.
Harry stand dort und wusste nicht, was er tun sollte. Zum allerersten Mal stand er, in diesem Thema, nicht im Mittelpunkt. Er wusste wie man sich in solchen Situationen fühlte und ertappte sich selber, dass er Mitgefühl für Draco hatte. Was würde Hermine nur tun?
„Aber du hast Glück! Man gab mir noch eine zweite Aufgabe." Sie drehte sich zu Harry um und ging auf ihn zu. „Ich sollte das Vertrauen des Gryffindor - Schönlings gewinnen. Nun Harry? Hat es funktioniert?" Sie stellte sich an seine Seite und sah ihn an. Ginny hielt die Luft an und nahm seine Hand.
„Casey, wir haben dir nie wirklich vertraut. Du hast es damit zerstört immer alles wissen zu wollen.", sagte Harry mit einem Lächeln und hielt Ginny fester.
„Wie schade! Egal, es wird eh nicht mehr lange dauern und du bist nur noch Geschichte!"
„Nicht so lange wir noch mit reden!", sagte Ron und die Professoren nickten.
„Tja, dann tut es mir für alle wirklich Leid und vor allem…" Sie hielt inne und ging wieder auf Draco zu. Langsam legte sie einen Arm auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr:
„Und vor allem tust du mir Leid. Wie beide hätten fabelhaft zusammen gepasst!" Sie schloss ihre Augen und küsste Draco auf die Wange. Der Junge riss seinen Kopf zur Seite und schubste sie nach vorne. DAS dürfte nur EINE!
„Hör endlich auf damit!" Er riss sie auf einen Stuhl und beugte sich so über Casey, dass sie nicht wegrennen konnte.
„Und jetzt sagst du mir, wie ich Hermine wieder heilen kann! Und zwar Pronto! Und keine Lügen! Wenn du mir etwas Falsches sagst, kann ich für nichts mehr garantieren. Auch wenn ich sterben werde! Es wäre mir dann eh egal!"
„Wow, du scheinst dir ja sehr sicher zu sein. Und was ist, wenn man sie nicht mehr heilen kann?!"
Draco hielt inne. War das vielleicht das Ende von allem? Würde er Hermine nie wieder in die Augen sehen und sie nie wieder lachen hören können? Würde er sie wirklich nie wieder berühren können ohne eine Beteiligung von ihrer Seite? Langsam ging er zurück und setzt sich aufs Bett.
„Man man man, Draco! Das hat dich aber ganz schön umgehauen!", sagte Casey und lachte dabei auf.
McGonagall standen schon die Tränen in den Augen. Ihr tat der Junge, der gerade seinen Kopf in den Händen vergrub, so Leid. Doch weder sie, noch irgendein anderer im Raum, konnte etwas unternehmen.
„Und was wäre, wenn man sie doch retten könnte?", sagte Casey.
„Hör doch endlich auf!", schrie Draco. „Was für Spiele spielst du?"
„Keine schlimmeren wie du sie so oft getan hast, Draci! Ohoh, ihr scheint es immer schlechter zu gehen!" Den letzten Satz sprach sie trotz allem ziemlich süß aus. Alle Köpfe drehten sich zu Hermine. Draco stand auf und strich ihr übers Haar.
„Ach, wie süß!"
„Süß? Süß? Das ist nicht süß? Rache ist süß! Und ja ich habe mir geschworen sie zu rechen, egal wer es ist!" Draco rannte auf Casey zu und stieß sie zu Boden. Die Professoren, Harry und die Weasleys wichen erschrocken zur Seite. Draco schmiss sich auf Casey und hielt sie am Boden. Die Tränen schossen dem Mädchen aus den Augen und kullerten die Wange hinunter, doch in Dracos Gesicht war keinerlei Mitleid zusehen.
„Sag es mir! Sag es mir!", drohte er. Er wusste, wenn nicht bald etwas geschehen würde, wäre alles zu spät.
„Draco, pro…probier es doch einfach aus!"
„Es gibt vielleicht eine Millionen Möglichkeiten und du verlangst von mir auszuprobieren? Ich will eine sofortige Antwort! Ich sag dir jetzt mal was, wenn Hermine stirbt werde ich dich, bis zum Ende deines unwerten Lebens, verfolgen!"
„Das macht er nicht wahr.", sagte Dumbledore.
„Da wäre ich mir nicht so sicher, Professor!", sagte Harry.
„LOS SAG ES MIR!", brüllte Draco.
„Der Käfer…Der Biss…"
„Casey!"
„Der Biss schlägt nur bei Leuten an, die…"
„Ich will nicht wissen, wann und wo sie anschlagen, funktionieren oder was weiß ich…Ich will nur das Gegenmittel!"
„Warte doch! Es schlägt nur bei den Menschen an, die…die sich verliebt haben."
„Was?" Draco ließ ein wenig lockerer.
„Die sich verliebt haben. Deswegen hatte es beim ersten Mal nicht funktioniert. Aber beim zweiten mal umso besser! Der Käfer hat keinen richtigen Namen. Er hat viele aber keinen angegebenen. Die Meisten nennen ihn Der Käfer, der das Glück zerbricht oder Der Käfer, der die Liebe zerreist! Frag mich nicht, warum der nur bei diesen Menschen wirkt."
„Und wie heilt man den Biss?"
„Mensch, denk nach! Wenn man damit Liebe zerstört, kann man auch…"
Draco stand auf dem Schlauch.
„Draco, es ist genauso wie bei Schneewittchen oder Dornrösschen, zumindest das heilen…", sagte Harry.
„Wie was?"
„Ist jetzt nicht so wichtig. Der jenige, in den sie verliebt ist, muss zeigen, dass auch er sie liebt, sonst wird das nichts.", sagte Ginny.
„Das heißt…"
„Ein Kuss reicht!"
„Einen Kuss.", wiederholte Draco. Sollte er wirklich vor all diesen Leuten Hermine küssen? Es war zwar kein Geheimnis aber sie so zu küssen, während alle zuschauten? Aber wenn er es nicht tat, würde sie sterben. Und das wollte er auf keinen Fall. Er atmete tief ein und aus und drehte sich um. Bereit Hermine zu retten. Als er sich neben ihr stellte, sagte Casey:
„Hoffen wir mal, dass du derjenige bis, den sie liebt!"
Draco hielt inne. Wenn sie sich danach immer noch nicht bewegen würde, würde das heißen, dass sie einen Anderen liebt. Verdammt! Wollte er es wissen?
„Darco, sie liebt dich! Sie liebt dich wirklich!", sagte Ginny mit einem flehenden Ton.
Der Junge nickte, setzte sich und beugte sich über das schlafende Mädchen.
„Bitte!", kam es noch über seinen Lippen, bevor sie sich wie ein Hauch über ihre legten.
Die Umstehenden hielten die Luft an. Ginny klammerte sich an Harry, der sie in den Arm nahm. Dumbledore und McGonagall nahmen sich an die Hand, Snape biss sich auf die Lippen und Ron sah aus als würde er gleich zusammen brechen. Nur Casey grinste.
Draco löste sich ein paar Zentimeter von Hermine und sah sie an. Wie viel würde er geben um zu sehen, dass sie jetzt die Augen aufschlug. Noch einmal beugte er sich nach vorne und küsste sie. Dracos Herz fing anzurasen. Der Kuss. Hermine. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie war wach. Sie erwiderte den Kuss.
„Draco…", flüsterte sie, als er sich von ihr löste. Sie setzte sich auf und die Umstehenden applaudierten. Draco konnte nicht anders, er musste Hermine in den Arm nehmen. Wie lange er darauf gewartet hatte.
„Ich nehme an du hast mich vermisst?", scherzte sie leise.
„Hermine…" Draco nahm sie nur noch fester in den Arm.
„Miss Granger, wie geht es Ihnen?", fragte Dumbledore.
„Ich denke meinen Umständen entsprechend seht gut!"
„Hermine!", schrie Ginny und viel ihrer Freundin um den Hals. Das Draco aus Panik wortwörtlich weg gesprungen war, kümmerte sie in diesem Moment nicht. Sie hatte Hermine wieder. Ihre beste Freundin. Hermine.
Doch das Glück, dass im Moment herrschte sollte nicht mehr lange andauern, denn das nächste Grauen stand ihnen bevor. Größeres Grauen als je zu vor. Und Draco und Hermine mussten sich für eine Seite entscheiden.
