34. Rede mit mir

Harry und Severus schlugen hart auf dem Boden auf, als sie in einem kleinen Wäldchen mit einem ‚Plopp' erschienen. Harry stöhnte vor Schmerzen auf, so dass der Tränkemeister ihn schnell von seinem Gewicht befreite, da er direkt auf dem zierlichen Schwarzhaarigen gelandet war. Er kniete sich vor ihn und zog ihn in eine sitzende Position. Harry zuckte zusammen, als Severus ihn berührte. Der Zaubertränkelehrer wusste, dass dies eine Auswirkungen der Cruciatus-Flüche war, denen Harry ausgesetzt gewesen war. Jede Berührung tat nun weh, war sie auch noch so sanft.

Der Gryffindor zitterte außerdem stark. Ob das nun ebenfalls an den Flüchen oder der Kälte lag, konnte Severus nicht mit Gewissheit sagen. Allerdings war klar, dass sie so schnell wie möglich nach Hogwarts kommen mussten, damit der Junge auf die Krankenstation kam. Unglücklicherweise war Hogwarts noch weit entfernt. Severus hatte sie beide nicht in den Verbotenen Wald gebracht, wie er es sonst nach den Todesser-Treffen tat. Es war zu gefährlich gewesen. Die Appariergrenzen Hogwarts' waren weit ausgedehnt und erforderten normalerweise noch etwa einen zehnminütigen Fußmarsch, um das Schloss zu erreichen. Das war viel zu lange, wenn man bedachte, dass der Dunkle Lord mit Sicherheit befohlen hatte, ihnen zu folgen. Einen Kamin wollte er Harry in seinem Zustand nicht zumuten. Das Herumwirbeln bei einer Reise per Flohnetzwerk hätte ihm nur noch mehr geschadet.

Nein, er war hierher gekommen. Etwa eine halbe Stunde von hier entfernt gab es eine kleine, verlassene Hütte, die sie nun erreichen mussten. Albus hatte dort vor langer Zeit einen Notfall-Portschlüssel für ihn hinterlegt, für den Fall, dass er fliehen musste, weil mal ihn enttarnt hatte. Nur er selbst und der Direktor wussten von diesem Ort und den mussten sie nun erreichen.

Severus musterte Harry. Der Gryffindor war extrem blass und zitterte noch immer am ganzen Leib. Innerlich verfluchte sich Severus, dass er es nicht geschafft hatte, sie vor die Hütte zu appaieren, doch Harry hatte so stark gezittert, dass er die Apparation vorzeitig hatte abbrechen müssen. Er hatte versucht, sie so nah wie möglich zu dem Haus zu bringen, doch das hier war das Beste, was er geschafft hatte.

„Bist du jetzt böse auf mich?", hörte Severus plötzlich die zittrige Stimme des Gryffindor.

„Weshalb sollte ich böse auf dich sein?", fragte der Tränkemeister sanft.

„Weil ich heute einfach ins Dorf gegangen bin und nicht zu Dumbledore gekommen bin. Jetzt weiß Voldemort, dass du ein Spion bist und wird sicher versuchen, dich zu töten. Und das ist alles nur meine Schuld", antwortete Harry.

„Ja, ich bin böse auf dich", sagte Severus, woraufhin Harry zusammenzuckte. „Aber nicht deswegen. Du hättest nicht einfach ins Dorf gehen sollen, ohne mir etwas davon zu sagen. Du hättest überhaupt mit mir reden sollen, wenn dich die ganze Sache mit den Erinnerungen so bedrückt. Ich will für dich da sein, Harry, und ich werde dir immer helfen, so gut ich kann. Aber das geht nicht, wenn du nicht mit mir sprichst. Verstehst du das?"

Harry nickte zaghaft. Severus' Blick wurde besorgt. Das Zittern des jungen Gryffindors schien immer schlimmer zu werden. Hinter sich hörte er ein Geräusch und fuhr mit gezogenem Zauberstab herum. Hatten die Todesser sie gefunden? Nein, das konnte nicht sein. Sie wussten nichts von diesem Ort. Wahrscheinlich war es nur ein Tier gewesen, doch er durfte kein Risiko eingehen. Sie mussten nun wirklich los.

„Kannst du aufstehen?", fragte Severus. „Nicht weit von hier werden wir einen Portschlüssel finden, der uns direkt in Dumbledores Büro bringt. Je eher wir in Hogwarts sind, desto besser."

Nachdem Harry erneut genickt hatte, stand der Tränkemeister auf und half ihm dann auf die Beine. Harry wimmerte ein wenig, doch schließlich stand er auf seinen Beinen, wenn auch etwas wackelig. „Wir müssen in diese Richtung dort", sagte Severus und deutet zu seiner Linken. „Folge mir!"

„Okay", wisperte Harry. Er folgte Severus, der mit gezogenem Zauberstab vorne weg ging, in kurzem Abstand. Alles tat ihm weh und die Kälte war mittlerweile unerträglich. Seine Füße fühlten sich bei jedem Schritt so an, als würden tausend kleine Nadeln in seine Fußsohlen stechen und seine Hände waren taub, doch er sagte nichts und versuchte mit Severus Schritt zu halten, der beinahe lautlos vor ihm her schritt und auf jedes Geräusch achtete.

Nach etwa zehn Minuten Fußmarsch war Harry sich sicher, dass er nicht mehr weiter konnte. Es kostete ihn alle Mühe sich dazu zu bringen, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Seine Sicht verschwamm ihm langsam vor seinen Augen, doch er sagte nichts. Er biss die Zähne zusammen und lief einfach weiter. Sie mussten es schaffen und er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Nicht nachdem er für die ganze Situation verantwortlich war. Seine Beine fühlten sich immer schwerer an.

Severus schaute beunruhigt zu Harry zurück. Er hatte bemerkt, dass der Gryffindor immer schwerer mit ihm Schritt halten konnte und hatte daher sein Tempo schon erheblich reduziert. Harry stolperte oft und schien beim Gehen leicht zu schwanken. Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte er seinen Zauberstab weg. Er musste Harry tragen, sonst würde es der Junge wohl nicht schaffen.

Er wollte die paar Schritte, die sie trennten zurückgehen, als er zusehen musste, wie Harry ein weiteres Mal stolperte, sich aber nicht aufrecht halten konnte und der Länge nach auf den Boden fiel. Harry machte keine Anstalten sich zu bewegen, was Severus aus seiner Starre holte und ihn zu dem kleinen Schwarzhaarigen eilen ließ. Er kniete sich neben ihn und drehte ihn herum. Harrys Zittern hatte noch zugenommen und seine Augen waren halb geschlossen, sein Gesicht war kalkweiß und seinen Lippen schienen ein wenig blau zu sein. Severus legte seine Hand auf die Stirn des jungen Gryffindor und erschrak. Harry war eiskalt. Das Zittern, von dem er angenommen hatte, dass es auf die Cruciatus-Flüche zurückzuführen war, schien ehr von der Kälte zu kommen. Der Junge war eindeutig unterkühlt

Fieberhaft überlegte Severus, was er tun sollte. Ein Wärmezauber kam nicht in Frage. Harrys Körper musste langsam wieder warm gemacht werden, sonst würde er einen Schock bekommen, der tödlich sein könnte. Es noch einmal mit Apparieren zu versuchen kam auch nicht in Frage. Harrys Kreislauf würde wahrscheinlich auch das nicht überstehen.

„Harry! Harry, hörst du mich?", fragte er aufgelöst. Harrys Augen flackerten kurz, doch dann schlossen sich seine Augenlieder wieder. „Harry, nicht einschlafen, hörst du! Du darfst jetzt nicht einschlafen. Mach die Augen auf, Harry", drängte Snape, doch es erfolgte keine Reaktion.

Panik begann sich langsam in Snape breit zu machen. Schnell zog er wieder seinen Zauberstab und errichtete von dem umherliegenden Holz einen kleinen Unterschlupf, ehe er einen Trocken- und einen Wärmezauber auf den Boden warf. Er hob den viel zu dünnen Gryffindor auf seine Arme, der dabei leicht wimmerte, und bemerkte erst jetzt, dass dessen Kleidung feucht war. Es war kein Wunder, dass er so fror. Schnell setzte er sich mit Harry auf den nun warmen Boden und sprach einen Trockenzauber auf dessen Sachen, ehe er einen Wärmezauber auf sich sprach, Harry fest an sich drückte und seinen Umhang um sie beide schlang. Er nahm die Hände des Gryffindors in seine und versuchte erneut mit ihm zu reden.

„Gleich wird es wärmer, Harry. Komm schon, mach die Augen auf", flehte er beinahe, doch wieder war kaum eine Reaktion des Schwarzhaarigen zu bemerken. Harry wimmerte erneut leicht, doch seine Augen waren geschlossen. Was viel bedenklicher war, war die Tatsache, dass Harry aufgehört hatte zu zittern. „Du lausige Entschuldigung von einem Gryffindor", sagte Severus nun zornig. „Soll die Kälte etwa das schaffen, was der Dunkle Lord selbst nicht schaffen konnte? Du gibst einfach so auf? Das sieht dir ähnlich. Ich hatte all die Jahre Recht. Du bist genauso ein Schlappschwanz wie dein erbärmlicher Vater und dessen räudiger Köter."

„Mein Vater und Sirius waren keine Schlappschwänze", erwiderte Harry schwach und undeutlich, so dass Severus ihn kaum verstehen konnte. „Rede nicht so über sie."

„Nein, was waren sie denn dann?", fragte Severus herausfordernd. Innerlich seufzte er erleichtert, da er es geschafft hatte, den Kampfeswillen von Harry wieder zu wecken. Er musste ihn wach halten!

„Sie waren großartige Menschen, mutig, tapfer… und… und sie haben mich geliebt. Ich weiß, dass sie sich dir gegenüber falsch verhalten haben, aber das hat sicherlich auf Gegenseitigkeit beruht", nuschelte Harry.

„Woher willst du das wissen?", fragte Severus.

„Remus und Sirius haben mal sowas erwähnt", antwortete Harry müde und wollte schon wieder die Augen schließen.

„Wage es ja nicht einzuschlafen!", sagte Severus fest, worauf Harry wieder die Augen öffnete. „So ist es besser. Ich habe keine Lust, dass die zwei Plagen, die du Freunde nennst, sich an mir rächen wollen, weil ich dich nicht gesund und munter nach Hause gebracht habe. Wahrscheinlich wird Weasley wieder alles versauen und mir wichtige Körperteile weghexen, während Miss Neunmalklug danebensteht und ihm erklärt, was er falsch gemacht hat."

„Du wirst diese Körperteile dann sowieso nicht mehr brauchen", sagte Harry mit einem schwachen Lächeln.

„Ach und wieso das?"; fragte Severus.

„Weil ich dann nicht mehr da bin und du vor Kummer vergehen und niemals mehr jemanden anderes ansehen wirst, weil du mich liebst", lächelte Harry leicht.

„Und da bist du dir so sicher?", entgegnete der Tränkemeister mit einer hochgezogenen Augenbraue.

„Ja", nickte Harry selbstsicher, wenn auch immer noch sehr schwach.

„Ich gebe zu, dass du da Recht haben könntest", räumte Severus ein.

„Ich weiß, dass ich das habe", erwiderte Harry.

„Und ich stimme dir da vollkommen zu", sagte der Tränkemeister und drückte dem Gryffindor einen Kuss auf die Wange, was er aber sofort wieder bereute, da Harry erneut zusammenzuckte. „Es tut mir Leid", entschuldigte er sich sofort.

Kurz schwiegen sie, ehe Severus wieder sprach, als er bemerkte, dass Harry erneut einschlafen wollte. „Bilde dir bloß nichts darauf ein!", schnarrte er.

„Worauf", fragte Harry nach kurzer Pause schwach.

„Darauf, dass ich dich liebe", antwortete der Zaubertränkeprofessor.

„Aber darauf kann ich mir etwas einbilden. Ich liebe die gefürchtete Fledermaus aus den Kerkern Hogwarts und sie liebt mich. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht", lächelte Harry.

Severus zog eine Augenbraue nach oben und schaute Harry ungläubig an. „Fledermaus?", fragte er.

„Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du nicht weißt, dass ganz Hogwarts dich so bezeichnet?", fragte Harry verblüfft.

Natürlich wusste Severus das und er musste auch zugeben, dass es ihn leicht ärgerte, aber ihm war im Moment jedes Thema Recht, mit dem er den Gryffindor wach halten konnte. „Nein", war daher seine Antwort.

„Warte, wenn ich dass Ron und Hermine erzähle", lächelte Harry matt.

„Ich bin immer noch dein Lehrer und als solcher verbiete ich dir, jeglichen Inhalt irgendeines Gespräches von uns beiden an diese beiden weiterzugeben", schnarrte Severus.

„Und was bringt mich auf die Idee, dass ich mich an diese Regel halten werde?", fragte Harry unschuldig.

„Da hast du allerdings Recht. Du hast dich noch nie an Regeln gehalten", stimmte der Tränkemeister ihm zu. „Was verlangst du dafür, dass du es nicht erzählst?"

„Erzähl mir etwas von dir, was du noch keinem anderen erzählt hast", bat Harry.

Severus überlegte kurz. „Versprichst du mir, es niemandem zu erzählen?", fragte er.

„Gryffindor-Ehrenwort", versprach der Grünäugige.

Severus schnaubte. „Und dass soll mich überzeugen? Ich glaube kaum", sagte er.

„Bitte", flehte Harry schwach. „Ich möchte so viel mehr von dir wissen."

„Als ich fünf war, wäre ich beinahe gestorben", erzählte Severus schließlich. „Ich war bei einem Onkel meines Vaters. Es war ein wundervoller Tag und ich wollte unbedingt mit seinem Besen fliegen, doch ich durfte nicht. Er wollte später mit mir zusammen fliegen. Als mein Onkel sich nach dem Essen hingelegt hatte, um etwas zu schlafen, habe ich mich davongeschlichen. Ich wollte jetzt fliegen und nicht noch warten. Am Anfang bin ich noch sehr tief geflogen, da ich noch nicht wirklich alleine geflogen bin, aber mit der Zeit wurde ich mutiger. Ich bin höher geflogen und habe ein paar Manöver probiert. Bei einem dieser Manöver konnte ich mich plötzlich nicht mehr festhalten und bin abgestürzt. Mein Onkel hat war in der Zwischenzeit wach geworden und hat bemerkt, was los war und mich vor dem Aufprall bewahrt. Ich bekam danach von meinem Vater eine mächtige Tracht Prügel, weil ich nicht gehört hatte und der Spaß beim Fliegen auf einem Besen ist nie wieder zurückgekehrt."

„Das war eine ganz furchtbare Geschichte", nuschelte Harry.

„Was hast du erwartet? Das ich dir erzähle, dass ich als Junge in einer Ballettklasse herumgeturnt bin?", fragte Severus und zog elegant eine Augenbraue nach oben.

„Nein, nur dass du mir etwas erzählst, was vielleicht nicht ganz so dramatisch ist und einen Teil deiner Persönlichkeit reflektiert", erklärte der Gryffindor.

„Ich mag Blumen, alle Arten von Blumen. Ich mag es, sie wachsen zu sehen und sie zu pflegen. Es hat etwas ganz beruhigendes an sich und ich--"

Severus hielt inne, als er draußen ein Geräusch hörte. Es waren eindeutig Schritte mehrerer Personen und sie kamen genau in ihre Richtung. Er ließ Harrys Hände los und griff nach seinem Zauberstab, bereit sie zu verteidigen, sollten sie von den Todessern gefunden worden sein. Die Schritte kamen immer näher und schließlich blickte eine Person zu den beiden, die dort immer noch zusammen saßen und Severus' Umhang um sich geschlungen hatten, während der seinen Zauberstab auf den Eindringling richtete.

ha, ich weiß ich bin fies aber es hat sich einfach so angeboten, an dieser Stelle einen Cliffi einzubauen gemein grins