45. Die Reise
Harry bemerkte überrascht, dass Severus sie nach Hogsmeade gebracht hatte. Die Gasse, in der sie sich befanden, war abgelegen und dunkel und bot effektiven Schutz. Severus griff in eine Tasche seiner Robe und richtete seinen Zauberstab auf ein kleines Objekt, das er daraus hervorgeholt hatte. Zu Harrys Überraschung handelte es sich um seinen Tarnumhang. „Streif ihn über und bleib in meiner Nähe!", flüsterte Severus. „Wenn wir in die Drei Besen gehen, geh gleich zum Kamin!"
Harry, der noch nicht wusste, ob Severus hier wirklich das Richtige tat, nickte unsicher. Es schockierte ihn noch immer, daran zu denken, dass Severus Dumbledore angegriffen und außer Gefecht gesetzt hatte. Er verstand noch nicht wirklich den Grund, warum der Tränkemeister das getan hatte, aber jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Severus würde seine Gründe haben und Harry vertraute ihm. Er nahm den Tarnumhang entgegen und streifte ihn sich über.
Der Weg zu den Drei Besen war kurz. Wie es aussah, hatten sie Glück, denn noch war kein Gast anwesend. Harry ging auf direktem Weg zu dem Kamin und stellte sich hinein, wobei er sich ganz an den Rand drückte. Er beobachtete, wie Severus von Madame Rosmerta begrüßt wurde und sich kurz mit ihr unterhielt. Er sah zu, wie die Wirtin ihm den Topf mit dem Flohpulver reichte. Severus nahm sich eine Hand voll und zog dann seinen Zauberstab, den er auf die Frau richtete. Harry konnte nicht hören, welchen Zauberspruch er benutzte, doch die Augen der Wirtin wurden verklärt. Es musste sich also um einen Oblivate gehandelt haben.
Severus trat zu Harry in den Kamin. „Bereit?", fragte er. Harry nickte nur, ehe ihm einfiel, dass Severus ihn ja nicht sehen konnte. Also wisperte er ein ebenso leises „Ja" zurück und kurz darauf warf Severus das Flohpulver in den Kamin, woraufhin beide begannen im Kreis zu wirbeln.
Harry erkannte sofort, wo sie gelandet waren. Sie waren im Tropfenden Kessel angekommen und Severus verlor keine Zeit und machte sich schnell auf den Weg hinaus nach Muggel-London. Vor der Tür zog er noch kurz seine Robe aus, verwandelte sie in einen langen, schwarzen Wintermantel, mit dem er unter den Muggeln nicht auffallen würde und zog sich diesen über. Harry war dicht bei ihm. Nur wenige Menschen waren unterwegs und so fiel es ihm nicht schwer, mit dem Tränkemeister mitzuhalten.
Erstaunlicher Weise führte Severus ihn auf direktem Weg nach Kings Cross, doch er musste nicht lange überlegen, warum dem so war. Magische Reisen konnten zurückverfolgt werden. Logische Konsequenz war es also, auf Muggelart zu reisen, wohin auch immer Severus ihn brachte. Auf dem Bahnhof angekommen dirigierte Severus Harry auf die Bahnhofstoilette. Er deutete Harry an, in eine der Kabinen zu gehen und folgte ihm dann. Die Kabine bot beiden Männern genügend Platz. Harry streifte sich den Umhang wieder vom Kopf und schaute Severus fragend an, der ihm jedoch andeutete, leise zu sein.
Wenige Augenblicke später zog Severus zwei Phiolen aus einer seiner Taschen und sprach einen Zauber, den Harry nur zu gut kannte. Im Zaubertränkeunterricht wurde dieser Zauber verwendet, um eine Stasis aufzuheben, die auf die Kessel gelegt wurde, wenn Tränke mehr Zeit, als in der üblichen Doppelstunde vorhanden war, brauchten. Harry brauchte nicht lange, um zu erkennen, um was für einen Trank es sich in den beiden Phiolen es sich handelte. Es war Vielsafttrank.
„Trink einen Schluck davon", forderte ihn Severus auf und hielt ihm eine der Phiolen hin. Als Harry ohne zu zögern das Fläschchen entgegennahm und es entkorkte, tat der Tränkemeister es ihm gleich und trank ebenfalls einen Schluck aus der Phiole, die er noch in der Hand hatte. Der Geschmack war immer noch derselbe, den Harry aus seinem zweiten Jahr kannte. Ihm wurde übel und er hatte alle Hände voll zu tun, damit ihm die Phiole nicht aus der Hand glitt. Er sah auf und schaute dabei zu, wie Severus sich zu verwandeln begann. Das Haar des Tränkemeisters wurde kürzer und verwandelte sich in ein dunkles Braun. Seine Nase wurde kleiner und sein Gesicht voller.
Nachdem die Übelkeit verschwunden war, ließ Severus sich von Harry den Tarnumhang geben. Er ließ Harry ein Stück beiseite treten, was in dieser Umgebung äußerst schwierig war, und holte ihre Koffer hervor, die er mit einem Schwung seines Zauberstabes wieder vergrößerte und in Rucksäcke verwandelte. Mit einigen Schwierigkeiten zwängten sich die beiden dann wieder aus der Toilettenkabine. Zum ersten Mal konnte Harry nun sehen, in wen er sich verwandelt hatte. Er war kaum größer als zuvor. Seine Narbe war verschwunden und sein Gesicht kantiger. Sein Haar war nicht mehr wild und zerstrubbelt, sondern war nun blond und etwa kinnlang.
Beide Männer verließen die Bahnhofstoilette und Harry folgte Severus, als dieser sich auf dem Weg zum nächsten Fahrkartenschalter machte. Harry wartete in ein paar Metern Abstand. Als Severus zu ihm zurückkam, folgte Harry ihm erneut. „Unser Zug fährt in einer Stunde", informierte ihn Severus. „Hast du Hunger?"
Wie zur Antwort grummelte Harrys Magen, was den Tränkemeister leicht schmunzeln ließ. Er führte sie beide zum Bahnhofsrestaurant, wo sie sich etwas zu Essen und zu Trinken holten und sich dann an einen abgelegenen Tisch setzten. Harry bemerkte erst jetzt, wie hungrig er eigentlich war und holte sich noch einmal nach, ehe er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und Severus anschaute, der ihn nun schon seit einer Weile beobachtet hatte.
„Dumbledore will, dass ich es tue, nicht wahr?", fragte er dann geradeheraus.
„Ja", antwortete Severus knapp.
„Warum tust du dann das hier?", fragte Harry weiter. „Ich meine, du hast alles getan, damit Voldemort besiegt werden kann. Du willst doch, dass dieser Krieg beendet wird. Warum sind wir also hier?"
„Weil der Preis für den Sieg zu hoch wäre", sagte Severus.
„Was bedeutet mein Leben schon im Vergleich zu dem von tausenden anderen Menschen?", fragte der Gryffindor.
„Für mich bedeutet es alles", erwiderte Severus vollkommen ernst. Harry lief ein Schauer über den Rücken, als er die Worte vernahm. Mit großen Augen schaute er den Tränkemeister an, der einfach weitersprach. „Aber ich bin unwichtig, Harry. Dein Leben sollte auch dir genug bedeuten, dass du es nicht einfach so wegwerfen willst. Ich weiß, was du erreichen könntest, wenn du die Macht nutzt, die dir gegeben wurde, aber gibt es in diesem Leben nichts, was dich umdenken lassen könnte?"
„Doch, das gibt es", lächelte Harry jetzt und schaute den Tränkemeister warm an. Und es war die Wahrheit, die er gesagt hatte. Er wollte Severus, Hermine und Ron nicht zurücklassen. Ein egoistischer Teil in ihm wollte für immer bei ihnen bleiben und Harry schämte sich nicht für diesen Teil. Auch er hatte ein wenig Glück in seinem Leben verdient und diese drei Menschen, allen voran Severus, waren dieses Glück. „Aber was ist, wenn all dies zerstört wird, weil ich meine Bestimmung nicht erfülle?", fragte er dann.
„Wir finden einen anderen Weg", antwortete Severus fest. Er klang so überzeugt, dass Harry ihm gerne glauben wollte, doch die Prophezeiung war klar. „Ich weiß, dass ich dich nicht davon abhalten kann, wenn du die Macht des Brilax wirklich nutzen willst, auch wenn ich es nicht möchte", fuhr der Tränkemeister dann fort, „aber auch du solltest Zeit haben darüber nachzudenken. Du solltest es nicht tun, weil man es von dir erwartet. Der andere Weg existiert, Harry. Albus hat seine ganzen Hoffnungen auf diese Prophezeiung gelegt und keinen Gedanken daran verschwendet, nach einer weiteren Lösung zu suchen. Wenn du nicht mehr da bist, wird er sicher nicht eher ruhen, bis er einen anderen Weg gefunden hat. Er braucht nur ein wenig Zeit, um ihn zu finden."
Harry nickte. Severus wollte also ihnen und Dumbledore Zeit geben. Das war der Grund, warum sie hier waren. Er hatte jedoch keine weitere Zeit darüber nachzudenken, da sie beide los mussten. Ihr Zug würde in wenigen Minuten einfahren und so machten sich die beiden, beladen mit ihren Rucksäcken, auf den Weg zum Gleiß drei. Als sie dort ankamen, war der Zug bereits da. Sie stiegen ein und suchten sich ein freies Abteil. Beide sagten kein Wort, zu sehr waren sie in ihren Gedanken gefangen.
Harrys Blick glitt aus zum Fenster, als der Zug sich langsam in Bewegung setzte. Er sah die vielen Menschen, die unbeschwert miteinander lachten, redeten und arbeiteten und nichts von der dunklen Bedrohung wussten, die sie erwartete, sollte Voldemort diesen Krieg tatsächlich gewinnen. War es diesen Menschen gegenüber wirklich fair, nicht alles in seiner Macht stehende zu tun? War es Ron und Hermine gegenüber fair? Und deren Familien gegenüber? Wenn ihnen etwas zustoßen würde, könnte er mit dem Wissen leben, dass er es hätte verhindern können?
„Harry, du musst einen weiteren Schluck aus der Phiole nehmen", riss Severus ihn aus den Gedanken. Harry nickte und holte seine Phiole aus seiner Hosentasche. Nachdem er erneut einen Schluck des widerlichen Trankes hinuntergeschluckt hatte, fiel ihm etwas ein. „Wer sind wir eigentlich?", fragte er.
„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht", gab Severus zu. „Sie waren Muggel, die in den Händen der Todesser waren. Als sie damals noch lebten, habe ich ihnen ein paar Haare abgenommen und sie in die Tränke gegeben, um sie für den Notfall aufzubewahren."
Harry sagte nichts dazu. „Harry, ich muss dir noch etwas sagen", fuhr der ältere Mann fort. „Solange wir jetzt unterwegs sind und auch, wenn wir angekommen sind, dürfen wir nicht zaubern. Deine Signatur ist aufspürbar, da du noch nicht volljährig bist. Der Dunkle Lord hat überall im Ministerium seine Leute und ich weiß nicht, ob er nicht auch dafür gesorgt hat, dass es eine Aufzeichnung meiner Signatur gibt. Es war in Hogsmeade, der Winkelgasse und Kings Cross kein Problem, weil dort an sich ein hoher Magieanteil ist, aber dort wo wir hingehen werden, wird es das nicht geben. Wenn es also nicht um Leben und Tod geht, dürfen wir auf keinen Fall unsere Zauberstäbe benutzen."
„In Ordnung", erwiderte Harry. „Wohin fahren wir eigentlich?"
„Dazu will ich mich jetzt noch nicht äußern", antwortete der Tränkemeister.
Harry gab sich damit zufrieden und schaute wieder gedankenverloren aus dem Fenster, während Severus einfach nur da saß und ihn ruhig anschaute. Eine halbe Stunde verging auf diese Art, ehe Severus Harry mitteilte, dass sie aussteigen mussten. Zur großen Überraschung des Schwarzhaarigen, kaufte Severus an diesem Bahnhof weitere Fahrkarten, die sie teilweise wieder in die Richtung fahren ließ, aus der sie gerade gekommen waren. Als sie eine weitere Stunde später erneut aus dem Zug stiegen und sich dieses Spiel widerholte, wunderte sich Harry nicht mehr. Severus war jahrelang ein Spion gewesen und hatte überlebt, weil er immer vorsichtig gewesen war. Was immer er für nötig hielt, würde Harry akzeptieren.
Drei weitere Male waren sie umgestiegen, als sie erneut an einem anderen Bahnhof hielten. Harry war inzwischen ziemlich erschöpft und hatte die meiste Zeit der letzten beiden Zugfahrten einfach geschlafen. Nachdem Severus ihn geweckt hatte, folgte er ihm hinaus auf dem Bahnhof. Das erste, was ihm auffiel war die Tatsache, dass es hier mehr Schnee gab, als in Hogwarts. Er zog seinen Wintermantel ein Stück näher um sich und folgte Severus hinaus auf die Straße.
Der Tränkemeister lenkte seine Schritte sicher verschiedene Straßen entlang. Harry vermutete, dass er schon des Öfteren hier gewesen sein musste. Nachdem sie etwa zwanzig Minuten gelaufen waren, ging Severus auf ein Taxi zu, das in der Nähe stand. Er öffnete die Tür, um Harry zuerst hineinzulassen und nannte dem Fahrer das Ziel, zu dem sie gebracht werden wollten, nachdem er sich ebenfalls in das Auto gesetzt hatte. Der Fahrer brachte sie schnell ans Ziel. Severus zahlte und wartete dann zusammen mit dem Gryffindor, bis das Auto wieder verschwunden war, ehe er mit Harry weiterging.
Sie durchquerten eine Siedlung, die Harry sehr an den Ligusterweg erinnerte. Er hoffte, dass sie nicht hier irgendwo bleiben würden. Seine Sorge blieb unbegründet und Harry atmete erleichtert aus, als Severus ihn aus der Stadt hinaus und sie einen kleinen Weg in Richtung eines Waldes entlangführte.
Harry war jetzt wirklich an einem Punkt, an dem er nicht mehr weiter wollte. Seine Beine waren eiskalt und er war wirklich müde. Severus, der dies zu bemerken schien, verlangsamte seine Schritte ein wenig. „Wir sind gleicht da", ermutigte er ihn und tatsächlich tauchte nach einem weiteren, kurzen Fußmarsch ein Haus vor ihnen auf. Es war nicht besonders groß, aber Harry mochte es sofort.
Schnell kamen sie an dem Gartentor an. Severus öffnete es und ließ Harry eintreten. Der Gryffindor bemerkte sofort, als er durch es hindurchtrat, dass ein Schutzzauber das Anwesen umgab und schaute Severus fragend an. War das hier etwa Severus' Haus? Nein, das konnte nicht sein. Einige Fenster des Hauses waren beleuchtet und ließen schwaches Licht nach draußen dringen. Jemand musste also hier wohnen.
Severus schloss das Gartentor, nachdem auch er das Grundstück betreten hatte und schritt dann voran zur Tür des Hauses. Als sie dort ankamen klopfte er laut an der Eingangstür und wartete. Nach wenigen Sekunden konnte Harry hören, wie im Haus jemand in Richtung der Tür kam. Ein Schloss wurde aufgesperrt und die Tür öffnete sich langsam. Zu Harrys Überraschung kam eine alte Frau zum Vorschein.
„Wer sind Sie?", fragte sie die beiden Ankömmlinge.
„Hallo Maya", begrüßte Severus sie. „Ich weiß, es ist lange her und unsere letzte Begegnung war keinesfalls angenehm, aber ich brauche deine Hilfe."
Die alte Frau betrachtete die beiden nun genauer, ehe ihre Augen sich weiteten. „Severus?"
