Kapitel 3

Der nächste Tag war ein Samstag und als ich morgens von einem einsamen, verirrten Sonnenstrahl geweckt wurde, der mich an der Nase kitzelte, erwartete ich fast, dass Edward in seinem Lieblingsstuhl sitzen und mich beobachten würde. Ich hatte mich schon lange daran gewöhnt, beim Schlafen und Aufwachen beobachtet zu werden und aufgegeben, zu protestieren. Edward hatte mich wahrscheinlich ohnehin bereits in jeder denkbaren peinlichen Schlafverrenkung gesehen – was hatte ich also noch zu verlieren.

Ich blinzelte und wunderte mich über den vereinzelten Sonnenstrahl, als dieser auch schon wieder von der dichten Wolkendecke verschluckt wurde. Mit einem langen Gähnen streckte ich mich und drehte mich auf die Seite, um nach meiner Uhr zu schauen. Es war erst 8.30 Uhr und einen Moment lang spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, mich noch einmal umzudrehen. Aber kaum, dass auch mein Kopf langsam wach wurde, kreisten meine Gedanken eigenmächtig um Edward und unsere Diskussion von gestern Abend. Damit war an Schlaf wohl nicht mehr zu denken...

Edward – als Mensch? Die Vorstellung war mir fremd und nicht geheuer. Eigentlich war es doch auch verrückt, dass ich mir überhaupt den Kopf zerbrach – für Vampire war es schließlich unmöglich, wieder zurückverwandelt zu werden! Oder... etwa nicht?
Energisch schüttelte ich den Kopf. Völlig unmöglich!

Ich schob die Bettdecke beiseite und rappelte mich auf. Nein, dies musste ein neuer Schachzug von Edward sein, mich davon abzubringen, ein Vampir werden zu wollen. Mir war nur nicht klar, was genau er damit bezwecken wollte. Mich hinhalten? Ich hatte keine Ahnung...
Mit einem Seufzen stand ich auf und ging hinüber zum Bad. Auf dem Flur verharrte ich kurz und lauschte.

„Charlie?"

Es blieb still im Haus. Wahrscheinlich war Charlie schon seit den frühen Morgenstunden mit einem Freund angeln, und wenn wir Glück hatten – oder besser gesagt er -, dann könnte ich heute Abend für uns ein leckeres Fischgericht zaubern. Aber abwarten. Man soll das Fell des Bären nicht verkaufen, bevor man ihn erlegt hat – oder wie war das? Ich schmunzelte und ging ins Bad. Vielleicht konnte eine heiße Dusche die Gedanken an das gestrige Gespräch verdrängen.

*

Ich saß gerade über meiner Schale mit Cornflakes und natürlich konnte ich noch immer an nichts anderes denken als Edwards Worte, als jemand leise an den Türrahmen klopfte. Mein Herz setzte kurz aus bis ich mich umgedreht hatte und erleichtert aufatmete, als ich Edward in der offenen Küchentür stehen sah. Die letzten Monate saßen mir noch in den Knochen und obgleich ich wusste, dass Viktoria tot war und mir nicht mehr nachstellen konnte, sorgte ich mich doch immer noch um die Volturi...

„Tut mir leid, Bella – ich wollte dich nicht erschrecken." Edward lächelte entschuldigend und kam auf mich zu. „Wenn es dir lieber ist, benutze ich künftig die Schelle, wie jeder andere auch."

Der Gedanke war so absurd, dass ich auflachte. „Nein, so schlimm ist es nicht."

Edward legte mir sanft eine Hand auf den Rücken und drückte mir einen Kuss auf die Haare. „Guten Morgen erstmal!"
Während ich noch seinen Duft genoss und sich dabei wahrscheinlich klischeehaft mein Blick verklärte, zog er sich den zweiten Stuhl heran und nahm mit einer geschmeidigen Bewegung darauf Platz. Mit einem Fingerschnipsen holte er mich in die Wirklichkeit zurück und ich blinzelte. Nun war es an mir, entschuldigend zu lächeln. Hastig schaufelte ich mir einen weiteren Löffel Cornflakes in den Mund.

Edward sah mir geduldig beim Essen zu, und auch ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. Würde er als Mensch sehr anders aussehen? Mit grünen Augen, vielleicht etwas weniger blass – wobei hier in Forks würde er kaum braun werden können. Da müsste ich ihn schon mit zu Mom nach Phoenix nehmen. Aber – Moment mal! Ich runzelte die Stirn. Warum zerbrach ich mir schon wieder den Kopf über diese Sache? Das war doch wirklich Zeitverschwendung!

„Bella, Liebe – ist alles in Ordnung?", fragte Edward mich, und in seiner Stimme schwang ein leicht besorgter Unterton mit. Erst da fiel mir auf, dass ich den Löffel so fest umklammert hielt, dass meine Fingerknöchel bereits weiß waren und das billige Material sich leicht bog. Huch! Schnell legte ich den Löffel beiseite und schluckte die letzten Cornflakes herunter.

„Bella?", fragte Edward erneut und lehnte sich vor, um nach meiner Hand zu greifen. „Was ist los mit dir?"

Ich seufzte. „Mir geht einfach nicht aus dem Kopf, was du gestern Abend gesagt hast, Edward. Es gibt doch nicht wirklich eine Möglichkeit für dich, wieder ein Mensch zu werden, oder?"

Erwartungsvoll blickte ich Edward an und rechnete fest damit, dass er den Kopf schütteln und darüber lachen würde, dass mich diese Gedanken noch immer beschäftigten. Doc h er legte seine kühle Hand auf meine, die auf dem Tisch neben dem Löffel lag, und sah mich ernst an.

„Doch, Bella, ich glaube, diese Möglichkeit gibt es."

Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hier saß er vor mir und erklärte mir allen Ernstes, dass dies möglich war.

„Aber... wie?", fragte ich irritiert und runzelte unbewusst die Stirn bei dem Versuch, all die Fragen, die mich beschäftigten, zu kanalisieren. „Ich dachte, das sei unmöglich! Wie sollte das gehen? Und warum haben wir noch nie von einem Vampir gehört, der zurück in einen Menschen verwandelt wurde? Und wenn es geht und du davon wusstest, warum willst du es erst jetzt?"

Edward lächelte leicht und streichelte mit seinen Fingern meinen Handrücken.

„Bella, ich wusste genauso wenig wie du, dass dies möglich sein könnte – bis mir vor ein paar Tagen bei Carlisle im Arbeitszimmer durch Zufall ein Buch aus dem Regal sprichwörtlich offen vor die Füße gefallen ist. Ein sehr altes Buch, das schon beinahe auseinander fiel. Ich wollte es schon schließen und wieder zurückstellen, als ich die geöffneten Seiten genauer ansah. In dem Buch wurde die Geschichte eines sehr alten, sehr mächtigen Vampirs überliefert, der einst vor vielen Jahrhunderten zu den Volturi gehört hat, aber über diese aufgestiegen ist und seither in Abgeschiedenheit sei n Dasein fristet."

Gespannt hing ich an Edwards Lippen. „Und was hat dieser mächtige Vampir mit der Rückverwandlung in einen Mensch zu tun?"

„Dieser mächtige Vampir, Dragomas soll sein Name sein, hat sich der Überlieferung nach in die Urwälder Südamerikas zurückgezogen und dort seine außergewöhnlichen Fähigkeiten immer weiter entwickelt. In dem Buch steht geschrieben, dass er einen Weg, eine Art Ritual, gefunden hat, mit dem ein Vampir wieder zu dem Mensch werden kann, der er vor seiner Unsterblichkeit gewesen ist."

„Was für ein Ritual?", fragte ich ängstlich – ich konnte mir kaum vorstellen, dass es sich hierbei um einen Sonntagsspaziergang handeln würde. Sofern die Überlieferung stimmte.

Edward schüttelte den Kopf. „Das wird leider nicht genau in dem Buch beschrieben. Dort steht hierzu lediglich: Dragomas, der mächtigste der auf Erden wandelnden Vampire unserer Tage, hat ein Ritual entwickelt, seinesgleichen in ihr sterbliches Ich zurück zu verwandeln."

Edward zögerte einen Moment, während ich noch fasziniert davon war, dass er Teile des Buches bereits auswendig zitieren konnte. Als Edward fortfuhr wurde mir klar, warum er gezögert hatte.

Es ist ein gefährliches und schmerzhaftes Verfahren, für das die bedingungslose Liebe sowie das Blut eines Sterblichen benötigt werden."

„Oh!", entfuhr es mir und Edward schien ein Schmunzeln zu unterdrücken, wurde dann jedoch übergangslos wieder ernst.

„Verstehst du, warum wir noch nie von einem Vampir gehört haben, der wieder Mensch geworden ist?" Er lehnte sich vor und umfasste meine Hand mit beiden Händen. „Du und ich – unsere Liebe – das ist die Magie, die für das Ritual nötig ist. Wie oft mag es eine Liebe wie die unsere, eine Beziehung zwischen einem Mensch und einem Vampir gegeben haben? Sehr, sehr selten, Bella. Ich habe während meines Daseins als Vampir viele meiner Art getroffen, aber keiner von ihnen hätte es freiwillig ertragen, sich mit einem Menschen in nächster Nähe zu umgeben und dem Blutrausch zu widerstehen."

Edward sah mich noch immer eindringlich an. „Bella, nur mit dir kann ich wieder Mensch werden."


Ich würde mich sehr über eure Reviews freuen! ^-^ Und gelobe, dass bald das nächste Kapitel kommt!