Später am selben Tag versuchte ich noch immer, die Informationen zu verarbeiten. Ich stand in der Küche und bereitete Charlies frisch gefangenen Fisch zu – hierbei konnte ich wenigstens in Ruhe nachdenken, da mich niemand störte. Charlie saß auf dem Sofa und schaute Football während Edward sich oben in meinem Zimmer aufhielt – man könnte auch sagen versteckte. Er würde sicher nicht herunter kommen; wenn Charlie wüsste, dass er hier war... Nun, das Donnerwetter wollte ich mir lieber nicht ausmalen!
Ich schob den gewürzten Fisch in den Ofen und begann, den Tisch zu decken. Noch immer hallten Edwards Worte in meinen Ohren: „Nur mit dir kann ich wieder Mensch werden, Bella."
Ich seufzte. Immer wenn ich dachte, mein Leben könnte nicht noch komplizierter werden, wurde ich eines Besseren belehrt. Es hatte so viel Hoffnung in Edwards Blick gelegen, als er mich angeschaut hatte, soviel Zuversicht. Mir war klar gewesen – denn dass hatte er ja schon ganz am Anfang deutlich gemacht -, dass er kein Monster sein wollte. Und vielleicht damit auch kein Vampir. Aber dass sein Wunsch so groß war, war mir nicht bewusst gewesen. Es war doch eigentlich ziemlich vorteilhaft, ein Vampir zu sein, oder etwa nicht? Zumindest war es noch immer mein größter Wunsch. Ich wollte ein Vampir sein. ... Und Edward ein Mensch. Was für eine Pattsituation.
Ich rückte abwesend die Teller zurecht und holte zwei Gläser aus dem Schrank, die mir prompt aus der Hand fielen und mit einem Klirren auf den Fliesen zerbarsten. Leise fluchend sah ich mir die Bescherung an – wenn ich nur endlich ein Vampir wäre, hätte es mit meiner Tollpatschigkeit sicher ein Ende!
„Bella, ist alles ok bei dir?", rief Charlie aus dem Wohnzimmer, drehte sich allerdings nicht einmal um. Er kannte mich ja, bei mir gingen Dinge schon einmal schneller kaputt als bei anderen. Daher fand ich es lieb, dass er zumindest fragte.
„Mir geht es gut, Charlie. Kein Personenschaden!"
Ich holte mir Handfeger und Schüppe und begann, die Glasscherben zusammenzufegen. Sie erinnerten mich an jenen unglückseligen Tag, als die Cullens mich zum Geburtstag beschenken wollten und ein harmloser, keiner Schnitt am Geschenkpapier zu der schlimmsten Katastrophe meines Lebens führte. Allein bei der Erinnerung an Edward, wie er mich im Wald hatte stehen lassen, mutterseelenallein und ich ihm geglaubt hatte, dass er mich nie wieder sehen wollte, zog sich mir das Herz in der Brust zusammen. Die darauffolgenden Tage und Wochen, ja Monate hatten nur aus Dunkelheit und Schmerz bestanden – manchmal war ich selber erstaunt, dass ich trotzdem die Kraft gehabt hatte, weiterzumachen. Zu funktionieren, wenn auch völlig in mich zurückgezogen, von der Außenwelt abgekapselt. Ich versuchte, diese Erinnerungen so gut wie möglich zu verdrängen, doch manchmal kamen sie einfach wieder hoch, als wollten sie mich zwingen, mich ihnen wieder zu stellen. Es war wie eine Wunde, die immer wieder aufriss... Und einmal mehr fragte ich mich: Würde das jemals aufhören? Würde sie jemals vollends heilen?
Vielleicht war es nur eine Illusion, aber ich hoffte innerlich, wenn ich erst einmal ein Vampir war, würden mich die düsteren Erinnerungen in Ruhe lassen. Falls ich mich allerdings in diesem Punkt irrte, würden sie mich dann nicht nur ein Leben lang, sondern bis in alle Ewigkeit heimsuchen.
Ich atmete tief ein und versuchte, die in mir aufsteigende Panik zu bekämpfen. Ich zwang mich, an etwas anderes zu denken, etwas Schönes. Edward kam mir in den Sinn, wie er mit nacktem Oberkörper in der Sonne lag. Nur für mich, mit funkelnder Haut, wie abertausende Diamanten.
Erleichtert merkte ich, dass mein Herz bei dem Gedanken ein klein wenig leichter wurde. Schnell ließ ich die Glasscherben im Mülleimer verschwinden. Jetzt musste ich mich nur noch weiter ablenken.
„Charlie? Essen ist fertig, kommst du?"
*
An diesem Abend lag ich in Edwards Arm in meinem Bett, meinen Kopf auf seiner Brust, und versuchte, einzuschlafen. Normalerweise gelang mir das in seiner Nähe gut, weil ich mich bei ihm beschützt und geborgen fühlte und eingehüllt in seinen Duft alles um mich herum vergaß. Heute Abend aber kam ich nicht zur Ruhe. Wütend über die Gedanken, die mich wach hielten, ballte ich meine rechte Hand zur Faust.
„Alles in Ordnung, Bella?", hörte ich Edwards melodische Stimme an meinem Ohr.
Nein, nichts war in Ordnung! Nicht seit dem Gespräch gestern. Nicht seit ich erfahren hatte, was Edward sich wünschte. Verzweifelt drehte ich mich aus seinem Arm auf den Bauch und vergrub den Kopf unter meinen Armen. Ich wünschte, ich könnte verschwinden!
„Bella, Liebe, was hast du?" Edward drehte sich mir zu und strich mir sanft mit seiner kühlen Hand über den Rücken. Als ich nicht antwortete, seufzte er. „Lässt dir das, was ich gestern gesagt habe, noch immer keine Ruhe?"
Ich hob meinen Kopf und blickte ihn durch den Schleier meiner Haare hindurch an.
„Nein, lässt es nicht. Ich... ich kann das nicht." Ich versuchte, meine Gedanken in Worte zu fassen. Einerseits wollte ich Edward nicht verletzten und seinen Wunsch kategorisch ablehnen. Andererseits musste ich einfach darüber sprechen, sonst würde es mich noch auffressen.
Ich stütze mich auf die Ellenbogen und suchte die richtigen Worte, während ich Edwards Blick mied.
„Ich liebe dich, Edward. Ich liebe dich so wie du bist. Ich... kann nicht mit dir dieses Ritual machen. Ich will nicht, dass du... dass du wieder ein Mensch bist."
Jetzt war es raus. Ich schämte mich für meinen Egoismus, aber damit, es auszusprechen gestand ich es endlich auch mir gegenüber ein. Ich wollte nicht, dass er wieder ein Mensch war. Wenn ich mich dabei nur nicht so verdammt schlecht fühlen würde... Um Edwards Blick nicht begegnen zu müssen, vergrub ich den Kopf wieder unter den Armen. Auch, damit er die Tränen nicht sah, die mir lautlos über die Wangen liefen.
„Bella...", fing Edward an, und ich malte mir den Satz in Gedanken aus. Bella, du bist wirklich der egoistischste Mensch, der mir je begegnet ist – wenn du mich wirklich liebst, würdest du es tun. Ich schluchzte.
„Schhht... Bella, Liebling. Ist doch alles in Ordnung."
Ich spürte, wie Edward sich zu mir schob und mir tröstend einen Arm um die Schultern legte. Dann schob er meine Haare bei Seite und platzierte leichte, kühle Küsse auf meinem Nacken, bis mein Schluchzen verebbte.
„Bella, ich wünschte wirklich, ich könnte deine Gedanken lesen, um zu verstehen zu können, warum du dich so sehr dagegen sträubst. Wovor hast du so eine große Angst?" Seine Stimme klang nicht enttäuscht und auch nicht anklagend. Sie klang einfach nur hilflos.
Das war es, was mich letztendlich veranlasste, mich zusammenzureißen und aufzublicken.
„Ich habe Angst davor, dich zu verlieren, Edward. Wenn du ein Mensch bist, dann bist du genauso zerbrechlich wie ich – und wirst irgendwann sterben. Ich habe schon einmal geglaubt, dich für immer verloren zu haben. Noch einmal würde ich das nicht ertragen...", erklärte ich und hörte den Schmerz in meiner Stimme. Da war sie wieder, die Wunde.
Edward beugte sich zu mir und küsste mich sanft auf die Lippen – und ich fühlte mich ein wenig besser. Seine Nähe war das beste Heilmittel für die Wunde in meiner Seele.
Dann lehnte Edward sich wieder zurück und ein leises Lächeln umspielte seine Lippen.
„Bella, ich verstehe dich. Sehr gut sogar, denn ich mache mir mindestens ebenso große Sorgen um dich. Täglich."
Erleichtert über sein Verständnis, atmete ich auf und entspannte mich ein wenig. Da fuhr er auch schon fort.
„Mir ist ebenso bewusst, dass Leben immer mit Sterben verbunden ist. Aber, Bella – das ist nur eine Facette des Lebens. Ich weiß, dass du glaubst, als Vampir hättest du alles, was du brauchst, um für immer glücklich zu sein." Er sah mich an und ich nickte leicht. „Aber ich bin schon so lange ein Vampir, dass ich weiß, dass es Dinge gibt, die dir dieses untote Dasein nicht geben kann. Ich habe es bereits angedeutet – Bella, ich möchte gerne irgendwann Vater werden, eine Familie gründen. Mit dir!"
Mein Herz schlug wieder schneller. So offen Edward über seine Gefühle zu mir sprach, über diese Details hatte er bis gestern geschwiegen. Vielleicht hatte er Sorge gehabt, mich hiermit zu verschrecken. Doch jetzt sprach er sie aus und setzte alles auf eine Karte.
„Es bricht mir das Herz, mir vorzustellen, dass du und ich nie Kinder haben können. Selbst wenn du jetzt sagen solltest, du möchtest keine Kinder – irgendwann kommt der Tag, an dem sich deine Meinung geändert haben wird. Ich sehe es täglich bei Rosalie, sie wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, doch es bleibt ihr versagt. Nicht einmal Carlisle kann ihr helfen, wir sind dazu verdammt, ein kinderloses Dasein zu fristen."
Gedankenverloren wickelte er eine Strähne meiner dunklen Haare um seine Finger und betrachtete sie schwermütig. Er hatte verbittert geklungen, es musste furchtbar für ihn sein, Rosalies Gedanken und ihren Schmerz immer wieder zu erleben. Ich wollte gerade etwas sagen, doch er war noch nicht fertig.
„Ich kann verstehen, wenn du gerne so jung bleiben möchtest. Aber für immer jung zu sein, kann auch ein Fluch sein, Bella! Glaub mir, das verliert schneller seinen Reiz, als du es dir vorstellen kannst. Sich nie zu verändern bedeutet Stillstand. Was das Leben bereichert ist, gemeinsam alt zu werden, sich gemeinsam zu ändern und zusammenzuwachsen. Jedes Lebensalter hat seine Vorzüge. Möchtest du nicht irgendwann einmal über die Sorgen deiner Jugend lachen können?" Er lächelte. „Ich würde so gerne mit dir zusammen alt werden, unsere Kinder und Enkelkinder aufwachsen sehen. Dir dein Gebiss verstecken, damit ich die Schokolade für mich alleine habe." Er zwinkerte schelmisch, wurde dann jedoch übergangslos wieder ernst und nahm meine Hände.
„Bitte, Bella – lass es uns wenigstens versuchen. Wenn das alles nicht stimmt oder nicht... funktioniert, dann verspreche ich dir bei allem was mir heilig ist, dass wir es auf deine Art machen." Er sah mich ernst aus seinen goldenen Augen an. „Und wir teilen unser Leben als Vampire."
Er hätte dies gar nicht sagen und erst recht nicht versprechen brauchen. So verrückt es war, er hatte mich vorher schon überzeugt. Ich konnte es selber kaum glauben und schwieg einen Moment, um es erst einmal zu fassen. Edward hatte Recht. Ich hatte mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was ich alles aufgeben würde, wenn ich erst einmal in einen Vampir verwandelt würde. Für mich hatte immer nur festgestanden, dass ich den Rest meines Lebens – egal ob endlich oder unendlich – mit Edward zusammen sein wollte. Aber auf der selben Ebene – und da hatte es nur die Möglichkeit gegeben, beide Vampire zu sein. Bis jetzt.
Ich strich mit meinen Fingern über Edwards makellose Hände, dann sah ich ihm in sein wunderschönes Gesicht und nickte.
„Ich bin einverstanden. Wir werden es versuchen."
...und jetzt her mit den Reviews ^-^ Gefällt es euch? Überzeugt?
