Kapitel 6
Diskussion mit den Cullens

Auch wenn ich nach außen gefasst und vernünftig wirkte – mein Inneres glich einer aufgewühlten See, deren tobende Wellen meterhoch in den Himmel schlugen und drohten, mich fortzureißen. Das Verlangen war beinahe unwiderstehlich und füllte jeden Winkel meines Bewusstseins. Meine Lippen brannten noch immer von dem Kuss...

Ich wusste, wie ich jetzt aussah, als ich gegen das berauschende Verlangen ankämpfte. Angespannt, die Augen geschlossen, die Stirn vor Anstrengung gerunzelt und den Mund schmerzhaft verzogen. Es war so schwer... Als Vampir wollte ich ihr Blut... und als Mann wollte ich sie... Wie viel Entbehrung würde ich noch ertragen können? Wie lange würde ich mich noch selbst kasteien können, bevor ich mich vergaß?
Am meisten quälte mich die Angst, ich könnte es sein, der Bella eines Tages verletzen würde, nur einen kleinen Moment zu schwach, dem schier unstillbaren Durst zu widerstehen. Seitdem ich in dem Ballettstudio Bellas Blut gekostet hatte, schmeckte daneben alles andere fad. Und mit jedem Mal, das ich ihr nahe war, wurde es ein wenig schlimmer. Ich wusste, ich musste dem ein Ende setzen. Und endlich war die Lösung in geradezu greifbarer Nähe.

„Edward?" Bellas Stimme riss mich aus meinen düsteren Gedanken und ich öffnete langsam die Augen. Sie sah aus wie ein Engel. Ich wusste, wenn ich ihr dies jetzt sagen würde, würde sie es abstreiten, aber es war die Wahrheit. Ihre Wangen waren rosig, die Lippen leicht geöffnet – ich konnte sehen, dass ihr Puls noch immer raste. Jede Pore verströmte ihren bezaubernden Duft und lud mich ein – genau wie der Blick in ihren Augen. Wie gerne hätte ich mich dem hingegeben… Doch ich musste stark bleiben.
Und so versuchte ich, mich gegen ihre Reize zu verschließen, und lächelte – darauf bedacht, nicht mehr einzuatmen.

„Alles in Ordnung, meine Liebe." Ich drückte Bellas Hand. „Sollen wir?"

Sie nickte und so wandten wir uns der Treppe zu, die im hinteren Teil der weitläufigen Garage in das Erdgeschoss unseres Hauses führte. Als Bella nun nicht mehr meine ganze Konzentration in Anspruch nahm, konnte ich meine Sinne schweifen lassen – so bemerkte ich Alice, die auf der obersten Treppenstufe stand, zumindest einen Moment bevor ich sie sah.

An ihrem verschmitzten Funkeln in den goldenen Augen konnte ich unschwer erkennen, dass sie dort bereits länger stand – zweifelsohne hatte sie unsere Ankunft vorhergesehen und wollte uns begrüßen. Hierfür musste ich ihre Gedanken nicht lesen – in denen sie mich neckte, dass Bella und ich wohl einfach die Finger nicht voneinander lassen konnten.

„Hi Alice." Sagte ich schmunzelnd und warf Bella einen Blick zu. Sie schien Alice erst jetzt zu bemerken und begrüßte sie ebenfalls unsicher. Offenbar war sie nicht sicher, wie viel Alice von unserem... Kuss mitbekommen hatte – die Vorstellung schien ihr peinlich zu sein, was mich erneut zum Schmunzeln brachte. Vielleicht sah ich dies einfach gelassener, weil es in unserem Vampir-Haushalt so gut wie unmöglich war, Dinge in völliger Privatsphäre zu tun. Auch wenn ich der einzige war, der Gedanken lesen konnte, so verfügten die anderen doch auch über so feine Sinne, dass amouröse Aktivitäten untereinander selten unbemerkt blieben.

Alice sah das ähnlich und zwinkerte uns zu.

„Schön, dass ihr beide uns doch noch mit eurem Besuch beehrt. Ich hatte euch mit dem Auto herkommen sehen – aber dass ihr in der Garage übereinander her fallt, habe ich wirklich nicht geahnt."

Ich lachte leise und sah aus den Augenwinkeln, dass Bella nun krebsrot im Gesicht war. Ich drückte leicht ihre Hand und beugte mich zu ihr.

„Es braucht dir nicht unangenehm zu sein. Alice freut sich für uns."

Unsicher sah Bella mich an, schien sich dann jedoch etwas zu entspannen – ihr Puls verlangsamte sich wieder. Das Pochen schien dennoch von den Wänden zu hallen – was wahrscheinlich daran lag, dass wir dieses Geräusch in diesem Haus nicht im Geringsten gewöhnt waren. Es war so auffällig wie eine blühende Blume mitten im ewigen Eis der Arktis. Ein verlockendes Geräusch...

Wir gingen Hand in Hand durch den hellen Flur ins Wohnzimmer wobei Alice grazil von uns her tänzelte. Sie zeigte mir in ihren Gedanken, dass sie die anderen bereits dort versammelt hatte, weil sie in ihrer Vision gesehen hatte, dass wir ihnen etwas mitteilen wollten. Tatsächlich nahm ich die Gedanken der anderen bereits wahr, bevor ich sie sah – ein mehrstimmiges Murmeln, aus dem vor allem Neugier darauf sprach, was wir wollten.

Meine Eltern standen an einem der großen Fenster und schauen hinaus. Als wir eintraten, löste sich Esme von Carlisles Seite und kam mit einem warmen Lächeln auf uns zu. Sie sprach ihre Gedanken laut aus.

„Bella, wie schön, dass du vorbei kommst. Ich freue mich, dich zu sehen."

Ich ließ Bellas Hand los und Esme umarmte sie herzlich, was Bella erwiderte. Dann gab Esme mir einen Kuss auf die Wange.
Derweil begrüßte uns auch Carlisle – Jasper nickte uns nur von der anderen Seite des Raumes aus zu und hielt den Abstand. Ich konnte es ihm nicht verübeln – seit dem Tag, an dem er Bella an ihrem Geburtstag damals angegriffen hatte, quälte ihn das schlechte Gewissen. Es spiegelte sich in Bellas Gegenwart immer wieder in seinen Gedanken. Auch in diesem Moment. Ich muss mich besser unter Kontrolle haben. Ich darf mir gar nicht vorstellen, was an dem Tag hätte passieren können, wenn mich die anderen nicht aufgehalten hätten... ich hätte Edward nie wieder unter die Augen treten können... oder den anderen. Alice hätte sicher zu mir gehalten – sie hält immer zu mir und glaubt an das Gute in mir, dass ich stark genug bin. Sie ermutigt mich – aber ich weiß nicht, ob ich ihr Vertrauen verdient habe. Oh, dieser Duft... wenn Bella doch nur nicht so gut riechen würde... Ihr Herzschlag... so wunderbar menschlich...

Ich sah zu Jasper hinüber und seufzte – seine Augen waren auf Bella geheftet und es war nicht schwer zu erraten, dass ihm bei seinen Gedanken förmlich das Wasser – bzw. Gift – im Mund zusammenlief.

„Alice", rief ich und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Sofort war sie an Jaspers Seite und drehte seinen Kopf, so dass er sie ansah, und redete leise auf ihn ein.

Ich entspannte mich wieder ein wenig – unglücklicherweise gewöhnte man sich auf Dauer an die latente Gefahr, die in Bellas Beisein von Jasper ausging. Doch seine Gedanken erinnerten mich immer aufs Neue daran, auf Bella acht zu geben, jede Sekunde.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Bella sich suchend umschaute. Verwundert runzelte sie die Stirn und fragte:

„Wo sind denn Emmett und Rosalie?"

Carlisle antwortete ihr.

„Sie sind gestern zur Südküste Alaskas aufgebrochen und wollen dort für ein paar Tage bleiben – Emmett reizen die Kodiakbären dort..."

Carlisle blickte mich an. Hast du das nicht gewusst, Edward?

Natürlich hatte ich das gewusst. Mehr als das – ich hatte es sorgsam in meine Planung einbezogen.

Mittlerweile ruhten alle Augen auf mir, erwartungsvoll. Alice hatte ihnen gesagt, dass ich ihnen etwas mitzuteilen hatte – und nun wollten sie von mir hören, worum es ging. Ich wollte sie auch nicht länger warten lassen – dieser Moment war so gut wie jeder andere. Ich hätte mir nur gewünscht, besser vorhersagen zu können, wie sie reagieren würden. Ich konnte nur auf ihr Verständnis hoffen.

„Setzen wir uns."

Ich bedeutete den anderen, auf dem Sofa Platz zu nehmen – und auch Bella und ich ließen uns darauf nieder. Natürlich hatte ich die letzten Tage und Nächte überlegt, wie ich es meiner Familie sagen wollte, und mir Worte zurecht gelegt. Doch nun erschienen sie mir alle leer und ich fing anders an, wobei ich mich bemühte, die Gedanken der anderen so gut es irgend möglich war auszublenden. Ich war auch so schon nervös genug.

„Ihr wisst, dass ich Bella liebe – mehr als alles andere auf der Welt - und für immer mit ihr zusammen sein möchte. Ich weiß, dass wir vereinbart hatten, Bella zu einer der Unseren zu machen – ihr erinnert euch alle an die Abstimmung. Es war Bellas ausdrücklicher Wunsch."

Die anderen nickten zustimmend und ich versuchte, die nächsten Worte sorgsam auszuwählen.

„Doch ich wünsche mir für Bella, dass sie nichts von ihrem Leben für mich aufgeben muss. Nicht das Älterwerden, und auch nicht die Möglichkeit, eine eigene Familie zu gründen. Den Gedanken, ihr dies zu nehmen, kann ich nicht ertragen."

Ich schloss die Augen, als die Gedanken der anderen auf mich einstürmten, alle ähnlich – alle verwandt. Rosalie. – Wir sehen, wie sehr Rosalie leidet. – Arme Rosalie, wenn ich ihr nur helfen könnte. Ich nickte leicht. Auch ich wünschte mir, Rosalie helfen zu können – aber ich wusste nicht wie. Nicht einmal mit der neu entdeckten, unglaublichen Chance.
Ich öffnete die Augen wieder, drückte sacht Bellas Hand und fuhr fort.

„Ich habe mir geschworen, wenn es eine andere Möglichkeit auf dieser Welt gibt, dann werde ich sie wählen."

Ich machte eine bedeutungsvolle Pause blickte in die Runde.

„Ich habe meine andere Möglichkeit gefunden. Eine Möglichkeit, wie ich wieder Mensch werden kann."

Die Bombe war geplatzt – und unzählige Gedanken stürmten auf mich ein. Wovon redet er da? – Völlig unmöglich! – Jetzt ist er wirklich übergeschnappt – Das geht nicht. Würde es gehen, wüsste ich davon! – Die Volturi würden dies nicht zulassen – Wie soll das möglich sein?
Es stürmten so viele Gedanken auf mich ein, dass ich gar nicht bemerkte, dass der letzte eine ausgesprochene Frage war. Bella stupste mich an und deutete mit dem Kopf auf Alice, die mich fragend und verwirrt ansah. Die Ausdrücke auf den Gesichtern waren ebenfalls ungläubig oder verwirrt. Ich erzählte von dem Buch und wie ich es in Carlisles Arbeitszimmer zufällig gefunden hatte. Meine Erzählung brachte mich zu Dragomas.

„Dragomas soll ein Ritual entwickelt haben, mit dem ein Vampir wieder zu dem Menschen werden kann, der er vor seiner Unsterblichkeit gewesen ist. Ich weiß, dass ihr jetzt einwenden werdet, dass dies noch nie passiert ist – oder es zumindest nie bekannt wurde. Das liegt daran, dass es bei dem Ritual eine wichtige Bedingung gibt, die schwer zu erfüllen ist."

Ich sah meiner Familie an, dass ich nun ihre bedingungslose Aufmerksamkeit genoss. Sie konnten zwar noch immer nicht wirklich glauben, wovon ich sprach, doch ich hatte ihre Neugier geweckt. Wie hätte es anders sein können – ein jeder von uns hegte in sich den Traum, wieder ein Mensch zu sein – der eine mehr, der andere weniger.

„Diese Bedingung, damit das gefährliche und schmerzhafte Ritual vollzogen werden kann, liegt in der bedingungslosen Liebe und dem Blut eines Sterblichen."

Alle Augen wandten sich nun Bella zu, die neben mir angesichts der plötzlichen Aufmerksamkeit unruhig hin und her rutschte. Sanft hauchte ich ihr einen Kuss auf die warme Wange.

„Ich danke dir", flüsterte ich ihr leise ins Ohr und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. In diesem Moment war ich beseelt von Dankbarkeit ihr gegenüber, denn nur ihre Liebe und ihre Bereitschaft, die Gefahren des Rituals auf sich zu nehmen, würden mir die Chance geben, bald wirklich zu ihr gehören zu können. Nicht für immer, aber für den Rest meines Lebens – was ich als ein viel größeres Geschenk empfand.

Carlisle meldete sich zu Wort.

„Ich kann mich nicht an ein Buch erinnern, in dem hiervon die Rede ist. Es muss bei den Büchern gewesen sein, die ich kürzlich von einem reisenden Vampir erstanden habe... Die Geschichte ist ungeheuerlich, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich kann kaum glauben, dass dies wirklich möglich sein soll."

„Warum denn eigentlich nicht?", warf Alice ein. „Eine Liebe wie die zwischen Edward und Bella ist einzigartig. Kein Wunder, dass wir noch nie davon gehört haben, dass es ein solches Ritual gibt, wenn es keinen gibt, der davon berichten kann. Dieser Dragomas scheint sich ja in der Abgeschiedenheit des Urwalds von Südamerika sehr wohl zu fühlen."

Carlisle war noch nicht überzeugt.

„Nein, ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, wie dies körperlich möglich sein soll. Andererseits weiß ich aus eigener Erfahrung, dass die Volturi sehr mächtig sind. Wenn dieser Dragomas wirklich über sie aufgestiegen ist... Wer weiß, über welche Fähigkeiten er verfügt."

Esme hatte bisher geschwiegen, doch nun sah sich mich hoffnungsvoll an und fragte:

„Rosalie?"

„Nein", antwortete ich traurig und schüttelte leicht den Kopf. „Ohne die bedingungslose Liebe eines Menschen funktioniert es dem Buch nach nicht, das Blut reicht nicht aus." Ich seufzte schwer. „Ihr könnt euch nun vorstellen, warum ich ausgerechnet diesen Moment ausgewählt habe, um mit euch zu sprechen. Rosalie wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder ein Mensch sein zu können. Doch es ist eins zu wissen, dass es völlig unmöglich ist. Ich befürchte, wenn sie erfährt, dass es doch einen Weg gibt – sie ihn aber nicht beschreiten kann… Ich will ihr nicht unnötig weh tun."

Esme schlug traurig die Augen nieder und lehnte sich an Carlisles Schulter. Es war schlimm genug für mich zu sehen und zu fühlen, dass sie enttäuscht war. Eine Konfrontation mit Rosalie... ich mochte gar nicht daran denken.

„Aber früher oder später wirst du es ihr sagen müssen", wandte Jasper ein, der steif mit gerunzelter Stirn auf der am weitesten entfernten Ecke des Sofas saß.

„Ich weiß", antwortete ich. „Aber es besteht immerhin die Möglichkeit – so ungern ich sie in Erwägung ziehe – , dass das Ritual nicht funktionieren wird. Sollte dies der Fall sein, können wir für immer darüber schweigen. Andernfalls... nun, dann muss ich es ihr beibringen. Aber ich wäre euch dankbar, wenn ihr mich dann unterstützen würdet. Denn in dem Fall werde ich dann ziemlich zerbrechlich sein – und Rosalie sehr wütend."

Alice nickte.

„Jasper und ich stehen dir dann auf jeden Fall bei."

Dankbar lächelte ich sie an.

Esme blickte zu Carlisle, kam dann zu mir und nahm mich in den Arm.

„Du wirst immer unser Sohn bleiben und wir werden immer zu dir stehen, egal ob als Vampir oder als Mensch. Wann immer du unsere Unterstützung brauchst, werden wir sie dir gewähren."

Sie löste die Umarmung und blickte mir tief in die Augen. Du tust das Richtige. Du handelst aus Liebe und ich weiß, dass die Frau an deiner Seite dies wert ist. Ich wünsche euch beiden von Herzen alles Gute und werde dich immer lieben.

„Danke", sagte ich und meinte es von ganzem Herzen. Die Anspannung der letzten Minuten fiel von mir ab und ich freute mich, dass meine Familie vorbehaltlos hinter mir stand. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich es einmal in Erwägung ziehen könnte, diese enge Gemeinschaft einmal für jemanden aufzugeben. Doch ich war mir nicht sicher, wie es weitergehen würde, wäre ich erstmal ein Mensch. Ich würde Bella nicht mehr vor Jasper beschützen können, sondern selber Schutz brauchen.

Doch in diesem Moment würde ich mich hiermit nicht belasten.

to be continued!

Ihr Lieben,

dies als mein nachträgliches Weihnachtsgeschenk für euch!

Diesmal ausnahmsweise aus Edwards Sicht...

Wie hat es euch gefallen?

Freue mich auf eure Reviews!

Frohes neues Jahr!
Lhu