Kapitel 7
Alice's Vision
Die Sonnenstrahlen weckten mich noch vor dem Klingeln meines Weckers, doch ich konnte mich nicht recht über sie freuen. Die Enttäuschung, dass Edward nicht neben mir liegen würde, wenn ich die Augen aufschlug, überwog. Glücklicherweise waren sonnige Tage in Forks äußerst selten – vielleicht eine Handvoll Tage im ganzen Jahr. Ein Umstand, der mir all die Jahre meiner Kindheit den Gedanken an die Sommerferien bei Charlie vergraust hatte, der mich mittlerweile jedoch dankbar stimmte.
Da ich also heute früh nicht noch ein paar Worte mit Edward im Bett wechseln würde, konnte ich ebenso gut aufstehen und mich für die Schule fertig machen. Also strich ich mir die vom Schlaf zerzausten Haare aus dem Gesicht und tapste auf nackten Füßen nach nebenan ins Badezimmer. Charlie schien noch zu schlafen; sein leises Schnarchen drang durch die Tür seines Schlafzimmers in die morgendliche Stille des Hauses.
In aller Ruhe machte ich mich frisch, putzte die Zähne, bürstete meine Haare und zog mich dann in meinem Zimmer an. Während der ganzen Zeit und noch auf dem Weg nach unten in die Küche, wo ich mir ein paar Cornflakes fertig machte, versuchte ich mich, an den Traum der letzten Nacht zu erinnern. Schemenhaft huschte ein Bild durch mein Bewusstsein – Edward auf unserer Wiese im Sonnenschein, in seinen Armen ein kleines Kind. Doch halt – das war nicht Edward. Ich hielt stirnrunzelnd inne und bemerkte dabei nicht, dass die Milch an meiner Schale vorbei auf den Tisch tropfte. Das Bild klärte sich langsam – zuerst konnte ich das Kind besser erkennen. Es war ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren und leicht olivfarbenem Teint. Und der Mann, der sie im Arm hielt – war Jacob.
Bevor ich dies wirklich realisieren konnte, wurde das friedliche Bild von einem anderen abgelöst. Grün in allen Farbtönen, noch grüner als Forks. Urwald. Auf einer Lichtung – Edward. Am Boden, regungslos.
„Tot", flüsterte ich angsterfüllt mit bebenden Lippen. Das Bild löste sich genauso schnell auf, wie es gekommen war – doch die Angst in mir blieb zurück. Plötzlich erschien es mir kälter im Raum und ich schlang die Arme, von Gänsehaut bedeckt, um meinen zitternden Körper, um mich zu wärmen. Minutenlang verharrte ich so, regungslos.
Das war doch nur ein Traum gewesen, beruhigte ich mich. Nur ein Traum… Ich nahm mir vor, niemandem davon zu erzählen – schon gar nicht Edward.
Nur ein böser Traum. Doch die Erinnerung daran ließ mich erst los, als ich in der Schule ankam und Jessica mich mit ihrem Geplapper ablenkte.
*
Als ich nach Hause kam, versank die Sonne gerade hinter den Bergspitzen im Westen und tauchte den Himmel in ein tiefes Blutrot. Dankbar um die Ablenkung hatte ich Jessicas Einladung angenommen, nach der Schule mir ihr und Angela noch eine DVD zu gucken. Irgend so ein Teeniefilm, der mich nicht wirklich interessierte.
Aber da ich wusste, dass ich Edward nicht vor Sonnenuntergang sehen würde, konnte ich die Zeit ebenso gut nutzen, um meine menschlichen Freundschaften zu pflegen, was ich in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt hatte. Schließlich war ich fest davon überzeugt gewesen, bald ein Vampir zu sein – und nach der Verwandlung hätte ich meinen Freunden eh nicht mehr unter die Augen treten können. Ich hatte sie also bereits innerlich aufgegeben.
Edwards – und damit letztlich auch meine – neuen Pläne änderten die Situation grundlegend. Und wenn ich ehrlich zu mir war, musste ich mir eingestehen, dass ich mich freute, meine Freundinnen behalten zu können. Selbst wenn unsere Leben doch in Vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich waren und wir längst nicht alle Interessen teilten, so waren sie mir doch in den letzten Monaten ans Herz gewachsen.
Der Ruf einer Eule ganz in der Nähe riss mich jäh aus meinen Gedanken und mir wurde bewusst, wie lange ich schon mit laufendem Motor vor unserem Haus stand. Ich zog also den Zündschlüssel, nahm meine Tasche und kletterte nicht ganz so elegant, wie ich es mir gewünscht hätte, aus dem Auto. Auf dem Weg zur Haustür bemerkte ich aus den Augenwinkeln in der Fensterscheibe meines Zimmers eine Reflexion, und mein Herz machte einen Sprung. Edward war da und wartete auf mich.
Hastig schloss ich die Haustür auf, streifte die Schuhe ab und stürmte die Treppe hoch in mein Zimmer, wo Edward lächelnd im Türrahmen stand. Wie jedes Mal traf mich seine Schönheit mit aller Wucht. Sein prozellanfarbenes, ebenmäßiges Gesicht, die golden schimmernden Augen, seine sinnlichen Lippen –zu einem Lächeln verzogen, das ganz allein mir galt. Ich merkte, wie mir flau wurde und die Tasche meiner Hand entglitt, und schnell atmete ich ein. Seit ich Edward kannte, holte mich die Redensart, dass es einem den Atem verschlägt, einfach immer wieder ein…
Edward lachte leiste.
„Du hältst nicht immer noch die Luft an, oder?" Das Lachen breitete sich von seinem Mund über die Wangen bis zu seinen funkelnden Augen aus und ich konnte nicht anders, als einzustimmen.
„Du warst eben zu lange weg", entgegnete ich schmunzelnd.
Edward breitete seine Arme aus. Diese Einladung nahm ich dankbar an und schmiegte mich an seine harte Brust. Sofort umfingen mich nicht nur seine beschützenden Arme, sondern auch sein unbeschreiblicher Duft. Ich spürte, wie Edward sein Gesicht in meinen Haaren vergrub und seufzend meinen Duft einsog. Einen Moment später fand ich mich, als ich die Augen aufschlug, in Edwards Armen auf meinem Bett wieder, sein Gesicht Zentimeter von meinem entfernt.
„Ich liebe dich", hauchte Edward. Und das war es, was ich auch in seinen Augen las. Nur kurz trübte sich sein Blick und er seufzte. „Glaub mir, es gibt nichts, das ich mir sehnlicher wünsche, als bereits ein Mensch zu sein."
Dann gewann das verführerische Lächeln, das ich so liebte, wieder Oberhand und bevor ich etwas erwidern konnte – falls ich hierzu in diesem Moment überhaupt in der Lage gewesen wäre – verschloss Edward meine Lippen mit einem langen Kuss.
*
Später am Abend, nachdem ich für Charlie und mich gekocht hatte und Charlie seiner Gewohnheit als Junggeselle folgend wieder ein Baseball-Spiel im Fernsehen verfolgte und die Spieler lautstark anfeuerte, saßen Edward und ich auf meinem Bett und berieten, wie es nun weitergehen sollte. Edward mochte zwar nach außen hin seinen ruhigen Schein wahren, doch unter der Oberfläche war er angespannt und voller Tatendrang. Seiner Meinung hätten wir lieber gestern als heute Richtung Südamerika aufbrechen sollen um Dragomas zu suchen – und hoffentlich auch zu finden. Edward hatte bereits detaillierte Landkarten der Region organisiert, die er nun mitgebracht hatte. Jetzt griff er nach einer der Karten und breitete sie zwischen uns auf dem Oberbett aus.
„Dies müsste die Region sein", sagte er und kreiste mit seinem Finger ein Areal ein, dessen Größe ich schwer schätzen konnte, zumal ich keinen Blick auf den Maßstab der Karte erhaschen konnte.
„Ich habe noch einmal alles in dem Buch genau gelesen", fuhr Edward fort. „Und ich bin mir ganz sicher, dass wir hier nach Dragomas suchen müssen."
Ich nickte. Ich würde mich da ganz auf ihn verlassen – mein geografisches Gespür und Orientierungssinn waren etwa so gut ausgeprägt wie meine Motorik, also konnte ich wenig Sinnvolles beitragen. Trotzdem lehnte ich mich vor und versuchte, den Namen von etwas zu lesen, das aussah, als könnte es eine Stadt sein.
„M…a…n…a…"
„Manaus", half mir Edward. „Die Stadt liegt mitten im Urwald des Amazonasbeckens am Ufer des Rio Negro, nur wenige Kilometer von dessen Mündung in den Amazonas entfernt. Es ist der ideale Startpunkt für uns. Und es gibt dort einen internationalen Flughafen."
Ich gähnte verhalten, legte mich bequem auf die Seite und nickte. Wie sich herausstellte, hatte Edward auch bereits Flüge nach Manaus herausgesucht, die für uns ideal wären. In wenigen Tagen würde das Schuljahr vorbei sein und die Ferien beginnen – wir waren uns einig, dass dies ein guter Zeitpunkt für die Reise war. Andernfalls hätte ich nicht gewusst, wie ich es Charlie erklären sollte…
Träge lauschte ich Edwards Erzählungen von Klima, Pflanzen und Tierwelt des Amazonas und seinen Vorbereitungen, die bereits in vollem Gange waren, als Edward sich plötzlich versteifte und es kurz darauf hektisch an die Fensterscheibe klopfte. Ich schrak hoch und drehte mich um. Hinter der Scheibe, im Regen, der gerade aufgezogen sein musste, sah ich ein bekanntes Gesicht – Alice. Hastig sprang ich auf und ließ sie herein, bevor sie am Ende noch ein schlafloser Nachbar sah.
„Alice! Was machst du hier?" fragte ich verwundert. Sie kam zwar immer mal wieder zu Besuch, aber gewöhnlich nicht in der Nacht, sondern am Nachmittag. Immerhin war sie ein Mitglied der Cullen-Familie, über dessen Besuch sich Charlie immer freute – was man von Edwards Besuchen leider noch immer nicht sagen konnte. Ich seufzte innerlich und wünschte mir, die Beschützerinstinkte in Charlie wären weniger stark ausgeprägt.
Währenddessen schüttelte Alice sich den Regen aus den Haaren und trat von einem Fuß auf den anderen. Sie wirkte nervös, wenngleich ich mir nicht vorstellen konnte, warum. Doch sie ließ uns nicht lange im Dunkeln tappen.
„Ihr dürft nicht fahren!"
Perplex blickte ich sie mit offenem Mund an und wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann hörte ich etwas, das verdächtig nach einem Fauchen klang und sah alarmiert zu Edward, der Alice mit seinen Augen fixiert hatte, die böse funkelten.
„Du kannst mich nicht aufhalten. Die Zukunft liegt in meiner Hand", presste er zwischen den Zähnen hindurch. Er machte den Eindruck, er würde sich jeden Moment auf seine Schwester stürzen. Aber was meinte er?
Alice zeigte sich von Edwards drohender Haltung wenig beeindruckt, sondern stemmte stur die Hände in die Hüften und lehnte sich ebenfalls angriffslustig nach vorne. Was zum Teufel ging hier eigentlich vor?
Ohne zu überlegen trat ich zwischen die Streithähne und legte jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter.
„Beruhigt euch. Könnte mir bitte einmal jemand erklären, was hier los ist?"
Beide starrten mich an und als mir bewusst wurde, dass mich zwei wütende Vampire ins Visier nahmen, die weitaus stärker waren als ich, wurde mir mulmig. Immerhin wären sie nicht die ersten, die in Wut etwas Unüberlegtes tun…
Ich hielt förmlich die Luft an, bis Edward und Alice sich nach schier endlosen Sekunden beide entspannten und jeweils einen Schritt zurücktraten.
„Bitte entschuldige", sagte Edward an mich gewandt, und seine Stimme hatte wieder den gewohnten melodischen Klang. „Wir hätten uns nicht so aufführen dürfen."
„Mir tut es auch leid", fügte Alice mit schuldbewusster Miene hinzu und wie sie mich beide so zerknirscht ansahen, entlockten sie mir ein Lächeln.
„Es ist ja nichts passiert. Aber was ist denn jetzt los?"
Ich ließ mich auf mein Bett fallen und Edward setzte sich neben mich. Alice zog sich derweil mit einer grazilen Bewegung meinen Schreibtischstuhl heran, der widerwillig quietschte, und ließ sich anmutig darauf nieder. Hätte ich Alice nicht so furchtbar gerne, wäre ich wirklich neidisch auf sie. Kein Vergleich zu meiner Unbeholfenheit, die zwar manch einer süß finden mochte – ich jedoch nicht.
Alice tauschte einen letzten Blick mit Edward, der auffordernd die Hand hob.
„Bitte, erzähl du."
Alice sah mich an und kam seiner Aufforderung nach.
„Ich hatte eine Vision. Ich habe euch im Dschungel gesehen. Es war heiß und schwül. Edward lag in deinen Armen, Bella, und deine Kleidung war blutbefleckt. Du hast geweint und Edward in deinen Armen gewiegt, dann bist du in Panik aufgesprungen, hast dir einen Weg durch das Dickicht gekämpft, auf der Suche nach Hilfe. Doch du hattest keine Chance alleine im Urwald, fernab jeder Zivilisation. Edward war tot – und du würdest nicht lange alleine in der feindlichen Umgebung überleben können."
Während des Zuhörens fühlte ich mich immer mehr beklommen; zu sehr erinnerte mich Alices Vision an den Alptraum, den ich gehabt hatte. War dies ein Zufall? Einerseits glaubte ich nicht an Zufälle – andererseits war ich mir sicher, dass wenn ich irgendetwas nicht hatte, waren dies hellseherische Fähigkeiten.
In mir tobte ein Kampf. Die Zukunft ist immer wandelbar. Klangen Edwards Worte in meiner Erinnerung. Und Alices Visionen waren nicht unfehlbar. Als ich von der Klippe gesprungen war, um Edward im Adrenalinkick näher zu sein, hatte sie geglaubt, ich hätte mich umgebracht und wäre gestorben. Doch sie hatte sich geirrt. Allerdings hatte sie mit ihrer Vision des Spiegelsaals im Ballettstudio ins Schwarze getroffen.
„Wie… wie sicher bist du dir?" fragte ich mit leicht zitternder Stimme.
Alice fuhr sich unwirsch über das Gesicht.
„Ich kann keine Garantie geben. Ich wünschte, ich könnte es. Tut mir leid. Aber ich habe Angst um euch." Ihre Stimme wurde flehend. „Ich bitte euch – fahrt nicht!"
Ihre Angst wirkte ansteckend und ich hatte das Gefühl, eine kalte Hand lege sich um mein Herz. Was, wenn Alice Recht behielt und Edward und ich beide im Urwald unser Leben lassen würden? War es das Risiko wirklich wert? Wir könnten auch einfach so weitermachen wie bisher, würden vorsichtig sein müssen, ständig auf der Hut, dass Edward nicht die Kontrolle über sich verlöre…
In meinen Gedanken verloren bemerkte ich nicht, dass Edward zu mir rückte, bis er mich in seine Arme schloss. Er verfehlte damit nicht die beruhigende Wirkung – fast im selben Augenblick spürte ich, wie ein Großteil der Angst von mir abfiel und sich Zuversicht in mir ausbreitete.
„Wir schaffen das gemeinsam", wisperte Edward in mein Ohr. „Ich würde das nicht tun, wenn ich mir nicht absolut sicher wäre, dass wir Erfolg haben werden. Ich würde dich niemals unbedacht in Gefahr bringen."
Ich wusste, dass er Recht hatte. Er war sich sicher, dass es funktionieren würde. Doch inwiefern ließ er sich von seinem übermächtigen Wunsch, ein Mensch zu sein, beeinflussen?
Wir tauschten einen langen Blick, dann nickte ich. Und Edward wandte sich Alice zu.
„Es bleibt dabei. Sobald das Schuljahr beendet ist, werden wir fliegen."
