„Was ... was ist das?", fragte James und starrte mit dem erstaunten Blick eines Kindes die U-Bahn an, als sie am Tag des Ausfluges ihre Reise an einem Muggelbahnhof begannen.
„Das ist eine U-Bahn. Die Muggel benutzen sie, um sich fortzubewegen.", erklärte Lily knapp. James verdrehte lächelnd die Augen und warf ihr einen Seitenblick zu.
„Du hörst dich nicht so an, als würde es dir Spaß machen. Entspann dich mal. Ich kann auch nett sein. Wirklich."
Sie starrte weiterhin verdrießlich nach vorne und ignorierte seine verspielten Worte. Lachend stupste er mit seinem Finger ihre Nase an und zog sie dann am Arm nach vorne, als die U-Bahn einfuhr.
„Da müssen wir doch rein, oder?", fragte James und seine Augen leuchteten. Er erinnerte Lily an einen kleinen Jungen, der zum ersten Mal U-Bahn fahren durfte und ganz aufgeregt war.
Völlig verwirrt durch sein Verhalten, das so gar nicht zu ihrem arroganten und selbstverliebten Bild von James Potter passen wollte, murmelte sie etwas, das sich anhörte wie „Hrmpf". James deutete es anscheinend richtig.
Als sie sich schließlich in der U-Bahn in einem Viererabteil gegenüber saßen, sah James sich neugierig um.
„Und das funktioniert?", fragte er ungläubig und besah sich die Schienen vom Nebengleis. „Muggel ..."
„Nimm die und schieb sie in Pfeilrichtung in den Abstempelautomaten da drüben.", sagte Lily, ohne auf seine Worte einzugehen. Er seufzte leise, dann nahm er die Fahrkarten entgegen, die sie ihm hinhielt und starrte sie verwirrt an.
Mit gerunzelter Stirn stand er auf und schlenderte zu dem kleinen Automaten hinüber, an dem gerade eine Frau ihre Fahrkarte entwertete. Er schielte über ihre Schulter –was sich als nicht besonders schwierig erwies, wenn man bedachte, dass er stolze 1,91m groß war- und versuchte zu erkennen, was sie dort tat. Aber er hörte bloß ein Klick und schon verschwand die Frau auf ihren Sitzplatz. James warf Lily einen hilflosen Blick über die Schulter zu, aber die starrte ihn nur mit hochgezogener Augenbraue herausfordernd an.
Er wandte sich dem Automaten zu. Dort war ein kleiner Schlitz an der Vorderseite. Was hatte Lily noch gleich gesagt? Nimm die und schieb sie in Pfeilrichtung in den Abstempelautomaten da drüben ...
Er sah auf die kleine Fahrkarte in seiner Hand und fand schließlich sogar einen Pfeil. Argwöhnisch den Blick auf das kleine Gerät gerichtet, schob er die Fahrkarte in den Schlitz und grinste Lily über die Schulter hinweg triumphierend zu, als auch bei ihm ein Klick ertönte. Schnell stempelte er auch noch die zweite Fahrkarte und ging dann, leicht hin und her schwankend, da die U-Bahn sich gerade in Bewegung gesetzt hatte, zu ihrem Platz zurück.
„Siehst du, Liebling, ich kann eben so gut wie alles.", sagte er und warf ihr ein arrogantes Grinsen zu. Voller Verachtung starrte Lily ihn an. Es war unglaublich zu sehen, wie schnell er sich änderte. Hatte er nicht gerade eben noch Ähnlichkeit mit einem kleinen, begeisterten Jungen gehabt?
James verdrehte nur erneut belustigt die Augen, als er ihre –ihm nur allzu gut bekannte- Reaktion auf ihn sah.
Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden, während dessen Lily nur gelangweilt durch die Gegend schaute und James immer wieder neugierig alle Dinge anstarrte, die er nicht kannte.
„Und was machen wir, wenn wir mit der U-Bahn da angekommen sind, wo wir hinwollen?", fragte er schließlich interessiert und nahm dabei den leicht verwirrten Blick nicht von einem Jungen seines Alters, der ein Telefon in der Hand hatte.
Lily sah auf.
„Wir steigen in einen Bus um.", sagte sie kühl und ihre Stimme hörte sich an, als hätte er das wissen müssen. Als er vernahm, in welchem Tonfall sie mit ihm sprach, nahm er den Blick von dem Jungendlichen und richtete ihn auf Lily, die jetzt demonstrativ wieder wegsah. Sein Lächeln war verschwunden und er zog kurz die Augenbrauen in die Höhe, bevor er freundlich, aber dennoch bestimmt sagte:
„Hör mal, Evans, ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst, aber ich habe dir nichts getan und eigentlich hatte ich mich wirklich darauf gefreut, einen Ausflug in die Muggelwelt zu unternehmen und dabei etwas über all die merkwürdigen Dinge wie U-Bahnen zu lernen und zu sehen, wie ein Leben ohne Zauberei funktioniert. Also bitte tu nicht ständig so, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Damit vermiest du nicht nur dir selbst die ganze Sache."
Er konnte sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete und er meinte sogar erhaschen zu können, dass ihr Gesicht sich eine Nuance dunkler färbte. Aber ganz besonders freute ihn das kleine, mit widerstrebend zusammengebissenen Lippen gegebene Nicken von ihr. Er lächelte erleichtert.
„Also, was ist das für ein Ding, das dieser Typ sich da ans Ohr hält. Er redet mit ihm, kann das sein?"
Als sie eine halbe Stunde später aus der U-Bahn gestiegen waren und sich an eine Bushaltestelle gesetzt hatten, wusste James, was Handys waren, warum Muggel ihre Fahrkarten mit einem Automaten abstempelten, wozu man Autos brauchte und einige Dinge, die er noch immer nicht ganz verstanden hatte.
Es war interessant, so ganz allein durch eine Welt zu reisen, die ihm fremd war und dass Lily dabei war, machte das Ganze noch viel interessanter.
Professor Sinistra hatte vorgeschlagen, dass sie nach dem Zufallsprinzip auslosten, an welchen Orten die Reise zum Jahrmarkt für die einzelnen Paare beginnen würde, und jedes Paar war schließlich an den ihm zugeteilten Ort appariert, von dem an es alleine zurecht kommen musste.
Schließlich hatten sie eine Zeit verabredet, zu der sie sich vor dem Jahrmarkt wiedertreffen wollten, um gemeinsam zum Schloss zurückzukehren.
James sah sich nun interessiert an der Bushaltestelle um und bemerkte erstaunt, dass überall Pläne hingen, die ihm verrieten, wann ein Bus fuhr. Es kostete ihn Ganze zehn Minuten, bis er herausgefunden hatte, wie man einen Plan las, doch dann bemerkte er, dass es auch noch verschiedene Nummern gab und er gab stöhnend auf.
„Sag mal, Lily", fragte er nachdenklich und ohne den Blick von einem Plan zu nehmen. „Sehe ich das richtig: Die Busse haben Nummern?"
Lilys Kopf schnellte nach oben und in ihren Augen stand die Überraschung darüber, dass er sie bei ihrem Vornamen genannt hatte. Er selber schien es gar nicht bemerkt zu haben ... wahrscheinlich hatte er es einfach aus dem Bauch heraus gesagt. Sie hatte sich schnell wieder gefangen und nickte, bis ihr einfiel, dass er das ja nicht sehen konnte, wenn er ihr den Rücken zugedreht hatte.
„Ähm ... ja.", krächzte sie und verfluchte sich innerlich dafür, dass sie heute mit ihren Gedanken irgendwie nicht ganz klar kam, als er sich mit einem leicht skeptischen Ausdruck auf dem Gesicht zu ihr umdrehte.
„Alles okay?", hakte er fast besorgt nach und sie nickte hastig, ehe ihr einfiel, dass sie vergessen hatte, ihn böse anzufunkeln.
James wirkte schon freudig überrascht, wurde aber enttäuscht, als sie ihn plötzlich und wie aus heiterem Himmel mit einem bitterbösen Blick bedachte, der leicht ins Wanken geriet, als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck registrierte.
Kopfschüttelnd und ziemlich verwirrt wandte er sich wieder den Plänen zu und fragte:
„Und welche Nummer hat unser Bus?"
Sie nannte ihm die Nummer des Busses, den sie nehmen mussten und er suchte die Wand mit Fahrplänen nach dem richtigen ab.
„Ah, hier!", rief er triumphierend. Dann machte er ein langes Gesicht. „Aber das dauert ja noch zwei Stunden, bis der hier ankommt."
Lily runzelte die Stirn und erhob sich.
"Das kann nicht sein, ich habe nachgesehen. Sicher hast du falsch gelesen.", meinte sie überzeugt, schob sich aber dennoch an ihm vorbei und sah ihrerseits auf den Plan.
"Oh nein", murmelte sie und ein genervtes Stöhnen verließ ihren Mund. „Irgendwas stimmt mit dem Plan im Bahnhof nicht, auf den ich geguckt habe."
Warum musste sie auch ausgerechnet jetzt Unrecht haben? Sicherlich würde er ihr für immer vorhalten, dass er Recht gehabt hatte. Aber sie irrte sich.
„Oh, das ist blöd gelaufen, aber vielleicht könnten wir einfach eine andere Linie nehmen ... oder nicht?", schlug James vorsichtig vor, als hätte er Angst, er würde dafür Ärger bekommen. Ein wenig verstört durch dieses Verhalten räusperte sie sich zweimal und suchte dann mit den Augen die Pläne ab.
„Du hast Recht", meinte sie leise und es klang nicht einmal gehässig oder irgendwie ablehnend. „Der hier fährt auch in die Richtung, in die wir müssen. Aber ..." Sie runzelte nachdenklich die Stirn, sah auf ihre Uhr und überlegte kurz. „... aber wir müssen trotzdem noch eine halbe Stunde warten. Tut mir leid."
Ihre Entschuldigung hatte vielleicht etwas gepresst geklungen, aber es war eine Entschuldigung gewesen.
Sie erwartete, dass er sich beschwerte oder schlechte Laune bekam, aber stattdessen lächelte er sie strahlend an.
"Macht nichts, kann doch mal passieren."
Er schien geradezu in Höchststimmung zu sein und das war er auch. Lily Evans hatte sich gerade beim ihm entschuldigt. Bei ihm. Stolz dachte er daran, dass er von diesem Fortschritt nachher unbedingt den restlichen Rumtreibern berichten musste.
Die hatten sich untereinander aufgeteilt, zumindest Sirius und Peter und James war sich sicher, dass auch sie einige Schwierigkeiten haben würden, denn niemand war besser darin, unter Muggeln aufzufallen, als die beiden. Diese Erkenntnis basierte auf persönlichen Erfahrungen.
Remus hatte sich mit einem Mädchen aus Ravenclaw zusammengetan, dass ebenfalls in ihrem Kurs war und immer still und schüchtern gewirkt hatte.
Sirius und James hatten ihn eine geschlagene Woche lang freundschaftlich damit aufgezogen, dass er nun endlich auch mal eine Verabredung hatte und an diesem Morgen war er wirklich froh gewesen, sie für ein paar Stunden loszuwerden.
Einen Moment waren Lily und James still und beide schienen ein wenig unentschlossen, als James sie plötzlich anstrahlte und verkündete:
"Ich habe eine Idee, wie wir uns die Zeit vertreiben können!" Er lächelte immer noch, doch sie sah ihn misstrauisch an und wandte gleich ein:
„Vergiss es, Potter, ich werde dich nicht-"
„Nein, nein, das meine ich doch gar nicht.", wehrte er kopfschüttelnd ab und strahlte dann wieder, wobei er Lily erneut an einen kleinen, aufgeregten Jungen erinnerte.
„Na dann ... schieß los", meinte sie schließlich zögerlich und wappnete sich innerlich schon mal für was auch immer jetzt kommen würde.
„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ..." Er schien zu überlegen, wobei er sich nachdenklich auf die Lippe biss und Lily starrte ihn ungläubig an.
„Gelb!", schoss es schließlich aus ihm heraus und sie wartete noch einen Moment ab, um herauszufinden, ob er das wirklich ernst meinte, bevor er sie erwartungsvoll ansah und sie feststellen musste, dass er tatsächlich dieses Spiel spielen wollte.
Doch sie ging darauf ein. Warum auch nicht? Es war doch nur Potter und sie hatten noch dreißig Minuten zu warten ...
„Hmmm ... der Typ mit dem Hummerkostüm!"
„Ist der rosa und sieht aus wie ein Schwein?"
„Nein."
"Genau. Also, rate weiter."
„Ähm ... sagtest du er sieht aus wie ein Schwein?"
„Nein, da musst du dich verhört haben."
„Na – was? Du hast doch gerade-"
„Mann Potter, das war ein Scherz."
„Oh."
„Ja, allerdings oh."
Stille.
„Potter ...?"
"Hm?"
„Ich sehe was, was du nicht siehst ... hallo? Du bist dran!"
„Oh!"
Lily stöhnte auf. Dieses Spiel trieben sie nun seit fünfundzwanzig Minuten und so langsam schien ihrer beider Konzentration nachzulassen.
„Also?"
„Was suchen wir noch gleich?"
„POTTER!"
„`Tschuldigung ... Also?"
„Oh Mann, du machst mich echt fertig. Also, noch mal von vorn: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist rosa und ..."
„Und was?"
„Ich war noch nicht fertig, Potter."
„Deswegen frage ich ja."
„Argh. Halt einfach deine Klappe und hör zu, klar?"
"Eye, eye, Sir!"
"Potter!"
"Tut mir leid."
"In Ordnung. Und noch mal von vorne. Sei dieses Mal bloß still, klar? Also. Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist rosa und sieht aus wie ein Schwein."
„OH, jetzt verstehe ich es!"
„Ach wirklich? Und dabei probierst du es doch erst seit zehn Minuten ..."
„Mann Evans, sei nicht immer so gemein."
"Was glaubst du denn jetzt, was ich meine?"
Lilys Stimme wurde langsam ungeduldig und ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass der Bus in zwei Minuten kommen würde.
„Pooootter?"
„Oh ... ach ja. Das hätte ich beinahe vergessen."
„Oh Mann, es ist echt hoffnungslos."
„Hey! Ich überlege."
„Überleg schneller, Potter, der Bus kommt in einer Minute."
„Mist. Also ... ähm, rosa. Rosa. Verdammt, Evans, hier ist nichts Rosafarbenes."
„Guck doch mal hin."
„Was mache ich denn hier wohl?"
Er riss seine Augen unnatürlich weit auf und in diesem Moment bog der Bus um die Ecke, der die richtige Nummer trug und steuerte auf sie zu.
„Oh, guck mal, müssen wir da nicht rein?"
„Wow, Potter, du hast aufgepasst. Du verdienst meinen ganzen Respekt.", meinte sie sarkastisch.
Er lächelte gespielt verlegen, dann streckte er ihr die Zunge raus, was sie staunend zur Kenntnis nahm.
Als der Bus vor ihnen hielt, wurde James zunehmend nervöser.
„Du, Lily ...", begann er verlegen.
´Und schon wieder mein Vorname ...´, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf und sie schluckte das seltsame Gefühl herunter, das sie dabei überkam.
„... könntest du, ähm, ich meine ... ich habe keine Ahnung, wie das mit den Fahrkarten geht." Seine Stimme war beinahe ein Flüstern und in diesem Moment öffneten sich quietschend direkt vor ihnen die Bustüren. Sein Blick bat sie stumm darum, ihn vor der Bloßstellung zu bewahren, die Fahrkarten selbst kaufen zu müssen und dabei vermutlich von sämtlichen Insassen schräg beäugt zu werden.
Sie sah ihn einen Moment lang eindringlich an, dann nickte sie langsam.
„Ist schon okay, ich mache das.", meinte sie und ihre Stimme klang beinahe sanft und ihr Tonfall hatte etwas von der Art, in der man mit einem ängstlichen kleinen Jungen spricht, der sich in der Welt noch nicht ganz zurecht findet.
Er dankte ihr mit einem nervösen, ehrlichen Lächeln und sie stieg schließlich endlich in den Bus, in dem der Fahrer langsam ungeduldig wurde.
James, den die Gefühle für sie so stark überrollten, wie sie es nur selten taten, folgte ihr und war in diesem Moment froh, dass er sich gleich hinsetzen konnte.
