Achterbahnen und andere rasante Dinge

James ließ sich auf den Platz am Fenster fallen, den Lily dankend abgelehnt hatte und sah hinaus.

In den wenigen Stunden, die sie jetzt gemeinsam unterwegs waren, war so viel passiert und doch hatte sich eigentlich nichts verändert. Lily hasste ihn vermutlich noch immer und seine Chancen bei ihr lagen noch immer weit unter Null.

Aber die Art wie sie ihn behandelte, fühlte sich anders an und er war froh darüber. Denn so leicht wegzustecken, wie sie für ihn immer wirkten, waren all die kleinen Gemeinheiten, die Lily immer mal wieder einstreute, dann doch nicht.

Doch heute ... heute hatte sie sich bei ihm bedankt, sie hatte sich bei ihm entschuldigt, sie war auf seinen Vorschlag eingegangen und schließlich hatte sie Ich sehe was, was du nicht siehst mit ihm gespielt und selbst, wenn sie sich auch dabei angegiftet hatten, hatte sich der vorherrschende Ton zwischen ihnen geändert. Aus dem Hasserfülltem ihrerseits war etwas geworden, das man beinahe neckend nennen konnte.

Aber vielleicht durfte er seine Hoffnungen nicht so hoch stecken.

Auch Lily hatte eine Veränderung registriert, doch noch konnte sie sie nicht richtig zuordnen.

Seit wann war James denn so ... normal? Seit wann konnte man sich relativ normal mit ihm unterhalten und seit wann war es ihm möglich, sogar höflich, freundlich und witzig zu ihr zu sein?

Heute hatte er so viele Dinge getan, die sie verwirrt hatten, dass ihr Kopf überfüllt schien. Sie verstand das nicht.

Zuerst hatte er sie aufgeheitert, statt ihr die Schuld zu geben, als sie den Plan falsch gelesen hatte, dann hatte er vorgeschlagen Ich sehe was, was du nicht siehst zu spielen, ein Kinderspiel, und schließlich hatte er ihr die Zunge herausgestreckt.

Sie versuchte verzweifelt, hinter all diesen Taten den arroganten Rumtreiber wiederzufinden, doch im Moment sollte ihr das ziemlich schwer fallen.

Als sie noch immer darüber nachdachte und der Bus gerade anfuhr, tickte James ihr plötzlich aufgeregt auf die Schulter und sie sah irritiert zu ihm auf.

„Hey Lily, Lily!" Das war bereits das dritte Mal, dass er sie so unbedacht bei ihrem Vornamen nannte und es schien ihm immer leichter über die Lippen zu gehen.

„Ähm ... was ist denn?", erkundigte sie sich etwas misstrauisch, aber er grinste sie nur voller Freude an und zeigte auf den Eingang des Supermarktes, der der Bushaltestelle, an der sie gesessen hatten, gegenüberlag.

Dort stand ein Mann, offenbar ein Kaufhausdetektiv oder ein Wachmann in einem Anzug, der die seltsamste Farbe hatte, die er je gesehen hatte und der so dick war, dass sein Kopf, der direkt auf den Schultern zu sitzen schien, rosa leuchtete.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist rosa und sieht aus wie ein Schwein." Erwartungsvoll sah er sie an und wartete auf ihre Bestätigung.

Einen Augenblick lang sah sie ihn mit einem unergründlichen Ausdruck in den Augen an, dann brach sie in Gelächter aus.

„Das ... das da hinten?", schnappte sie und Lachtränen standen in ihren Augen und sie kicherte noch immer leise vor sich hin bei dem Gedanken, dass er es wirklich ernst meinte. James starrte sie an, als hätte er gerade eine Erscheindung gehabt. Lily lachte. Sie lachte, weil er etwas gesagt hatte. Lily lachte wegen ihm.

Verblüfft sah er ihr dabei zu, wie sie sich langsam wieder beruhigte.

„Ich meinte doch nicht den Typen da hinten, James.", sagte sie, noch immer ausgelassen lachend. „Im Schaufenster des Supermarkes steht ein riesiges, rosafarbenes Sparschwein."

Erneut begann sie zu lachen, aber das Kichern blieb ihr im Hals stecken, als sie merkte, dass sie ihn gerade James genannt hatte.

Was war denn heute bloß los mit ihr? Irgendwas stimmte hier eindeutig nicht.

James schien genau das Gegenteil zu denken. Denn obwohl auch er nicht schlecht staunte, war er sich sicher, dass momentan alles genau richtig lief.

Die Busfahrt nahm eine weitere Dreiviertelstunde in Anspruch, die James und Lily dazu nutzten, sich die Broschüre von dem Jahrmarkt genauer anzusehen, die Professor Sinistra am Morgen unter den Schülern verteilt hatte.

Die beiden hatten die Köpfe zusammengesteckt und auf ihren Knien den Plan ausgebreitet, der zeigte, wie das Jahrmarktsgelände aufgebaut war, wo die Attraktionen sich befanden und wo man sich etwas zu essen oder Souvenirs kaufen konnte.
"Wow", murmelte James und schien ziemlich beeindruckt. „Das wird bestimmt klasse da." Er sah auf und strahlte sie kurz an und für einen Moment schlug ihr Herz im falschen Takt.

Noch ein warmes Lächeln.

Noch einmal seine funkelnden Augen.

Noch einmal keine Spur mehr vom arroganten Potter.

„Wow!"

Lily sah James an, der sich mit großen Augen und grenzenloser Begeisterung auf dem Gesicht fast die Nase an der Scheibe platt drückte, um das Jahrmarktgelände genauer sehen zu können. Sie bemühte sich, ein belustigtes Grinsen zu unterdrücken.

Sie saßen noch immer im Bus, doch dieser war schon auf dem Weg zu der Haltestelle direkt vor dem Eingang des Festgeländes.

Auch Lily überkam bei dem Anblick der Attraktionen, Stände und Menschen in unterschiedlichsten Farben die Vorfreude.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht und als James sich wild gestikulierend und auf diverse Dinge deutend, zu ihr umdrehte, nickte sie nur.

Schließlich hielt der Bus und James sprang so schnell von seinem Platz auf, dass Lily Mühe hatte, hastig genug aufzustehen und vor ihm das Fahrzeug zu verlassen.

Draußen angekommen ließen die beiden sich noch einen Augenblick lang von der Kulisse, die sich ihnen bot, beeindrucken, von den blinkenden Lichtern, der Masse verschiedenster Geräusche, der Vielfalt der Gerüche, die über den Köpfen der Menschen schwebten.

Dann klatschte James voller Tatendrang in die Hände und verkündete:

„So, Lils, und jetzt zeigen wir diesem Jahrmarkt erst mal, was es heißt, aus Hogwarts zu kommen."

Und scheinbar ohne weiter darüber nachzudenken schnappte er sich ihre Hand und zog sie in das dichte Gewühl von menschlichen Körpern, Luftballons und Zuckerwatte.

Sie ließ es zu.

„Coooool!"

Sie standen vor einer Achterbahn, die so hoch war und so viele Loopings hatte, dass die meisten Jahrmarktbesucher lieber zuschauten, als selbst einzusteigen.

James allerdings schien dieses Gefährt überhaupt keine Angst einzujagen. Im Gegenteil, er steuerte geradewegs auf den Eingang zu.

Lily und er waren noch nicht sehr weit gekommen. Sie hatten ein paar Stände passiert und schließlich an einem quietschrosafarbene Zuckerwatte gekauft, weil James solange darum gebettelt hatte, bis es Lily langsam peinlich geworden war.

Danach hatte er darauf bestanden, sein Glück an einem Schießstand zu versuchen und wie sich herausstellte hatte er Talent dafür, denn kaum zwei Minuten, nachdem er begonnen hatte, kam er zurück und hielt ihr mit einem charmanten Grinsen eine rote Rose vor die Nase.

Lily hatte die Augen verdreht und die Rose dennoch unauffällig in ihrer Tasche verschwinden lassen.

Anschließend hatten sie beschlossen, mal irgendeine der Attraktionen auszuprobieren und diese Achterbahn war die erste, die ihren Weg kreuzte.

„Oh Mann, guck dir das an, Lily", rief er aufgeregt, wobei er den Kopf leicht in den Nacken gelegt hatte und den Verlauf der Schienen betrachtete. Lily hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass er auf diese Weise mit ihr sprach, als seien sie einfach Freunde und so vertraut, dass es beinahe leicht war, mit ihm zusammen zu sein. Allerdings kamen auch immer wieder die Momente, in denen er einen blöden Spruch losließ und deshalb traute sie alldem nicht so richtig.

„Hmm", machte Lily nur und sah sich das Fahrgeschäft ebenfalls an. Sie mochte Achterbahnen und früher war sie an keiner einzigen vorbeigegangen, ohne damit gefahren zu sein. Potter sollte bloß nicht denken, die Höhe oder die Loopings würden sie abschrecken. Eines dieser Mädchen, mit denen er sich so gern die Zeit vertreiben zu schien, war sie ganz sicher nicht.

Sie packte ihn am Ärmel und schleifte ihn hinter sich her.

„Na los, worauf wartest du noch, Potter? Kauf endlich die Tickets, oder möchtest du hier festwachsen?"

Er sah sie leicht verblüfft an, dann strahlte er verzückt.

Und als er wiederkam, mit zwei Chips in der Hand, trällerte er: „Wir fahren Achterbahn, wir fahren Achterbahn."

Sie verdrehte gekonnt die Augen, griff in ihre Tasche und holte ihr Portemonnaie hervor.

Gerade kramte sie das Kleingeld heraus, als er nur meinte:
"Lass mal, ich lade dich ein."

Als sie aufsah, zwinkerte er ihr zu und drückte ihr kurzerhand den Chip in die Hand. Dann marschierte er davon und rief ihr über die Schulter noch lachend zu:
"Komm schon Evans, wir haben eine Achterbahn zu bezwingen."

Sie schüttelte den Kopf und schaffte es dabei nicht, ein kleines Lächeln zu unterdrücken.

Achterbahnfahren mit James Potter. Wenn das mal nicht verrückt wurde ...

„Ich habe gelesen, man soll die Arme dabei in die Luft reißen, dann macht es mehr Spaß", klärte James sie mit leuchtenden Augen auf, als sie schließlich in einem der Waggons saßen.

Der Mann, der gerade das korrekte Anlegen der Sicherheitsgute kontrollierte, warf ihm einen skeptischen Blick zu und Lily kicherte leise.

Und kurze Zeit später setzte sich der Waggon, den sie sich zu zweit teilten, auch schon in Bewegung.

Sie fuhren einen steilen Berg hinauf, den sie höchstwahrscheinlich gleich in atemberaubender Geschwindigkeit wieder herunter rasen würden.

Lily grinste entspannt. Sie mochte Höhen nicht sonderlich, doch das hier war eine Achterbahn. Alles geschah wahnsinnig schnell.

Sie hatte keine Angst.

Fünf Minuten später stiegen sie schließlich aus dem Waggon und lehnten sich draußen an einen Zaun.

„Und?", fragte Lily. „Wie war deine erste Muggelachterbahnfahrt?"

„Toll! Einfach genial!", stieß er auch gleich hervor. „Es war fast wie Quidditch, nur eben anders ... was die Muggel sich alles ausdenken ... und dieser dritte Looping, der hatte es wirklich in sich ..."
Er sah überaus begeistert drein und Lily grinste. Eine andere Reaktion hatte sie gar nicht erwartet.

Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, das Gelände zu erkunden, hier und da mit etwas zu fahren und einige der Muggelspeisen zu kosten.

So stiegen sie zum Beispiel in ein riesiges Kettenkarussell, in eine weitere Achterbahn und James sah das erste mal eine Geisterbahn von innen.

Er wollte sie auch dazu bringen, in eines dieser Fahrgeschäfte zu gehen, die aus einer sich drehenden Plattform bestanden, auf der sich wiederum einzelne Sitzgruppen befanden, die sich um sich selber drehten. In diesen Dingern wurde Lily immer schlecht und deshalb mied sie sie lieber und lehnte seinen Vorschlag dankend ab.

Die ganze Zeit über war die Stimmung zwischen ihnen erstaunlich locker und beide genossen den Tag.

Als sie schließlich beinahe einmal um den großen Platz herumgekommen waren, blieb James vor dem Riesenrad stehen, das hoch in den Himmel ragte und an dem die bunten Gondeln leicht im Wind schaukeln.

„Oh!", machte er staunend. „Da müssen wir rein. Von dort oben kann man bestimmt alles noch mal sehen. Das wäre wunderbar, Lily."

Er warf ihr einen Blick zu, den sie ziemlich skeptisch erwiderte.

Sofort setzte er seinen besten Hundeblick auf.

„Oh bitte! Wir haben sowieso nicht mehr so viel Zeit und das wäre doch ein schöner Abschluss, findest du nicht? Komm schon. Du hast doch wohl keine Angst vor einem harmlosen Riesenrad, oder?" Nun probierte er es mit einem herausfordernden Ton und der schlug bei ihr, wie üblich in Verbindung mit James Potter, an.

Er sah ihrem Gesicht an, dass er sie überredet hatte, weil sie noch immer nicht bereit war, sich von ihm herausfordern zu lassen und zu verlieren.

Also stieg sie hinter ihm in eine der Gondeln, obwohl sie spürte, wie die Angst langsam in ihren Kopf kroch.

Der Ausblick war unglaublich und James genoss ihn in vollen Zügen. Überall entdeckte er die Dinge wieder, die er zuvor vom Boden aus betrachtet hatte.

„Da, sieh mal, Lily!", sagte er und deutete auf die Achterbahn, in der sie ganz am Anfang gesessen hatten.

Als sie nicht antwortete, drehte er sich zu ihr um.

Erst jetzt bemerkte James, dass Lily die Augen fest zusammengepresst hatte und dass ihre Knöchel bereits weiß hervor traten, weil sie sich ungewöhnlich fest an dem Haltegriff der Gondel festklammerte. Sie waren jetzt fast am höchsten Punkt des Riesenrades angekommen.

Er räusperte sich leise, beugte sich ein wenig vor und legte sanft eine Hand über ihre. Sofort zuckte sie zusammen, als hätte man sie mit kaltem Wasser bespritzt und sie riss erschrocken die Augen auf.

„Ist alles in Ordnung, Lily?" Sie nickte leicht, aber ihre Lippen behielt sie weiterhin zusammengepresst. Sie wunderte sich schon lange nicht mehr darüber, dass er sie an diesem Tag bei ihrem Vornamen nannte. Argwöhnisch zog James beide Augenbrauen in die Höhe, dann löste er sanft ihre klammernden Hände von den Haltegriffen und nahm sie zwischen seine großen. Erstaunt blickte Lily ihn an und fast vergaß sie sogar ihre Abscheu ihm gegenüber, die heute immer weiter in den Hintergrund geraten war. Aber eben nur fast. Sie bemerkte selbst, dass sie nach der Zeit, die sie gemeinsam und beinahe freundschaftlich verbracht hatten, bei diesem körperlichen Kontakt sofort auf Abwehr schaltete.

„Es geht schon, Potter, okay? Ich mag es in solchen Höhen nur nicht besonders, das ist

alles.", zischte sie und funkelte ihn böse an, aber er lächelte nur.

„Oh, jetzt bin ich schon ein wenig beruhigt. Du bist offenbar noch immer ganz die alte Lily Evans."

Einen Moment herrschte Schweigen, dann sagte Lily leise und bedrohlich:

„Lass gefälligst meine Hände los, Potter." Ihr altes Verhalten kehrte eindeutig langsam zurück, aber das lag wohl hauptsächlich daran, dass sie im Inneren verunsichert war von seiner Nähe.

Er gluckste nur, dachte jedoch gar nicht daran, ihre Hände loszulassen. Stattdessen nickte er zu einer der Seiten ihrer Gondel. Sie waren jetzt ganz oben angekommen und unter ihnen erstreckte sich das ganze Jahrmarktsgelände in bunten Farben und lauter Musik.

„Sieh dir mal den Ausblick an.", murmelte er, aber als er spürte, wie sich ihre Hände zwischen seinen verkrampften, sah er sie an. Ihr Gesicht war schneeweiß, jegliche Farbe war daraus gewichen und sie hatte sich versteift. Panisch sah sie an ihm vorbei in die Tiefe, ihr Atem ging unregelmäßig.

Schlagartig wurde ihm klar, dass sie Höhenangst hatte. Anscheinend eine sehr ausgeprägte Höhenangst.

Er legte sanft einen Finger an ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.

„Hey, es ist alles in Ordnung, ja? Wir sind gleich wieder unten.", sagte er beruhigend und sie schloss die Augen.

„Ich ... habe Höhenangst.", murmelte sie mit zittriger Stimme und es klang, als würde sie gerade ihre größte Schwäche zugeben.

„Ich weiß.", sagte er leise und gluckste. Er setzte gerade dazu an, ihr mitzuteilen, dass sie diese Tatsache vielleicht etwas früher hätte erwähnen sollen. Angesichts ihrer geschlossenen Augen und ihres weißen Gesichts verstummte er jedoch und setzte sich mit einer einzigen, eleganten Bewegung neben sie auf die Bank in der Gondel. Erneut öffnete sie die Augen, als sie den warmen Körper neben ihrem spürte und ihr Blick sagte, dass sie sich nicht recht entscheiden konnte, ob sie ärgerlich oder erleichtert sein sollte.

Aber sie kam gar nicht erst dazu, eine Entscheidung zu treffen, denn die Gondel machte einen Ruck und blieb dann stehen.

James sah die Panik in ihren Augen. Die Gondel schaukelte immer noch leicht hin und her. Er legte zaghaft und vorsichtig einen Arm um sie und drehte ihren Kopf erneut sanft ihm zu, sodass sie in seine Augen sah und nicht auf die Idee kam, den Blick noch mal nach unten zu richten.

Sie selber wunderte sich in ihrem Hinterkopf darüber, dass ihre Atmung ein wenig regelmäßiger wurde, als sie in das warme Braun seiner Augen blickte. Es war, als hätte jemand die Zeit angehalten. Obwohl sie sich auf einem Jahrmarkt befanden und von überallher Musik, Gelächter und Geschrei ertönte, war es um die beiden still.

Lily wusste nicht, was hier gerade mit ihr geschah, aber sie las in seinen Augen, dass es ihm ähnlich ging. Er blickte unsicher, aber dennoch mit einer gewissen Wärme zu ihr zurück.

Sie realisierte erst, dass sein Gesicht dem ihren immer näher gekommen war, als seine warmen Lippen schon die ihren berührte. Automatisch schloss sie die Augen und entspannte sich. Ihre Höhenangst war vergessen, vergessen war, dass sie in einem Riesenrad saßen und dass sie den Menschen, der sie hier gerade so vorsichtig und zärtlich küsste, eigentlich verabscheute.

Keiner der beiden bemerkte, dass das Riesenrad sich in diesem Moment wieder in Bewegung setzte. Viel zu sehr hatte sich die Wärme in ihrem Inneren ausgebreitet und sie alles andere vergessen lassen.

Ihre Hände legten sich vorsichtig um seinen Hals, ohne dass sie sich dessen wirklich bewusst war und er schlang zaghaft die Arme um ihren zierlichen Körper.

Sie lösten sich erst voneinander, als ihre Gondel noch ein Viertel des Weges zum Boden zurücklegen musste.

Einen Moment lang ließ Lily die Augen noch geschlossen und bereitete sich langsam wieder auf die grausame Realität vor, dann öffnete sie sie und blickte direkt in das zerknirschte, entschuldigende und ängstliche Gesicht James Potters. Das hoffnungsvolle Funkeln in seinen Augen entging ihr.

„Es ..." Er räusperte sich kurz, weil seine Stimme rau war und ihm nicht ganz gehorchen wollte. „... es tut mir leid. Ich hätte das nicht tun dürfen. Es war nicht fair, auszunutzen, dass du Höhenangst hast." Seine Stimme überschlug sich fast, so hastig und eindringlich sprach er. „Ich weiß ja, dass du mich sowieso schon nicht im Geringsten leiden kannst. Und jetzt habe ich wahrscheinlich alles nur noch schlimmer gemacht. Dabei war der Tag heute mit dir wirklich toll. Das wollte ich nicht. Wirklich, Lily."

Flehend lag sein Blick auf ihrem und sie sah undefinierbar zurück.

In diesem Moment kam ihre Gondel am Boden an und das Riesenrad hielt inne. Sie stieg schweigend aus, wartete jedoch noch, bis er ebenfalls wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

„Gehen wir einfach weiter, okay?", sagte sie beherrscht und ging –ohne eine Antwort abzuwarten- auf den nächsten Losstand zu. James starrte ihr hinterher und schluckte. Ihr Geschmack war noch nicht von seinen Lippen gewichen und schon verstand er sie nicht mehr. Frustriert folgte er ihr und machte sich darauf gefasst, dass das noch nicht alles gewesen war, was sie dazu zu sagen hatte.

„Hey! Hey, Krönchen! Hier drüben sind wir."

Sirius Black verrenkte sich beinahe den Kopf, als er versuchte, einen weiteren Blick auf Lily und James zu erhaschen, deren Köpfe in der Menschenmasse zu verschwinden drohten.

Doch offenbar hatten sie ihn gehört, denn nun kamen sie aus dem Gewühl auf ihn zu.

Sirius schlug seinem besten Freund auf die Schulter und zwinkerte ihm zu, ehe sein Blick auf Lily fiel, die hinter ihm aus der Menge von Menschen trat. Sie befanden sich nun vor dem Jahrmarktplatz, dort, wo sich der Muggelkundekurs wiedertreffen würde.

„Tag, Evans.", murmelte er charmant, dann sah er leicht misstrauisch zwischen ihr und James hin und her. Irgendetwas war merkwürdig. Die beiden mieden die Augen des jeweils anderen. Es war nicht wie sonst, wenn Lily ihn mal wieder abserviert hatte, es war etwas Schwerwiegenderes, das zwischen den zwei Gryffindors lag.

Sirius stöhnte.

„Och nee, jetzt sagt nicht, dass ihr euch den ganzen Tag wieder nur gestritten habt."

James schüttelte stumm den Kopf, was Sirius nun auch nicht weniger skeptisch machte.

„Okay ...", murmelte er langsam. „Krone, ich möchte im Schloss mal mit dir reden, klar?"

Er blickte James eindringlich an, dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Wart ihr in der Achterbahn ganz am Anfang? Peter und ich haben sie gerade erst entdeckt, weil wir einen anderen Eingang genommen haben und danach ist er aufs Klo gestürzt. Ich vermute mal, dass es nicht sehr klug war, drei Hotdogs hintereinander zu verdrücken."

Er grinste unbekümmert und entlockte auch James damit ein kleines Grinsen.

Lily, die sich die ganze Zeit über umgesehen hatte, lächelte erleichtert, als sie eine ihrer Freundinnen aus dem Kurs entdeckte und ging ohne ein Wort zu sagen, zu ihr herüber. Damit waren Sirius und James fürs Erste wieder alleine.

Sirius nutzte die Gelegenheit für ein vertrauliches Gespräch und legte seinem besten Freund tröstend den Arm um die Schultern.

„Alles in Ordnung, Krone? Ich sehe doch, dass irgendwas zwischen euch nicht stimmt. Was war denn los? Hat sie versucht, dich umzubringen?"

Er versuchte, die Stimmung ein wenig aufzuheitern, aber James schüttelte nur seufzend den Kopf, ehe er das Gesicht einen Moment lang in den Händen vergrub.

"Ich habe sie geküsst, Tatze", murmelte er traurig und veranlasste Sirius somit dazu, zu gucken, als zweifele er an seinem Geisteszustand.

„Und ähm ... war es so schlecht?", fragte der gutaussehende Rumtreiber, wobei er sich bemühte, ernsthaft zu klingen. Die Skepsis konnte er allerdings nicht sehr erfolgreich verbergen.

„Nein, Tatze.", meinte er leicht genervt. „Bloß ... redet sie seitdem nicht mehr mit mir."

„Oh."

„Ja, das kann man wohl sagen."
"Wo habt ihr euch denn überhaupt geküsst?"

„Wir waren zum Abschluss im Riesenrad und sie hatte Höhenangst und irgendwie ... habe ich sie dann geküsst. Ich habe mich dafür entschuldigt, aber sie tut einfach so, als wäre nichts passiert. Und dabei haben wir uns so gut verstanden heute. Sie hat angefangen, mich bei meinem Vornamen zu nennen und wir hatten echt Spaß zusammen. Und ich ... kann es wieder nur verbocken."

Er ließ den Kopf hängen.
Sirius sah nun ernst aus.

"Hör mal zu, James, das ist jetzt erst ein paar Augenblicke her. Ihr braucht beide ein bisschen Zeit, um darüber nachzudenken. Lily lässt dich jetzt schon seit über einem Jahr abblitzen, es muss sehr merkwürdig für sie sein, dir plötzlich so nahe zu kommen. Lass ihr einfach die Zeit, damit klarzukommen und rede später noch mal mit ihr."

James sah auf und seufzte.

„Danke, Mann.", murmelte er. „Vielleicht hilft es ja."

Doch noch immer sprach die Mutlosigkeit aus seiner Stimme und auch Sirius hörte das.