Neuanfang

Zwei Tage waren vergangen, seit dem Kuss und in James Kopf rasten die Gedanken.
Er würde mit Lily reden und je länger er wartete, desto schlimmer wurde dieses Gefühl in seinem Inneren.

Was, wenn sie ihn längst wieder abgrundtief hasste, dafür, dass er sie geküsst hatte?

Also beschloss er, einen günstigen Moment abzuwarten und sie dann endlich beiseite zu nehmen und ein für alle Mal zu klären, was momentan eindeutig zwischen ihnen stand.

Lily hockte auf ihrem Bett und starrte eindringlich etwas an, das sie gerade in den Tiefen ihrer Tasche entdeckt hatte: eine kleine rote Rose.

Es war die, die James ihr vor zwei Tagen geschossen hatte und sie war sowohl aus Plastik als auch ziemlich kitschig.

Und trotzdem stimmte sie sie noch nachdenklicher, als sie ohnehin schon war.

Sie zog ihre Stirn in tiefe Falten. Der Gedanke an den Kuss im Riesenrad ließ sie nicht mehr los.

In ihrem Kopf und ihrem Herzen herrschte ein absolutes Chaos.

Er hatte sie geküsst.

Nein, sie hatten sich geküsst, denn sie hatte den Kuss erwidert, das wusste sie und es war sinnlos so zu tun, als wäre allein er an allem schuld.

Doch ein Kuss konnte nicht einfach alles verändern, oder?
Natürlich hatte es sich gut angefühlt, aber bloß wegen eines solchen Zwischenfalls konnte sie nicht alles über Bord werfen, was sie sonst noch für ihn empfand. Nicht ohne Grund hatte sie ihn immer abgelehnt

Das hier war kein Liebesfilm. Sie konnte nicht einfach aus ihrem Schlafsaal stürzen, ihm in die Arme fallen und ewige Liebe schwören. So funktionierte das nicht.

Doch so weiter machen wie zuvor konnte sie auch nicht, denn schließlich war es nicht mehr wie zuvor zwischen ihnen.

Ihre Gefühle für James hatten sich verändert vor dem Kuss, das wusste sie. Sie hatte Seiten und Gesichter an ihm entdeckt, die ihr vorher verborgen geblieben waren und sie hatte den Tag mit ihm genossen.
Doch trotz allem waren da auch immer noch Eigenschaften an ihm, die sie wütend machten und diese würden auch nicht über Nacht verschwinden, bloß wegen eines Kusses.

Sie stöhnte leise auf und ließ sich auf den Rücken sinken. Ihr Blick lag auf der Decke des Schlafsaals.

Sie hatte nicht den blassesten Schimmer, wie es nun weitergehen sollte zwischen ihnen, aber fest stand wohl, dass sie mit ihm reden musste.

Also schwang sie sich seufzend vom Bett und dachte mulmig darüber nach, was sie ihm sagen könnte.

Sie brauchte nicht lange, um ihn zu finden, denn er betrat in dem Moment den Gemeinschaftsraum, in dem sie ihn verlassen wollte. Er erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, als sie plötzlich vor ihm stand, dann lächelte er ihr traurig zu.

„Ich muss mit dir reden", sagte er und bildete damit einen Chor mit Lily, die die gleichen Worte von sich gegeben hatte.

James nickte.

„Ja, das ist wohl nötig", meinte er leise und trat wieder auf den Gang vor dem Portrait der Fetten Dame hinaus. Lily folgte ihm.

„Ich kenne einen Ort, an dem wir ungestört reden können", meinte sie leise und steuerte schon die Treppe an. Minuten später fand er sich auf den Ländereien am See wieder, ein Stück von den anderen Schülern entfernt und im Schatten einer Baumgruppe vor den neugierigen Blicken verborgen.

Sie ließ sich auf einen Stein sinken und er tat es ihr gleich.

Dann seufzte er und sah auf den See, als er zu sprechen begann.

„Als ich klein war, habe ich mir einige Dinge ausgemalt. Ich dachte, wenn ich irgendwann ein Mädchen finden würde, das mir gefällt, würde alles schon irgendwie von alleine passieren. Ich rechnete damit, dass sie mich auch mögen würde und ich glaubte daran, dass alles schon irgendwie klappen würde. Aber scheinbar ist das im echten Leben nicht ganz so einfach."

Er lachte leise, klang jedoch eher traurig dabei als heiter.

Dann sah er sie entschuldigend an.

„Es tut mir echt leid, Lily. Es war ziemlich blöd von mir, dich einfach zu küssen. Ich will dich damit nicht ärgern oder nerven oder so was. Ich hab einfach ein wenig die Kontrolle über meine Gefühle verloren, fürchte ich. Aber da kannst du ja auch nichts für. Also, auch wenn ich mal wieder Mist gebaut habe, hoffe ich, dass wir nicht weiterhin unsere Zeit mit diesen sinnlosen Streitereien verbringen. Ich höre auf, dich ständig nach Dates zu fragen und wir benehmen uns ein wenig mehr wie Erwachsene. Was sagst du dazu? Wir könnten einfach Freunde sein oder wenigstens keine Feinde, wenn das geht."

Er sah sie mit einem ernsthaften Bitten in den Augen an und jegliche Arroganz, jede Selbstsicherheit oder Unbeschwertheit war von ihm gewichen. Er wirkte wie jemand, der erkannte, dass sein Traum ohne Hoffnung war.

Dieser Anblick löste etwas in Lily aus, das sie traurig machte. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, so ernüchtert, so menschlich und verletzlich, so als sei er es leid, sich ständig hinter seiner Fassade zu verstecken und immer dem einen, unerreichbaren Ziel hinterher zu hechten.

Einen Moment war es still zwischen ihnen, dann meldete sich Lily leise zu Wort.

„Weißt du, ich habe ziemlich lang in meinem Schlafsaal gesessen und überlegt, was ich jetzt eigentlich tun will. Es ist nicht so leicht, alles hat sich irgendwie verändert und doch sind da noch immer die Dinge, die ich nicht einfach von der Hand weisen kann. Es stimmt, der Tag mit dir hat Spaß gemacht und ich gebe zu, dass ich andere Seiten an dir erkannt habe, James. Du bist kein schlechter Mensch, das warst du wahrscheinlich nie. Aber trotz des Kusses kann ich nicht einfach alles, was ich früher für dich empfunden habe, mit einem Schlag vergessen. Du hast Recht, wir sollten aufhören mit dem Streiten. Vor allem ich könnte endlich mal aufhören, ständig herumzukeifen. Vielleicht ist jetzt das gekommen, was schon lange mal fällig war: ein Waffenstillstand. Wir sollten noch mal von vorn beginnen."

Sie machte eine kurze Pause und lächelte ihm zu, freundlich und ganz normal, als Zeichen dafür, dass sie ihre Vorurteile und alles, was ihre Wahrnehmung von ihm bis jetzt beeinflusst hatte, fallen ließ.

Schließlich sprach sie zögerlich weiter und etwas in James Herz regte sich bei ihren Worten und ein kleines Lächeln trat auf sein Gesicht.

"Vergessen wir mal, was war und versuchen, uns wirklich kennen zu lernen. Und dann... schaffen wir es vielleicht wirklich irgendwann Freunde zu werden, oder... mehr."

Dieser Tag, an dem James Potter und Lily Evans beschlossen, noch einmal ganz von vorne anzufangen, war der Beginn einer engen Freundschaft, die eines Tages zu Liebe werden sollte ...

ENDE