Das schwarze Schaf

Der stumme Schrei in seinen Gedanken führte Lo´rey zur hinteren, linken Ecke des Saales, vorbei an den organischen Pulten mit den integrierten Monitoren, an denen die Wissenschaftler gearbeitet hatten, hin zu einer Tür. Sie funktionierte durch typische Wraith-Technologie: Der breitschultrige Soldat ließ seine große Hand über den kleinen, blau leuchtenden Scanner an der Wand laufen. Die Maschine erkannte seine DNA, und die hautartige Tür mit den dunklen Nerven darin öffnete sich, indem sie sich hochzog.

Als er eintrat, fuhr ihm der Impuls wie ein starker Kopfschmerz direkt in die Schläfen, sodass Lo´rey hinter der Maske einen Moment gequält die Augen zusammenkniff..

Ja, hier war er an der Quelle des mentalen Signals !

Er öffnete die Augen und blickte sich hektisch in der kleinen Kammer um. Diese war wieder typisch dunkel, nur das Licht der gelben Monitore an den Wänden erleuchtet das Szenario.

Auf einem schmalen Tisch, der aussah, als wäre er wie gemacht für eine Autopsie, lag ein kleines, zitterndes Kind, nackt und noch von der Feuchtigkeit des Inneren seiner Eikammer glänzend.

Die Haare waren kurz und weiß und klebten durch die Nässe an seinem Kopf. Seine Augen waren starr vor Angst und auf einen der Wissenschaftler gerichtet, der über ihn gebeugt dastand. Er hatte das Eintreten Lo´reys nicht bemerkt, und es erleichterte den Krieger ungemein, das er es geschafft hatte seine Gedanken vor ihm derart abzuschirmen, um nicht direkt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Wissenschaftler trug die typische schwarze Lederkluft, die ihm wie jedem Wraithforscher bis zum Knie reichte, aber nicht weiter verziert war wie die der Kommandanten ihrer Rasse, die unter anderem auf Planeteneinsätzen das Kommando über die Drohnensoldaten hatten. Sein Haar hing bis auf die Brust des Wraithlings herab, seine Hände mit den dunklen, klauenartigen Fingernägeln ruhten auf dem Rand des Tisches.

Du bist es nicht wert, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt unsere Nahrung an dich verschwenden!"

zischte der Erwachsene, seine scharfen Zähne dabei zur Schau stellend. Während er sprach, bewegten sich seine beiden, kurzen Bärte an seinem Kinn. Die nächste Salve an Worten spuckte er dem Kleinen, zitternden Bündel vor ihm direkt ins Gesicht.

Abschaum. Zu schwach sich selbst aus dem Ei zu befreien. Zu schwach zum laufen…"

Das Kind vor ihm schien noch nicht zu verstehen, bemerkte aber sehr wohl seine Aggression. Diese kam nicht nur von dem Klang seiner Worte und von seiner Mimik, sondern auch von den dunklen Wellen seines Geistes, die dem kleinen Wraithjungen vor Angst kalte Schauer das Rückrad hinunterlaufen ließen.

Lo´rey, dessen Augen an der Szene haften blieben, hielt sich zuerst weiterhin bedeckt. Es war also der Kleine, der mental um Hilfe rief. Der Soldat legte in Neugier seinen Kopf leicht schräg. Was hatte der Wissenschaftler mit dem Kleinen vor?

„…und deine Augen…"

fuhr der verärgerte Erwachsene in der schwarzen Robe fort

Völlig abnormal!"

Erst jetzt bemerkte der große Soldat, dass der Kleine tatsächlich anders aussah. Er war sehr schmal, fast knochig gebaut, lang nicht so gesund wirkend wie seine Geschwister, und etwas kleiner gewachsen. Und seine Augen… Lo´rey hatte noch nie solche Augen bei einem seiner Art gesehen! Weit aufgerissen, als Zeichen seiner Angst, konnte die Drohne deutlich sehen das sie blau waren wie die Ozeane mancher Planeten die er bisher besucht hatte. Jedoch besaß er die gleichen, geschlitzten Pupillen wie jeder Wraith.

Du kannst dich glücklich schätzen, dass du am Ende…"

Der Wissenschaftler bekam ein raubtierhaftes Glänzen in den Augen

doch noch einem Zweck dienen durftest, Missgeburt!"

Und mit einem Ruck fuhr sein rechter Arm zurück, die Finger seiner Hand zogen sich hinter, und man erkannte deutlich den Schlitz des Nährorganes an seiner Hand. In wenigen Sekunden würde er den Kleinen aussaugen, der mentale Schrei des angsterfüllten Jungen überschlug sich fast bis ins Unaushaltbare in Lo´reys Kopf.

Als die todbringende Hand mit einem Ruck hinabstoßen wollte, sie aber grob davon abgehalten wurde, fuhr der wütende Wissenschaftler zähnefletschend herum, sein Haar von der ruckartigen Bewegung herumwirbelnd wie Schnee im Sturm.

Zu seiner Überraschung starrte er direkt auf die Maske vor Lo´reys Gesicht und bemerkte, dass der Soldat sein rechtes Handgelenk festhielt. Die dunklen, harten Fingernägel bohrten sich dabei tief in sein Fleisch, sodass es schmerzte.

Du wagst es…! Lass los Drohne, oder es wird dir leid tun!"

zischte er und versuchte seinen Arm aus dem unbarmherzigen Griff zu befreien, fauchte dem Krieger direkt ins Gesicht.

Aber Lo´rey ließ nicht los. Wenn es einen Vorteil hatte, ein Drohnensoldat zu sein, dann der, dass sie von der rein physischen Kraft her der ihrer Vorgesetzten überlegen waren.

Es fiel dem Maskenträger sehr schwer, das Wort an den Höherrangigeren zu richten. Die Drohnen hatten stur Befehle auszuführen, dass Sprechen oder gar das Widerworte geben gegenüber einem Höhergestellten gehörte nicht zu ihren gewünschten Verhaltensweisen.

Dann endlich sprach Lo´rey:

Ich mag zwar nur ein Soldat sein, aber ich weiß was Unrecht ist."

Im ersten Moment starrte ihn der Wissenschaftler aus ungläubigen Augen an. Hatte die Drohne es tatsächlich gewagt zu Sprechen? Erst ging ihm durch den Kopf, den seiner Ansicht nach dummen Krieger gar nicht erst mit einer Antwort zu würdigen, dann allerdings sprach er:

Hah. Also möchtest du das wir unsere knappe Nahrung vergeuden um einen ewigen Nichtsnutz durchzufüttern? Dieses Kind ist ein Schwächling, eine Abnormalität mit seinen seltsamen Augen ! Er wird später keinen nützlichen Posten besetzen können"

er blickte mit erhobenem Kinn von oben nach unten den großen Soldaten mit den weißen Dreads an. Eine nur allzu menschliche Geste, die bei den Wraith allerdings genau das gleiche bedeutete: Es war abwertend.

Ist diese Missgeburt es wert, seine eigene Haut in Gefahr zu bringen? Vielleicht… sollte ich meinen Hunger an dir stillen."

Lo´rey jedoch hielt ihn weiter fest. Er versteifte sich kurz, jedoch machten seine Worte ihm nicht wirklich Angst. Zu abgebrüht war er durch harte Schlachten, durch die vielen bisher miterlebten , brenzligen Situationen. Und durch die während seiner Ausbildung immer wieder klargemachten Worte, dass ein Soldat sich niemals einbilden sollte, von Wert zu sein. Und das ein Soldat stets bereit sein sollte, zum Wohle der anderen Wraith zu sterben.

Tu mit mir was dir beliebt." sprach er und gab die Hand des Anderen frei. Als dieser bereits im Geiste entschied, sich tatsächlich als Strafe an ihm zu nähren, sprach Lo´rey das aus, was der Wissenschaftler am meisten bei seiner heimlichen Aktion mit dem Wraithling befürchtet hatte:

Aber vielmehr frage ich mich: Wie wird wohl die Königin darüber denken, wenn du dein Vorhaben von eben vollendest?"

Seine Augen schmälerten sich vor Zorn, als der Krieger in sanftem, dunklen Ton fortfuhr:

Was wird sein, wenn sie erfährt, dass einer ihrer Untergebenen, dem sie ihre Kinder anvertraut hat, sie betrügt? Das er sich ohne Bemühung um den Jungen gleich dazu entschloss, sein Leben zu nehmen, obwohl Kinder unserer Art mittlerweile so selten sind? Ich denke, dass nicht ich es bin, der sich in Ungnade stürzt, weil ich es gewagt habe, einzugreifen. Nein… der Geächtete in den Augen der Königin wirst du sein!"

Der Wissenschaftler fauchte Lo´rey böse an, wirbelte in einem Nebel aus weißem Haar und schwarzem Leder herum und stürmte aus der Tür. Er hatte sich aus Angst so schnell geschlagen gegeben…weil er innerlich wusste, dass der Soldat recht hatte. Einen freudigen Funken des Triumphes verspürend, grinste Lo´rey beide Zahnreihen freilegend hinter der Maske sein typisches Wraithgrinsen .

Das Kind zitterte erst weiter vor Angst, starrte den von der Körpergröße her noch bedrohlich wirkenderen Neuankömmling aus wasserblauen Augen an ohne zu blinzeln. Seine schlitzartigen Öffnungen an den Wangen geweitet vor Entsetzen. Die Drohne bemerkte dies, und konzentrierte sich darauf, die Wellen seiner Gedanken beruhigend auf den Kleinen zu übertragen. Der kleine, magere Brustkorb des Jungen bebte erst weiter über dem Herzen, das flatterte wie die Flügelschläge eines Kolibris.

Dann aber, als er die Gefühle des Großen empfing, seine sanften Farben und Bilder mit dem Geist ertasten durfte, beruhigte er sich.

Bald zuckte der Kleine nicht mehr weg, als Lo´rey ihn berühren wollte, ließ es zu, als der große Krieger behutsam begann, ihn mit einem weichen Tuch abzutrocknen und dann anzukleiden. Währenddessen sprach der erwachsene Wraith zu ihm. Der Kleine legte den Kopf schräg wie ein neugieriges Tier, weil er die Worte noch nicht verstand. Die Stimme Lo´reys klang für ihn allerdings sehr ruhig, dunkel, sanft und hypnotisch. Er mochte sie sehr… die Stimme des Kriegers, seinen Geruch, die Gefühle und Farben die das Kind aus seinem Geist las. Und er vertraute ihm als würde er ihn schon ewig kennen…