Seelenband
Lo´rey packte den kleinen Wraith, der nun in einem dunkelbraunen, wollenen Hemdchen bis zu seinen Knien gekleidet war wie seine Brüder, unter den Achseln. Die zarten Beinchen, die darunter hervorlugten und die genauso weiß waren wie der Rest seiner Haut, baumelten in der Luft, als er ihn anhob. Mit einen Schwung setzte er das Kind auf dem Boden ab, musste allerdings sofort wieder zupacken und ihn halten, als er merkte, dass der Kleine tatsächlich zu schwach zum Laufen war. Die winzigen Händchen, bisher ohne jeglichen Nährschlitz, klammerten sich an die muskulösen Arme des großen Soldaten. Der Kleine stieß vor Schreck ein kleines, fauchendes Geräusch aus, wie eine erschreckte Katze.
Lo´rey seuftzte. Es hörte sich nicht an wie ein menschliches Seuftzen, eher wie ein grollendes Knurren, aber es bedeutete bei den Wraith dasselbe.
Der kleine Junge stand nun, nur gehalten von den Armen der vor ihm knienden Drohne da und starrte den Krieger neugierig an, sich immer noch an ihm festhaltend.
„Also hatte er recht, dieser Wissenschaftler…"
sprach der Soldat mit seinem rauen, melodischen Tonfall.
„…du bist tatsächlich zu schwach zum Laufen. Was mache ich nur mit dir? Wie kriege ich dich dazu, so gesund zu werden wie deine Brüder, jetzt wo ich dich gerettet habe?"
Es bereitete dem gutmütigen Krieger tatsächlich großes Kopfzerbrechen. Hätte er die Maske in diesem Moment nicht getragen, so hätte man es an seinen Augen mühelos ablesen können.
Der Junge war schließlich nun so etwas wie sein Schützling, oder etwa nicht?
Der kleine Wraith legte den Kopf schräg. Er verstand nicht, das wurde deutlich.
Dann packte der Junge eine von Lo´reys großen Händen. Erst schien es, als würde er neugierig die Finger betrachten, die um ein Vielfaches mächtiger waren als die seinen. Dann aber suchte er sich den Zeigefinger und biss hinein. Lo´rey hatte nicht damit gerechnet, so schnell ging alles, und beinahe hätte er vor Verwunderung den kleinen Kobold fallen lassen.
Die wasserblauen Augen des Wraithlings weiteten sich, als sich die winzige, blutende Wunde an der Spitze des Fingers sofort wieder zu schließen begann. Kurz darauf war sie komplett verschwunden.
Sofort bleckte er seine nadelspitzen Zähne. Er wollte so gerne noch einmal in den Finger beißen, in seiner kindlichen Neugierde noch einmal sehen, wie sich der rote Spalt am Finger schloss. Aber Lo´rey zog die Hand sanft weg, und die kleinen Zähnchen schnappten klangvoll ins Leere.
„Genug, Kleiner."
raunte der Drohnensoldat, gefolgt von einem tiefen, kehligen Lachen. So jung und schon so dreist, dieser Dreikäsehoch!
„Aber ich verstehe schon. Du hast Hunger…"
Als Lo´rey stampfend durch die Tür und zurück in den Geburtssaal trat, trug er den Jungen in seinen Armen. Die beiden Wachen waren verwundert, dass er sich straflos mit einem Höherrangigeren angelegt und diesen sogar vertrieben hatte, aber dann erstarb alles was unser Drohnensoldat von ihnen lesen konnte.
Er setzte den Kleinen behutsam auf einen freien Stuhl, der am Tisch mit den Früchten stand, die er zuvor gebracht hatte. Das meiste hatten die gierigen Wraithkinder bereits verspeist, aber einige von den runden Gewächsen waren immer noch da. Die Meute der Neugeborenen bemerkte den Neuankömmling unter ihnen. Als sie ihn wie aus Reflex mit ihrem Geist prüften, merkten sie jedoch bald, dass er einer von ihnen war. Bald begannen sie wieder, zu essen und zu spielen, als wäre nichts gewesen.
„Hier, iss das."
Die Drohne drückte seinem Schützling eine der Früchte in die Hand. Der Kleine brauchte nicht lange, und schon war sie in seinem Magen verschwunden.
Die Tage vergingen.
Lo´rey übernahm nun öfter die Bewachung der Kinder im Saal. Das nächste Ausdünnen schien noch nicht anzustehen, und somit hatte er sowieso nichts Besseres zu tun, als Wache zu schieben. Er hatte einen seiner Drohnenbrüder im Geburtssaal überzeugen können, ab und zu seine Position im Korridor des Westflügels zu übernehmen. Eigentlich hätte ihm ja egal sein können, wo er den ganzen Tag herumstehen würde, wäre da nicht ein kleiner Unterschied gewesen. DER kleine Unterschied, dem er das Leben gerettet hatte. DER kleine Unterschied, der sich nach den ersten paar Mahlzeiten gefangen und sich prächtig entwickelt hatte. DER kleine Unterschied, der nun fröhlich mit den anderen Wraithkindern herumtollte, und der sein Herz mit Freude erfüllte, wenn er ihn beobachten durfte.
Es war schon erstaunlich, wie schnell die Kleinen lernten… Sie waren bereits nach einer Woche in der Lage zu sprechen, was vielleicht auch durch das ständige Belauschen der Gedankenkommunikation der Erwachsenen der Fall war.
Jedenfalls staunte Lo´rey nicht schlecht, als sein Kleiner ihn eines Tages, als er wieder einmal die Schicht im Saal übernahm, nicht mehr nur mit einem Schnurren und freudigem Grinsen empfing, sondern anfing, mit ihm zu sprechen. Der Junge und er waren seit dem Tag, an dem der Krieger ihm das Leben rettete, sehr miteinander verbunden. Immer hatte der Kleine Lo´rey erkannt sobald er zur Tür herein kam, obwohl er aussah wie jede andere Drohne im Basischiff. Der Wraithjunge erkannte ihn an den Gefühlen, Farben und Bildern, die nur SEIN Geist verströmte und die sein ganzes Wesen ausmachten.
„Du bist wieder da!"
Schnurrte seine feine, mehrtonige Wraithlingsstimme und er schmiegte sich an das in schwarzes Leder gekleidete Bein der großen Drohne. Eine bei ihrer Rasse nicht gern gesehene Geste, so musste Lo´rey feststellen, obwohl es ihm nicht unangenehm war. Doch er wusste, dass diese Gesten ihm später abtrainiert werden würde im Umgang mit Anderen. Enge Gesten wie diese fanden nur unter sich nahe stehenden Wraith in den Unterkünften statt. In den öffentlichen Räumen unter Beobachtung Fremder war dies eine Geste der Schwäche.
„Es freut mich zu hören, dass du jetzt in der Lage bist zu Sprechen, mein kleiner Wraith."
gurrte der große Soldat und schüttelte dabei seine nach vorne gefallenen Dreads wieder zurück auf seinen Rücken.
„Und ich kann dich jetzt endlich so viel fragen!"
schnurrte das Kind mit den blauen Augen, als es das Bein losließ.
„Wie ist dein Name?"
In diesem Moment konnte man deutlich ein Zucken durch den Körper des Soldaten huschen sehen. Einer seiner Art… interessierte sich tatsächlich für den Namen einer Drohne?
„Er ist ja noch ein Kind, er weiß noch nichts von Rängen." dachte Lo´rey bei sich.
Drohnen wurden stets nur mit „Soldat" oder „Drohne" angesprochen. Eine galt soviel wie die andere. Aber Tatsache war, dass alle unterschiedliche Namen besaßen. Sie stammten noch von der Zeit, als alle noch Kinder waren, und ihre Namen erhielten. Von der Zeit, in der alle neugeborenen Wraith noch den gleichen Status hatten: Wehrlose, unschuldige Kinder der Königin, die es galt zu beschützen, was es auch kostete. Selektiert wurde erst später beim Erwachsenwerden… Einige der Kinder würden später die typische, muskulöse Körperform bekommen, und sich als Drohne herausstellen. Lo´rey hoffte, dass dies bei seinem Schützling nicht der Fall sein würde.
„Sagst du ihn mir nun, deinen Namen? Ich möchte dich so gerne beim Namen nennen, wenn ich mit dir rede! "
riss ihn plötzlich die ungeduldige Kinderstimme aus den Gedanken.
Der Soldat wusste, dass es der Stolz seiner Rasse verbot, seinen Namen Fremden preiszugeben. Ein Name war wie ein Schatz, die Bezeichnung des eigenen Ichs. Niemand der nicht von Belang war durfte ihn erfahren. Aber dies hier war jemand von Belang. Jemand, der Lo´rey ans Herz gewachsen war. Zudem war niemand außer ihm und den Kindern im Saal an diesem Tag.
„Man gab mir einst den Namen… Lo´rey"
sprach der Krieger zögerlich. Die kleinen, blauen Augen klebten noch immer wissensdurstig an ihm. Aber in ihnen spiegelte sich jetzt ein Funken der Erkenntnis.
„L-o´r-e-y…"
der Junge ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. Er wusste, was er bedeutete, jetzt da er die Sprache seines Volkes beherrschte.
…Auge des Sturms…
Dann grinste der Wraithling und stürmte zum Tisch, um kurze Zeit später mit einer birnenartigen, gelben Frucht in der Hand, wieder vor dem Drohnensoldaten zu stehen.
Er streckte seine kleine Hand mit dem Gewächs aus, um es seinem einstigen Retter zu übergeben.
„Hier. Das gebe ich dir, L-o´r-e-y."
Einzig aus Reflex nahm der Krieger die Frucht an. Mit dem Kopf in Schräglage seine Unverständnis ausdrückend, betrachtete er die Frucht, dann sah er seinem Kleinen wieder durch die Maske hindurch in die vor Freude strahlenden Augen.
„Was ist? Bist du denn nicht hungrig? Ihr Erwachsenen kommt und geht, aber nie sehen wir euch etwas essen. Ihr müsst doch großen Hunger haben, oder nicht?"
Oh, wie naiv und unschuldig diese kleinen Wraith doch noch waren !
Einen Moment erstarrte durch die Maske unerkennbar für andere, Lo´reys Gesicht. Er hatte sich das letzte Mal genährt, als er bei der Ausdünnung eines Planeten, einige Zeit vor Geburt der Kinder, im Bodentrupp eingesetzt worden war. Nun wo der Kleine ihn daran erinnerte, brach für kurze Zeit unweigerlich sein eiserner Wille, nicht daran zu denken. Das verhasste Hungergefühl pulsierte nun wieder heiss durch seinen Körper.
„Ja, mein kleiner Wraith."
murmelte Lo´rey, den Blick starr und mit einem raubtierhaften Funkeln darin.
„Du ahnst gar nicht wie sehr ich hungere."
Der Junge mit den blauen Augen verstand nicht ganz, wovon sein Retter da sprach. Er musste doch nicht mehr hungern, dafür hatte er doch gesorgt ! Aber trotz allem verschmähte Lo´rey die Frucht. Er gab sie dem Kleinen einfach zurück. Dieser verstand das ganz und gar nicht.
Langsam versuchte der Drohnensoldat, das alles verzehrende Gefühl in seinem Körper einfach wegzumeditieren. Eine Methode, die jeder Wraith im Laufe des Erwachsenwerdens beigebracht bekam, um die Sinne frei vom ewigen Gedanken an den schmerzenden Hunger zu machen.
Er würde sich das nächste Mal nähren dürfen, wenn er als Bodentruppsoldat beim nächsten Ausdünnen auf einen Menschen stieß. Es war wohl ein Vorteil, dass er so zusammen mit dem restlichen Trupp als Erstes seine Nahrung bekam. Dennoch verwandelte es sich an Bord des Basischiffes auf Dauer in einen Nachteil. Spätestens dann, wenn sich alle an der eingefangenen Menschenherde stärken durften, die nicht beim Beutefang eingesetzt werden, wie z.B. die Königin, die Kommandanten, die Wissenschaftler… nicht jedoch die Drohnen aus dem Bodentrupp. Nach Lo´reys Ansicht war das zwar nur fair, dennoch verdammte er diese Regelung in Zeiten wie diesen.
„Du musst es noch nicht verstehen."
Sprach Lo´rey, nachdem das Meditieren einen kleinen Erfolg verzeichnet hatte und sich sein Inneres ein wenig beruhigt hatte.
„Glaub mir, du wirst sehr bald in deinem Unterricht erfahren, was du wissen möchtest.
Aber dir das beizubringen…obliegt nicht mir. Genieße dein Kindsein solange es dir möglich ist. Höre auf mich, kleiner Wraith, und geh wieder zu den anderen spielen."
An diesem Tag hörte der Kleine auf seinen Retter und fragte nicht weiter nach.
Lo´rey verbrachte noch viele fröhliche Stunden und Tage mit seinem Kleinen, versuchte, soweit er es durfte seine vielen Fragen zu beantworten. Er kämpfte spielerisch mit ihm und genoss manchmal einfach, dass es jemanden gab, der sich tatsächlich für ihn interessierte.
