Trennung

Endlich befand sich das große Basischiff wieder auf dem Weg zu seinen Weidegründen !

Nachdem die Wraith nun wieder den Kopf frei hatten für andere wichtige Angelegenheiten außer der Geburt der Kleinen, hatte die Königin das Ausdünnen eines lange nicht mehr besuchten Planeten angeordnet.

Lo´rey lief hastig und mit einem Betäuber bewaffnet, gefolgt von seinen Drohnenbrüdern, durch die dunklen Korridore. Sie führten zum Jäger-Hangar. An den wenigen Fenstern nach außen an denen sie vorbeikamen, zischten die Sterne wie lange, leuchtende Linien in der Dunkelheit vorbei. Unser großer Drohnensoldat hatte schon mehrmals als Wache in der Nähe eines Außenfensters gestanden, hatte heimlich verträumt hinausgesehen. Er bewunderte oft und gerne die Schönheit des Alls, doch es gab für alles seine Zeit, und die hatte er jetzt nicht!

Nicht nur der Befehl der Bodentruppenkommandeure trieb den Krieger zum Hangar, sondern auch sein kritischer innerer Zustand. In diesem Stadium war er ganz zu einem hungrigen Tier geworden und die Aussicht, dass zwischen ihm und der ersehnten Linderung seiner Qualen nur noch der Flug zur Planetenoberfläche stand, verhalf ihm zur Höchstform.

Als das Ausdünnen bereits im Gange war, raufte der kleine Wraith mit den ungewöhnlichen Augen im Geburtssaal spielerisch mit zwei anderen von seinen Brüdern auf den ledernen Decken und den Tierfellen ihrer Schlafstätte.

Gerade wollte er sich ergeben, da seine beiden Brüder bereits hämisch grinsend auf ihm lagen und ihn zu Boden drückten, als sich die organische Tür des Saales nach oben einfuhr.

Einer der großen, aber schmal gebauten Befehlshaber der Wraith trat mit erhobenem Kinn ein, zwei der an Bord gebliebenen Wachen im Schlepptau. Die beiden Kolosse bauten sich rechts und links von ihm auf, das Leder ihrer Hosen quietschte beim Eintreten. Dann blickte der hochrangige Erwachsene mit seinen gelb glühenden Augen von oben auf den Nachwuchs herab.

Die beiden Wraithjungen, die den blauäugigen Kleinen weiter auf dem Boden gedrückt hielten, hatten genau wie die anderen Kinder nurnoch Augen für den majestätischen Besucher in der wunderschönen, schwarzen Uniform.

Lasst mich frei… ich kriege keine Luft!"

erinnerte sie ein gequältes Fauchen unter ihnen, von dem zierlichen Körper ihres Bruders hinunter zu steigen.

Die glatten, weißen Haare des Kommandanten flossen wie ein Strom aus Seide über die schwarz belederten Schultern. Als er sprach, legte er eine Reihe mächtiger, weißer Zähne frei. Er trug keine Gesichtsbehaarung, dafür zeichnete ein gezacktes, längliches Tribal auf seiner Stirn seinen hohen Rang aus.

Werden wir auch irgendwann so edel und stark sein wie er? Rauschte es durch die Köpfe der jungen Wraith.

Der Kleine mit den wasserblauen Augen hatte sich gerade aufgerichtet und klopfte sich den Staub vom braunen Hemdchen, als die knurrige Stimme des Kommandanten ertönte.

Es ist für euch nun Zeit diesen Raum zu verlassen. Und nicht nur diesen Raum, sondern auch dieses Schiff."

Dies kam für die kleinen Wraith sehr unerwartet. Sie kannten seit ihrer Geburt nur den großen Saal mit den grauen Wänden, dem warmen Licht, dem Esstisch, den Schlaffstätten und den Monitoren, an denen manchmal die Wissenschaftler hantierten. Viele hatten schon neugierig darauf gewartet, endlich den Rest des Schiffes zu sehen, aus dem die Erwachsenen immer zu ihnen kamen.

Einige der Jungen hatten bereits versucht, den großen Drohnen unter den Beinen durchzuschlüpfen und durch den Ausgang auszubüchsen. Einer hatte es sogar einmal geschafft und war mächtig stolz gewesen, als die Wachen ihn erst zwei Korridore weiter wieder einfangen konnten. Zu seinem Bedauern hatte er aber nicht allzu viel sehen können, um es seinen Brüdern weitererzählen zu können. Das Einzige, was er mit einem Achselzucken von sich gegeben hatte war: „Hm. Dunkel." Und die Erwachsenen hielten ihre mentale Kommunikation in dem Punkt so bedeckt, dass die Kinder keine Bilder vom Schiff aus ihren Gedanken empfangen konnten. Warum durften sie bisher nicht erfahren, was draußen vorging?

Der Kommandant legte die Hände hinter dem Rücken ineinander und schritt langsam und mit erhobenen Kopf um die Gruppe der Wraithlinge herum. Er war so in seine Rede vertieft, dass er sie nicht ansah während er sprach. Nur manchmal glitten seine gelben Raubtieraugen über die Kinderhorde. Er wirkte wie ein majestätischer Tiger, der seine Runden im Käfig drehte.

Neugierig beobachteten die Kleinen den roten Nährschlitz an seiner Handinnenfläche, immer wenn er ihnen den Rücken zuwandt. Naiv wie sie waren dachten viele der Wraithjungen daran, wie toll es wäre, auch so was Beeindruckendes an der Hand zu haben! Auch der Kleine mit der unnormalen Augenfarbe ertappte sich bei dem Gedanken.

Ihr dürft euch freuen. Wir werden euch in eine Planetenbasis umsiedeln…eine unserer Ausbildungsstationen. Dort werdet ihr bis zu eurer Wandlung im Erwachsenenalter eine Grundausbildung durchlaufen . Ihr lernt, wie sich ein wahrer Wraith zu verhalten hat. Im laufe der Zeit lernt ihr den Nahkampf und den Fernkampf, das Steuern eines Schiffes, werdet ein Überlebenstraining auf dem Planeten absolvieren und mehr über eure physischen und geistigen Eigenschaften lernen… um nur Einiges davon zu nennen was ihr beigebracht bekommt. Wenn ihr eure Reife erreicht und uns von Nutzen sein könnt, kehrt ihr wieder zurück um diesem Basisschiff zu dienen. Bis dahin werde ich einer eurer Ausbilder sein."

Die kleinen Herzen der Wraith-Nachkomemn überschlugen sich fast vor Freude. Die Aussicht darauf, vielleicht so zu werden wie ihr Mentor in Spe war für sie das Größte. Nur das Herz eines kleinen Wraith schlug nicht vor Freude, sondern vor Schreck.

Lo´rey… ich werde Lo´rey jahrelang nicht sehen!"

hämmerte es im Kopf des blauäugigen Kindes mit der milchweißen Haut.

Der Kommandant forderte die Jungen bereits auf, ihn zu dem Kreuzer zu begleiten, der sie zur Ausbildungsbasis bringen sollte, was den Kleinen noch mehr beunruhigte.

Er musste Lo´rey sofort treffen, bevor es zu spät war!

Sein Kopf raste wie wild hin und her, seine ungewöhnlichen Augen weit aufgerissen, ein immerwährendes Signal durch seine Gedanken aussendend :

Lo´rey ! Wo bist du, Lo´rey! Sie wollen uns mitnehmen… Ich möchte dich ein letztes Mal noch sehen! Lo´rey !"

aber so sehr er es versuchte, er konnte die sanften Farben seines Kriegers nirgendwo im Schiff spüren. Sein stummer Schrei ging ins Leere und erreichte niemanden…

Trödle nicht."

grollte es auf einmal neben ihm, und sein eisblauer Blick traf auf den gelben Schlangenblick des Kommandanten. Der Ausbilder in spe schmälerte irritiert seine Augen, als er sich der seltsamen Farbe der Kinderaugen bewusst wurde, die zu ihm aufsahen.

Komm, Kind. Wir haben nicht ewig Zeit."

sprach er schließlich, den Kleinen immernoch ungläubig anstarrend. Und wies ihn mit dem rechten Arm zur Tür.

Eine unbeschreibliche Trauer stieg in dem Wraithling auf, als er zu den anderen Kindern aufschloss und ihnen und den Erwachsenen, die sie zum Schiff geleiteten, folgte. Wie lange würde er seinen Retter und liebsten Freund nicht mehr sehen?

Der Nachwuchs drückte sich unterwegs zum Kreuzer die Nase an den Fenstern platt. Die Kinder zeigten mit den kleinen Fingerchen auf die vorbeisausenden Sterne, versuchten sogar, sie zu zählen (was sich als unmöglich herausstellte). Als ihr Mentor sie wiedermal ermahnte sich zu beeilen, musste er mit einem genervten Knurren feststellen, dass die Scheiben der Fenster mit winzigen Handabdrücken übersäht waren… Womit hatte er nur diesen Kindergarten verdient? Kleine Wraith waren so … abscheulich menschlich!

Einzig unser Kleiner war völlig unbeeindruckt, als er hinter der lärmenden Geschwisterschar hertrottete, den Kopf gesenkt und in Gedanken bei dem Wraith, den er am liebsten hatte und dem er nicht „Lebwohl" sagen konnte.