Veränderung
20 Jahre später
Ein sanfter Wind wehte durch das Gras des Planeten mit den beiden Sonnen, auf dem die große Ausbildungsbasis der Wraith lag. Das organische, dunkelblaue Bauwerk war zur Hälfte in den Boden eingelassen, einem Insektenbau mehr als ähnlich. Seine chininartigen Wände wirkten, als wären sie wie eine Pflanze aus der Erde gewachsen. Hinter dem Bauwerk erstreckte sich ein großes Waldgebiet.
Der Planet war bis auf die Wraithbasis völlig unbewohnt. Ein Aspekt, der nötig war, um die Ausbildung der Nachkommen in Ruhe und ohne feindliche Angriffe zu gewährleisten.
Etwa 100 Meter weit von der Station entfernt stand der Kommandant und Mentor des Nachwuchses im hohen Gras. Der Wind zerzauste sein in der Sonne silbern glänzendes Haar, spielte mit der Länge seines Mantels.
„Wer möchte anfangen?"
fauchte er, während er sich in den Reihen seiner Schüler umsah.
Dort in einem Kreis um den Lehrer versammelt, standen nicht mehr die kleinen, pausbackigen Wraithlinge mit den weißen, strubbeligen Haaren und dem kindlichen Gemüt. Sie waren mittlerweile zu majestätischen, fast erwachsenen Wraith herangewachsen. Ihre Haare waren sehr lang geworden und einige trugen bereits Kinnbärte.
Ein erstaunlicher Teil der damaligen Kinder war nun sehr groß gewachsen, die Haut grünlicher als die der anderen und der Körper mit einem größeren Anteil Muskelmasse versehen. Sie hatten sich zu Drohnen entwickelt. Es war deutlich. Noch trugen sie nicht die Masken, die sie erst bei Abschluss der Grundausbildung angelegt bekommen würden, wenn sie sich endgültig in den Dienst des Hives stellten. Jedoch trugen sie bereits die gepanzerten Lederwesten, schwarze Lederhosen und die metallenen Armschützer.
Nur 7 der 20 Nachkommen des Basisschiffes hatten sich nicht als Drohnen herausgestellt, was insgesamt einen guten Schnitt darstellte. Sie trugen als Einzige die schwarze, lederne Lehrlingsuniform, welche eng anlag und hoch geschlossen bis zur Mitte des Halses reichte. Sie hing weitläufig hinunter bis fast zum Boden und besaß keine Ärmel und keine aufwendige Verzierungen.
Es stimmte zwar, dass sie von Natur aus höhere Ränge bekleiden würden als die einfachen Drohnen, dennoch würde sich noch herausstellen in welcher Hinsicht. Ihnen stand eine Zukunft als Wissenschaftler bevor, oder aber sie wurden Bodentruppenkommandeure, Erkundungsflieger … vielleicht hatten einige sogar das Zeug zum späteren zweiten Befehlshaber der Königin.
Der Mentor der Jungendlichen Wraith stieß ein kehliges Grollen aus, als einer der Schüler vortrat.
„Nein. Ich dachte da doch an jemand anderen…"
drängte er den Lehrling zurück in die Reihe, den Blick auf einen bestimmten Schüler gerichtet, der auf der anderen Seite des Kreises stand und dessen Augen wie zwei blaue Opale schillernd zwischen den anderen Augenpaaren hervorstachen.
Langsam trat er zwischen den anderen hervor in den Kreis. Die schwarze Uniform zeichnete ihn als einen der Sieben aus, die keine Drohnen geworden waren. Milchweiß war seine Haut, und es waren nun die für die Wraith typischen, dunklen Adern darunter erkennbar.
Einzig das er kleiner gewachsen war als die anderen und der sehr schmale Brustkorb erinnerten noch daran, dass er damals körperlich schwächer auf die Welt gekommen war als seine Geschwister. Sein Gesicht war ebenmäßig und oval und wirkte etwas kindlicher als die der anderen im Kreis. Das Haar, das exakt den gleichen Farbton wie die Haut besaß, fiel ihm bis fast zur Hüfte hinab. An der Stirn trug er drei kürzere Strähnen, die ihm verspielt ins Gesicht vielen. Allerdings hatte er sich dies nicht so ausgesucht, denn ein Wraith würde nie freiwillig sein Haar kürzen! Es war bei einem Training mit Nahkampfwaffen geschehen. Damals hatte ihm einer seiner Brüder als er ausweichen wollte mit einem Messerhieb eine breite Haarsträhne abgetrennt. Dies war nun das Ergebnis…
Der Mentor und sein Schüler begannen nun, sich nicht aus den Augen lassend im Kreis umeinander zu bewegen wie Wölfe kurz vor einer Attacke. Der junge Wraith mit den wasserblauen Augen versuchte nach Außen hin ruhig und hart zu wirken, genau wie sein Gegenüber.
Es war eine Lektion, die jedem Wratih irgendwann einmal eingebläut wurde:
„Wirke im Angesicht des Feindes stets stark und zeige keine Emotionen, damit er dich nie einzuschätzen lernt. Je weniger er von dir weiß, umso weniger wird dir daraus ein Nachteil entstehen."
Der Ausbilder verzog, sich ebenfalls nach diesem Grundsatz richtend, keine Miene, nur sein Blick war wild und unberechenbar, während er sich weiter im Kreis bewegte. Er war nun wieder genau wie in jedem seiner Trainingsstunden zuvor die geschmeidige Bergkatze, die allein mit den Blicken die Schüler erstarren lassen konnte. Es war genau dieses Bild das er verströmte, was ihn bei seinen Lehrlingen so bewundernswert erscheinen ließ. Ein Jäger, ästhetisch und leichtfüßig mit klarem Verstand und einem imponierenden Erscheinungsbild. Ein wahrer Wraith.
Diesmal hatte sich der Schüler vorgenommen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Er blieb plötzlich stehen, duckte sich blitzartig und führte einen Rundumkick mit seinem rechten Bein aus, um den Mentor zu Fall zu bringen. Dieser wich mit einem Sprung aus und empfing direkt danach die Faust des Lehrlings mit seiner offenen Hand. Wütend, dass seine Angriffe einfach nicht landen wollten, fauchte der jugendliche Wraith, seine beiden Reihen scharfer Zähne zeigend. Immer weiter versuchte er, seine Fäuste auf den Lehrer einprasseln zu lassen, dieser machte allerdings weiter nur von einem Arm zur Abwehr gebrauch. Den anderen Arm hinter dem Rücken haltend drehte er sich und blockte obere und untere Schläge mit dem Unterarm ab. Nach ein paar Minuten hatte der Ausbilder genug. Mit einer emotionslosen Miene, als wäre es das natürlichste der Welt, packte er plötzlich den Arm des halberwachsenen Wraith, wirbelte ihn in der Luft herum. Ehe es sich der Schüler versah lag er auch schon auf dem feuchten Gras, die tödliche Hand mit dem Nährschlitz seines Mentors ruhte auf seiner Brust und nagelte ihn fest.
Schwer atmend und mit weit aufgerissenen Opalaugen starrte der Jugendliche seinen Ausbilder an. In seinem Geist erschien mit einem schmerzvollen Flackern wieder das Bild des Wissenschaftlers, der damals in ähnlicher Position über ihn gebeugt stand. Hämisch grinsend und bereit, jeden Moment sein Leben zu nehmen.
Er kniff die Augen zusammen und schüttelte sein Haupt, als wollte er den Gedanken damit aus seinem Kopf vertreiben. Jedes Mal kam dieses Bild wieder wenn er verlor und am Boden lag. Er konnte es kaum mehr ertragen und in seinem Geist machte sich immer mehr der Gedanke breit, er müsse gewinnen, komme was da wolle. Allein, damit sich das Szenario in seinem Kopf nicht mehr wiederholte! Diese verkrampfte Einstellung machte den jungen Wraith allerdings anfällig für taktische Fehler…
„Du wirst niemals gewinnen wenn du dich weiterhin so stur verhältst und deine Wut immer die Oberhand gewinnen lässt! Sie lässt dich irrational handeln. Es ist nicht das erste Mal das ich dir das sagen muss."
knurrte der Meister, als er die Hand langsam von der Brust des Schülers wegnahm und mit beiden Händen auf dem Rücken anfing, im Kreis seiner Schüler nach dem nächsten Sparringspartner zu suchen.
Als der lange, harte Trainingstag endlich zur Neige ging und sich der Himmel langsam in ein blutiges rot färbte, saß unser Lehrling mit den wasserblauen Augen auf einem großen Felsen unterhalb der Zweige eines mächtigen Baumes mit dunklen Blättern. Müde sah er den beiden Sonnen beim untergehen zu. Er hatte ein Knie zu sich gezogen und hielt es mit beiden Armen umschlossen, das Kinn auf den Unterarm gestützt. Der lange, untere Teil seiner Uniform lag wie fließendes Pech über dem Gestein. Er wollte gerade die Augen schließen und sich an dem Klang des im Wind rauschenden Blattwerkes erfreuen, als ihn ein raschelndes Geräusch hinter ihm herumfahren ließ.
„Oh. Du bist es Bruder."
Ertönte seine relativ helle Stimme, die allerdings von leiseren und dunkleren Untertönen begleitet wurde während er sprach. In seinen Träumen versunken war er unvorsichtig geworden. Es wäre ihm durchaus vorher möglich gewesen, die Ankunft seines Bruders in seinem Geiste zu spüren.
Der ebenfalls in schwarzer, ärmelloser Uniform gekleidete Wraith schritt langsam weiter durch das raschelnde Gras und ließ sich neben dem Blauäugigen auf dem Felsen nieder.
Auch er begann, die untergehenden Zwillingssonnen zu betrachten und dem Rauschen der Blätter zuzuhören.
„Du hast vorhin unseren Mentor ganz schön ins Schwitzen gebracht, Rakesh.
Er lag tatsächlich einmal im Gras!"
unterbrach nach einer Weile der junge Wraith mit der ungewöhnlichen Augenfarbe die Stille und strich sich mit der Hand die drei kurzen Strähnen aus dem Gesicht.
„Weißt du… eigentlich konnte ich ihn mir nie liegend vorstellen. Ich dachte vor dem heutigen Tage immer er würde selbst beim Schlafen aufrecht stehen."
fuhr er breit grinsend fort.
Sein Bruder sah ihn nun auch mit einem amüsierten Funkeln in den gelben Augen an und ein kleines, grollendes Kichern entwich aus den Tiefen seiner Kehle.
Im Gegensatz zu unserem jugendlichen Wraith hatte er ein eher längliches Gesicht mit dichter zusammenstehenden Augen und trug einen kleinen, spitzen Kinnbart. Der junge Wraith mit den Opalaugen hatte sich schon oft gefragt, ob er sich irgendwann auch den Bart stehen lassen sollte, statt ihn stets zu entfernen, konnte sich bisher aber nie richtig dafür entscheiden.
„Ich wunderte mich heute über mich selbst. Ich wollte ihn fallen sehen, unseren alten Meister… und es klappte nur zu gut."
sprach Rakesh und ließ mit einem Ruck seines Kopfes die Nackenwirbel knacken. Danach begann er, mit den dunklen, festen Fingernägeln seiner linken Hand die Innenfläche der anderen zu kratzen.
„Aber du weißt ja, dass ich schon als Wraithling nie besonders schüchtern war. Du erinnerst dich an damals, als ich auf dem Basisschiff aus unserem Raum geflohen bin? Die Drohnen konnten mich…"
„…erst zwei Korridore weiter einfangen… Ich weiß Rakesh, ich weiß."
gab der Blauäugige mit einem halb scherzhaften und halb genervten Ton von sich.
Seine Augen wanderten wieder zu Rakeshs Händen, als das schabende Geräusch seines Kratzens lauter wurde.
„Glaubst du, es juckt weil es sich öffnet,…dein Nährorgan?"
Einen Moment hielt der Wraith mit dem spitzen Bart inne in seinen Bewegungen und starrte seinen Bruder entgeistert an. Langsam senkten sich die beiden Augenpaare der Brüder auf die Innenfläche von Rakeshs rechter Hand.
Man konnte sehen, dass seine weißgrüne Haut auf dem Handteller etwas unter dem Kratzen gelitten hatte, aber noch etwas Anderes war deutlich erkennbar…
eine dunkelgraue Linie, die vom unteren Ende der Lebenslinie bis fast hoch zwischen die beiden mittleren Finger reichte, und unmittelbar unter der Haut verlief. Noch hatte sich das Nährorgan nicht geöffnet, doch es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis es durch die Oberfläche brach.
Das was Rakesh so juckte, war die Haut die sich über dem sich öffnen wollenden Schlitz immer mehr zu spannen begann!
Das Lachen des spitzbärtigen Wraith erfüllte die Abendluft.
„Dann ist es war. Nach so langer Zeit passiert es endlich… wir werden erwachsen!
Also bin ich nicht nur der Erste, der unseren Mentor zum Erliegen brachte, sondern auch der Erste, der in der Lage ist, sich auf unsere Art zu nähren…"
„Auf unsere Art…? Noch ist es nicht unsere Art." dachte der junge Wraith mit den drei kurzen Haarsträhnen und konnte immer noch nicht fassen, dass sich dies wahrscheinlich alles bald ändern würde.
„Ich kann mich erinnern…"
begann er zu sprechen, den Blick auf seine eigene, noch keine Anzeichen eines sich-öffnenden Nährorganes zeigende Hand gerichtet.
„… das wir es nicht erwarten konnten, erwachsen zu werden, als wir noch Wraithlinge waren. Wir wussten nicht, wozu dieses seltsame Ding an der Hand der Älteren gedacht war, aber wir wollten es auch unbedingt haben. Ich weiß noch genau wie wir uns mit dem roten Saft dieser merkwürdigen Früchte kleine Linien in die Handflächen gezeichnet haben…"
Rakesh gab einen zustimmenden Grunzlaut von sich.
„Sag… bist du denn…hungrig?"
fragte der Blauäugige nach einer weiteren, kurzen Zeit der Stille und des Nachdenkens.
„Vorhin war ich es."
Rakesh zuckte mit den Achseln und sein Bruder horchte neugierig auf.
„Aber dann habe ich gegessen wie all unsere Brüder. Seitdem könnte ich nicht sagen das ich mich hungrig oder irgendwie anders fühle."
Wieder setzte die Stille zwischen ihnen ein, aber beide ließ dieses Thema im Inneren nicht los. Der blutrote Himmel hatte sich mittlerweile etwas verdunkelt und die grillenartigen Insekten, die auf dem Planeten heimisch waren, begannen ihr eigenartiges Lied zu zirpen.
